Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 7

Chapter 73,746 wordsPublic domain

Kaum aber hatte er sich neben den Tisch niedergelassen, als sich die junge Frau auf der andern Seite zur Erde kauerte und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »O, Señor, der Augenblick, wo ich auf Ihre Hülfe zähle, naht rascher heran als ich geglaubt, und Gott selber hat Sie mir zur rechten Zeit hiehergeführt. Sie werden mich doch nicht verlassen ...«

»Madame,« sagte Bill, mit einer Banane und seiner Chokolade beschäftigt, »so viel ich weiß, war doch gestern Abend noch nichts Besonderes vorgefallen; da müssen Sie denn wohl über Nacht etwas Neues erfahren haben?«

»Allerdings -- allerdings,« flüsterte ihm die Frau ängstlich zu, »jener Freund meines Mannes, von denen ich Ihnen gestern sagte -- jener Franzose, Robert Beaugead aus Karthago, den ich todt oder gefangen glaubte -- er war in dieser Nacht hier -- in unserem Haus ...«

»Hier?« sagte Bill und vergaß in dem Augenblick Essen und Trinken.

»Hier,« bestätigte aber die junge Frau. »Sie schliefen und haben ihn nicht gehört, aber mit Lebensgefahr schlich er sich durch die Posten der Feinde, um hier Sarah aufzusuchen, von der er wußte, daß sie allein ihm Auskunft über uns und unser Schicksal geben könne.«

Bill erwiderte nichts, aber die Tasse stellte er hin und über den Tisch hinüber reichte er seine breite, harte Hand der Frau, die nicht wußte, wie sie sich die Bewegung deuten sollte. Aber vorsichtig drückte er nur ihre zarten Finger, und fiel dann mit einem wahren Feuereifer wieder über die Bananen und Chokolade her.

Candelaria sah ihn erstaunt an, da er aber in seiner Beschäftigung fortfuhr und nur aufmerksam zu ihr hinüber sah, erzählte sie weiter: »Er brachte uns gute und schlimme Nachricht: gute, daß Mosquera mit einer ziemlich bedeutenden Macht schon in unmittelbarer Nähe von Buenaventura steht -- schlimme, als dadurch das Schicksal der Gefangenen auf das Furchtbarste gefährdet wird, denn bis jetzt haben es sich die Godos fast zur Regel gemacht, sobald ihre Lage verzweifelt erschien, die Gefangenen entweder in die Wildniß mit hineinzuschleppen oder, wenn das nicht anging, zu tödten.«

»Bestien,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch.

»Das wird die Zeit sein,« bat Candelaria mit angstbewegter Stimme, »in der Sie und Ihre Freunde uns beistehen müssen, wenn wir nicht Alle verloren sein sollen.«

»Das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Bill, sich hinter dem Ohre kratzend; »Daß wir uns gestern Alle bei den Godos angeworben haben, wäre das Wenigste, und ich würde mir auch nicht das geringste Gewissen daraus machen, der blutigen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen; aber wie soll ich es nur den Kameraden beibringen, daß sie eigentlich gar nicht auf diese, sondern auf die andere Seite gehören? Ja, wenn ich sie einmal hierher bringen könnte, daß sie mit Ihnen sprechen und sich Alles erzählen lassen könnten: aber das geht nicht, da merkten die barfüßigen Lumpen am Ende Lunte und die Sache wäre noch schlimmer als vorher.«

»Aber sie haben auch einen Amerikaner gefangen genommen,« sagte Candelaria rasch.

