Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 13
Der Capitain stand noch oben vor seinem »=bar room=« oder Schenkstand, als ein ungewöhnlich hellfarbiger Eingeborener, Einer der sogenannten =half breed=, von indianischer Mutter und weißem Vater abstammend, zu ihm trat und ihm ein, von den Uebrigen nicht bemerktes Zeichen gab, ihm einen Augenblick zu folgen.
Es war eine starkknochige, breitschultrige Gestalt, dieser Halb-Indianer, und zeigte sowohl in seiner Tracht wie Hautfarbe das Gemischte seiner Abstammung. Er trug allerdings wie Tomson die europäische Kleidung, den blau gewebten und frackartig ausgeschnittenen Rock, wie ihn fast alle Hinterwäldler tragen, eben solche Beinkleider und einen schwarzen Hut, aber kein Hemd. Das rothseidene Halstuch war um seinen nackten Hals geknüpft und die Füße staken in hellgelben rohgearbeiteten Moccasins, die, anstatt von Lederriemen, wie das gewöhnlich der Fall ist, von starkem aufgedrehten Bindfaden zusammengehalten wurden. Auch den indianischen Schmuck hatte er noch nicht ganz abgelegt; in den Ohren hingen ihm lange klappernde Perlenglocken, und ein aus rothem Wollenzeug geschnittener, mit weißen Perlen gestickter Gürtel war ihm fest um die Hüften geknotet und trug ein einfaches kurzes Messer, mit einem aus Büffelhorn roh zugeschnitzten Hefte.
So gemischt und unbestimmt aber auch sein Anzug sein mochte, so entschieden unangenehm, ja widerlich war der Ausdruck seiner Züge, und man wußte beim ersten Anblick wirklich nicht, ob das schielende linke unstete Auge, die dünnen zusammengekniffenen Lippen oder die niedere, von den schwarzen Haaren wirr umstarrte Stirn mehr die Schuld des ersten Abscheus trug.
Capitain Burkner folgte übrigens dieser wunderlichen Erscheinung augenblicklich, und trat mit ihr hinaus auf den Starbord Gangweg, wo der Halb-Indianer mit rascher und unterdrückter Stimme zu ihm sagte:
»Habt Acht, Captain -- sie wollen nicht Whiskey hier an Land nehmen, Santa Debbelo, wär' ein verfluchter Streich!«
»Unsinn, Dodge,« lachte der Capitain, »wenn es weiter Nichts ist; ich glaubte schon, es wäre wunder was vorgefallen. _Wollen_ den Whiskey nicht an's Ufer nehmen? ei Mann, sie _müssen_, und ihr Wollen wird da gar nicht befragt. Glaubst Du, daß ich die funfzehn Fässer voll wieder mit nach Little Rock, oder auch nur nach Fort Gibson zurücknähme? fällt mir nicht ein, seit fünf Jahren nun, oder wie lange das kleine Nest hier besteht, schaff' ich meinen Whiskey hier her und an Land, und ich werde heute wahrhaftig keine Ausnahme machen sollen, wo es vielleicht irgend einem Thoren gerade eingefallen ist, sich auf alte vergessene oder veraltete Gesetze zu berufen.«
»Sprecht nicht so laut,« bat der Halb-Indianer und sah sich dabei scheu um -- »Tomson ist sehr schwacher Mann, aber Tcha-to-ga ist schlimm. -- Tcha-to-ga hat viel Macht auf die Häuptlinge -- wenn Tcha-to-ga sagt nein -- kein Häuptling in Redtown sagt ja!«
»Aber was können sie thun, wenn ich ihn trotzdem lande?« frug der Amerikaner, durch die erhaltene Warnung doch etwas unschlüssig gemacht. --
»Wegnehmen« -- meinte Dodge.
