Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 8
Dick ließ sich auch in der That nicht lange bitten und begann plötzlich -- sehr zum Erstaunen der Wachtposten -- mit so kreischender scharfer Stimme die höchst eigenthümliche Melodie des Yankee Doodle zu singen, daß ein paar gerade dort vorbeikommende Frauen erschreckt umdrehten und in das nächste Haus flüchteten. Die Soldaten lachten aber, denn das Lied gefiel ihnen, wenn sie auch die Worte nicht verstanden, und die übrigen Matrosen stimmten jetzt mit ein:
=Yankee Doodle came to town To buy a pair of trowsers, There were so many tailorshops He could'nt see the houses.=[4]
[4]:
Yankee Doodle kam zur Stadt, Weil ihm Hosen nöthig thaten, Konnt' aber keine Häuser sehen Vor lauter Kleiderladen.
Nach dem ersten Vers schwiegen sie -- aber sie brauchten nicht lange auf Antwort zu warten.
»Hülfe!« tönte gleich darauf aus einem der Löcher eine hohle Stimme in englischer Sprache -- »helft mir, Jungens, hier sitzt ein Amerikaner! -- Helft mir --«
Aber die Wachtposten hatten die Zurufe ebenfalls gehört, und mit dem strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen mit Außenstehenden zu gestatten, sprangen sie rasch zu und bedeuteten die Fremden, weiter zu gehen und da nicht stehen zu bleiben.
»=I'll be=« -- wollte Bill schon zu fluchen anfangen, der Bootsteuerer aber, der das Nutzlose eines Widerstandes in diesem Augenblick recht gut voraussah, ergriff rasch seinen Arm und rief: »Ruhe, Bill, Ruhe! wir müssen unsere Zeit abwarten und wissen ja doch jetzt, was wir wissen wollen -- komm' -- da drüben marschirt eben ein ganzes Bataillon Soldaten die Straße herunter; wenn wir jetzt Lärm machen, haben wir im Nu die ganze Gesellschaft auf dem Hals. Wir müssen uns erst bereden, was wir thun wollen.«
»Gut,« sagte Bill, der ebenfalls die Soldaten bemerkte und das Nutzlose eines Widersetzens in diesem Augenblick einsah -- »dann kommt; aber ein Zeichen soll er doch haben,« und sich gegen das Fenster drehend, rief er aus: »Freunde in der Näh'! hab' guten Muth!« und gleich darauf fielen die Anderen wieder jubelnd ein:
=He met a man with gingerbread Another one with honey, But when he was to pay for it He found he had no money --=[5]
[5]:
Er traf 'nen Pfefferkuchenmann Und kaufte sich zu essen, Doch als er dafür zahlen wollt', Hatt' er sein Geld vergessen.
und damit zogen sie, ohne sich weiter um die Wachtposten zu bekümmern, die Straße hinab.
Weit kamen sie übrigens nicht, da schoß plötzlich aus einer Seitengasse, oder vielmehr zwischen ein paar Häusern hindurch, ihr kleiner Dolmetsch auf sie zu und rief, ganz außer Athem: »Aber Señores, wo stecken Sie denn? ich suche Sie wie ein Stück Geld in der ganzen Stadt -- der General hat nach Ihnen gefragt und will Sie sprechen.«
»Der General?« frug der Bootsteuerer, der stillschweigend das Kommando über seine vier Matrosen wieder übernommen hatte -- »na denn man zu, Jungens; wir müssen doch wenigstens hören, was der alte Herr zu sagen hat.«
»Alte Herr?« lachte der Kleine, »ist gerade einundzwanzig Jahre alt.«
»Bravo, dann kann er's noch zu was bringen -- wenn er nicht früher gehangen wird,« lachte Bob; »aber kommt -- Zwei und Zwei, wie es die Landsoldaten auch machen -- Sie voran, Mr. Sikes, und Du, Tom, halt Deine Lanze ein Bischen hoch, daß Du Niemanden damit zu nahe kommst -- vorwärts marsch!« und der kleine Trupp, dem das wilde Leben anfing Spaß zu machen, marschirte ernsthaft hinter ihrem Führer her.
