Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 3
So hatte sich auch, schon vor Wochen, auf der Martha's-vine-yard der Glaube unter den Matrosen festgesetzt, daß ihr Schiff dem Unglück verfallen wäre, und keinen einzigen Fisch langseit bekommen würde -- geschähe das aber wirklich, dann käme auch -- wie schon damals -- augenblicklich ein Sturm und zwänge sie, die schwer erkämpfte Beute wieder loszuwerfen und preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwärtigkeiten mußte sie denn noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestärken, und tausendmal lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollständig unbekanntes Land oder eine fremde Küste boten, als daß sie versucht hätten, ihr eigenes Schiff wieder zu finden.
Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall ihr Schiff treffen lassen, während sie, in der Irre umherfahrend, ohne Provisionen und Wasser, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt waren, als ihnen das fremde Ufer bieten konnte.
Jetzt ruderten sie dem entgegen, und mürrisch, im Bug des Bootes, die Arme ineinander geschlagen und finster in den Nebel hinausstarrend saß der Bootssteuerer, ärgerlich mit sich und der ganzen Welt, und doch auch wieder vielleicht halb und halb zufrieden, daß er eben gezwungen wurde wegzulaufen, da er selber gut genug wußte, was sie erwartete, wenn sie ihr Fahrzeug wirklich in dem Nebel verfehlt hätten. Er konnte aber auch Nichts an der Sache ändern, denn gegen die vier kräftigen Seeleute vermochte er, als Einzelner, nichts auszurichten. Er mußte sie eben gewähren lassen, und Alles kam jetzt darauf an, welchen Punkt der Küste sie gerade erreichten.
Daß sie sich jetzt unter der Linie, oder wohl auch ein paar Grad nördlich davon befanden, wußte Mr. Sikes, weiter aber hatte er sich auch um die Beobachtung, die ihn an Bord des Wallfischfängers gar Nichts anging, nicht bekümmert, das war Sache des Kapitains und des für diesen Zweck angestellten Steuermanns gewesen, und wäre die Sonne wirklich herausgekommen, so führten sie nicht einmal einen Sextanten bei sich, um ihre Berechnung danach zu machen. Was kam auch darauf an! Die Küste lag jedenfalls im Osten, weit gestreckt von Süd nach Norden, und irgendwo mußten sie dieselbe treffen, wenn sie die eingeschlagene Richtung beibehielten. Uebrigens war auch noch eine Möglichkeit, daß sie unterwegs irgend ein anderes Schiff trafen, denn sie kreuzten ja hier eine der belebtesten Fahrstraßen des Ozeans, und das nahm sie entweder auf, oder sie erfuhren doch genau, wo sie sich befanden, und konnten wieder frisches Wasser und Provisionen von ihm bekommen -- der Nebel blieb dann auch nicht ewig liegen.
Die Matrosen ruderten indessen ruhig und unverdrossen fort und wechselten nur dann und wann mit Steuern ab. Keiner von ihnen aber sprach ein Wort mit ihrem bisherigen Offizier, und nur, als sie die letzten Provisionen und die letzten Becher Wasser mit ihm theilten, thaten sie, als ob er noch bei ihnen an Bord wäre.
Aber der Nebel wich und wankte nicht, und während sie unausgesetzt fort an den Riemen lagen, hatten sie nicht einmal das Gefühl des Fortbewegens, denn es sah genau so aus, als ob sie in einem engbegrenzten Raum ruhig auf ein und derselben Stelle liegen blieben und keinen Fuß breit weiter rückten. Die Sonne stand, Bob's Uhr nach, im Mittag und über Kopf, aber selbst dann konnten sie keinen Schimmer derselben erkennen, und eben so wenig erhob sich ein Luftzug von irgend einer Seite. Die See sah aus wie geschmolzenes Blei, und schwül und drückend lag die Luft auf ihnen.
Und wie trocken ihnen die Zungen wurden!
»Ist kein Tropfen Wasser mehr im Faß, Bill?« frug Tom den Segelmacher, der gerade am Steuer saß. Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Kein Tropfen mehr, Mate, -- aber das Land kann ja auch nicht mehr so weit sein und dort giebt's Wasser genug.«
»Ich glaube wahrhaftig, wir sitzen irgendwo fest,« brummte Tom leise vor sich hin; »unser Boot muß rein verhext sein, denn es regt sich nicht vom Platz.«
Der Bootssteuerer, der sich fest vorgenommen hatte, mit der Führung des Bootes selber Nichts mehr zu thun zu haben, stand von seinem Sitz am Bug auf, stieg über die erste Ruderbank hin und ergriff den vierten Riemen, den er in die Dolle brachte und im Takt mit den übrigen einfiel.
