Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 15

Chapter 153,744 wordsPublic domain

Eigenthümlich war dabei die Mischung von Civilisation und alter ursprünglicher Lebensweise, die besonders auffallend in seiner eigenen Wohnung wurde. Mit Widerstreben nur hatte er nämlich alles das angenommen, was die »bleichen Männer« den rothen Kindern der Wälder von Sonnenaufgang gebracht. Lange hing er mit kaum zu besiegender Hartnäckigkeit an den alten Gebräuchen, Sitten und Geräthschaften seines Stammes, und wich nur Schritt für Schritt den wirklichen Verbesserungen menschlicher Zustände, die sein sonst gesunder und leicht empfänglicher Sinn doch recht gut zu würdigen wußte.

Zuerst war es die Schießwaffe der Weißen gewesen, deren Vorzug gegen den, tausend Zufällen unterworfenen, Bogenschuß er doch nicht ableugnen konnte; auch den Stahl hatte er zu gleicher Zeit vortrefflicher für Waffe und Werkzeug erkannt, als den schwer zu bearbeitenden Feuerstein, und manches fand solcher Art und ganz allmälig den Weg in seine Wohnung, was er im Anfang, als seinem Stamme feindlich, verschmäht und verachtet hatte.

In diesem Sinne schien er auch seine Hütte erbaut zu haben. Wohl den Vorzug erkennend, den das feste, solide, auf kräftigen Stämmen ruhende Dach gegen den schwanken, leicht beschädigten Wigwam haben mußte, errichtete er endlich für sich selbst ein solches Haus, aber nicht um darin zu wohnen, sondern um seinem eignen Wigwam, den er jetzt ganz nach der Sitte seiner Väter im Innern aufstellte, Schutz gegen Sturm und Wetter zu verleihen. Von außen glich also das Gebäude gänzlich einer der geräumigen westlichen Blockhütten, wie sie in den Ansiedlungen der Weißen von Baumwollen- und Maisfeldern umgeben liegen; kaum aber betrat der Fremde den, durch eine hölzerne Thür verwahrten niederen Eingang, als er sich plötzlich inmitten einer indianischen Fellhütte sah, in deren Mitte an schwankenden Stäben der große _eiserne_ Kessel hing, und von wo aus der Rauch zu einem riesigen, mit wunderlichen Zierrathen behangenen und geschwärzten Büffelkopf emporstieg, diesen umkräuselte und durch die über ihm gelassene Oeffnung seinen Weg in's Freie suchte. Ueber dem Rauchfang aber, an langer, wohl dreißig Fuß hoher Stange, von Adlerfedern und anderem symbolischen Schmuck umweht, hingen und flatterten die Scalpe der von Tcha-to-ga's eigener Hand erschlagenen Krieger -- eine fürchterliche Siegstrophäe über der friedlichen Heimat.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergang -- tief nach Westen sank sie hinab, und die Gipfel der stattlichen Baumwollenholzbäume, die sich dicht um die Lichtung herum dem Ufer wieder zudrängten, glühten und leuchteten in dem rosigen Licht. Aus dem niederen Sumpfland zogen leichte dunstige Schwaden heraus und strichen wie dünne Nebelwolken über die ruhig dahin strömende Fluth hin. Die Krähen und Blackbirds strebten schon gen Westen ihren altgewohnten Lagerplätzen zu und die langen Schatten der Waldriesen fielen, über Feld und Hofraum hinüber, bis weit in den blinkenden Strom.

Tcha-to-ga's Hütte lag ziemlich still und fast wie verlassen, nur weit hinten im Feld arbeiteten die Neger mit einigen indianischen Squaws, und dicht neben dem Haus flogen, in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen, Schaufeln voll Erde aus einem frisch gegrabenen Loche heraus und verriethen den Platz, wo der Häupling, nach Art der Weißen, einen Keller graben ließ, um über diesem später noch einen kleinen Nachbar-Wigwam zu bauen. Dicht vor der Thür des Hauses waren zwei Negermädchen mit der Zubereitung einer großen aufgespannten Büffelhaut beschäftigt, an der sie die Fleischseite mit scharfen Steinen abrieben, um sie dem Gerbestoff leichter zugänglich zu machen, und ein alter Neger zog eben, mit Anstrengung aller seiner Kräfte, ein leichtes Canoe aus dem Strome herauf an die höhere Uferbank, weil ein Dampfboot -- dasselbe, was einige Zeit bei Redtown gelegen -- gerade auf diese Seite des Ufers zukam und den kleinen Kahn leicht mit seinen Ruderschaufeln zerdrücken, oder wenigstens füllen und sinken machen konnte.