Der General -- in der That ein ganz junges Bürschchen, das nur die Guerillabande errichtet und sich den Titel dann, der ihm besser als »Capitano« klang, zugelegt, hatte sein Hauptquartier eigentlich in einem Privathaus genommen, war aber jetzt auf das Regierungsgebäude gekommen, um »sein Heer« zu mustern und eine Ansprache nicht allein an seine Truppen, sondern auch an die Einwohner von Buenaventura zu halten.
Natürlich verstand er kein Wort Englisch und der Dolmetsch mußte die Matrosen begleiten, die sich gleich darauf dem eigentlichen Herrn der Stadt gegenüber fanden.
Und was für ein grüner Bursche war es! Er sah genau so aus, als ob er eben hinter einem Ladentisch vorgesprungen wäre und sich nur geschwind einen Säbel umgeschnallt hätte, trug aber eine mit Goldstickereien fast bedeckte Uniform, und Epauletten, die sich durch ihr Gewicht ordentlich herunterbogen. Er machte ein sehr ernsthaftes und wichtiges Gesicht und schien den Fremden dadurch besonders imponiren zu wollen, erreichte seinen Zweck aber allerdings nicht, denn die Matrosen waren nicht so leicht eingeschüchtert, und als er mit solchem Pathos vor ihnen stand, flüsterte Tom seinem Nachbar Bill in's Ohr: »Nun sieh' Einer den jungen Truthahn an, wie er sich spreizt und schleift. Ich hätte verdammt Lust, ihm mit meinem Lanzenschaft eines auf den Schädel zu geben.«
Der Dolmetsch übersetzte ihnen jetzt den etwaigen Sinn der Rede, der ungefähr darauf hinauslief, daß der Feind anrücke und der Augenblick gekommen sei, wo sie die Freiheit einer großen Nation mit ihrem Blute sollten besiegeln helfen. Die Amerikaner wären auch ein freies Volk und Republikaner und deßhalb die Brüder der Neugranadienser.
»=Well old fellow=,« unterbrach ihn da Bill, »wenn das Alles wahr ist, weßhalb haltet Ihr denn da Einen von diesen Republikanern und Brüdern in Eurem nichtswürdigen Loch von Gefängniß hinter den Eisengittern, he?«
»=Wat de debie!=« rief der kleine Mann erstaunt und fast erschreckt aus, »was wißt Ihr denn von einem Amerikaner?«
»Was wir davon wissen?« sagte der Bootsteuerer -- »wir wissen, daß er in dem Loch sitzt, und wollen ihn heraus haben -- weiter nichts.«
»Was sagen sie?« frug der General erstaunt, und der Kleine übersetzte ihm mit lebhaften Gestikulationen das eben Gehörte. Der General blieb aber vollkommen ruhig und erwiederte nur, wie ihnen der Kleine zurückübersetzen mußte, daß das kein Amerikaner, sondern ein Engländer und ein Verräther sei, der sich heimlich gegen die rechtmäßige Regierung des Landes verschworen und dann mit den Waffen in der Hand versucht habe, die Truppen seiner Excellenz des Präsidenten zu überfallen und zu vernichten. Er werde aber seiner gerechten Strafe nicht entgehen, denn er solle mit dem nächsten hier landenden Regierungsschiff nach Panama gesandt und dort vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
»So,« setzte dann der kleine Dolmetsch hinzu, »nun wißt Ihr die ganze Geschichte, und wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so haltet Ihr die Mäuler und mischt Euch nicht in Sachen, die Euch nichts angehen. Ihr seid jetzt neugranadiensische Soldaten, denn Ihr habt das Handgeld genommen, und der General spaßt nicht. Sowie Ihr Euch widersetzt, werdet Ihr einfach todtgeschossen. Das ist Kriegsrecht, bei Euch so gut wie bei uns -- und nun vorwärts marsch!«
Die Matrosen waren selber unter sich noch zu keinem rechten Entschluß gekommen, sahen aber auch ein, daß sie vorläufig nichts ausrichten konnten, denn das Regierungsgebäude stak gedrängt voll bewaffneter Menschen. Sie folgten also dem Befehl. Wie sie aber unten auf die Straße kamen, sprengte ein mit Schlamm ordentlich bedeckter Reiter vor die Thür, warf sich vom Pferd und eilte die Treppe hinauf, während die Leute unten durcheinander stürzten und von den verschiedensten Zurufen allarmirt waren.
