Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 14
»Danke, Capitain,« sagte Dodge in seinem gebrochenen Dialect, als ihm Burkner die Facturen übergeben wollte und das Geld für den Betrag verlangte, -- denn der Handel mit den Indianern, die unter keiner Bedingung selbst nicht die besten Banknoten nehmen, und das Gold ebenfalls nicht kannten, wurde einzig und allein in Silber geführt; »danke -- kann Whiskey nicht übernehmen -- Tcha-to-ga =Ne sehon tie rehu= und sein Arm ist lang -- ich kaufe Whiskey =by'm by=[9] -- von Fort Gibson -- von Fox -- aber nicht hier -- -- =by'm by=!«
[9]: =By and by= -- nächstens, mit der Zeit, gelegentlich, ein Wort, das sich die halbcivilisirten Indianer aus der englischen Sprache sehr angeeignet haben, und das sie gern gebrauchen.
»=By'm by?= -- Du rother Hallunke,« rief aber jetzt Burkner, durch den spöttischen Trotz in des Burschen Zügen nur noch mehr gereizt -- »=by'm by?= -- Du _mußt_ den Whiskey nehmen, denn« --
Er hielt plötzlich inne -- ein wirres Toben und Lärmen drang aus der nächsten, der innern Stadt zuführenden Straße heraus, und fast in demselben Augenblick schwärmte von Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk angeführt, eine ganze Schaar halbnackter Indianer hervor, denen sich jedoch ein ernsterer Haufe von Männern, auch Eingeborene, aber wie Farmer, in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet -- anschlossen. Capitain Burkner wollte jetzt rasch an Bord zurück, weil er in der That, und im ersten Moment fürchtete, daß die Schaar einen Angriff auf sein Boot beabsichtige. Bald fand er freilich, daß er in der Hinsicht wohl Nichts zu fürchten habe, sollte aber doch Zeuge sein, wie die Indianer wenigstens soviel Muth und Einigkeit noch bewahrt hätten, da Volksjustiz zu üben, wo es ihre eigenen Gesetze und Rechte galt. Mit Beilen, Tomahawken und Keulen fielen sie nämlich über die ihnen aufgedrungenen Fässer her, und so gut gemeint und wohl angebracht waren die Schläge, daß die gelbe spirituöse Fluth bald in förmlichen Bächen aus ihren Häusern quoll und, eine der durch den Regen ausgewaschenen Rinnen zum Bett wählend, dem Flusse zusprudelte.
Hier aber geschah etwas, das Tomson schon lange vorausgesehen und gefürchtet hatte; das wirklich wilde Volk von Redtown, so gern es sich auch hatte dazu brauchen lassen, Eigenthum der Weißen, und zwar nur der guten Sache wegen, zu vernichten, sah kaum die Fluth, von der sie sich jeden einzelnen Becher voll nur mit so vieler Mühe und gegen so schweres Geld verschaffen konnten, einem Sturzbach gleich die Uferbank hinabtosen, als auch ein ganz anderer Geist in sie fuhr, wie der der Müßigkeit. Eine Squaw machte den Anfang, sie sprang rasch den Hügel hinab, und fing mit einer Kalebasse, die sie wahrscheinlich zufällig bei sich trug, die »liebe Gottesgabe« auf und kaum hatte sich dem Schwarm die Möglichkeit eines solchen Beginnens gezeigt, als zwanzig oder dreißig mit allem, was ihnen gerade unter die Hände fiel, und was sich nur irgend dazu eignete, eine Flüssigkeit, sei es auch blos auf wenige Secunden zu bewahren, hinabstürmte und auffangen und trinken wollte.