»Einen Amerikaner?« rief Bill verwundert, »wo denn?«

»Jener Franzose Beaugead brachte die Nachricht mit. Gar nicht weit von der Stadt entfernt, auf dem Wege in's Innere, hatte Jener eine Kakaopflanzung angelegt und baute dabei Zuckerrohr und brannte Agua ardiente, das er zum Verkauf nach Buenaventura sandte. Dort scheinen die Godos unterwegs, kurz vorher, ehe sie diese Stadt nahmen, bös gewirthschaftet zu haben, denn einige der Gebäude fand ich, als ich den Platz passirte, niedergebrannt, und die Zuckerrohrfelder, in die sie wahrscheinlich ihre Pferde getrieben hatten, arg verwüstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet, muß sich aber widersetzt haben, ja die Neger auf der Estancia erzählten sogar, er hätte einen der Offiziere niedergeschossen und einen Anderen schwer verwundet, dann wurde er übermannt, ebenso, wie sie es in Karthago gethan, in eine frische Kuhhaut gebunden und von den übermüthigen Godos hierherzu nach Buenaventura geschleift. Möglich ist, daß sie ihn sogar getödtet haben, aber nicht leicht thun sie das mit Fremden; lebt er übrigens noch, so schmachtet er auch jedenfalls in dem nämlichen Gefängniß mit meinem Gatten.«

»Ein Amerikaner?« sagte Bill erstaunt, »ein richtiger Yankee hier in dem Loch von einer Calebouse?[2] Na, wenn wir dahinter kommen könnten, ich glaube, dann hielt es eben nicht schwer, die Anderen auf unsere Seite zu bringen. Sie stürmten das Nest am hellen lichten Tag.«

[2]: =Calabozo=, spanisches Wort für Kerker, aber auch in Nordamerika, besonders unter den Seeleuten, sehr gebräuchlich, wo die trunkenen und streitsüchtigen Matrosen, besonders in New-Orleans, sehr häufig die Bekanntschaft dieses dort sogenannten Ortes machen.

»Und gewiß ist er dort gefangen, wenn er noch lebt,« sagte Candelaria.

»Wenn wir nur wüßten, wie wir's herausbekommen könnten,« nickte Bill vor sich hin, »aber lassen Sie mich nur machen,« fuhr er plötzlich empor, »ich weiß ein Mittel, ihn dazu zu bringen, daß er Antwort giebt, wenn er wirklich drinnen steckt, und davon müssen wir uns so bald als möglich überzeugen.«

»Sie wollen fort?«

»Ja,« sagte Bill entschlossen, indem er sich mit einiger Mühe von seinem niederen Sitz emporhob, »gewiß will ich fort, denn hier kann ich weiter nichts mehr nützen, und auch keinen Schaden mehr thun,«[3] setzte er mit einem Blick auf das Frühstück hinzu, »aber draußen muß ich jetzt die Kameraden sprechen und wenn,« -- er horchte hoch auf, denn schrille Trompetensignale schallten in dem Augenblick von der Straße herauf und kündeten jedenfalls irgend etwas Außergewöhnliches.

[3]: =I've done all the dammage I could= (ich habe allen Schaden gethan, den ich thun konnte) sagen die Amerikaner im Westen sehr häufig, wenn sie noch zum Essen genöthigt werden und satt sind.

»Sie haben von der Annäherung des Feindes Kunde bekommen,« rief Candelaria, rasch emporfahrend.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach,« nickte Bill, »und jetzt können wir bei den Fallen stehen, wie es an Bord heißt. Also =good bye, Madame= -- leben Sie wohl,« setzte er, ihr die Hand hinüber reichend, hinzu, »machen Sie sich keine Sorge, so lange es nicht nöthig ist, und -- wenn's nöthig werden sollte, na dann -- dann thun Sie's noch immer nicht. Bring' ich die Anderen dazu, daß sie uns helfen, so haben Sie fünf tüchtige Kerle auf Ihrer Seite, und die können schon was zu Wege schaffen, wenn sie zusammenhalten, und geht's wirklich am Ende schief -- hol's der Henker, wir können nur einmal sterben, und draußen, hinter den schmierigen Wallfischen her, riskiren wir unser Leben doch alle Tage. -- Leben Sie wohl, Madame.« -- Er hatte mit der Rechten ihre zarten Finger ergriffen und strich ihr mit der breiten linken Hand leise und weich, wie einem Kind, über die dunklen Locken -- dann wandte er sich ab, zog sich, nach Matrosenart, den Hosenbund in die Höhe und kletterte, ohne sich noch einmal umzusehen, an dem eingekerbten Baumstamm auf die Straße hinunter.

Und dort schien allerdings etwas Außerordentliches vorzugehen, denn von allen Seiten sprangen Soldaten vorüber, ihrem Sammelplatz zu, während die Frauen auf der Straße standen und auf's Lebhafteste mit einander gestikulirten.