Etwas mußte im Werk sein, aber was? -- Sie verstanden kein Wort von dem Aufruhr, und da sie zu gleicher Zeit ein Offizier bedeutete, in eine der dort formirten Kolonnen einzutreten, so blieb ihnen auch keine Zeit, selber nachzusehen. Wenige Minuten später marschirten sie die Straße hinauf in Reih und Glied, um -- wie sie nicht anders vermutheten -- irgendwo an den Schanzen postirt zu werden. Jedenfalls mußte der reitende Bote die Kunde gebracht haben, daß der Feind anrücke.
Da sah Bill die Negerin an der Seite stehen und forschend die Reihen betrachten. Wie sie aber die Fremden unter der Truppe entdeckte, schritt sie quer über die Straße hinüber, als ob sie an die andere Seite hinüber wollte, und blieb jetzt dicht neben den Vorderen stehen, um den Zug erst vorüber zu lassen. Jetzt kamen die Matrosen, und Bill, der erhaltenen Warnung eingedenk, that auch gar nicht, als ob er sie kenne -- die Negerin sah ihn ebenfalls nicht an -- wie er aber an ihr vorüberschritt, murmelte sie leise, aber doch so, daß er die Worte deutlich verstehen konnte: »=Ship in sight=« (Schiff in Sicht) und schritt dann langsam an der vorbeidefilirenden Reihe herunter und auf die andere Seite hinüber.
»Alle Teufel!« rief Bill leise vor sich hin, »hast Du gehört, Tom, was die Alte da eben sagte?«
»Versteh' ich Spanisch?« knurrte dieser -- »verdamm' das Kauderwelsch!«
»Aber es war gutes Amerikanisch und hieß =Ship in sight=.«
»=Hell!=« rief Tom erstaunt aus -- »jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß der alte Blubberkasten, die Martha's-vine-yard, hinter uns hergekommen wäre und uns wieder an Bord haben wollte. Ha! das war ein Schuß!«
»Es geht los, Jungens,« sagte Bob, sich nach ihnen umdrehend, »das war gerade von der Schanze her, und wir wissen jetzt nicht einmal, für was wir uns sollen todtschießen lassen.«
»Du, Bob -- ein Schiff in Sicht.«
»Ein Schiff! der Teufel auch -- was für eines?«
»Ja weiß ich's -- nur eben erst hab' ich's gehört.«
»Von dem Hügel da aus muß man das Wasser sehen können -- da stehen auch Menschen oben.«
»Ja, aber wir dürfen nicht hinauf. Wetter noch einmal, wenn das unser Alter wäre -- o Sikes -- Schiff in Sicht -- Martha's-vine-yard --«
»Den Teufel auch!« rief der Bootsteuerer -- »dann geh' ich meiner Seel' wieder an Bord, denn den Morast hier hab' ich satt, und da fängt es auch schon wieder an zu regnen. Das ist ein vermaledeites Land.«
Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde aber doch jetzt ausschließlich auf ihre unmittelbare Umgebung gerichtet, denn wieder fielen drei, vier Schüsse dicht hintereinander, während der Offizier der Kolonne ein Kommando gab und die übrigen Soldaten jetzt im Sturmschritt weiter liefen -- immer durch den Schlamm. Dabei fing es wirklich an zu regnen, und sie sahen sich im nächsten Augenblick vor den Schanzen, in deren Nähe der Boden durch die Erdarbeiten fast grundlos geworden war. Ein Feind ließ sich aber nicht blicken, und die Schüsse waren wohl auch nur von den tapferen Vaterlandsvertheidigern abgefeuert worden, um sich selber Muth zu machen -- wenigstens hatte sich noch kein Gegenstand gezeigt, auf den sie wirklich zielen konnten -- ein Schwarm von Papageien ausgenommen, der aber kreischend in den Wald abstrich.