Die Seeleute hatten es Alle bemerkt, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort, nur schärfer legten sie sich in die Ruder, denn jede Bootslänge, die sie hinter sich ließen, mußte doch auch die Strecke vermindern, die sie noch vom Ufer trennte.
Und die Sonne sank -- zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine immer grauere und dunklere Färbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht einmal mehr den Kompaß erkennen konnte. Was nun? -- es blieb ihnen Nichts weiter übrig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strömung setzte sie hier, wie sie recht gut wußten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot -- keine Krume Schiffszwieback -- aber die präservirten Töpfe -- von den Matrosen hatte noch Keiner daran gedacht, ja vielleicht gewußt, daß sie sich dort befanden. Der Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurück zum Spintje, holte die zwei ziemlich großen Blechbüchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.
»=God bless you Mate=,« sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete Hülfe sah, »das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Kräften zu erhalten. So ein Spintje ist Geld werth -- wenn wir nur auch eine Flasche Wasser darin gefunden hätten.«
»Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen,« sagte der Bootssteuerer.
»Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht,« rief Bob, »und nun kommt, Jungens -- morgen früh speisen wir vielleicht Bananen und Kokosnüsse. -- Wetter noch einmal, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich an so eine frischgepflückte Kokosnuß denke.«
Die eine Blechbüchse war bald geöffnet; sie enthielt eingekochten, frischen Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch für die fünf Männer keine volle Mahlzeit gab, so genügte der Inhalt doch wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame Vertheilung der alte Bob übernehmen mußte, half den Durst etwas löschen, und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder, so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre müden Glieder auszuruhen. Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte auch kein größeres Schiff segeln, und es war deshalb unmöglich, daß sie mit einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Störung zu fürchten.
Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der Durst peinigte ihn, und er bog sich über den Rand des Bootes und goß sich Wasser mit der Hand über den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und abzukühlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen ließ, kam es ihm vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen höre. Was konnte das sein? Er hob den Kopf und horchte -- ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt die Küste entlang hatte? -- Doch blieb das Geräusch an der nämlichen Stelle. -- Aber er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte -- leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mußte.
»Bob!« rief er leise und schüttelte den neben ihm liegenden alten Mann.
»Ja wohl, Sir,« sagte dieser, noch voll im Schlaf; »halben Strich an Leebug.«
»Bob,« flüsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht gleich die ganze Mannschaft stören. »Der Wind erhebt sich -- wir kriegen Brise ...«
»Das wär' recht!« rief der Seemann jetzt völlig munter und vergnügt aus. »Bei George, da ist schon eine Mütze voll, aber die Luft kann noch nicht durch den Nebel durch; sie streift nur darüber hin und drückt ihn immer fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? -- Da zuckt richtig schon ein Stern heraus.«
»Hört Ihr das Brausen, Bob?«
»Wo, Sir?«
»Gleich dort drüben hinter unserem Boot, aber ich weiß nicht in welcher Richtung, denn wir haben uns wer kann sagen wie oft herumgedreht.«
Bob horchte eine Weile, ohne ein Wort zu erwiedern, dann griff er in die Tasche und nahm eine alte Blechbüchse heraus, in der er sein Feuerzeug verwahrte. Den Kompaß trug er ebenfalls bei sich, und nachdem er diesen auf die Bank gestellt, schlug er mit Stahl und Schwamm Feuer und brannte dann eines der mitgenommenen Schwefelhölzer an. Im nächsten Moment aber auch, wie nur die Flamme so weit aufflackerte, daß er die Stellung der Nadel erkennen konnte, rief er jubelnd aus: »Die Brandung! Hurrah, Jungens! Auf mit euch, das Wetter klärt auf und Brandung voraus! Hurrah!«
Die Leute taumelten in die Höh' und hörten auch wohl, wie sie nur erst munter geworden, das dumpfe rollende Geräusch, aber es war doch noch zu unbestimmt, um es deutlich unterscheiden zu können; es klang wie aus weiter Ferne und doch wußten sie auch recht gut, wie leicht gerade dieser Laut, besonders bei schwerer, nebliger Luft täuschen kann und wie manches Schiff schon dadurch verloren gegangen ist, daß es die Warnung nicht früh genug beobachtete. Mit einem leichten Wallfischboot aber, das ja danach gebaut ist, um eben so rasch zurück wie vorwärts getrieben zu werden, hatten sie Nichts zu befürchten, und es wurde jetzt beschlossen, ohne Weiteres jener Richtung zuzufahren, damit man sich, wenn der Nebel endlich wich, doch auch sicher in unmittelbarer Nähe des Landes wußte. Im Nebel durften sie natürlich nicht anlaufen.