Die Amerikaner sagen freilich: »Bindet einem Franzosen die Hände auf den Rücken, und er kann kein Wort mehr reden.« Ebenso ist es aber mit den Südamerikanern, die ihre Hände auf das Nothwendigste zur Unterhaltung brauchen, während sie der Engländer gewöhnlich dazu in die Taschen steckt. Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt sind, und hier standen in der That sämmtliche Interessen der ganzen Stadt auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blättergedeckten Häusern bei einer wirklichen Beschießung der Stadt auch der fast sicheren Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und ganz Buenaventura wäre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde verschwunden.

Und für was? -- Bloß damit ihr in Panama oder Bogota residirender Präsident einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht dabei. Ihre Steuern mußten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie auch hieß, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat blieb immer und ewig dasselbe. Daß aber die Geistlichen jetzt den gegenwärtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich ließen? Lieber Gott, die predigten auch nur für ihr eigenes Interesse, denn sie wußten, daß sie Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionären Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden? Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaßen in Händen hielt? Sie mußten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glück gestalten würde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hülfe rechnen.

General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen mußte. Waffen gab er ihnen deßhalb gar nicht, und nur draußen an den Schanzen mußten sie -- sehr gegen ihre Neigung -- unter der Aufsicht seiner Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstärken helfen, die sie am Liebsten ganz wieder niedergerissen hätten, um es zu gar keinem Kampfe kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast zu lässig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so mußten sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweiße ihres Angesichts den Grund durchwühlen, wenn sie nicht als »Vaterlandsverräther« angeklagt und in's Gefängniß geworfen werden wollten.

Bill kümmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebäude, wo er seine Kameraden wußte, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm mit Zeichen bedeuteten, daß er ihnen folgen solle.

Vor dem Gouvernementsgebäude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus allen Ständen des Lebens zusammengewürfelt schienen und nur in ihrer großen Minderzahl Uniformen trugen -- und was für Uniformen! -- alte blaue Jacken, hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhängen. Viele trugen aber auch nur Lanzen von der verschiedensten Länge, oft bloße Bajonnete auf eine Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur mit Kavalleriesäbeln und Pistolen bewehrt -- aber zu Fuß; doch ein vollständiges Musikkorps mit großer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen und Mädchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tönen mit Wohlgefallen lauschten. Was kümmerte sie der Bürgerkrieg, waren sie doch von Jugend auf daran gewöhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer Unterhaltung angewiesen.

Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan, wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen austheilte. Bob besonders hatte schon einen großen Säbel umhängen und bekam jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete, schien aber -- wie auch die Uebrigen -- nichts weniger als erbaut von der neuen südamerikanischen Beschäftigung.

Gestern, ja, von dem reichlich -- und vielleicht zu reichlich genossenen Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der Gedanke, in Südamerika einmal Soldat zu spielen, Spaß gemacht; heute aber, wo sie nüchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so außerordentlich, und sie wären heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die Küste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glühend heißen Sonne und durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen -- denn, daß es zu irgend einem Kampf kommen würde, glaubten sie nicht einmal.

»Well, Bill!« rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, »glücklich endlich unter den »Marines« angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne draußen einexerzirten.«

»Hallo, Jungens,« lachte Bill, »ihr seht wirklich ordentlich martialisch aus, aber -- habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.«

»Das alte Ding von Muskete hier?« sagte Bob, »ich glaub's nicht.«

»Nein, draußen -- die andere Partei rückt an.«

»Na, dann wünsch' ich nur, daß sie eine einzige Granate in das blutige Nest hier werfen,« brummte Dick, »und nachher ist die Geschichte gleich vorbei, denn wenn keine Stadt mehr da ist, brauchen wir sie auch nicht mehr zu vertheidigen.«

»Ja, wenn wir noch an Bill's Stelle wären,« sagte Tom, »und eine Familie hätten, aber so elende Junggesellen, daß die sich für ein ganz fremdes Volk vielleicht die Knochen sollen voll Blei schießen lassen, ist mir außer dem Spaß.«