Indessen regnete es »tropisch.« Wie mit Bindfaden kam es herunter; dabei wehte kein Luftzug, was es erdrückend schwül machte, und Ordonnanzen liefen herüber und hinüber, und brachten Meldungen und nahmen Befehle wieder mit, so daß sich die Seeleute, die kein Wort davon verstanden, wie verrathen und verkauft dazwischen vorkamen. Außerdem wurden sie in diesem Augenblick von dem einen Offizier hier hinübergeschickt, und dann kam im nächsten ein anderer und frug, was sie denn da um Gottes willen wollten, und dann mußten sie wieder den eben gemachten Weg zurückmarschiren.
»Das ist eine reine Heidenwirthschaft,« sagte der Bootsteuerer, der zuletzt ungeduldig wurde, »und kein Mensch scheint hier ein Oberkommando zu führen. So viel ist sicher, hat dieser Mosquera nur eine Idee von einem Angriff, so sind wir Alle miteinander verloren.«
Indessen befanden sich die »obersten Behörden« von Buenaventura in nicht geringer Aufregung, denn das ansegelnde Schiff beunruhigte sie im höchsten Grad, da sie nicht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls war es ein größeres Fahrzeug, als sie hier gewöhnlich zu sehen bekamen, und wenn es zu Mosquera's Partei gehörte, so kamen sie dadurch zwischen zwei Feuer und sahen sich den Rückzug nach allen Seiten zu abgeschnitten.
Nun behaupteten allerdings einige Personen am Land, daß es ein vollkommen friedlicher Wallfischfänger sei, der hier zufällig anlaufe, und mit ihren Parteien nicht in der geringsten Verbindung stünde. Dicker Rauch stieg sogar vom Schiff auf, ein Beweis, daß es ganz ruhig seinen gewonnenen Speck auskoche -- die schon jetzt deutlich bemerkbaren Schießlucken an Bord seien nur gemalt. Andere bestritten das aber wieder. Der Rauch an Bord würde, wie sie meinten, nur unterhalten, um sie über den Charakter des Schiffes irre zu führen, damit sie sich sicher fühlen sollten, bis es nahe heran wäre, dann würde es seinen wahren Charakter schon zeigen. Wenn es wirklich ein Wallfischfänger sei, weßhalb führe es denn nicht seine Flagge, wie es alle Schiffe thun, wenn sie sich einem Hafenplatz nähern?
Unter der Zeit waren die Matrosen bald hier- bald dorthin geschickt worden, als der General den Befehl gab, sie zum Ufer zurückzurufen, da man sie hier, falls sich das fremde Fahrzeug wirklich als ein feindliches zeigen sollte, besser zu verwenden hoffte, als draußen bei den Schanzen. Kaum erreichten sie aber den ersten offenen Platz, von dem aus sie einen Blick über See gewinnen konnten, als Bob überrascht ausrief: »=I'll be damned -- the Martha's-vine-yard!= -- Jetzt ist der Teufel zu zahlen und kein Pech heiß!«
»Und sie kocht aus!« rief der Bootsteuerer -- »beim Himmel, sie haben Fische gefangen und mehr an Deck, als sie gleich unterbringen können. -- Da drüben hängt noch ein langer Streifen Speck am Blubberhaken, was lange herunter wäre, wenn sie nicht den Raum voll hätten.«
»Und was will die hier in Buenaventura?«
»Nach uns aussehen, natürlich,« sagte der Bootsteuerer. »Der »Alte« kennt die Küste hier gut genug und wird wahrscheinlich wissen, daß wir nirgends anders stecken können, wenn wir an Land gerudert sind.«
»Was ist das für ein Schiff?« frug jetzt der eine Offizier die Fremden, indem er mit dem Arm hinausdeutete. Sie verstanden wenigstens, was er meinte, bei seiner Bewegung.
