Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 4

Chapter 43,692 wordsPublic domain

Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen das Gehörte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn augenscheinlich hatte man sie Anfangs für etwas ganz anderes gehalten als verschlagene Matrosen -- ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hieß und wo es wäre. Jetzt aber riß Bill die Geduld und mit trotziger Stimme rief er aus: »Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wüßten, wo es wäre, säßen wir nicht hier, und glaubt Ihr, daß Leute, die am Verschmachten sind, sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?«

»=Si, Si, Señor, Si!=« sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschäftig, »=Caramba=, daran habe ich gar nicht gedacht -- arme Teufel haben Durst,« und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige geschäftig fortgingen, um Wasser und Früchte herbeizuholen. Bob übrigens, der wohl sah, daß sie jetzt nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekümmerten, und nur die Frauen und Kinder herbeidrängten, um sie neugierig zu betrachten, rief Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache darin zurückbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu sehen, was sich thun ließe und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder wenigstens ein Engländer aufzutreiben wäre, mit dem sie sich besser verständigen könnten.

»O, Señor,« redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; »wie heißt denn der Ort hier eigentlich?«

»Die Stadt!« rief dieser erstaunt; »=Caramba, Señor=, wissen Sie nicht, daß Sie hier in Buenaventura sind?«

»Buenaventura, hm?« brummte Bill, »jetzt sind wir so gescheidt wie vorher, und wo liegt das?«

»Wo das liegt? -- Hier,« sagte der Dicke.

»Holzkopf,« brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefähre Höhe wußte, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: »Und sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?«

»Ecuador?« rief aber der Kleine mehr entrüstet als erstaunt. »=Caracho, amigo=, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinüber und nehmen uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen -- aber da kommt Wasser. Nun trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.«

In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace -- braune, nicht unschöne Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und während Einige Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Körbe mit Früchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfaßt hatte, hob sie an die Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mächtigen Zug.

Das schmeckte -- wenn auch das Wasser eben nicht besonders war -- aber nur der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben, oder in dürrer Sandwüste fast verschmachtet ist, weiß, was so ein Trunk Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und ordentlich neues Leben in den Körper gießt. Bill hatte auch -- während die Uebrigen just gierig über das gebotene Labsal herfielen -- eben nur abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als plötzlich eine der Frauen, ein bildhübsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit vollen und üppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfaßte, ihn etwas zurückschob, und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief: »=Guillelmo! o querido!= war es recht, daß Du mich so lange verlassen hast?« -- und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort sagen konnte, um das Mißverständniß aufzuklären, warf sie sich an seinen Hals, umschlang ihn stürmisch und küßte ihn wieder und wieder.

»=I'll be damned=,« sagte Bill ganz verdutzt, während Tom und die übrigen Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mußte er sich auch die Liebkosungen der noch jungen und ganz hübschen Frau gefallen lassen, weil er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoßen wollte; endlich aber, wie er nur einigermaßen Luft bekam und fühlte, daß sie etwas in ihrer fast krampfhaften Umarmung nachließ, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte, sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch wendend: »=Now you Sir=, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, daß sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.«

»Daß sie was?« sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die Redensart weder begriff noch verstand.

»Ich bin gar nicht ihr Mann,« schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er höre nur schwer; »ich kenne sie gar nicht, heiße auch nicht Jelmo oder wie sie sagt, und bin überhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.«

Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr den Sinn der Worte erklärte, die der Weiße gesprochen, fuhr sie erschreckt zurück, sah ihn mit wild verstörten Blicken an und rief: »Was sagt er? -- er will mich nicht mehr kennen -- dann verläugnet er wohl auch sein Kind? -- O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?«

Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur zu deutlich den Sinn derselben -- kaum aber hatte der Dolmetsch das Kind erwähnt, während in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem prächtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm herbeisprang, als die übrigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches Gelächter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschält hatte und in die saftige Frucht hineinbiß, daß ihm der Saft an beiden Seiten in den Bart lief, rief lachend aus: »=Avast Bill, old fellow=, glücklicher Familienvater, und was für eine hübsche gelbe Puppe. -- Wer hätte das in ihm gesucht?«