Die Leute griffen nach den Rudern, und Bob bat den Bootssteuerer, seinen alten Platz wieder einzunehmen -- aber er weigerte sich. Er wollte nicht selber die Richtung von ihrem Schiff ab angeben, wenn es die Matrosen thaten, konnte er es nicht ändern -- aber er half rudern.
Und die Brise wuchs -- je weiter es gegen Morgen vorrückte, desto lebendiger wurde es auf dem Wasser. Deutlich schon kam ein großes Stück blauen Himmels zum Vorschein, und sie konnten sehen, wie die Nebelmassen anfingen nach links hinauf zu rücken. Jetzt endlich tauchte die Sonne aus dem Meer empor -- die leichten Wolken, die sich hoch über ihnen erkennen ließen, waren von dem rosigen Licht übergossen, und nun plötzlich fingen die Wellen an sich zu kräuseln, und im Nu warfen die Matrosen mit einem Jubelruf ihre Ruder in's Boot und setzten die Segelstange ein. -- Wer hätte noch einen Arm rühren mögen, wo ihnen der Wind jetzt selber vorwärts half!
Aber die Brandung? -- Deutlicher und deutlicher unterschieden sie den dumpfen Laut -- und wie das um sie her wogte und drängte. Manchmal war es, als ob die Bahn vor ihnen frei würde, und offene Gänge und Wölbungen bildeten sich in den dichten weißen Schwaden -- dann plötzlich hüllte es sie wieder in dunkle Nacht, daß der am Steuer Sitzende nicht einmal den vorderen Theil des Bootes erkennen konnte. Die erwachende Brise hatte den Nebel zerrissen und schob ihn in aufgerollten Massen vor sich her, und jetzt plötzlich brach die Sonne hindurch -- wie ein Schleier riß es von einander -- und vor ihnen, dicht und unmittelbar vor ihnen, daß es aussah, als ob man mit einer Büchsenkugel hinüber schießen könnte, lag das grüne, bewaldete Land, während darunter die Brandung aber nur über niedere Sandbänke schäumte und zischte.
Unwillkürlich lenkte der am Steuer sitzende Bob den Bug des Bootes etwas vom Lande ab, wobei der Wind das Segel besser fassen konnte, und aller Blicke hafteten in gespannter Erwartung an dem Ufer -- aber ein Landungsplatz ließ sich dort nicht erkennen, denn so weit das Auge reichte, schäumten die Brandungswellen über den Sand.
»Ja, Boys,« sagte da Bob, »in Amerika wären wir -- oder wenigstens dicht bei, aber hier läßt sich auch nichts machen, so viel ist sicher, und da bleibt uns denn keine andere Wahl, als nach Norden aufzulaufen, bis wir die Möglichkeit sehen, irgendwo einzufahren. Nach Süden müßten wir dem Wind gerade in die Zähne laufen.«
»Wenn wir nur Wasser hätten,« stöhnte Bill.
»Da drüben ist genug,« brummte der alte Matrose, »wir können nur noch nicht dazu -- aber da -- theilt Euch unter den letzten Schluck Rum, ich brauche Nichts -- ich halt's schon noch aus, und weit werden wir auch nicht mehr zu fahren haben.«
Die Leute fielen gierig über den Rum her, und das Boot verfolgte indessen, während auch die letzte Blechbüchse zum Frühstück geöffnet wurde, seine Bahn an der Küste hinauf. -- Aber das Ufer blieb sich gleich -- Wald, undurchdringlicher, unnahbarer Wald, so weit sie voraus schauen konnten; doch sie brauchten wenigstens nicht mehr zu rudern. Der Wind wehte scharf und frisch vom Süden herüber, und mit geblähtem Segel konnten sie rasch und ohne Arbeit ihre Bahn an der Küste hinauf verfolgen.