»Wenn wir klug sind, halten wir die Mäuler,« brummte Bob, der noch immer keine Lust verspürte, an Bord zurückzukehren, »was geht uns der alte Kasten an?«
»Wird uns nichts helfen, Mate,« meinte aber der Bootsteuerer, indem er gegen den Offizier nur als Antwort die Achseln zuckte: »denn sicher schicken sie ein Boot herüber, um sich zu erkundigen. Jedenfalls werden wir aber da hören, wie's drüben steht, und ich glaube nur nicht, daß uns das Volk hier wieder fort läßt, Dich nun einmal gar nicht, Bill, als Familienvater.«
»Unsinn!« brummte der Matrose -- »aber da hinten geht's los -- das wird Ernst. Jetzt knattern die Schüsse von allen Seiten.«
»Und da drüben geht auch schon ein Boot nieder,« rief der Bootsteuerer; »wenn die ihre Lanzen mitbrächten, könnten wir am Ende das Nest von Gefängniß stürmen und den Amerikaner herausholen. Der ganze Schwarm steckt jetzt an den Schanzen.«
»Es ist nur der Teufel,« brummte Bob, »daß ein an Land fahrendes Boot keine Lanzen und Harpunen mitnimmt. -- Jungens, die müssen wahrhaftig schmählichen Thran an Bord haben.«
»He holla, =amigos=,« rief jetzt der kleine Dolmetsch, der von Schweiß und Regen triefend auf sie zusprang -- »was für ein Schiff ist das da drüben? Wallfischfänger?«
»Ja wohl,« nickte Bob, denn er hielt es für unmöglich, das abzuleugnen -- ein Kind konnte es ja von hier mit bloßen Augen erkennen.
»Nicht Mosquera, heh?« fuhr der Kleine fort.
»Mosquera? was hat Mosquera mit der Martha's-vine-yard zu thun,« brummte der Matrose.
Der Kleine wandte sich jetzt an den Offizier des Trupps und schien, seinen Bewegungen nach, diesen veranlassen zu wollen, die Leute wieder nach den Schanzen zu dirigiren, wo indessen das Feuer lebhafter wurde. Der aber zuckte die Achseln. Er hatte jedenfalls Befehl erhalten, hier zu warten, und schien selber keine übergroße Lust zu haben, an dem Gefecht Theil zu nehmen.
Da plötzlich brach es von allen Seiten los. Hier und dort knallten und knatterten die Schüsse, und wildes Geschrei tönte von dort herüber: ja einzelne Kugeln schlugen sogar über die Häuser hinweg bis hier herüber, und eine alte Frau wurde kaum zehn Schritt von den Seeleuten getroffen, als sie eben an diesen vorübereilte.
»=Caramba, Señor!=« schrie da ein herbeisprengender Adjutant den Führer des kleinen Trupps an, der noch immer an seiner Stelle hielt. -- »Hören Sie denn nicht, daß wir von allen Seiten angegriffen werden? Vorwärts -- gleich dort drüben am Gefängniß vorüber scheint der Platz, auf den sich der Feind besonders geworfen. Im Sturmschritt! marsch!«
Dem Befehl mußte gehorcht werden. Die Seeleute warfen wohl noch einen Blick nach dem immer näher kommenden Boot hinüber, aber die Kolonne setzte sich in Bewegung, und in der nächsten Minute schon verbarg ihnen die Biegung der Straße den Blick nach der See hinüber.
Achtes Kapitel.
Der Kampf.