Es gab hiergegen nur ein Mittel, und das hatte der umsichtige Tomson vorher bedacht und vorbereitet. Es galt hier nämlich nicht allein sich vor schwerer Verantwortung zu schützen, wenn das Gesindel vielleicht den Whiskey auffing und der Dampfboot-Capitain dann später eine Klage bei dem Gerichte der Weißen anhängig machte, daß man seinen Whiskey, als verbotenes Getränk, nicht etwa blos vernichtet, sondern geplündert habe; nein, es galt auch der Gefahr zu begegnen, daß die, schon überdieß aufgeregten Gemüther, durch unmäßigen Genuß des süßen Giftes vollständig gereizt und zu Handlungen getrieben würden, die zwischen weißen und rothen Männern doch nur zu bösem Blutvergießen führen konnten. Es gab aber, wie schon gesagt, ein Mittel, das zu verhüten, und der plötzliche und vollständige Erfolg, den dieses hatte, gab zu den komischsten und groteskesten Scenen Veranlassung.
Tomson sah nämlich kaum, daß die Seinen dem also preisgegebenen Whiskey mit jubelndem Freudenschrei zustürmten -- und kein Gott hätte sie, das wußte er recht gut, jetzt mehr davon zurückhalten können, als er sich rasch zu dem einen, gerade frisch ausquellenden Fasse niederbog; und die Wirkung, die sich gleich darauf herausstellte, war in der That fabelhaft. Irgend eine Veränderung des Whiskeystromes war nicht zu erkennen, die Sonne schien so freundlich und still darauf hernieder, und die schießende Fluth funkelte und blitzte in ihrem Glanz wie vorher, aber mit wildem Aufschrei fuhren plötzlich alle die, die sich eben noch so gierig darüber hergeworfen, zurück, die Gefäße, die sie in Händen hielten, schleuderten sie weit von sich, zwischen Andere hinein, daß diese wieder ihrerseits blitzesschnell auseinander stoben; die Kleider rissen sie sich ab und sprangen wie besessen umher, und zwanzig oder dreißig wohl, ohne recht zu begreifen, was mit ihnen vorgegangen und nur dem Schmerz gehorchend, der sie trieb, warfen sich ohne weiteres in den Strom, tauchten unter, und kamen nachher mit furchtsam entsetzten Gesichtern wieder zum Vorschein.
Und was _war_ denn die Ursache? -- der Whiskey _brannte_ und die lichtblaue, im Sonnenstrahl vollkommen unsichtbare Flamme, die sich aber gleichwohl mit elektrischer Schnelle dem ganzen Spiritus mitgetheilt und Alles erfaßt hatte, was mit diesem in Berührung gekommen, wurde natürlich von der erschreckten Schaar nicht eher entdeckt, als sie die Haut brannte und die Kleider erfaßte.
Zu dem Schmerz der Flamme kam aber auch jetzt noch bei Vielen, welche die brennbare Eigenschaft des Whiskeys gar nicht kannten, der starre Aberglaube. Das war der böse Geist, der in dem Feuerwasser hauste und ihre Glieder sengte; das war der fürchterliche Manito, der sie strafte, daß sie der Verführung gelauscht und den Trank der weißen Fremden entwendet hätten. Mit wildem Geschrei wollten sie nach allen Seiten hinaus und ein solcher panischer Schrecken erfaßte auch jetzt die oben auf der Uferbank Stehenden, die ebenfalls gar keine Ursache solch plötzlichen Wehrufs erkennen konnten, daß sie, wie die Uebrigen rasch in die Stadt hineinsprangen und nun bald, natürlich nichts anderes vermuthend, als einen jähen und feindlichen Angriff der Weißen, mit allen nur in der Eile aufgegriffenen Waffen zum vermeintlichen Kampfe zurückkehrten.
Wunderbar gleichmüthig benahmen sich aber vor allen anderen die, die gerade am meisten bei dem Vorgange betheiligt schienen. Dodge saß in höchster Gemüthsruhe auf einem seiner Karren, und amüsirte sich, wie sich das gar nicht verkennen ließ, ungemein über die lebendige Scene wilder Verwirrung, und selbst Capitain Burkner, obgleich von dem Mate und seinen Leuten gedrängt, die mit gewaffneter Hand Vergeltung für das geopferte Gut haben wollten, hielt diese zurück und sagte lächelnd: »er hätte gar nicht gehofft, seinen Whiskey zu so vortheilhaften Bedingungen abzusetzen.«
Das Entzünden desselben zerstörte ihn übrigens auf das vollständigste -- von den Indianern wagte sich keiner mehr, selbst auf hundert Schritt heran, und ehe zehn Minuten vergingen, war auch das letzte entweder in den Strom hinabgeflossen oder von der leckenden Gluth verzehrt worden.