»Bah, das haben sie neulich schon versucht und mußten ihn wieder herausgeben; das Nämliche wagen sie nicht zum zweiten Male,« lachte der Dampfbootscapitain -- »hahaha, Dodge, ich habe damals, das heißt unter uns gesagt, einen verdammt klugen Streich ausgeführt. In Little-Rock wollten sie von meiner Klage Nichts wissen, und da sie hier von Papieren verdammt wenig verstehen, so -- doch -- das thut Nichts zur Sache, und ob Du das weißt oder nicht.«
Der Halbindianer begriff aber nicht so ganz schwer, als der Amerikaner vielleicht vermuthete; ein tückisches Grinsen verzog wenigstens für einen Moment, aber auch nur so lange, seine Züge, die Sorge für das gefährdete Gut wurde bald wieder überwiegend, und er fuhr mit leiser, ängstlicher Stimme fort:
»Dann werden sie die Waare zerstören.«
»Sie sollens wagen,« knurrte der Capitain mit finster zusammengezogenen Brauen, »meine Leute sind lauter gute Schützen und dann -- hehehe -- geh ich denn nicht auf die Thorheit wirklich ein? Diese halb civilisirten Burschen haben etwas ungemein Nützliches in hohem Grade gelernt, die _Bedenklichkeit_ -- sie wagen es _nicht_.«
»Wenn aber doch?« wiederholte der vorsichtige Halbwilde seine frühere Befürchtung -- »will der Weiße sein Feuerwasser preis geben?«
»Capitain,« sagte in diesem Augenblicke der Lootse des Fox und öffnete die kleine Glasthüre, die hinaus auf den Gangweg führte, auf dem die beiden Männer standen -- »oh ich störe wohl« -- er wollte eben wieder zurück, Capitain Burkner streckte aber die Hand nach ihm aus --
»Bitte, Pilot, bleiben Sie doch einen Augenblick hier, ich muß Ihnen etwas mittheilen, bleiben Sie nur, ich habe hier nichts Geheimes mehr zu verhandeln und -- =prenez garde=« -- setzte er dann mit einem von Dodge nicht bemerkten Blick in französischer Sprache hinzu, von der er glauben konnte, daß sie der Halbindianer nicht verstehen würde.
Der Pilot kannte seinen Capitain zu gut, um nicht rasch zu begreifen, was Jener ungefähr beabsichtige und trat deshalb, einen Fuß auf den Schutz stemmend, der um den Gangweg herum lief, auf den Radkasten zu, von wo aus er, wie in Gedanken vertieft, nach dem Strom und dem jenseitigen Ufer hinausschaute.
»Wie sagtest Du vorher, Dodge?« frug jetzt Capitain Burkner, als ob er die Rede seines »Geschäftsfreundes« nicht verstanden habe.
Dodge hob den Kopf empor, obgleich ihn aber Burkner scharf fixirte, konnte er doch nicht genau bestimmen, auf wem, ob auf ihm oder dem Lootsen, sein Blick gerade ruhe; denn auf allen Beiden haftete eines der unheimlichen dunklen Augen des Wilden; endlich erwiederte dieser mit einem spöttischen Zucken um die Lippen:
»Will der Weiße Feuerwasser preis geben, wenn Tcha-to-ga es nimmt?«
»Ja« -- lautete die mit einem Blick auf den Lootsen gegebene Antwort -- »so lange ich es in Verwahrung habe -- hast _Du_ es aber erst einmal _übernommen_, dann gehört es Dein und geht mich Nichts weiter an.«
»Gut,« sagte Dodge -- »wollen sehen.«
»Aber halt, noch eins, mein Bursche,« rief ihm der Capitain nach, als er schon die Starbord Cajütentreppe hinunter an Deck springen wollte. »Ging es denn gar nicht an, daß ich die Red Fork hinauf bis gleich zu Eurem Dorf, oder doch wenigstens ein Stück hinaufführe? nachher brauchten wir den ganzen Streit mit Denen in Redtown nicht und könnten sie noch hinterdrein auslachen.«