»=Ah picaro!=« sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stieß, »thut so, als ob er kein Spanisch verstünde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm -- aber ist nicht hübsch,« setzte er kopfschüttelnd hinzu, »gar nicht hübsch.«

»Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Küste gewesen,« rief Bill in Verzweiflung, während die junge Frau das Kind seiner Wärterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; »verdammt noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.«

»=Picaro, Picaro!=« schüttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal, nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: »Wie heißt Ihr?«

»Bill,« sagte der Matrose trocken, »oder William, wenn das deutlicher ist.«

»Gut -- gut!« nickte der Kleine, »stimmt! -- William ist Guillelmo. -- Wo kommt Ihr her?«

»Von einem Wallfischfänger, der noch irgendwo in See herumschwimmt -- der Teufel weiß, oder kümmert sich darum, wo.«

»Stimmt auffallend,« wiederholte aber der Neugranadienser, »und ist vollkommen richtig -- auch dieser Señora Mann stammt aus einem Wallfischfänger, und wir können natürlich nicht wissen, Señor, was Euch früher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat Euch wieder zurück in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten, auch für Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund, und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich's thue,« rief aber auch Bill jetzt, der ebenfalls ärgerlich wurde; »was zum Henker schiert mich denn die Person? Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann überhaupt gelbe Kinder nicht leiden.«

»Aber Bill,« sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spaß zu machen schien, »das ist nicht hübsch von Dir, daß Du Deine Frau verläugnest -- pfui, schäme Dich.«

»O, geh' zu Gras,« brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: »Seht Ihr wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Señor. Wenn Ihr aber auch ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr unter unseren Gesetzen, und daß diese mit leichtfertigem Volk nicht spaßen, davon, dächte ich, hätten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in Belagerungszustand erklärt, und viel Umstände werden eben nicht gemacht.«

Noch während er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehört, daß sie hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe, der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen unter solchen Umständen natürlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge, in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.

»Was?« schrieen ein paar Negerfrauen, »so ein schlechter Kerl will nichts von seiner Frau wissen -- und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater! so ein Scheusal!«

Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; außerdem strömten immer mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines Volksaufstandes zu tragen, der für die Fremden die schlimmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate »=becalmed=«[1] gelegen und den hitzigen, jähzornigen Charakter des Volkes kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er rasch und leise: »Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?«

[1]: =Becalmed=, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.

»Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe!« rief der Matrose -- »ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Südamerika, außer einmal acht Tage in Rio de Janeiro.«

»Dann ist es ein Mißverständniß, das sich lösen wird,« fuhr der Seemann fort, »jetzt aber macht keine Umstände -- nehmt die Frau am Arm und geht mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.«

»Na, das nehme mir aber Keiner übel,« rief Bill erstaunt aus. »Ich soll hier Familienvater spielen -- und das mit dem gelben Balg --«

»Es hilft Euch nichts, Kamerad,« lachte aber der Bootssteuerer. »Wäret Ihr an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so hättet Ihr jetzt keine Frau.«

Die Bewegungen der Umstehenden wurden indeß immer drohender. Bill warf einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht übel Lust zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte sich zwischen sie und das Boot gedrängt, und wohin er auch den Blick warf, starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den übrigen Matrosen wurde selber nicht wohl bei der Sache; was hätten sie auch, unbewaffnet wie sie waren, und außerdem erschöpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das Unvermeidliche zu fügen, und als sich die Frau, in der Angst, daß sie dem Mann etwas zu Leid thun könnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:

»=Well=, ob das nicht zu toll ist -- aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergiß auch den saffranfarbenen Jungen nicht -- es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir noch besser, wenn er grün wäre --.« Damit nahm er den Arm der Frau in den seinen, und während ein Theil der Weiber noch über ihn schimpfte, ein anderer aber ihn lobte, daß er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm in die Stadt hinein.