»Große Golly,« sagte der greise Afrikaner, als er von seiner Arbeit ausruhte und sich den Schweiß von der Stirne wischte, »piff -- piff -- piff -- piff -- piff -- hui -- wie geschwind großes Canoe stromab kommt, und -- law de Mercy -- wie dicht am Ufer hier -- kann doch kein Holz haben wollen, hat rechts und links noch ganze Menge. -- Buckra schlauer Kopf -- kommt Geld zu verdienen zu Guinea und Indian -- bis weit hier in Wildniß ein und bringt guten Whiskey und Pfannkuchenmehl -- großer Mann Buckra -- Gäbe was d'rum, wenn Sip sein Krug aus Küche hätte, ohne daß Missus was 'von merkt --«

Der Neger sah sich mit komischer Verzweiflung nach dem Haus um; denn er ließ nur höchst ungern eine so gute Gelegenheit vorüber gehen, ohne seinen sorgfältig versteckten Krug mit Whiskey zu füllen. Das Verbot seines Meisters lautet nämlich auf das Bestimmteste, auch keinen Tropfen des »giftigen Feuerwassers« im Hause zu dulden; das Boot näherte sich aber zu reißend schnell, und schon winkte ihm, während der Fox im Fluß mit dem Bug herumkam, um gegen die Strömung anzulanden, der vorn an der Larbordseite stehende Matrose zu, das Tau, was er zum Wurf bereit in der Hand trug, sobald es das Ufer berühre, zu erfassen, und dort um Stamm oder Wurzel zu schlagen und fest zu machen.

Vorn auf dem Boot, und zwar auf dem unteren Deck, standen der Capitain, der Mate, der Ingenieur und die vier Deckhands -- die letzteren mit der Planke zwischen sich, die sie in dem nämlichen Augenblick an's Ufer hinauswerfen wollten, wo das Boot in erreichbare Nähe kam.

»Capitain,« rief jetzt der Lootse aus seinem kleinen Pilotenhaus herunter -- »das ist doch ein Reiter, den wir hinter den Büschen am Ufer sahen.«

»Aus der Stadt schon?« rief dieser rasch zurück -- »das ist nicht möglich -- der Fluß macht hier den Bogen, da müßte er Flügel gehabt haben.«

»Nein, er reitet ganz langsam,« lautete die Antwort, »es scheint auch kein Indianer und trägt selbst keine Büchse.«

»Desto besser für ihn,« lachte Burkner -- »sonst die Küste klar? wie weit sind die Reiter zurück?«

»Hahaha,« lachte der Lootse, sich nach der Stadt zu umdrehend, »wenn sie ihre Pferde todt rennen, können sie vielleicht gerade zur rechten Zeit kommen, uns sicher vor Anker und in der Mitte des Stromes liegen zu sehen -- hui -- wie der Alte sprudeln wird! -- Sonst seh ich weiter Niemanden auf der Straße, wie hier vor'm Haus ein paar Frauen und einen alten Neger -- da hinten im Feld scheinen die Arbeiter alle zu sein.«

»Gut denn -- -- an's Werk -- steh bei dem Tau, Alter!« rief Burkner jetzt dem Afrikaner zu, dem, er wußte selbst nicht warum, das ganze Betragen des nahenden Bootes so wunderlich vorkam. Mechanisch aber und an Gehorsam gewöhnt, rief er sein »Ay, ay, Sir!« erfaßte mit dem linken Arm einen schlanken, stattlichen Baumwollenholzbaum, daß er mit dem schweren Tau und auf dem abschüssigen Boden nicht etwa ausglitt, fing dieses, als es ihm zugeworfen wurde, und schlang es im nächsten Moment rasch und geschickt um den Stamm. Zu gleicher Zeit schoß das Boot in dem hier tiefen Wasser dicht an die Uferbank an, die Planke wurde ausgeschoben und hinüber strömten, mit dem Capitain an der Spitze, die Männer, ihren schändlichen nichtswürdigen Raub auszuführen. Der eine Lootse aber blieb indessen oben auf dem Hurricanedeck stehen, um bei nahender Gefahr das Zeichen zu geben und die Dampfbootleute zu warnen.