An den Schanzen ging es indessen wild genug her, denn ohne daß der Feind einen wirklichen Sturm mit der Lanze oder Bajonnet versucht hätte, beunruhigte er die Linie vollkommen, indem er, von dem dichten Unterholz dieser Wälder gedeckt, bald von da, bald von dort heraus ein plötzlich heftiges Feuer eröffnete, so daß die Belagerten glaubten, er würde mit jeder Minute dort herausbrechen, während dann plötzlich an einer andern Stelle das Spiel auf's Neue begann.
Jedenfalls erreichte er dadurch seinen wahrscheinlichen Zweck, die Godos zu ermüden, die unter einem mehr erfahrenen Führer ihre Kräfte auch sicher besser zusammengehalten und auf den eigentlichen Kampf verspart hätten. So aber wurden sie ganz unnöthiger Weise in Schlamm und Regen hin und her gehetzt, um ununterbrochen gegen einen versteckten Feind zu kämpfen, dem sie dabei nicht einmal einen sichtbaren Schaden zufügen konnten.
Ein junger feuriger Offizier schlug allerdings vor, einen Ausfall zu machen und die Guerillas zu Paaren zu treiben, denn er vermuthete ganz richtig, daß der Feind sich nicht stark genug fühle, sie schon anzugreifen, und jedenfalls weitere Zuzüge erwarte, oder auch vielleicht selber wieder abziehe. »General« Oran aber wollte nichts davon wissen, denn er fürchtete einen Theil seiner Leute in einen Hinterhalt zu bekommen, und fühlte sich der eigentlichen Bewohner von Buenaventura noch lange nicht sicher genug, um sich auf ihren späteren Beistand zu verlassen.
Da plötzlich hörte das Feuern auf. Hatte sich der Feind einen andern Platz zum Angriff ausersehen? -- Kein Schuß fiel mehr, aber das jetzige Schweigen war noch viel unheimlicher als der frühere Lärm, denn nun quälte die Ungewißheit die Vertheidiger, wie lange es anhalten und wo und wann sie der Feind zuerst wieder angreifen würde.
General Oran war selber an Ort und Stelle, und mit richtigem Gefühl, daß er all' seine Soldaten nicht vorn lassen dürfe, sondern einen Theil in Reserve behalten müsse, um sie rasch dorthin senden zu können, wo sie nöthig werden sollten, beorderte er die Letztzugerückten an den Hang der Erderhöhung, in unmittelbare Nähe der Stelle, an welcher das Gefängniß stand. Dort konnten sie auch unter die nächsten Häuser treten, um wenigstens gegen den Regenguß geschützt zu sein -- oder vielmehr um ihre Gewehre trocken zu halten, denn um die Soldaten selber würde er sich wenig gekümmert haben.
Indessen landete das Boot des Wallfischfängers, und die Leute erkannten augenblicklich das dort auf den Strand gezogene vierte Boot ihres Schiffes, das sie schon halb und halb verloren geglaubt und nun mit einem Hurrahruf begrüßten. Der kleine Dolmetsch, der oben an der Landung stand, um sie zu erwarten, hörte das Hurrahgeschrei, hatte aber keine Ahnung, daß es dem Boot gelten könne, denn seiner Meinung nach sah ein Boot wie das andere aus, und eine besondere Unterscheidung derselben war unmöglich.
Und jetzt kamen die Leute das Ufer herangestürmt und frugen den ihnen entgegen Tretenden in ihrer stürmischen Weise, wo ihre Kameraden wären.