»Nun, Dodge, Ihr ruht ja da gewaltig behaglich auf Eurem Karren, als ob gar Nichts in der Welt vorgegangen wäre, was _Euch_ interessiren könnte,« sagte der Capitain endlich zu diesem, als sich die Indianer auf der Uferbank beruhigt hatten, und er selber die Kiesbank wieder langsam bis zu dem Karren hinaufgestiegen war.
»Ist auch Nichts vorgegangen,« sagte Dodge, zeigte zwei Reihen blendend weißer Zähne, und sah mit dem einen Auge den Capitain und mit dem andern das Pferd an, das schläfrig vor dem Karren stand und sich nicht im mindesten um all das rege es umtosende Treiben bekümmerte -- »ist gar nichts vorgefallen -- blos ein Bischen Whiskey verbrannt -- noch mehr in Little Rock. -- Capitain Burkner kann sich anderen holen!«
»Capitain Burkner?« wiederholte dieser verwundert, »Capitain Burkner hat mit _dem_ Whiskey gar nichts mehr zu thun, mein Bursche; überlieferte und übernommene Waaren gehn den Dampfboot-Capitain, wie Ihr wohl recht gut wißt, nichts mehr an.«
»Dodge wird nicht so dumm sein und Whiskey annehmen, wenn Tcha-to-ga, der tolle Büffel, gesagt hat, Whiskey soll Berg hinunter laufen -- Tcha-to-ga ist Hund -- aber er lügt _nie_! Dodge ist sehr gleichgültig, ob Whiskey brennt oder ersäuft.«
»Hallo, mein Freund,« sagte aber jetzt, dem Halb-Indianer einen Schritt näher tretend, der Capitain -- »pfeift der Wind aus _der_ Richtung? gut, dann ist's besser, ich schenke Dir gleich reinen Wein ein, damit wir wissen, wie wir zu einander stehn. Kennst Du dieses Papier hier, he? -- weißt Du, was hier -- sieh wohl her -- weißt Du, was hier steht? -- »Ich betrachte die Waaren als von mir und auf meine Verantwortung übernommen, sobald sie das Dampfschiff verlassen haben und auf die Uferbank hinaufgerollt sind« -- nun? -- noch irgend etwas zu bemerken? -- Die Schrift hier ist _gültig_ -- zwei Advokaten, und Deine Häuptlinge Tomson und Ko-ha-tunk haben sie unterzeichnet, und ich will jetzt nur sehen, ob Deine Farm beim Dorfe der Creeks nicht so viel werth ist, als sechzehn Fässer ächter Monongehela Whiskey.«
»_Sechzehn?_« lachte der Halb-Indianer, und der ganze Ausdruck seines Gesichts nahm, als er auf die brennenden Ueberreste der Fässer deutete, einen eigenthümlich wilden, boshaften und tückischen Charakter an -- »sechzehn, so? und Dodge zählte nur -- doch -- =nebber mind= -- =by'm by= kommt Alles -- ist Capitain Burkner klug?«
»Bursche!« drohte dieser.