»Na, Jungens,« meinte da der Bootsteuerer, der sich aber ein wenig gedrückt fühlte, denn er hatte vom gestrigen Tag furchtbare Kopfschmerzen, »wir schlagen uns immer für Republikaner.«

»Ja,« nickte Bill, ohne auf Tom's Spott zu antworten, »und gegen Republikaner auch, und ich denke, wenn wir das gewollt hätten, so konnten wir zu Hause bleiben, wo es gerade in dem Geschäft alle Hände voll zu thun giebt, aber wißt Ihr wohl,« er sah sich vorher um, und dicht hinter sich ihren kleinen Dolmetsch stehen, der ihnen vergnügt zunickte.

»Das ist recht, Señores,« rief dieser, »bewaffnen Sie sich für das Vaterland, aber suchen Sie sich um Gottes willen gute Musketen aus, denn es sind welche darunter, bei denen die vermaledeiten Mosqueraner Nägel in die Zündlöcher geschlagen haben, die kein Teufel wieder herausbringt. Die schnappen nachher bloß.«

»Ja, aber zum Henker,« rief Bob, »auf wen schießen wir denn? es ist ja gar kein Feind da: oder sollen wir auch noch in's Land hineinmarschiren?«

»Das nicht,« sagte der Kleine, »aber wir haben Kunde erhalten, daß ein Guerillatrupp der Mosqueraner, die Gott vernichten möge, gegen uns anrückt, um wahrscheinlich bei Nacht einen Ueberfall zu wagen und dann, wie sie es gewöhnlich thun, wieder in die Berge zu flüchten. Denen wollen wir diesmal die Zeche heimzahlen, =amigos=, daß sie das Wiederkommen vergessen. »=Muera Mosquera!=« ist unser Feldgeschrei, und wenn wir den Usurpator erwischten, ich glaube, die Republik zahlte den Fang mit seinem Gewicht in Gold.«

»Hm!« sagte Bill, der ihm aufmerksam zugehört hatte, denn man mußte aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte, was der kleine eifrige Mann heraussprudelte, da er noch eine Menge von spanischen Wörtern hineinmischte; »ich dachte, Sie hätten ihn gefangen, und er säße mit in dem breiten Gefängniß da drüben hinter den Eisengittern.«

»O Gott nein,« sagte der Kleine, »das sind nur Einige von seinen Anhängern -- =traidores= -- Verräther am Vaterland, die wir mit den Waffen in der Hand ergriffen, und die ihrer gerechten Strafe nicht entgehen sollen.«

»Die haben Sie wohl mit aus dem innern Land gebracht?« frug Bill noch einmal.

»Ach, was kümmern uns die,« wich aber der Kleine der Frage, die ihm nicht angenehm zu sein schien, aus, indem er unter einem Haufen von dort liegenden Gewehren herumkramte; »he,« sagte er dann, »hier ist ein gutes Stück -- nichts im Zündloch und vollständig mit Bajonnet versehen -- hier, Don Guillelmo, das nehmen Sie -- da liegt auch eine Tasche, versuchen Sie aber erst, ob die Patronen hineinpassen. -- Und Sie, Señor,« wandte er sich dann noch einmal an Tom, »haben ja auch kein Gewehr -- da ist noch eines.«

»Danke vielmals,« knurrte Tom, »ich kann mit den Dingern nicht umgehen und habe mir dort die Wallfischlanze heraufgeholt. Mit der weiß ich Bescheid, und wenn's zum Treffen kommt, richte ich mehr mit der, wie mit solch' einem nichtsnutzigen Schießeisen aus, von dem man überhaupt nie weiß, ob es los geht.«

»Nun, machen Sie das, wie Sie wollen,« rief der Kleine, indem er plötzlich auf die Veranda hinaussprang und auf die Straße hinab sah. Dort mußte er aber etwas bemerkt haben, was ihn interessirte, oder seine Gegenwart vielleicht nöthig machte, denn er eilte die hölzerne Treppe wieder in aller Hast hinunter, die Matrosen sich selber überlassend. Kaum aber war er fort, als Bill, der rings herum nur die schwarzbraunen Bursche bemerkte, die hier ebenfalls mit den Waffen zu thun hatten, den Kameraden auch mit kurzen bündigen Worten seine Erlebnisse erzählte und ihnen zugleich mittheilte, daß man sie hier auf eine ganz verkehrte Seite pressen wolle, und er wenigstens gesonnen sei, gegen diesen Mosquera keinen Schuß abzufeuern.

