Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 16

Chapter 163,644 wordsPublic domain

»Ich hört' es lieber erst von der Rothhaut selber,« brummte der Mate -- »wie ist's, Gentlemen, Ihr gebt den Capitain da frei, wenn Ihr die Dirne habt? -- bei Gott, betritt er nicht in demselben Augenblick die Yolle, wo die Squaw heraussteigt, so fliegt ihr diese Kugel nach, und Ben Martin verfehlt verdammt selten sein Ziel.«

»Der bleiche Schuft mag gehen!« rief der Häuptling, sich stolz emporrichtend -- »und hat er seinen Scalp lieb, so zeigt er sein blasses Antlitz nie wieder in Tcha-to-gas Jagdgrund.«

Es wurden keine Worte weiter gewechselt; denn das kleine Boot stieß in diesem Augenblick vom Dampfer ab, und in seinem Spiegel kauerte die zitternde, regungslose Gestalt der Jungfrau, die dunklen großen Augen fest und thränenleer auf das Ufer gerichtet. Obgleich sie die Ursache des Fürchterlichen gar nicht begriff, was mit ihr vorgegangen, hatte sie doch, als sie sich an Bord unter den rauhen Männern fand, kaum noch mehr auf Rettung gehofft, und jetzt, jetzt, wo sie am Ufer die Gestalt des theueren Vaters erkannte, die befreundeten Männer sah, die ihn umstanden, und den freudigen Zuruf hörte, der sie begrüßte, da hielt sie die Hände fest auf das pochende Herz gepreßt und fürchtete fast, daß diese ihr wie übernatürlich erscheinende Rettung nur ein süßer Traum sei, der ihr beim Erwachen zerrinnen und sie wieder elend, unendlich elend machen müßte.

Kaum berührte das Boot den Kies, als die Jungfrau auch mit einem Freudenschrei an's Ufer und in die Arme ihres Vaters flog -- die Indianer, nie dem Feinde das gegebene Wort brechend, lösten die Bande des Weißen, und der Elende glitt in scheuer furchtsamer Hast die steile Bank hinab in den Kahn -- wenige Secunden und das Boot schoß, durch die elastischen Ruder reißend schnell vorwärts getrieben, wie ein Pfeil durch die Fluth, dem Dampfer zu -- die Männer kletterten dort an Bord -- der Bug des Fox wandte sich dem andern Ufer zu, dann stromab, und schnitt nun, unter dem höhnenden Jubelgeschrei der Indianer und ohne weitere Feindseligkeit gegen die dunkelen Gestalten am Ufer, den Arkansas hinunter.

Bilder aus Quito.

Wer hat wohl nicht schon von dem hoch in die Cordilleren hineingebauten _Quito_, der Haupt- und Residenzstadt Ecuadors gehört, wie dort ein »ewiger Frühling herrsche und eine wahrhaft paradiesische Scenerie das Auge des Beschauers entzücke.«

Derlei Berichte mögen nun wohl oft übertrieben sein, denn Quito liegt weit ab von allen Verkehrswegen, und man hat einen langen, mühseligen Ritt von der Küste aus, um es zu erreichen, so daß es verhältnißmäßig nur selten von Fremden besucht wird. Aber nichtsdestoweniger lohnt es doch alle die Mühe, die man darauf verwendet, denn es bietet allerdings manches wunderbar Schöne, und außerdem haben wir Europäer noch alle Ursache, uns für die Nachbarschaft zu interessiren, denn gerade aus den Seitenthälern Quito's erhielten wir die _Kartoffel_, die noch jetzt dort im wilden Zustande, aber dann mit viel kleineren Knollen, vorkommt, außerdem aber auch in allen kälter oder höher gelegenen Distrikten Ecuadors auf das Fleißigste cultivirt wird.