»Gut -- wenn Capitain Burkner klug, wird er wissen, Indianer sehr gut eine Fährte folgen. Indianer weiß -- sobald er in Schnee Bärenspuren findet -- wenn er an einem Ende ist, muß Bär am andern sein -- kann nicht fortfliegen von Spuren. Dodge ist Indianer -- Dodge fand große Bärenspur und Dodge kann nachgehen, Schritt bei Schritt.«
»Und was soll das hier?«
»Weiße Mann hat ein Papier -- Dodge hat seinen Namen drunter geschrieben -- Dodge war ein großer Narr -- Dodge weiß auch ein Papier -- weißer Mann hat _fremden_ Namen drunter geschrieben und weißer Mann war auch ein großer Narr --«
»Die Pest über Dich, Schuft, was soll das heißen?« rief der Capitain ärgerlich, aber augenscheinlich beunruhigt -- »ich habe Deine Unterschrift, in der Du erklärst, jedes Stück Gut, was ich für Dich von meinem Boot aus oben auf die Uferbank geschafft habe, als übernommen anzusehn. Kannst Du das läugnen?«
»Nein --«
»Gut, so weißt Du auch, daß ich _den_ Schein nur dem Gericht der Weißen zu überliefern habe, und Dein Haus und Feld bürgt mir dann für die Bezahlung meines Whiskeys.«
Der Halb-Indianer stieß ein tiefes Grunzen aus, faßte dann den Karren, auf dem er saß, mit beiden Händen, und schlenkerte seine Beine aus Leibeskräften.
»Ugh -- weiße Mann ist ein Thor,« sagte er nach einer Pause, in der ihn Burkner aufmerksam und mit verbissenem Zorn beobachtet hatte -- »giebt Indianer ein gut Reifel in die Hand, und kommt dann mit kleine Scalpirmesser gegen ihn an -- Dodge weiß besser!« und sein eines Auge schaute den einen Neger an, der dicht daneben mit seiner großen Karrenpeitsche knallte, während das andere die westwärts ziehenden Wolken zu betrachten schien.
»Verstehst Du Dich gutwillig dazu, mir den zerstörten Whiskey zu bezahlen oder nicht?« sagte der Capitain endlich, und sein Blick haftete in bitterem Ingrimm auf dem boshaft kalten Auge des Wilden -- »gieb kurze Antwort, denn in wenigen Minuten bin ich unterwegs, und Du weißt, der Arm der Vereinigten Staaten ist lang -- er reicht bis weit über die Felsengebirge hinaus zum stillen Meere, und erdrückt, was sich seinen Söhnen _hier_ feindlich oder widerspenstig entgegen stellt. Willst Du, oder nicht?«
Dodge glitt von seinem Sitz herunter, trat bis dicht an den Capitain heran, legte diesem in kecker Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter und sagte leise, aber bestimmt:
»Nein -- und noch mehr, Capitain -- Dodge ist schuldig zwei Fässer vom vorige Mal -- zahlt auch nicht -- und weshalb? -- Dodge weiß prachtvolles Geheimniß vom weißen Mann -- hat weißer Mann schon Strick um Hals gehabt? -- Ugh -- ist häßliches Gefühl, weißer Mann hat falsch Papier gemacht -- soll Dodge nach Little Rock gehen und das vorlegen?«
»Schuft!« rief der Capitain durch die zusammengebissenen Zähne hindurch.
»=Nebber mind -- by'm by!=« -- lachte der Wilde, ohne sich an das Wort weiter zu kehren -- »aber, Capitain --« und seine Stimme wurde zu einem leisen Flüstern, während er den Blick rasch umherwarf, und sich dicht zu dem Ohr des weißen Mannes hinüberbog -- -- »Dodge weiß ein Mittel für Euch, das Geld zu kriegen!«
Burkner sah ihn mißtrauisch an, es lag aber so viel boshafte teuflische List in diesem Augenblick in den Zügen des Gelben, daß er wenigstens nicht an dem ernsten Willen des Mannes zweifelte -- als er schwieg, fuhr Dodge ebenso leise fort:
»Kennt der weiße Mann Tcha-to-ga -- den tollen Büffel?«
»Das ist gerade der Schurke, der mir die ganze Verhandlung zu leiten schien!«
Dodge nickte mit freudigem Grinsen den Kopf und zischte weiter:
»Sein Wigwam ist letzter vom Dorf -- zwei Meilen von hier, gerade wo kleine Arm von Red Fork in Arkansas kommt -- Dampfboot-Holz an Ufer, große Stange und Scalpe dran -- Tcha-to-ga, gewaltiger Häuptling -- aber _Hund_ -- hat Dodge peitschen lassen -- schadet nichts -- =by'm by= --«
»Aber was soll's mit dem?« frug Burkner gespannt.