»=Hell!=« sagte Tom, als er mit ihr wegging, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Das ist doch rein zum Todtschießen -- und er kennt sie gar nicht?«

»I Gott bewahre!« lachte Bob -- »das Kind ist höchstens acht oder neun Monat alt, und seit drei Jahren fahre ich jetzt mit Bill zusammen. Ehe wir auf die Martha's-vine-yard gingen, waren wir Beide auf einem Newyorker Packetschiff, das zwischen dort und Southampton fuhr, und ich weiß genau, daß dies seine erste Fahrt in die Südsee ist.«

»Wunderbar!« sagte Tom noch einmal, voller Erstaunen, »wie geschwind ein Mensch zu einer Frau kommen kann, und noch dazu gleich zu einer braunen.«

Es blieb ihnen aber nicht mehr viel Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn sobald sich die Menschenmenge überzeugt hatte, daß der Frau ihr Recht geschehen war, bekümmerte man sich auch um die übrige Mannschaft, die hungrig und durstig an ihre Küste gekommen war. Das gutmüthige Volk wollte sie jetzt erquicken, und man forderte sie nun von allen Seiten auf, mit in die Stadt zu kommen und zu essen und zu trinken. Bob aber wie der Bootssteuerer wollten das nicht eher thun, als bis sie auch ihr Boot, oder wenigstens was darin lag, gesichert hatten, denn Ruder wie Segel sind immer verführerische Dinge zum Stehlen, die man nicht über Nacht frei durfte draußen liegen lassen. Oben an der Landspitze sahen sie aber ein Wachtlokal der Soldaten, und ohne weiter Jemanden um Erlaubniß zu fragen, stiegen sie in ihr Boot, nahmen Ruder, Dollen und Segel heraus, zogen das Boot dann hoch auf den Strand hinauf und trugen das Geräth nun mit dem Uebrigen die Uferbank hinauf und in die Wacht hinein. Dort stellten sie es ein und waren nun bereit, ihren gastlichen Wirthen zu folgen, wohin man sie eben führen würde.

Viertes Kapitel.

Bill »zu Hause.«

Indessen hatte sich aber auch der Himmel dicht umwölkt und der »tägliche Regen« fing an einzusetzen, der in einem soliden Schauer -- daß man gar keine Tropfen sah und nur feste Wasserschnüre zur Erde hingen -- von oben niederschüttete. Die Straße selber bestand auch eigentlich nur aus weichem Schlamm, in dem sich die Eingebornen -- wie die Krabben in ihren Manglarensümpfen -- mit ihren bloßen Beinen ganz behaglich herumbewegten und darin zu Hause zu sein schienen; aber die Fremden bemerkten auch, daß selbst die Gebäude einem solchen Klima entsprechend aufgerichtet waren. Es sah aus, als ob die ganze Stadt in dem furchtbaren Morast auf Stelzen herumging, denn alle Häuser standen auf langen dünnen Pfählen und besaßen natürlich nur eine Etage, zu welcher dann eine schmale Leiter oder auch wohl nur ein rechts und links eingekerbter und angelehnter Baumstamm hinaufführte. Uebrigens wimmelte es in dem ganzen kleinen Ort von Soldaten oder wenigstens Bewaffneten, und da ihr Dolmetsch sie jetzt in seine eigene Wohnung führte, um sie dort, wenigstens für die erste Nacht, unterzubringen, erkundigte sich der Bootssteuerer nach der Ursache solch' kriegerischer Bewegung, die ihm auch mit wenigen Worten gegeben wurde.

Das Land war in Aufruhr -- wie sich das eigentlich von selbst verstand, denn Neugranada, vor allen südamerikanischen Republiken, scheint die Revolution in Permanenz erklärt zu haben. Der Staat ist außerordentlich ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen der Küstenstädte und des innern Landes auf das Schärfste ab, so daß der eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behält, sobald man sie unter _ein_ Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Präsident einmal über die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt, erobert, und sich eben in einer großen Stadt festgesetzt, so bricht an einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz beginnt von Frischem.

Dießmal hatte Mosquera, während er im Innern die Hauptstadt Bogota eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte Küstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptplätze Neugranadas, Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann wieder in See gegangen -- angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura wußte man wenigstens nichts Weiteres darüber. Sobald sich aber die Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten Buenaventura, füsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen Mosquera das Land verboten hatte.