Die Mannschaft hatte sich auch mit rücksichtsloser Lust dem Unternehmen hingegeben, und würde vielleicht mit eben der Bereitwilligkeit sich erboten haben, die Wohnung des indianischen Farmers zu plündern und in Brand zu stecken, wenn es der Capitain gerade verlangt hätte; es war ja nur ein Indianer, und durften die Weißen es leiden, daß diese heidnischen Rothhäute in keckem Uebermuth sich gegen ihre Obergewalt auflehnten? nein, wahrlich nicht, und der Plan, wie er ihnen von ihrem Capitain auf der raschen Fahrt bis hier herunter mitgetheilt worden, war ihrer Ansicht nach vortrefflich, den kecken unerträglichen Stolz der Rothhäute in etwas zu demüthigen. Es hätte kaum der Dollars bedurft, die jedem der Mannschaft nach glücklichem Gelingen versprochen worden, sie zu solchem Eifer anzuspornen.

Kein wilderes, trotzigeres und roheres Volk giebt es überhaupt in der weiten Welt, wie diese Bootsleute der westlichen Ströme, mögen sie nun zu Dampf-, Kiel-, Flatbooten oder Flößen gehören -- die Hefe sämmtlicher Staaten ist in ihnen concentrirt, und ein ruhiges Geschäft verschmähend, treiben sie sich, heute verspielend und vertrinkend, was sie gestern mit saurem Schweiß verdient, Monate lang auf dem Strom herum, und jede Gelegenheit ist ihnen willkommen, die in Kampf oder rauher That irgend eine Abwechselung in das monotone Flußleben bringt. Nicht ein böses, sondern ein total vernachlässigtes Herz trägt dabei öfters die Schuld ihres wüsten Treibens, und an keine gute Macht glaubend, keine böse fürchtend, werfen sie sich mit toller Todesverachtung jeder Gefahr keck und rücksichtslos entgegen.

Ein solcher Menschenschlag war es, der jetzt, von dem gewissenlosen Capitain geführt, ans Land sprang, um sich, wie sie lachend meinten, »ihr Recht zu holen;« rohe Späße ertönten dabei von den durch Tabackssaft vergilbten Lippen, und flüchtigen Laufs flogen sie, mit keinen anderen Waffen als ihren Messern im Gürtel, die Uferbank hinauf, an dem Neger vorbei, dem Hause zu.

»=God allmighty!=« schrie der alte Afrikaner entsetzt, als er die wilde Schaar in solcher Art, und sicherlich in keiner guten Absicht an den Holzstößen vorbei nach der Thüre zu rennen sah, »was giebt's -- wo brennt's?«

Die Negermädchen, die vor dem Hause arbeiteten, warfen erschreckt ihre Steine nieder und flohen der Thüre zu, und aus der frisch begonnenen Erdgrube tauchte ein rother Kopf und ein noch viel rötheres Gesicht darunter auf, das dem fröhlichen irischen Kellergräber Mc. Karthy gehörte.

»Hallo, meine Jungen -- macht rasch, daß sie Euch nicht die Thür vor der Nase zuwerfen!« schrie der Capitain, dessen dürre Gliedmaßen ihn nicht so schnell vorwärts trugen, als er es wohl wünschen mochte -- »Die Pest über die Wettermädchen!«

Und er hatte Ursache, zu schimpfen -- wie Gazellen huschten die leichten Dinger über die Erde hin, und wenn sie auch nicht begriffen, was sie, mitten im Frieden, von weißen Männern zu fürchten brauchten, hatten die Dampfbootleute doch auch wieder einen viel zu bösen Ruf an allen Flußufern, um ihr Nahen ruhig abzuwarten, wenn sie besonders auf solch außergewöhnliche Art das Land betraten. Gerade vor dem Mate fiel auch die ziemlich starke Thür zu, und die inwendig rasch vorgeschobenen Riegel standen dem ersten Anprall des starken Mannes vortrefflich.