»Weißer Mann Thor -- begreift schwer,« brummte der Halb-Wilde -- »Tcha-to-ga hat Tochter -- einzig Kind, und ist ein Indianer -- zahlte lieber funfzig Faß, eh' er A-na-las-ka, die schwankende Birke, auf zwei Stunden in Gewalt von Weißen sähe -- hah!«
»Schlange,« rief der Capitain, »Du willst mich auf falsche Fährten locken, daß ich _Deine_ Spur verlieren soll und nachher keine Ansprüche mehr an Dich machen könnte. Mag Tcha-to-ga zum Teufel gehen, _Du_ bist der Mann, an den ich mich halte.«
»Ah tiesch ti,« lachte höhnisch der Gelbe, »Papier gegen Papier -- das gleiche Waffe ist -- Blaßgesicht weiß best, ob Dodge Recht finden kann oder nicht -- =by'm by=!«
Er wandte sich ab und wollte in die Stadt hinein, Burkner aber, der die finstere Entschlossenheit in des indianischen Händlers Zügen sah, und zu spät bereute, dem listigen Feind die Waffen gegen sich selber in die Hände gegeben zu haben, ergriff Dodge's Arm, während dieser lächelnd stehen blieb und über seine Schulter weg nach dem Fluß hinüber schaute.
»Tcha-to-ga ist Dein Feind?« frug lauernd der Weiße.
»Er ist ein Hund,« lautete die finstere Antwort.
»Und Dodge wird seine weißen Freunde führen und unterstützen?«
»Dodge geht nach Hause -- er weiß nicht, bei was er das Blaßgesicht unterstützen soll,« knurrte der Wilde, und ohne eine weitere Erwiederung abzuwarten, machte er sich von der Hand des Capitains los, und verschwand bald darauf mit seinen Wagen in der Straße, die durch die Stadt hin dem Inneren des Landes zuführte. Die Bevölkerung des kleinen Ortes war, wie sich das gar nicht verkennen ließ, gegen den Weißen sowohl wie auch gegen ihn, da er doch mit die Ursache des ganzen Vorfalls gewesen, gereizt, und er mochte nicht, durch zu langes Zögern vielleicht, das Ziel werden, gegen das sich der Ausbruch ihres Zornes richten mochte.
In dumpfes zürnendes Brüten versenkt, blieb der Capitain, seinem eigenen Nachdenken überlassen, am Ufer zurück -- und er stampfte in ohnmächtiger Wuth den Boden, wenn er daran dachte, wie machtlos er jetzt hier, der Weiße, Amerikaner, den grinsenden »rothen Hunden« von Indianern gegenüber stände. Sollte er, ein Spott und Gelächter dieser »kupferfarbenen Bande,« den Ort verlassen? und blieb ihm eine andere Möglichkeit, Genugthuung für den Schimpf sowohl als Ersatz für den Schaden zu bekommen? -- An Gewalt _hier_ durfte er nicht denken; er hätte wohl sein eigenes Boot selbst gegen eine Uebermacht vertheidigen können, aber an's Land durfte er sich nicht in feindlicher Absicht wagen; die verschiedenen Trupps, die kampfgerüstet und bewaffnet überall auf den einzelnen und höchsten Punkten der Uferbank zerstreut standen, würden seine kleine Schaar schon durch ihre Ueberzahl erdrückt haben -- und die _Gesetze_ -- _er_ hatte dagegen gehandelt, und es blieb ihm nur wenig Hoffnung, daß ihm der Staat da beistehen würde, wo er sich selbst im Unrecht fühlte.
»Zur Hölle mit dem Gesetz,« murmelte er leise vor sich hin -- »hätt' ich nur zwanzig Hände mehr an Bord!«
»Capitain,« sagte da die Stimme des Mate, der an's Ufer gekommen war, den Zögernden aufmerksam zu machen, wie der Fluß wirklich noch im Fallen und die Gefahr also vorhanden sei, daß sie auf dem Sande könnten zurückgelassen werden -- »wenn wir noch länger warten, steh' ich für nichts.«
»Soll ich den Whiskey hier im Stich lassen, und nicht meine Rache an den rothen Hunden nehmen können?« rief zürnend der Amerikaner.