Die Stadt liegt etwa 9500 Fuß (nach Anderen 8800 Fuß) über der Meeresfläche und fast unmittelbar unter der Linie oder dem Aequator, nur etwa 2½ deutsche Meilen südlich, aber gerade durch ihre Höhe nicht in einem tropischen, sondern vollkommen gemäßigten Clima. Die dort gezogenen Produkte gehören ganz der gemäßigten Zone an, und in den Gärten kommt jede deutsche Blume fort, ja ganze Beeteinfassungen von unsern lieben Kornblumen und Vergißmeinnicht sah ich dort, freilich aber auch daneben fremdartige Lilienpflanzen mit weißen phantastischen Blüthen, und andere, dieser Gegend eigenthümliche Gewächse. In den benachbarten Thälern gedeiht dabei die Kartoffel, Gerste, Hafer, Waizen, Kohl, Rübe und Hülsenfrucht genau so trefflich, wie bei uns, und ist mit der billigen Arbeitskraft zahlreicher indianischer Stämme noch bedeutend wohlfeiler herzustellen, als in Deutschland.

Steigt man aber dagegen nur einige tausend Fuß hinab, so wachsen dort schon Ananas und Bananen, Zuckerrohr und andere tropische Früchte, und der Markt von Quito bietet die wunderlichste Mischung aller Produkte der Erde, die man sich nur denken kann. Doch davon nachher; zuerst wollen wir uns die Stadt selber einmal ansehen.

Quito liegt trotz seiner Höhe in einem von mächtigen Gebirgen und zwei Cordillerenzügen eingeschlossenen Thale und in der fast unmittelbaren Nähe eines jener mit ewigem Schnee bedeckten Bergriesen, dem aus Porphyr und Basalt-Massen aufgebauten und mit Lava überschütteten Pichincha, dem selbst die Sonne des Aequators nicht die weiße kalte Decke rauben kann.

Wirft man, vom Süden kommend, einen Blick auf Quito, so bietet die Stadt mit ihren niederen, ineinander gedrängten Häusermassen und rothbraunen Ziegeln, aus denen nur eine Unzahl von Kirchen und kurzen Thürmen oder Kuppeln hervorragt, einen ganz eigenthümlichen, aber freundlichen Anblick, und besonders trägt der links im Hintergrunde aufsteigende spitze Kegel des oben erwähnten Vulkans viel dazu bei, das Bild zu heben. Der Pichincha gereicht der Stadt aber nicht allein zur Zierde, sondern auch zum Nutzen, denn erstens wird von ihm auf Maulthieren, Llamas und Eseln Schnee und Eis zum Verbrauch herabgeschafft, und dann hat auch die Stadt eines seiner wilden Bergwasser aufgefangen und durch die verschiedenen Straßen solcher Art geleitet, daß es in gewöhnlicher Zeit nur die Rinnen füllt, wenn aber eine Schleuse geöffnet wird, eine wahre Sturzfluth hindurchsendet und den Ort dann gründlich reinigt. Demnach müßte man also denken, daß Quito jedenfalls die reinlichste und reingehaltenste Stadt der Welt wäre; trotzdem giebt es freilich kein schmutzigeres Nest auf dem ganzen Erdboden, als eben diese Stadt.

Die vornehme Welt von Quito lebt allerdings abgeschlossen für sich selbst und hält sich in dem Inneren ihrer, mit europäischem Luxus ausgestatteten reinlichen Gebäude so viel als irgend möglich von ihrer Umgebung abgeschlossen; das eigentliche Volk aber lebt wirklich schlimmer als das Vieh, und von der Unreinlichkeit desselben -- die man nicht einmal wagen darf zu beschreiben -- kann man sich keinen Begriff machen, wenn man sie nicht selbst gesehen und darunter gelitten hat.

Die Wohnungen der Arbeiter und Handwerker gleichen Höhlen, in die man sich fürchtet nur den Fuß zu setzen, und Alles, wohin man sieht, wimmelt so von Ungeziefer, daß ich es selbst in frischgewaschenem Leinen zugeschickt bekam. Zu den Alltäglichkeiten, auf die Niemand mehr achtet, -- ja nicht einmal nur bei der ärmeren, sondern auch oft der besseren Klasse -- gehört es dabei, das Ungeziefer von den Köpfen ihrer Mitmenschen zu verzehren, und dem Europäer dreht sich, wenn er zuerst die Stadt betritt und Zeuge solcher Scheußlichkeiten ist, Herz und Magen um.