Kaum aber dröhnte dies erste Zeichen von Gewalt in den innern Raum, als auch von da aus der gellende Hülferuf geängstigter Frauenstimmen hervorschallte; der Ire sprang in demselben Moment aus seinem begonnenen Keller, und der Reiter der nur noch wenige hundert Schritt vom Hause entfernt, die dicht am Strom hinführende Straße herabkam, zügelte, erstaunt den Tönen horchend, sein Pferd ein.

»Hallo!« rief da der Lootse vom Deck herunter, »macht rasch -- da oben kommen, beim Teufel, schon die rothen Hunde angesprengt -- Donnerwetter, müssen die geritten sein!«

»Auf mit der Thür -- auf, meine Burschen!« schrie ermunternd der Capitain -- »_Dem_ noch einen Dollar besonders, der zuerst in der Hütte ist!«

Der zweite Ingenieur -- der erste stand an der Maschine auf seinem Posten -- war links um das Gebäude gesprungen, und der Capitain selber wandte sich jetzt rechts, um jede mögliche Flucht der im Inneren Befindlichen aus einer, vielleicht hinten angebrachten Thür abzuschneiden. Der Mate warf sich aber mit kräftigem Fluch und noch viel kräftigerem Anprall, so tüchtig von den Seinen dabei unterstützt, gegen die hölzerne Thür, daß er die obere Angel aus ihrem Haspen riß und mit der ersten, polternd über sie weg zu Boden stürzte.

Ein zweiter gellender Hülfeschrei, von den Negressen ausgestoßen, folgte diesem Einbruch; der Mate, der augenblicklich wieder auf die Füße sprang, wußte jedoch viel zu gut, wie werthvoll seine Zeit sei, und kaum hatte ihn ein flüchtig umhergeworfener Blick belehrt, wo er das Mädchen, um das sie gelandet, zu suchen habe, als er sich mit lautem Triumph auf seine Beute warf.

A-na-las-ka, das arme zitternde Kind, war bei dem ersten Lärm der Mägde erschreckt zusammengezuckt, und der Gedanke, der sich ihr unwillkürlich von dem früheren, ja kaum verlassenen Leben der Wildniß aufdrängte, mußte natürlich der sein, daß ihre Wohnung von einem feindlichen Stamm überfallen wäre. Bebend und entsetzt fuhr sie von dem weichen, mit Büffelhaut überdeckten Lager, auf dem sie geruht, empor, und fast unwillkürlich entfloh der Name des Vaters ihren Lippen, als sie erstaunt _weiße_ Männer, mit denen sie in Friede und Eintracht lebten, so wild und feindlich in ihre stille Heimat einbrechen sah.

»Was wollt Ihr?« rief sie und trat bis an das entfernteste Ende des Wigwams zurück, wo die Waffen ihres Vaters an einem dort fest in den Boden gestoßenen Pfosten hingen -- »wen sucht Ihr?« und fast unwillkürlich griff die Hand nach der nächsten, mit scharfen Feuersteinen bewehrten Kriegskeule, die tief unter dem weißen mit Scalpen geschmückten Büffelschilde hing.

»Dich mein Täubchen,« rief ihr aber der Mate lachend entgegen -- »sträube Dich nicht, mein Kind, Du bist unser.«

»Zurück!« schrie die Jungfrau, und die rasch gehobene Keule fuhr mit gut gemeintem Ziel nach dem Haupte des Räubers nieder. Der Arm aber, der die gewichtige Waffe führen wollte, war zu schwach -- der gewandte und kräftige Bootsmann unterlief ihn leicht, und ehe die Waffe ihn treffen konnte, hatte er die sich machtlos in seinen Armen Sträubende erfaßt, emporgehoben und floh raschen Laufs mit seiner leichten Last, und von den übrigen Leuten gefolgt, dem Ausgang wieder zu.