»Ugh!« rief plötzlich ein tiefer Gaumenlaut dicht an seiner Seite, und als sich Burkner rasch wandte, stand Tcha-to-ga neben ihm und schaute finster und wild zu ihm nieder -- »Ugh -- das Bleichgesicht schreitet in den Fährten des rothen Mannes und tritt seinen Schatten mit Füßen -- er speit auf die Gräber seiner Väter und nennt die Kinder _Hunde_. Tcha-to-ga sieht einen Wolf und die Kriegskeule regt sich in seiner Hand!«
Der Weiße warf einen Blick voll giftigen Hasses auf den alten Mann und der Gedanke an den gerathenen Raub zuckte ihm durch's Hirn.
»Tcha-to-ga ist ein Thor,« zischte er endlich durch die zusammengebissenen Zähne hindurch, »daß er den Wolf noch reizt, der seine rechte Hand doch zwischen den Fängen hält!«
Der Indianer stutzte -- es lag ein eigner Ausdruck, ein zu sicheres Bewußtsein in den Worten, als daß sie der alte schlaue Krieger hätte mißachten sollen -- aber was konnten die dunklen Worte bedeuten?
»Bah!« sagte er endlich verächtlich -- »der weiße Mann hat die Zunge des Hehers -- er äfft die Stimme des Raubvogels nach, und sucht Würmer auf den Zweigen. Tcha-to-ga ist reich -- aber er gäbe Alles hin, was er besitzt, wenn seine Augen nicht mehr auf den bleichen Gesichtern der Fremden zu ruhen brauchten -- ihr Anblick ekelt ihn an!«
Es lag ein bitteres Wort auf Burkners Lippen, die stahlbewehrte Keule ruhte aber so fest in des zürnenden Kriegers Hand, daß er dem Grimm, der in ihm kochte, nicht Worte zu geben wagte -- desto gährender wuchs der aber auch mehr und mehr in ihm -- desto heißer trieb und drängte die rachedürstende Seele nach Befriedigung ihrer Leidenschaft -- nur die Furcht hielt ihn noch zurück. Wie dann, wenn er die Indianer hier in ihrem eigenen Lande thätlich beleidigte und -- verlor? -- Sein scheuer Blick schweifte fast unwillkürlich nach den Scalpstreifen nieder, die mit dem flatternden Haupthaar an Tcha-to-ga's Leggins hingen. Dem Häuptling entging aber der Blick nicht -- ein höhnisches Lächeln umzuckte seine Lippen und er sagte:
»Der weiße Mann nennt die rothen Kinder Manitos _Hunde_, aber er sieht scheu nach den Spuren, die sie im Sande zurücklassen -- geh! Tcha-to-ga's Arm hat den falschen Creek Indianer gestraft, weil er der rothen Frucht gleicht, die Labung verspricht und die Zunge brennt -- Tcha-to-ga ist stark und der weiße Mann ein Thor!«
»Wenn ich dem Schuft nur eins zwischen die schwarzen Augen hineindrücken dürfte!« brummte der Mate halblaut vor sich hin -- »hui, wie mir's in den Gelenken juckt!«
»Tcha-to-ga ist ein Dieb, der dem Weißen sein Gut raubt, weil er vielleicht selber heimlich damit handelt!« rief eben jetzt der Capitain, der zum Aeußersten gereizt und getrieben, seine Wuth nicht länger mäßigen konnte, und ihr wenigstens Worte geben mußte.
»Das _lügt_ das Bleichgesicht!« zürnte der Krieger und richtete sich, die Falten des Büffelfells von seinem rechten Arm zurückwerfend, hoch auf.