Auch die Wasser eines Pichincha selber vermögen nicht diese Stadt rein zu halten. Für den Augenblick ja, aber kaum lassen sie nach zu fließen, so sind die Straßen schon wieder mit Unrath gefüllt. Ja während sie selbst allen nur erdenklichen Schmutz zusammenschwemmen, kommen die Bewohner mit ihren Kochgeschirren aus den Häusern, um sie darin auszuspülen.

Die Stadt selber ist natürlich im altspanischen Styl erbaut, mit niederen, meist einstockigen Häusern, schon der häufigen Erdbeben wegen, und die Pfosten der Gebäude werden auch mit den darüber gelegten Balken noch besonders mit starken Bastseilen (einem Handelsartikel der Indianer) fest zusammengeschnürt, um bei einem etwaigen Schwanken des Gebäudes nicht so leicht nachzugeben. Auf Schönheit -- ihre äußere Lage abgerechnet -- macht sie aber wohl kaum einen Anspruch, und selbst die Plaza oder der große Markt, an dem die Kathedrale und der Palast des Bischofs liegt, zeichnet sich durch nichts weniger als besondere Architektur aus.

Nichtsdestoweniger ist dieser Platz für den Ausländer der interessanteste Theil der Stadt, denn hier sammeln sich täglich die bunten Nationalitäten des Landes, und der ganze lebendige Verkehr Quito's findet da seinen Mittelpunkt.

Schon mit dem frühesten Morgen treffen die verschiedenen Arrieros oder Maulthiertreiber ein, die Produkte in die Stadt schaffen -- ganze Züge langen da an, die nichts als Orangen aus dem tiefergelegenen Lande bringen, andere mit Anis, mit Zucker, mit Branntwein. Da aber kein Fuhrwerk im Stande ist, die stets vom Regen ausgewaschenen entsetzlichen Straßen zu befahren, so wird das Alles nur auf den Rücken von Lastthieren herbeigeschafft.

»Lastthier« scheint aber hier ein außerordentlich elastischer Begriff; denn Lastthier heißt eigentlich Alles, was auf vier Beinen geht und getrieben werden kann -- Schweine und Schafe vielleicht ausgenommen.

Vor allen Dingen fällt dem Fremden das Llama auf, das meistens von Indianern oder auch Indianerinnen in kleinen Trupps zu Markt getrieben wird und geringe Lasten (man sagt, daß es sich weigert, über achtzig Pfund zu nehmen) in die Stadt bringt. Es trägt kleine Zeugsäcke mit Anis oder Mais -- auch wohl Futter für den Bedarf, und wirft den schönen langen Hals, wenn es in das ungewohnte Getreibe der Menschen kommt, scheu und unwirsch nach allen Seiten hinüber. Folgsam aber gehorcht es dem leisesten Rufe des Treibers, und die ihm zur Seite gehende Indianerin behält deßhalb auch vollständig Zeit, sich mit ihrer Spindel zu befassen.

Die Frauen der Indianer sind überhaupt die geplagtesten Wesen der Erde, die recht gut ebenfalls mit zu den Lastthieren Ecuadors gezählt werden dürfen, denn selten oder nie sieht man sie ohne eine Bürde, und meistens noch immer mit einem Kind als Zugabe. Ja ich bin ihnen draußen in der Straße begegnet, wo sie eine schwere Ladung Feuerholz, das sie zum Verkauf in die Stadt trugen, auf dem Rücken hatten, den Esel mit gleichem Stoff beladen vor sich her trieben, in einem um den Nacken geschlagenen Tuch den Säugling schleppten, und zugleich, da ihnen dadurch die Hände frei blieben, mit Rocken und Spindel arbeiteten. Also _vierfach_ beschäftigt legen sie lange, mühsame Tagereisen zurück, und ihre ganze Nahrung ist indessen eine Handvoll trockener Puff- oder Saubohnen, ein paar Kartoffeln, oder ein Pfund gerösteter Mais, und wenn es hoch kommt, vielleicht einmal ein Schluck Maistschitscha unterwegs -- doch gilt selbst dies entsetzliche Getränk, das aus gekautem und gegohrenem Mais besteht, schon als ein Extragenuß für diese armen geknechteten Wesen. Nur wenn sich ihr Herr und Gatte mit dem durch sie verdienten kargen Lohn in solcher Tschitscha um sein Bischen Verstand trinkt, wird auch ihnen manchmal gestattet, an dem Gelage Theil zu nehmen, damit sie später auf den vollständig Betrunkenen Acht geben können.