»Höre einmal, Mate,« sagte da Bob, »das ist ein wunderliches Ding mit der Politik dieser Länder, und der Henker mag sich hineinfinden; ich werde wenigstens nicht klug daraus und gedenke auch gar nicht, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. So viel aber ist sicher, daß wir zu der Partei halten müssen, in die wir hineingeworfen sind. Ob sie nun recht oder unrecht hat -- geht uns auch gar nichts an; das ist ihre Sache, und mögen sie mit ihren Landsleuten ausmachen.«

»So?« sagte Bill, »und wenn wir also noch mit dazu helfen sollen, einen Landsmann von uns, einen Amerikaner, im Kerker zu halten und vielleicht gar dabei zusehen, wenn er todt geschossen wird, dann geht uns das auch nichts an?«

»Einen Amerikaner?« riefen die Matrosen rasch, »wo?«

»Hier, in dem Loch von einem Gefängniß natürlich,« entgegnete Bill, »und wer weiß denn, wer es ist und wie sie ihn indessen behandelt haben? Das müßten wir doch jedenfalls vorher herausbekommen, ehe wir uns für die Gesellschaft todtschlagen lassen, und sitzt da wirklich ein richtiger Yankee fest, so will ich auch verbrannt werden, wenn ich nicht zusehe, wie ich ihn wieder herauseisen kann.«

»Ja, Mate,« meinte der Bootsteuerer, »und wir Alle ebenfalls; wie aber wollen wir es erfahren? denn wenn wir den kleinen, kurzbeinigen Kerl darum fragen, der hier allein englisch spricht, so sagt uns der im Leben nicht die Wahrheit.«

»Gut, dann giebts auch noch ein anderes Mittel, um es herauszubekommen,« nickte Bill vor sich hin, »zu thun haben wir doch jetzt noch nichts, denn sie scheinen gar nicht zu wissen, was sie vor der Hand mit uns anfangen sollen, und indessen wollen wir einmal einen Spaziergang durch die Stadt machen -- mit unseren Gewehren müssen sie uns so überall durchlassen.«

»Können wir auch thun,« sagte der Bootsteuerer, »meine Schuh sind überdieß noch nicht ganz entzwei, und in dem Schlamm weichen sie desto besser von den Füßen herunter -- aber wohin?«

»Am Gefängniß vorbei,« sagte Bill; »dort treiben wir uns dann eine kleine Weile umher, und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn wir den da drin Sitzenden nicht bemerkbar machen könnten, daß Amerikaner draußen sind.«

»Aber dann auch fort,« rief Dick, »ehe der Kleine wieder kommt, denn der weiß jedesmal etwas zu bestellen. Hat denn Einer von Euch heute einmal nach unserem Boot gesehen, ob es noch im Stand und an der alten Stelle ist?«

»Ich war vorhin unten, als ich die Lanze holte,« nickte Tom, »Alles in Ordnung. Wer weiß auch, ob wir's nicht einmal nächstens brauchen werden? denn daß ich hier an Land gekommen wäre, um Soldaten zu spielen, ist blos ein Irrthum von den braunen Lumpen.«

»Und nun vorwärts,« sagte der Bootsteuerer, »da unten fangen sie schon wieder an, Signale zu blasen. Eine schöne Ordnung halten sie aber, das ist wahr; Keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist, und die Waffen scheinen hier zu beliebigem Gebrauch aufgestellt zu sein -- nicht einmal eine Schildwacht daneben und kein Offizier, der sich darum bekümmert. Kuriose Welt.«

Damit stiegen die neu »eingekleideten« Matrosen, ihre Gewehre oder sonstigen Waffen auf der Schulter, ruhig die Treppe hinunter und wieder auf die Straße, und Niemand kümmerte sich in der That um sie, wohin sie gingen oder was sie trieben.

Siebentes Kapitel.

Yankee Doodle.