»Geht nicht,« sagte Dodge und stieg die letzten Stufen der kleinen Treppe hinunter -- »nur vierzehn Zoll Wasser auf Sandbank, und Fox zieht zwanzig.«
»Ei so geh zum Teufel,« brummte Burkner leise vor sich hin, als er sich scharf auf seinem Absatz herumdrehte; »Du bist mir gut genug für funfzehn Fässer, und schützen mich die Vereinigten Staaten auch nicht in einer Klage auf Schadenersatz für, in das Indianische Territorium geführten Whiskey, so thun sie es jedenfalls bei einer _Schuldforderung_, die ich an einem der rothhäutigen Ansässigen darin halte. Ihr habt doch gehört, was wir mit einander abgemacht, Pilot?«
»Ja,« erwiederte dieser, »aber ich sehe nicht ein, was Ihnen das helfen soll -- der Bursche ist schlau genug den Whiskey nicht eher wirklich zu übernehmen, als er sich vollkommen sicher weiß.«
»Haha,« lachte da Burkner, »er _hat_ ihn aber übernommen, sobald ich ihn an's Ufer geschafft habe; unser _schriftlich_ abgefaßter Contrakt, noch von früherer Zeit her, lautet dahin; im äußersten Fall also hätt' ich wenigstens einen Rückhalt, aber ich denke auch noch selber mein gutes Recht vertheidigen zu können -- es ist überdieß die letzte Fahrt, die ich mit dem Fox, als dessen Capitain mache, und der nach mir Kommende mag später sehen, wie er mit den Eingeborenen selber fertig wird.«
»Capitain Burkner,« rief in dem Augenblick vom Deck aus die Stimme des Mate[6] -- »Alles fertig -- können wir anfangen?«
[6]: Der Mate oder Steuermann, der zweite im Befehl nach dem Capitain auf allen Fahrzeugen.
»Sind denn die Karren da, die Dodge schicken wollte?« frug der Angerufene zurück, indem er selbst nach dem Boilerdeck zuschritt.
»Da kommen sie eben aus der Straße heraus,« sagte der Mate, und kletterte vorne am Lastrad, das gerade über der Luke vor dem Boilerdeck angebracht war, zu diesem hinauf; »ich denke wir schaffen am besten das Mehl und den Whiskey gleich hinaus, und hielten uns dann nicht mehr überlang hier oben auf; erstlich fühlt man sich zwischen den rothen Hallunken nie ganz wohl, und dann hätt ich auch gern, daß wir vor Dunkelwerden über die letzte Sandbank zurückkommen; unser alter Fox hält nicht mehr viel Püffe aus und das Wasser fällt. Wird es aber nur noch drei Zoll niedriger, als es schon ist, so bleiben wir ohne Gnade und Barmherzigkeit sitzen, ich habe selbst das Senkblei ausgeworfen, und weiß, wieviel Raum wir haben müssen.«
»Nun dann bleibt mir ja nicht einmal mehr _Zeit_ zum Ueberlegen,« sagte der Kapitain rasch, »gut denn, Mate, geht ans Werk und seht, wie bald Ihr Eure Arbeit beenden könnt.«
»Soll nicht lange dauern, Sir,« erwiederte dieser, augenscheinlich zufrieden mit der erhaltenen Antwort. »Holla da unten, Ihr Ben, Virginny, he Ned' -- aus mit den Fässern; Ihr schafft sie an Deck und die Feuerleute schaffen sie ans Ufer -- munter, rührt Euch, Donnerwetter, schlaft da unten nicht ein mit den Haken -- dauert das eine Ewigkeit.«
»Ay Ay, Sir!« lautete die Antwort der geschäftigen Arbeiter -- während ihr »A oy-- i!« mit dem vollen Accent auf der letzten, hoch und scharf ausgestoßenen Silbe weit hin über das Ufer klang und die kleine fröhliche Schaar der indianischen Kinder, Knaben und Mädchen im Nu verlockte, auf einer dort ans Land gezogenen alten und halb verfaulten Pirogue[7] alle Bewegungen und Laute nachzuahmen, die sie als Muster von dem vor ihnen liegenden Dampfboot sehen und hören konnten.