Das Llama selber ist ein allerliebstes, fast rehartiges Thier mit langem Hals und seidenweicher Wolle. Es wird allerdings vollständig zahm, behält aber trotzdem noch immer etwas Scheues, Wildartiges, und läßt sich besonders nicht gern von einem Fremden berühren oder streicheln. Dabei gehört es keineswegs den Tropen an, sondern weit eher einer kälteren Zone, wie ja auch schon sein warmer Pelz beweist, und deßhalb sind diese Thiere, die sich draußen von dem spärlichsten Futter nähren und fast gar keine Pflege verlangen, ein solcher Segen für die Bewohner der hohen Anden. In Cerro de Pasco z. B., jener höchstgelegenen Stadt der Welt, mit ihren reichen Silberminen, die aber schon so hoch in die peruanische Schneeregion hineingebaut ist, daß dort kein Grashalm über Tag emporschießt, der nicht das ganze Jahr hindurch, Nachts erfriert oder einschneit, tragen sie Futter für die übrigen Lastthiere aus den niederer gelegenen und warmen Thälern hinauf, und man begegnet da oft Trupps von zwei- bis dreihundert Stück.

Das Llama hat dabei, wie die meisten gezähmten Thiere, keine bestimmte Farbe, sondern man findet sie von fast jeder Schattirung, braun erstlich, wie das wilde Guanako im Süden (ein ganz ähnliches, aber noch nicht gezähmtes Thier), schwarz, weiß, gelb, vollständig getigert -- nur nicht gestreift, und es giebt nichts Bunteres auf der Welt, als eine Heerde dieser hübschen Thiere. Ganz reizend sehen die kleinen jungen Llamas aus, mit ihrer seideweichen, dichten Wolle und dem prächtigen kleinen, dicken, gutmüthigen Gesicht, das aber doch schon den klugen, scheuen Ausdruck des Wildes trägt.

Allerdings werden diese Thiere, besonders in Peru, oft in die heiße Niederung und an das trockene Küstenland getrieben, um Produkte dorthin zu schaffen und Waaren dafür mit zurückzunehmen. Aber man läßt sie nie lange dort, denn jenes Clima sagt ihnen nicht zu und sie gedeihen nur in den kalten Höhen der Berge. Dort suchen sie sich auch genügsamer Weise das Futter an den feuchtesten, ja sumpfigsten Stellen, wo selbst kein Schaf weiden mag und kann. Das Llama aber mit seinen breiten Schalen sinkt nicht so leicht ein und ist dabei, weil es keine weiten Züge unternimmt, immer wieder leicht aufzufinden, wenn man seiner bedarf.

Der Ecuadorianer benutzt aber, wie schon gesagt, Alles fast zu Lastthieren, was laufen kann, indianische Frauen voran, dann Pferde, Esel, Maulthiere, ja selbst Ochsen, die man oft mit schweren Päcken beladen in die Berge steigen sieht. Das Llama ist aber vorzugsweise der ärmeren Klasse nützlich, da es die wenigste Unterhaltung und Pflege kostet. Ein Llama kann sich fast Jeder anschaffen und der Indianer thut dann keine weitere Arbeit damit, als daß er es vielleicht von der Weide nach Hause treibt, ihm die nöthige Ladung auflegt und seine Frau damit zu Markte schickt. Oft keucht dann die arme Frau -- mit dem kleinen Kinde noch auf ihrer Last von Futterkräutern sitzend -- hinterdrein und lenkt das Thier nur mit ihrer Stimme, -- oft muß sie auch, wenn nicht so viel vorräthig ist, allein mit ihrer Ladung fort, während der Mann vielleicht leer hinter ihr drein schlendert und das von ihr gelöste Geld nachher in der Stadt vertrinkt.