Der Bootsteuerer hatte recht, es schien eine merkwürdige Unordnung unter der ganzen Mannschaft zu herrschen, wie denn auch der ganze Trupp nicht aus einexerzirten Soldaten, sondern nur aus zusammengelesenen Freiwilligen bestand, die unter dem Versprechen der Plünderung geworben waren und zusammengehalten wurden. Von einem Exercitium sahen dabei die Offiziere vollständig ab, denn in dem Sumpf- und Waldland wäre dasselbe auch gar nicht möglich gewesen; was brauchten die Guerillas auch ein solches, wenn sie nur einen Hinterhalt zu benutzen und einen Ueberfall rasch und kräftig auszuführen verstanden. Auch mit der Subordination sah es nicht besonders aus, und General Oran, der diese Bande befehligte, hatte schon ein paar Mal Exempel statuiren müssen, um das wilde Volk nur ein wenig im Zaum zu halten; oft genug schlugen sie aber trotzdem noch über die Stränge, und nur dringende Gefahr konnte sie zu einem einigermaßen festen Ganzen zusammenbringen.

Aber was kümmerte das die Seeleute, die jetzt von Bill geführt, die Straße hinabschlenderten, wo sie denn auch, ohne von irgend Jemandem befragt oder nur beachtet zu werden, links abbiegend das Gefängniß bald erreichten.

Hier standen allerdings Posten genug, und sie wußten recht gut, daß man ihnen nie erlaubt haben würde, das Haus selber zu betreten. Das lag aber auch noch gar nicht in ihrem Plan, und sie begnügten sich vor der Hand damit, es von Außen in Augenschein zu nehmen.

Unheimlich genug sah es aus, besonders im Vergleich zu den übrigen auf Pfählen gebauten, luftigen und verhältnißmäßig auch reinlichen Häusern, wie es da im Schlamm, niedrig und mit ziemlich flachem Dach -- wie eingesunken und breitgedrückt lag. Steine hatte man aber nicht zu seinem Bau verwandt, nur mächtige Stämme jenes eisenfesten Biguarriholzes, das in diesen Wäldern in Masse wächst, die fest ineinander gefügt nicht einmal der Luft einen Durchzug gestatteten, während winzig kleine, dicht unter dem Dach angebrachte Fenster mit dicken, neben einander stehenden Eisenstäben eben so wenig den Gefangenen hinaus, wie einen Sonnenblick hinein in seinen dunklen Kerker ließen.

Es mußte ein entsetzlicher Aufenthalt dort im Innern sein, noch schrecklicher durch das feuchte heiße Klima für den daran nicht Gewöhnten, wenn er verdammt wurde, seine Tage da zu verbringen.

»=Bless my soul=,« sagte der Bootsteuerer schaudernd, als sie daran vorüberschritten; »in das Loch werden sie doch wahrhaftig keinen Amerikaner geworfen haben? Nur eines von unseren kleinsten Kriegsschiffen schösse ja das ganze Nest in Zeit von fünf Minuten in Grund und Boden zusammen.«

»Und wie wollen sie's erfahren und wo sind sie?« brummte Bill; »so viel weiß ich aber, ganz rein ist die Geschichte nicht, denn unser gelbbrauner Dolmetsch wollte gar nichts davon wissen, als ich auf das Gefängniß zu sprechen kam, und steuerte geschwind einen andern Kurs.«

»Und wie kommen wir dahinter?«

»Verdammt leicht,« sagte der Matrose mit einem trotzigen Lachen. »Hinein dürfen wir nicht, und wer da drinnen sitzt, wird uns auch nicht wohl sehen können, aber jedenfalls hören, und wer kann uns hindern, hier den Yankee Doodle zu singen?«

»Bei Gott!« rief Tom rasch, »das ist wahr, und wenn ein Amerikaner hinter den Stäben sitzt und das Lied hört, dann weiß er auch, daß Freunde in der Nähe sind und wird sich schon melden.«

»Denke so,« nickte Bill, »und nun fangt an -- Du, Dick, hast ja eine so verwünscht gellende Stimme, daß Einem ordentlich die Ohren weh thun; jetzt lass' sie einmal los.«