Ein paar von den Matrosen machten allerdings den Vorschlag, an einer Stelle, wo sich wenigstens keine Brandungswellen erkennen ließen, zu landen und in dem Wald nach Wasser zu suchen -- nachher hielten sie es schon wieder eine Weile aus; Bob aber, der das Ufer besser kannte, schüttelte dazu den Kopf, denn er wußte, daß es aus Nichts als Manglaren- oder Mangrovesümpfen bestand, in deren Schlammboden sie nie einen Tropfen trinkbaren Wassers gefunden hätten. Es half Nichts; sie mußten eben aushalten, aber irgendwo im Lauf des Tages mußten sie ja doch eine Stelle höher gelegenen Landes, oder wenigstens eine kleine Flußmündung entdecken, in die sie dann einlaufen konnten. So lange das nicht geschah, waren sie genöthigt, die offene See zu halten.
Und in der Zeit litten sie Tantalusqualen, denn zu verlockend lag das grüne, schattige Ufer an ihrer Seite und es schien ihnen kaum denkbar, daß dort, wo Bäume wuchsen, nicht auch Quellen sprudeln müßten und der Fuß einen festen, trockenen Boden fände. Die Meisten von ihnen kannten freilich noch nicht die trügerischen Ufer tropischer Küsten, und erst als ihnen der Bootssteuerer Bob's Versicherung bestätigte, fügten sie sich seufzend in das Unvermeidliche.
Immer mehr senkte sich die Sonne dabei dem Horizont wieder zu, und noch nicht einmal ein Flußbett hatten sie in der weiten Baumöde entdeckt, das ihnen doch wenigstens verstattet hätte, die offene See zu verlassen, während es stromauf die Gewißheit menschlicher Wohnungen oder doch wenigstens hohen Landes bot. Da fuhr Bob plötzlich von seinem Sitz empor: »Was ist das da vorn?« rief er aus, mit dem Arm der Richtung zudeutend; »dort ist höherer Boden und dort läuft auch eine Bucht in das Land hinein.«
Die Blicke Aller hafteten an der bezeichneten Stelle, aber es ließ sich noch Nichts darüber entscheiden, bis sie näher kamen, und das dauerte noch eine gute Weile. Jetzt endlich öffneten sich die dicht mit Waldung bedeckten Arme der Bucht, und ließen eine Einfahrt wie eine Flußmündung erkennen, und lauter Jubel brach von den Lippen der Leute, als sie plötzlich in gelblich gefärbtes Wasser kamen.
Jetzt durften sie nicht mehr daran zweifeln daß sie sich nahe der Mündung eines Flusses befanden und mit der günstigen Brise hielten sie rasch rechts hinein.
Ueber eine Stunde fuhren sie aber noch, und wurden schon wieder zweifelhaft ob es nicht doch nur blos ein Seearm sei, der dort hinein führte.
»Was ist das da? jener helle Punkt?« rief plötzlich der Bootssteuerer aus, von seinem Sitz emporspringend und mit dem Arm nach vorn deutend.
»Ein Haus -- ein Haus!« jubelten da die Leute, die jetzt ihre Leiden geendet sahen und sich wenig darum kümmerten, wer jenen Platz bewohnte, Wasser mußte er ihnen geben. Fast unwillkürlich griffen sie auch nach ihren Rudern, als ob sie mit diesen rascher ihr Ziel erreichen könnten, aber der Wind trieb sie schon schnell genug vorwärts, das Wasser kräuselte unter ihrem Bug und: »da ist noch ein Haus, da noch eines -- das ist eine Stadt!« tönte es von Aller Lippen, als sie weiter nach Norden glitten und dadurch den Platz, den die am Ufer südwärts daran stehenden Manglaren bis jetzt verdeckt hatten, mehr in Sicht bekamen.
Jetzt war ihre Noth allerdings mit ihrer Seefahrt beendet, und als »schiffbrüchige Matrosen«, als welche sie sich betrachteten, da sie doch ihr Schiff im Nebel verloren, durften sie auch auf eine freundliche Aufnahme bei der Bevölkerung rechnen.