»Bei Jäsus!« rief aber da der in seinen Weg springende Ire, der, rücksichtslos um all die drohenden, ihn umgebenden Gestalten, auf den Mate zusprang und diesen mit der einen Hand ergriff, während er ihm mit der anderen das Mädchen zu entreißen suchte -- »Arrah, mein Schatz, was für ein Spalpeen Ihr sein müßt, gleich so mit der Thür ins Haus zu fallen, wenn Ihr mit der Tochter was zu sprechen habt!«

»Zurück da, Pat!« schrie ihn aber der Mate mit wildem Zorne an -- »zurück da, oder --«

»Oder? mein Herz,« rief der unerschrockene Ire und stieß mit der Faust, ehe nur einer der Uebrigen es verwehren konnte, dem Mate so kunst- und boxergerecht zwischen die beiden Augen hinein, daß dieser halb betäubt zurücktaumelte und das Mädchen den Händen des Sohnes der »grünen Insel« überlassen mußte; der arme Teufel feierte diesen Triumph aber nur ungemein kurze Zeit. Fünf oder sechs kräftige Fäuste trafen in gleichem Augenblick seinen Schädel, daß er bewußtlos zusammenknickte, und zwei der Männer faßten schon im nächsten Moment die Jungfrau, während die Anderen den Mate unterstützten und zum Ufer schleppten.

»Macht fort -- die Pest über das Zögern!« mahnte der Lootse vom Deck aus, und seine Klingel gab dem Ingenieur schon das Zeichen bereit zu sein -- »bei Gott, Ihr werdet sonst abgeschnitten!«

»An Bord, an Bord!« trieb auch der Capitain, der jetzt hinter der Hütte vor der nahen Fenz zueilte, die er vorher überklettert hatte; denn hinten vom Felde her sah er die Arbeiter herbeistürmen, und auf der hart getretenen Straße hörte er das rasend schnelle Stampfen der heransprengenden Reiter -- »hurrah, meine Jungen, an Bord!«

Er sprang von der obersten Stange herunter, über einen dort quervorliegenden, zum Feuerholz bestimmten Stamm weg, blieb im nächsten Moment mit dem Fuß an dem regungslos da ausgestreckten Körper des Iren hängen und stürzte, sich das Gesicht im Sand blutig scheuernd, zu Boden. Mit Blitzesschnelle aber, und die Gefahr recht wohl begreifend, in der er sich befand, raffte er sich wieder empor und sah eben, wie das arme zum Tod entsetzte Kind des Häuptlings von seinen Helfershelfern, die sich alle so rasch als möglich in ihr Fahrzeug drängten, an Bord geschleppt wurde.

»Halt -- halt!« hörte er eine Stimme dicht hinter sich, aber er war der Letzte, nicht einmal umsehen konnte er sich mehr, wer ihn anrufe, und mit einem Triumphschrei flog er die Uferbank hinab, um die Planke zu erreichen, die zwanzig Hände in peinlicher Erwartung hielten, auf daß sie, sobald der Letzte nur an Bord gezogen sei, rasch hineingerissen werden konnte. Schon bewegte sich das Dampfboot langsam vom Ufer ab, und die Räder schlugen langsam und wie ungeduldig auf die unter ihnen vorbeischäumende Fluth.

Fast berührte sein Fuß das rettende Bret, da hörte er dicht hinter sich ein Prasseln und Brechen -- scheu und unwillkürlich wandte er den Kopf, und -- grad' neben ihm nieder -- durch die Weiden und Sycamorenschößlinge, die gerade dort das Ufer umgürteten, mit tollkühnem, wildem Sprung, flog ein braunes prachtvolles Roß mit todesmuthigem Reiter die wohl sechzehn Fuß hohe Bank nieder auf den harten Kies der Landung. Das Roß brach auch zusammen unter dem ungeheuren Gewicht des Sturzes, der Reiter aber ergriff, ehe der entsetzt zurückprallende Amerikaner seinem Arm entgehen konnte, den laut Aufschreienden und riß ihn zu sich hin.