»Kameraden?« sagte der Neugranadienser verwundert, »Kameraden? was weiß ich von Kameraden; wo kommt ihr her, =amigos=? -- Was wollt ihr hier?«
»Wo sind die Leute,« rief aber der erste Harpunier, ohne sich weiter mit einer Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen aufzuhalten -- »die in das Boot da unten gehören?«
»Die Leute? -- was für Leute?«
»Die Amerikaner! Höll' und Verdammniß! Ihr werdet doch wissen, was aus der ganzen Bootsmannschaft geworden ist?«
»=Caramba, Señor!=« sagte aber der Kleine, »was geht mich Eure Bootsmannschaft an? habe ich sie unter Aufsicht bekommen?«
»Du wärst ein Kerl dazu!« lachte der erste Bootsteuerer. »Seht einmal, Bawlins, dem Burschen wachsen die Waden gleich aus dem Sitztheil heraus.«
Die übrigen Matrosen lachten, der kleine Südamerikaner wurde aber böse, denn wenn er auch den Sinn der Worte nicht ganz vollkommen verstand, so begriff er doch recht gut, daß sich die Fremden über ihn lustig machten, und in seiner Stellung empörte ihn das auf's Tiefste.
»Señores,« rief er deßhalb -- »was wollen Sie hier? Unser Land ist in Aufruhr, und wir haben deßhalb keine Zeit und keine Lust, uns mit müßigem fremden Volk abzugeben, das an unsern Küsten herumfährt und unsere Fische wegfängt.«
»Haha, Meister,« lachte aber der Harpunier, »Eure Fische? und weßhalb fangt ihr sie nicht selber? Aber wir wollen hier weiter nichts, als unsere im Nebel verschlagenen Leute wieder abholen, deren Boot wir da unten gefunden haben. Also, wo sind sie? Ausflüchte helfen Euch nichts, denn, verdamm' mich, gebt Ihr sie nicht gutwillig heraus, so lande ich mit unserer ganzen Mannschaft und nehme das blutige Nest mit Sturm.«
Der kleine Mann wollte gerade eine zornige Antwort darauf geben, als eine scharfe Salve von Links herüber knatterte und er sich erschreckt dorthin wandte. Zu gleicher Zeit wurde aber auch das Feuer von der rechten Seite her laut, und es war augenscheinlich, daß jetzt der Angriff auf beiden Seiten eröffnet sei, wo eine Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen konnte. Ohne sich auch weiter mit den Fremden aufzuhalten, die, wie er doch jetzt wußte, wenigstens nicht zu Mosquera's Partei gehörten, lief er, so rasch ihn seine kurzen Beine trugen, in die Stadt hinein, es den Matrosen überlassend, selber zu sehen, wie sie ihren Auftrag ausführten.
Diese waren aber deßhalb nicht verlegen, denn wenn ihnen auch nicht entgehen konnte, daß wieder irgend eine der ewigen Revolutionen im Land ausgebrochen sei, so dachten sie doch, mit dem kecken und leichtsinnigen Muth derartiger Leute, viel weniger an die eigene Gefahr, welcher sie sich dabei aussetzten, als an den Spaß, ein solches Treiben einmal in der Nähe zu betrachten.
»Heda, Jungen, was meint ihr?« sagte der Harpunier, »wollen wir an Bord zurückkehren und dem Kapitän Bericht erstatten, oder uns lieber erst da oben die Geschichte einmal mit ansehen? Vielleicht finden wir dort auch unsere Leute, denn wo es was zu raufen gibt, fehlt Bill und Tom sicher nicht.«
»In die Stadt, Sir!« riefen aber die Leute wie aus einem Munde, »unter jeder Bedingung! Der Teufel weiß auch, ob sie unsere Kameraden nicht am Ende eingesperrt haben, und vielleicht können wir dann da oben Luft machen.«
»Na, vorwärts denn, meine Bursche,« sagte der alte Mann, der sein Lebensalter zwischen Wallfischen und wilden Indianern zugebracht. »Waffen haben wir freilich nicht, aber ich denke, wenn wir sie brauchen sollten, werden wir sie schon finden, denn da oben sehe ich einen solchen Haufen bewaffneter Landratten herumlaufen, daß wir ein paar von denen leicht »schälen« können. Vorwärts, damit wir nicht zu spät zum Tanz kommen« -- und ohne ein Wort weiter zu sagen, lief er, von seinen Leuten dicht gefolgt, gerade in die Stadt hinein und der Richtung zu, von welcher das schärfste Gewehrfeuer herübertönte.