Die Ecuadorianer, Männer wie Frauen, tragen fast Alles mit dem Kopf, und zwar nicht oben darauf, wie bei uns am Rhein, sondern die Last auf dem Rücken hängend und nur mit der Stirn stützend und haltend. So bringen sie Alles zu Markt, was das reiche Land bietet, und ihre Kleidung ist dabei selbstgesponnenes und gewobenes Zeug, das sie vom Uranfang an fertigen.

In den Thälern sind die kleinen Baumwollen-Anpflanzungen, und die Staude erreicht dort oft eine imposante Höhe, wie selbst nicht in den besten Distrikten Nordamerika's. Die Baumwolle, wenn gereift, pflücken sie aus den Kapseln und reinigen sie mit den Fingern von dem Samen, dann wird sie mit Spindel und Rocken gesponnen und nachher auf selbstgefertigten und oft rasch genug zugehauenen Webstühlen, die aber ihren Zweck vollständig erfüllen, gewebt.

Quito selber hat übrigens auch große Fabriken, in welchen diese billigen Stoffe sowohl, wie auch recht gute Zeuge, besonders Tuche, hergestellt werden. Was aber die Indianer brauchen, fertigen sie sich auch selber an, denn so billig es in der Fabrik sein mag, _ihr_ Produkt ist _noch_ billiger und erfüllt dabei denselben Zweck.

Das gewöhnliche Zeug, welches die ärmeren Klassen tragen, besteht dabei aus starkem weißen Stoff, mit braungefärbten Fäden in einfachen Mustern, meistens nur gestreift, durchzogen. Die Männer tragen dazu weiße Hosen, die Frauen einen kurzen Rock und ein Schultertuch, Beide aber auch den sogenannten Poncho -- jenes große Tuch mit einem Loch in der Mitte, um entweder den Kopf durch dasselbe zu stecken, daß es, bei kaltem Wetter oder bei Regen, rings um sie niederfällt, oder um es blos um die Schultern zu schlagen.

Fließendes Wasser giebt es allerdings, wie vorher erwähnt, in der Stadt genug, aber so voller Schmutz und Unrath, daß es nur von den ärmeren Klassen, aber von diesen auch ohne die geringste Scheu, zum Waschen und Aufspülen, ja sogar vielleicht zu Küchenzwecken benutzt wird. Die besseren Stände lassen sich dagegen ihr Wasser von oberhalb der Stadt in die Häuser tragen, und zwar durch Menschen, in einem großen irdenen Gefäß, das diese hinten auf die Hüften setzen und es durch ein, um die Brust laufendes Tragband stützen. Erst wenn es zum großen Theil geleert ist, hebt er sich das Band vor die Stirn, weil ihm das jedenfalls bequemer scheint.

Diese Leute tragen solcher Art eine enorme Last, und was verdienen sie den ganzen Tag? -- ein paar Medios, mit denen sie sich am Leben erhalten können. Nur wenn es gut geht, bleibt ihnen vielleicht noch genug zu einem Schluck Tschitscha übrig.

In ähnlicher Weise, nur das Tuch um den Kopf, nicht über die Brust geschlagen, bringen die indianischen Frauen Milch und Butter zu Markt. In der einen Hand tragen sie dabei ein irdenes Gefäß als Maß für die zu verkaufende Milch, in der andern einen irdenen Teller mit Butter, mit Maisblättern überdeckt, um sie kühl und frisch zu halten.

So wandern sie mit ihrer mühseligen Last über die Plaza oder klopfen an die Häuser der Vornehmen, in welche sie -- als Zeichen, daß Jemand draußen sei, der Einlaß begehrt -- ihr schüchternes »Ave Maria« rufen.