Durch den Wortwechsel herbeigelockt, näherten sich von rechts und links her einige der bewaffneten und jetzt noch vereinzelten Trupps, und der Mate, nicht mit Unrecht bei einem so ungleichen Kampf für ihre Sicherheit besorgt, ergriff den Arm des Capitains und flüsterte ihm zu, an Bord zurückzukehren. Capitain Burkner sah auch selbst wohl ein, wie gefährdet er hier unter den wilden drohenden Gestalten sei, aber sich nicht versagen konnte er es, den Feind wenigstens die Waffe fühlen zu lassen, die er, gerade gegen ihn, in Händen halte:
»Es ist gut, Tcha-to-ga,« rief er boshaft lächelnd aus und wandte sich, im Gehen begriffen, noch einmal nach diesem um -- »aber ehe die Sonne untergeht, die dort schon im Westen über den Wipfeln der Bäume hängt, zahlt mir der _tolle Büffel_ den Preis für den Whiskey -- und _mehr_ noch, wenn ich es verlange oder -- der weiße Mann macht sich selbst bezahlt!«
Und mit raschen Schritten eilten die beiden Männer an Bord ihres Bootes. Hier aber standen die Deckhands, auf des Mate's Befehl, schon zu augenblicklicher Abfahrt bereit, das eine Tau wurde rasch gelöst, die Planke eingezogen, der bis jetzt der Strömung zugekehrte Bug fuhr herum, und wenige Minuten später schoß das Boot mit der Strömung hinab, und so dicht am diesseitigen Ufer hin, als es das hier nicht übermäßig tiefe Fahrwasser nur irgend erlaubte.
Tcha-to-ga aber hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede Bewegung des Bootes beobachtet, und jetzt war es auf einmal, als ob ihn zum ersten Mal der Gedanke an die Gefahr durchzuckte, der seine eigene Heimath preisgegeben sei, wenn die weißen Männer während seiner Abwesenheit dort landeten. Ein eigenthümlich ausgestoßener, scharf gellender Ton rief mit Blitzesschnelle eine Anzahl der jungen Leute an seine Seite -- einige rasche Worte genügten -- fort stob die Schaar, im Laufe noch Andere anfeuernd, aufmunternd, und als das Boot, das allerdings zu Wasser eine kürzere Bahn hatte, wie sie, die sie der vollen Biegung des Stromes am Ufer folgen mußten -- kaum der jenseitigen Spitze gegenüber war, sprengte auch schon eine Anzahl ungesattelter Ponneys, die rothen kecken Reiter mit den wehenden Federn und Büffelhäuten auf ihren Rücken, in flüchtigen Sätzen am Ufer hin, der Wohnung ihres Häuptlings Tcha-to-ga zu.
* * * * *
Etwa zwei englische Meilen unterhalb Redtown, mündete ein kleiner Bach, oder eigentlich eine Art Bayo in den Arkansas, die nicht weit vom Creekdorf ab, aus der Red Fork selbst entsprang und nur bei hohem Wasserstande dessen Bett die rothlehmige Fluth entführte und dem größeren Strome zu leitete. Hier lag, ziemlich einsam und abgeschlossen, Tcha-to-ga's, des tollen Büffels, Hütte, wohl eine halbe Meile von den letzten Häusern, oder vielmehr Wigwams, des kleinen Städtchens entfernt, denn der untere Theil desselben war fast ganz indianisch und wurde sogar noch von Insassen bewohnt, die nicht selten, dem alten Nomadenleben treu, ihre Heimath gänzlich wechselten, die Zelte auf die Rücken ihrer Lastthiere warfen und dorthin zogen, wo die frischen Spuren der Büffel ihnen Nahrung und Jagdlust versprachen.
Tcha-to-ga dagegen hatte sich für einen nicht unbeträchtlichen Theil der Summe, welche die Vereinigten Staaten an alle Häuptlinge als Entschädigung der östlich vom Mississippi in Besitz genommenen Ländereien ausgezahlt, Neger-Sclaven gekauft und durch diese eine vortreffliche Farm, die sich eine volle englische Meile am Flußufer hinunterzog, anlegen lassen. Er selbst aber arbeitete natürlich nichts; als Häuptling lag ihm nur die Bekämpfung der Feinde und die Jagd ob, und am Berathungsfeuer lauschten die jungen Männer des Stammes mit athemlosem Schweigen seinen Worten.