»Hülfe! -- Hülfe!« stöhnte Capitain Burkner -- und suchte dem rächenden Arm sich zu entwinden-- wenige Schritte noch und er war gerettet -- und hier -- »Hülfe!« kreischte er -- »um Gottes Willen, Hülfe!«

»Alle Wetter!« schrie da der Steward, der kaum zwei Secunden vorher die Planke erreicht hatte, und sich nun wieder wandte, seinem Capitain beizuspringen -- des Kochs Arm hielt ihn aber zurück, und in dem nämlichen Moment glitt auch das andere Ende der Planke von der Kiesbank ab in's Wasser, das Boot bewegte sich vom Ufer ab, und Hülfe war von diesem aus nicht mehr möglich; denn jetzt donnerten auch schon oben auf der Uferbank die Hufe der verfolgenden indianischen Poneys heran, und die wilden Reiter warfen sich mit ihren Waffen in den Händen aus den Sätteln.

»Teufel!« schrie da der Capitain und riß ein bis dahin verborgen gehaltenes Bowiemesser aus seiner Weste vor -- »so nimm denn _das_!« und mit kräftigem von Verzweiflung gestähltem Arm führte er einen grimmen Streich nach dem wehrlosen, aber nichtsdestoweniger hartnäckigen Gegner; glücklicher Weise hielt die Fellmütze diesen in etwas ab, doch der schwere Stahl glitt nieder, streifte aber nur den Arm.

»Raum hier!« rief da die Stimme des einen Ingenieurs vom Boot aus -- »meine Kugel soll den Schuft da drüben bald loslassen machen -- springt in's Wasser, Capitain!«

»Euer Körper deckt mich!« zischte der Fremde in des entsetzten Capitains Ohr, während er dessen Arme so fest umschlang, daß er keinen Streich weiter mit dem Messer führen konnte. »Die Kugel findet erst durch Euch zu mir die Bahn!«

»Schießt nicht!« rief der Erschreckte in Todesfurcht.

Ein wilder gellender Schrei, der dem zitternden Verbrecher das Blut in den Adern stocken machte, erdröhnte in diesem Augenblick dicht über ihm von der Uferbank aus, und ehe nur irgend Jemand an Bord des Fox einen festen Entschluß fassen konnte, umgaben zehn oder zwölf wilde kriegerische Gestalten den gefangenen Capitain, während wohl noch zwanzig Andere, die Büchsen auf den Schultern, die Kriegskeulen am Handgelenk, und die schäumenden Ponneys zu immer tollerer Eile anspornend, heranstürmten. An Widerstand war gar nicht mehr zu denken; der todtenbleiche Capitain sah sich in fast wunderbarer Schnelle gebunden und von der geschäftigen Schaar rasch auf die Uferbank gehoben, und hier erst fand er sich Antlitz zu Antlitz mit dem wie rasend aus seinem Wigwam stürzenden Vater der Geraubten.

»Mein Kind -- mein Kind -- wo ist A-na-las-ka -- die schwankende Birke des Arkansas -- A-na-las-ka! -- Ha -- bleichhäutiger Hund -- das Dein Werk -- Wo ist mein Kind?«

Und in der Rechten die Keule schwingend, fuhr seine Linke dem Elenden mit solcher Kraft nach der Kehle, daß sein Antlitz in wenigen Secunden eine fast dunklere Farbe annahm, als die Hand trug, die ihn umspannt hielt. Nicht ein Wort vermochte er, ob es sein Leben galt, über die Lippen zu bringen, und der nächste Moment hätte vielleicht sein Schicksal entschieden. Da war es der Fremde, der sein Leben rettete, und zwar eben derselbe Mann, der an dem nämlichen Nachmittag den Häuptlingen in Redtown den Rath gegeben hatte, die aufgedrungenen Whiskeyfässer zu zerstören.