Auf dem Markt selber stehen aber fast nur die Getreideverkäufer mit ihren kleinen Karawanen von Eseln oder Llamas, dann die Händler mit Hülsenfrüchten und Kartoffeln. Von Hülsenfrüchten wird besonders die bei uns unter dem Namen Puff- oder Saubohne bekannte große Bohne gezogen, und die Kartoffel ist der unsrigen vollkommen ähnlich. Aber es giebt von dieser Knollenfrucht drei hauptsächliche Arten in Ecuador, welche Melloca, Oca und Ticama genannt werden. In der Nähe von Ibarra, also in etwas tieferem Lande als Quito liegt, hörte ich aber noch von einer ganz besonderen Art, die nur in einem jener Thäler wachsen soll und noch nirgends anders hin verpflanzt ist. Der Beschreibung nach, denn ich bekam leider keine davon zu sehen, soll es eine nicht sehr große, aber vortrefflich mehlige Gattung sein, die dabei, wenn gekocht und auf dem Tisch, wie mit Brillanten übersäet erscheint. Wahrscheinlich ist sie mit kleinen Theilen krystallisirten Stärkemehls überdeckt.

Biegen wir nun in eine der oberen Seitenstraßen ein, so finden wir dort ein freundlicheres Bild als die schmutzigen Indianer, die neben ihren Säcken kauern und sich in Ermangelung einer besseren Beschäftigung gegenseitig das Ungeziefer absuchen. Da sind die Stände der Obstverkäuferinnen, und nur ein Blick auf ihre Waare überzeugt uns, in welchem Lande wir uns eigentlich befinden.

Kaum zehn Schritte davon befindet sich noch ein Stand, wo Kohl, Kartoffeln, Rüben und Kraut feilgeboten werden, -- durch die Straßen zieht eben ein Trupp von Eseln, der Eis, rohes, hartes Eis aus dem benachbarten Pichincha heruntergebracht hat, -- und hier plötzlich sehen wir uns allen Produkten der heißen Zone unmittelbar gegenüber.

Alle diese Verkäuferinnen sitzen unter selber hergestellten, sehr kunstlosen Sonnenschirmen, die aber vollkommen zu einem Schutzdach gegen die heißen Strahlen des Taggestirnes ausreichen. Eine Stange mit einem quer darüber genagelten Holzkreuz und ein Tuch an den vier Ecken festgebunden, ist der ganze Apparat, und nur gegen plötzlich einsetzende Regen bietet er ungenügende Deckung, da sich das Wasser in den Falten rasch ansammelt und durchläuft.

Die Fruchtverkäuferinnen sind auch meist Señores oder Sennoritas von weißer Abstammung -- lassen sich wenigstens gern so nennen -- tragen auch nicht das ordinäre Baumwollenzeug der niederen Klassen, sondern weiße, buntgesteppte Oberhemden wie Röcke von den verschiedensten Farben und Stoffen, und Glaskorallen um Arme, Hals und in den Ohren. Schmuck lieben überhaupt alle ecuadorianischen Frauen und sind dabei seiner Aechtheit wegen lange nicht so eigen wie die Peruanerinnen, die nur wirkliches Gold und Diamanten haben wollen.

Betrachten wir uns aber ihren Stand und die wundervollen saftigen Früchte, die er bietet. Da finden wir vor allen Dingen Orangen, die schon wenige Leguas von Quito entfernt in ungeheuren Massen gezogen werden, dann süße Limonen -- eigentlich ein etwas fades Essen; aber auch die tropische Banane oder der Pisang (hier Plátano genannt) fehlt nicht mit ihrer goldgelben Schale, und daneben liegt die Königin der amerikanischen Früchte, die riesige Cherimoya (=custard apple=, =buwa nonja=) mit ihrem fast zu süßen, crêmeartigen Fleisch.