Indessen hatten sie den Hafen, oder vielmehr die offene Rhede des kleinen Ortes erreicht, und sahen, daß die Häuser, welche sie zuerst bemerkt, auf einer Art Landzunge standen, die sich weiter gegen die See hinaus erstreckte, während die Stadt selber mehr zurück lag und dicht gedrängt eine lange Reihe dunkelgrauer Schilfdächer zeigte. Aber nicht eine der stillen Tropenstädte schien es zu sein, in denen die Bewohner der heißen Zone den Tag verträumen und nur mit untergehender Sonne einen Spaziergang in der kühlen Abendluft suchen. Das wimmelte am Ufer ordentlich von geschäftigen Menschen, die herüber und hinüber liefen, und sonderbarer Weise bemerkten sie auch eine Menge Bewaffneter, deren Musketen in der Sonne blitzten, ja, als sie sich dem ersten Landungsplatz näherten, sahen sie, daß dieselbe fast ausschließlich von Soldaten besetzt sei, als ob ihnen diese die Landung streitig machen wollten.
»Was zum Teufel mag da los sein?« brummte Bob in den Bart, während er aber nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nämlichen Richtung hielt; »ist die Bürgerwehr ausgerückt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh' ein Mensch die Soldaten an.«
»O, hol' sie der Henker,« brummte Bill, »zu trinken wollen wir haben, und wenn wir das Nest mit Sturm nehmen müßten -- steht einmal ein Bischen bei den Lanzen vorn, Mates, daß sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern wollten -- Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!«
»'S kann nichts helfen,« nickte Bob, »da sind wir einmal! Wenn nur Einer der blutigen Halunken Englisch spricht, daß man ihnen erklären kann, was man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig, die Kerls wollen uns zu Leibe,« und von seinem Sitz aufspringend ergriff er selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn in's Boot neben Bill.
Drittes Capitel.
Die Landung.
Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, daß man schon das Weiße im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die sämmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen. Soldaten -- ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloßen Füßen und zerlumpten, schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen, Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mündungen der jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, daß diese, unter anderen Umständen, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht hätten. Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, daß sie sich eben durch nichts zurückschrecken ließen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fühlte, rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und ließ dann, unbekümmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze südamerikanische Armee hätte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen nicht vorher zu trinken gab.
Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es wirklich, als ob sich die dunkelhäutigen Bursche -- von denen die Meisten aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten -- über sie herstürzen wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre Lanzen und Säbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand wußte freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder um die kecken Fremden einzuschüchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner, denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben, während ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe überdieß noch Nachdruck gab.
Endlich schüttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er: »Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrückter Kerle auf einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hören.«
Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er ihre Sprache reden könnte, denn eine Verständigung mußte erst erfolgen, ehe sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen, der eine anständig weiße Hautfarbe gehabt hätte, und Alle trugen krauses, rabenschwarzes Haar und entweder Panamahüte oder Soldatenmützen.
Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus -- oder wenigstens die Straße herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere in Begleitung eines kleinen, sehr geschäftigen Mannes, der wenigstens volle Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch über den weichen Boden fortzukommen, als seine weit längeren und dazu besser eingerichteten Begleiter.
Jetzt endlich legte sich der Lärm etwas, und Bill, der wohl merkte, daß die Neuankommenden eine Entscheidung herbeiführen würden, hob seine Lanze, stellte sie neben sich in's Boot und stützte sich mit dem rechten Arm daran, während er die Nahenden erwartete.
Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der Dolmetsch -- ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach -- sich wenigstens mit den Fremden verständigen konnte.
Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Küste gewesen und deßhalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum Sprecher gewählt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem sie natürlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu einem Resultat zu kommen.
Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug hier, während er sich fortwährend die Stirn, den Nacken und die Handknöchel abwischte, in etwas mürrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die Matrosen, wo sie herkämen und was sie hier wollten.
»Wasser!« sagte da Bill lakonisch, »=bless your old soul, mate=, wir sind so verdurstet, daß uns die Zunge am Gaumen klebt.«
»Aber wo Sie her kämen?«
Bob nahm hier das Wort und erzählte dem kleinen Mann, während die Soldaten neugierig herbeidrängten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte -- daß sie nämlich ihr Schiff im Nebel an der Küste verloren hätten und dann an das Ufer angelaufen wären, um nicht in See draußen zu verschmachten. Wo sie sich hier befänden, wüßten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz hieße. Sie wären friedliche Seeleute und bäten nur um einen Trunk Wasser.