»Halt, Tcha-to-ga!« rief der aus und hemmte mit emporgehobenem Arm die drohende Waffe -- »Dein Kind ist auf jenem Boot -- tödte diesen Mann und es ist für Dich verloren, -- nur durch seine Freigabe kannst Du es rasch wieder in Deine Arme ziehen!«

»Führt mich an die Uferbank,« flehte mit zitternder Stimme der Elende, während er neue Hoffnung für das schon fast aufgegebene Leben schöpfte -- »laßt mich frei, und in wenigen Minuten ist Eure Tochter hier am Lande.«

»Und geschieht das nicht,« zischte in kaum bezähmbarer Wuth der Indianer, »dann wird Tcha-to-ga des weißen Hundes Fleisch zerhacken, daß sich die Aasgeier mit Ekel von ihm wenden sollen -- ugh! Tcha-to-ga ist ein Mann!«

Er ergriff den, nicht den mindesten Widerstand leistenden Weißen im Nacken und schleppte ihn bis dicht an die steile Uferbank; der Fremde aber, dessen kühner Sprung und rasche Entschlossenheit die Geisel gesichert hatte, schwenkte sein Tuch, nach dem, jetzt wohl an dreihundert Schritt von der Strömung hinabgeführten Boote zu.

»Pest, Gift, Tod und Bowiemesser!« rief ingrimmig mit dem Fuß stampfend, der Mate, der sich indeß von dem durch den Iren empfangenen Schlag erholt hatte, und vorn, nach dem Ufer hinüberschauend, auf dem Boot stand -- »bei Gott erwischt, und der ganze schöne Spaß verdorben, des weißen Schuftes wegen -- ob das nicht zum Verrücktwerden ist.«

»Sie winken mit dem Tuch herüber,« sagte einer der Feuerleute, der auf den seitwegs neben den Kesseln liegenden Holzhaufen geklettert war.

»Der Lump ist's, der mit dem Pferd von der Bank heruntersprang,« rief der eine Ingenieur -- »daß er den Hals gebrochen hätte -- die Canaille hielt sich auch so dicht hinter Burkner, daß ich keine Handbreit Raum für meine Kugel finden konnte.«

»Hallo da unten!« rief der Lootse vom Deck nieder, »wie wird's nun? -- den Capitain haben sie weiß Gott beim Schopf gekriegt -- ohne den dürfen wir doch nicht abfahren!«

»=Give her a turn a head!=«[10] lautete die lakonische Antwort des Mate -- und vor sich hin murmelte er, »wenn sie ihm doch gleich eins über den Kopf gegeben hätten, dem hirnlosen Holzkopf -- sich auf solche Art übertölpeln zu lassen.«

[10]: Laßt das Boot ein Bischen vorgehen.

Wenige Minuten später kämpfte das Boot wieder gegen die Strömung an und hielt, nur noch langsam die Räder gebrauchend, gerade der Stelle gegenüber, wo die Indianer, mit dem Gefangenen in ihrer Mitte, standen.

»Hallo, das Boot!« rief der Fremde.

»Hallo, das Ufer!« lautete die trotzige Antwort zurück; -- hinter den Bäumen am Land, und an der ganzen einen Seite des Fox lagen die Büchsenschützen gedeckt und im Anschlag, um einen irgend versuchten Angriff leicht abwehren zu können.

»Setzt Eure Yolle aus und schickt die Indianerin an's Land,« sagte der Fremde, aber seine Stimme drang nicht bis zum Bord des Fox hinüber.

»Was giebt's?« frug der Mate zurück.

»A-na-las-ka, die schwankende Birke, sendet herüber!« schrie da Tcha-to-ga, mit vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme -- »zögert und Euer Häuptling stirbt jede Handbreit den entsetzlichsten Tod.«

»Setzt das Boot aus, guter Tom,« bat in fieberhafter Angst auch jetzt der Gefangene, »macht rasch -- macht um aller Heiligen Willen rasch, ich bitte Euch -- ich befehle es Euch!«

»Feige Memme,« knurrte der alte Matrose leise vor sich hin, »hallo da, Jim, Ben, Virginny,« setzte er dann leise hinzu, »rasch in die Yolle, und Ihr da, Ned und Dick, holt die Dirne wieder herunter. Aber -- es ist doch ein ehrlicher Tausch,« rief er dann noch einmal vorsichtig nach den am Ufer Stehenden hinüber -- »die Dirne gegen den Capitain!«

Der Fremde winkte mit dem Tuch, zum Zeichen der Einwilligung.