Das ist aber noch nicht Alles; dicht daneben bietet sich ein Stand, der fast nur Ananas in aus Bambus geflochtenen Körben aufgeschichtet enthält; daneben wieder sitzt ein Verkäufer von Zuckerrohr, das in kleine Streifen gehackt und ausgekaut wird; daneben wieder ein anderer mit Cactusfeigen, Aprikosen, Aepfeln, Birnen, auch die kostbare Aguacalta (=alligator pear=, =buwa avocat=) ist vertreten, mit der Papaya aus den Platanaren des niederen Landes -- kurz eine Mischung von allen nur erdenklichen Früchten beider Zonen, die sich auch in der That an keinem Orte so vereinigt finden, wie gerade in Quito.

Freilich begünstigt die Lage des Landes dies auch ungemein; denn so rasch fallen die Thäler in das tiefe tropische Land hinein ab, daß man oft nur wenige Leguas zu reiten braucht, um in eine vollkommen tropische Vegetation oder bergauf in die Eisregion zu kommen. So hat man auch im Lande drinnen große Estancias oder Güter, deren Besitzer da, wo ihre Wohnhäuser stehen, alle Früchte unserer Zone ziehen und Weizen und Mais, Kartoffeln und Kohl bauen. Weiter unten dagegen haben sie ihre Baumwollen- und Zuckerrohrfelder, ihre Bananen- und Ananas-Gärten, und hoch über sich sehen sie zu ihrer Meierei hinauf, wo das Vieh auf den fetten Triften der Höhen weidet und ihre dazu angestellten Leute ihnen die Milch zum täglichen Bedarf oder zum Verkauf liefern, und dazu Butter und Käse machen.

Käse ißt der Ecuadorianer nämlich leidenschaftlich gern, und die verschiedenen Arten desselben werden zu _allen_ Speisen und sogar zu manchen Getränken gebraucht. Ja selbst in seine Chokolade benutzt er eine Art davon.

In dieser Fruchtstraße dürfen wir aber nicht zu weit vorgehen, denn eben haben wir noch den aromatischen Duft der Ananas mit Wohlbehagen eingesogen, als schon etwas Anderes unsere Geruchsnerven trifft, und zwar der nichts weniger als süße Brodem einer Anzahl von Eßbuden, die dort aufgestellt sind, um den Marktgängern ein rasches und billiges Mittagsmahl zu bieten. Da werden alle Arten von Fleisch geschmort und Mehlspeisen zubereitet, da wird gesotten und gebraten und ein Qualm erzeugt, der, wenn der Wind hineinfährt, die ganze Straße mit seinem erstickenden, heißen Dunst erfüllt. Um aber dort auch wirklich zu _essen_, muß man ein geborener Ecuadorianer, ja ein geborener Quitener oder mit einem Wort ein geborener Schweinigel sein, denn von dieser Unsauberkeit der Zubereitung kann sich Niemand einen Begriff machen, ohne sich auf wenigstens acht Tage den Appetit zu verderben. Ich darf nicht einmal wagen es zu beschreiben, und es war ein wirklicher Glückszufall, daß ich erst wenige Tage vor meiner Abreise von Quito einen längeren Besuch bei diesen Ständen machte und das Verfahren ihrer Insassen beobachtete. Von dem Augenblick an war ich nicht mehr im Stande, etwas Anderes in Quito zu genießen, als weichgekochte Eier und Früchte. Ich brachte nichts mehr in den Mund, was eine Ecuadorianerin mit ihren Händen auch nur berührt haben _konnte_.

Wie stechen dagegen die Napo-Indianer ab, die von den Wassern des Amazonenstroms, aus dem heißen Lande ihrer Niederungen, bis hier heraufsteigen, um weniger ihre Producte als ihre Fabrikate, besonders Hanfzwirn und gedrehten Bast zu verkaufen. Sie treffen immer in kleinen Trupps ein und tragen dann Männer wie Frauen einen aus Bambusstreifen leicht geflochtenen und mit Bananenblättern ausgefütterten und überdeckten Korb, in welchen sie nicht allein, was sie zu Markte bringen, sondern auch ihre Provisionen für unterwegs packen.