So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gerücht verbreitet, Mosquera's Schiffe kehrten zurück. Man hielt es ja nur für einen Vorläufer der Flotte und fürchtete natürlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kämpfe hatten eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura mit ihren schilfgedeckten Häusern weder eine Beschießung noch einen Sturm gegen solch' gefährliches Material abwarten durften.

Ueberhaupt herrschte eine große Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten, wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern hätten die friedlichen Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen -- es blieb sich ja vollkommen gleich -- zum Präsidenten angenommen, wenn damit nur Frieden und Ruhe gewesen wäre. Aber Gott bewahre -- was half es ihnen, daß sie dem einrückenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wußte, hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu üben, das heißt zu brandschatzen und zu plündern, ja sogar Einzelne erschießen zu lassen oder in's Gefängniß zu werfen.

Die Südamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein außerordentlich langmüthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so gewöhnt, daß sie dieselben als vollkommen natürliche Ereignisse betrachten. Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das Kriegsglück zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herüber und hinüber geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen, so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinüber. Trotzdem mußten sie sich aber, wenigstens für die nächste Zeit, den Umständen beugen und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.

Die Ankunft der fremden Matrosen war übrigens dem gerade bestehenden Regiment nicht unangenehm, denn fünf kräftige Fremde, die besonders gut mit Schießwaffen umzugehen wußten -- wie man das von Europäern oder Amerikanern immer voraussetzt -- konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder bevorstehenden Kampf von größtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb zeigten sich die Behörden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Daß sie bei den Godos Dienste nehmen würden, verstand sich von selbst. Was wollten auch verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie mußten froh sein, wenn sie gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.

In einer höchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose, der, wie er glaubte, hier gewissermaßen als Opfer fiel, um die Uebrigen zu retten, und deßhalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mußte über sich ergehen lassen.

Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fäusten, mit denen er einen Ochsen hätte können zu Boden schlagen, besaß übrigens bei einer großen Quantität Gutmüthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln würde. Wie er vermuthete, so mußte er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb, daß er dann gerade an diesen Punkt der Küste geworfen werden mußte, um der verlassenen Frau in den Weg zu rennen -- und nicht einmal verständigen konnte er sich mit ihr.

Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fühlte dabei recht wohl, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte, wenn er sich nicht lächerlich machen wollte. Lange konnte das Mißverständniß ja doch überdies nicht dauern -- aber seine neue Frau überraschte ihn noch mit einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nämlich die entsetzlich schlammige Straße etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen, wo dieselbe um eine Art Hügel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.

Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da war es ihm plötzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflüsterte: =be silent= (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, während die Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, seitab und in eines der Häuser hineinglitt.

»=I'll be damned=,« murmelte der Matrose wieder in den Bart und blieb verdutzt mitten im Schlamm mit seiner kleinen Last stehen. Er sah sich auch im Kreise um, weil er nicht anders glaubte, er würde jetzt von den Umstehenden auf das Schmählichste ausgelacht werden. Seine Kameraden aber, bei denen ihm das sicherlich geschehen wäre, befanden sich nicht in der Nähe, und die gegenwärtigen Damen schienen das Alles so in der Ordnung zu finden, daß keine von ihnen auch nur eine Miene verzog. Sie bedeuteten ihn, nur ruhig fortzugehen, und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, daß seine Frau augenblicklich wiederkommen und ihnen folgen würde.

»=Be silent?=« hatte denn die Frau wirklich die Worte gesagt, oder er nur einen ähnlichen Klang der fremden Sprache damit verwechselt? »=Be silent?=« die Warnung wollte ihm nicht aus dem Sinn, während er, fast ohne zu wissen, was er hielt, das fremde, ihn erstaunt ansehende Kind im Arm die Straße entlang ging. Jetzt stockte der Zug. Vier Geistliche in langen schwarzen Röcken, die sie aber in dem Schlamm hochaufgeschürzt trugen, waren ihnen begegnet und hatten sich jedenfalls erkundigt, was diese wunderliche Prozession bedeute. Die Frauen erzählten denn auch bereitwilligst das Geschehene, und die frommen Herren nickten dazu höchst bedeutungsvoll mit den Köpfen. Einer von ihnen richtete auch ein paar Worte an den Matrosen, fand aber hier wenig Aufmerksamkeit.