[7]: Eine große Art von Canoe.
Mehlfaß an Mehlfaß stieg jetzt aus dem engen »Hold« des Dampfbootes auf und wurde von den rußigen Händen der Feuerleute eben so rasch über die schmale, schwankende Planke hin ans Ufer gerollt, wo die verschiedenen Käufer, die großentheils schon im Fort Gibson den Handel mit dem Capitain abgeschlossen hatten, das ihre entweder wieder in Canoes nehmen ließen, um es selber mit stromab oder auf zu nehmen, oder auch gleich, falls sie in der Stadt hier wohnten, die einzelnen Fässer selber durch ihre Squaws in die benachbarten Wohnungen wälzen ließen.
Indessen arbeitete die Mannschaft des Fox rüstig fort, und laut hin schallte der Chorgesang der Arkansas Boote:
»=If we go down to New-Orleans And land her on long side, There wi'll discharge our cargo All to our captain's pride; There wi'll discharge our cargo, Without any dread or fear, And damn my eyes if I do'nt knock down The man that insults my dear.=«
Und dann der Chor, während sich die Heraufziehenden mit erneuten Kräften in die Seile hingen und nach dem Takt mit den Händen wechselten:
»=Little Rock in Arkansaw The damnest place I ever saw Little Rock, oh bless my soul A miserable wolfish hole=«
Während die Leute hiemit auf das emsigste beschäftigt waren und Mehl und Pökelfleisch, Salz, Blei, Pulver, wollene Decken und Stangen rohen Eisens -- denn es gab unter den Cherokesen und Chocktaws schon recht wackere Schmiede, die das Letztere wohl zu jedem Gebrauch verarbeiten konnten -- an's Ufer schafften, hatte sich oben unter den Neugierigen auch eine Gruppe von Männern gebildet, die das ganze Verfahren an Bord des Fox mit augenscheinlich weit größerem Interesse beobachteten. Es waren dieß die Häuptlinge Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk -- die große Krähe, ein anderer »=chief=,« der zu den Angesehensten des Ortes gehörte, und bei den Berathungen ebenfalls eine ziemlich entscheidende Stimme abgab. Diese drei nun standen zusammen und schauten schweigend nach den Fässern hinüber, wie sie aus dem »Hold« emporstiegen, und noch hatte keiner von ihnen auch nur eine Silbe geäußert, als Tcha-to-ga plötzlich ein lautes und tief aus der Kehle heraufgeholtes _Wah!_ ausstieß, und mit der Hand nach der Bootsluke deutete.
An der Kette, von den beiden kräftigen Haken gehalten, schwang eben ein starkes Faß empor, und der rothangestrichene[8] Boden desselben verrieth nur zu deutlich was es enthalte.
[8]: An den Whiskeyfässern in den ganzen Vereinigten Staaten ist stets der eine Boden zinnoberroth angestrichen.
»Wah!« sagte Tcha-to-ga und deutete hinab -- »die Weißen bringen dem rothen Mann seine Farbe, aber die Kinder Manitos sind nicht blind; sie können einen Truthahn-Geier wohl von einem Truthahn unterscheiden -- kommt! --« Und ohne weiter eine Antwort der anderen Beiden die noch unentschlossen zu sein schienen, abzuwarten, schritt er rasch die ziemlich steile Bank zum Boot hinab. Tomson und Ko-ha-tunk zögerten aber auch nur einen Moment, und noch war ihr kühnerer Gefährte nicht in Sprungslänge von ihnen entfernt, als sie ihm ebenfalls folgten und nun mit ihm zugleich, gerade in dem Augenblick die Planke erreichten, als Einer der Deckhands das vorhererwähnte Faß, dem schon ein anderes ähnliches in der Luke folgte, an's Ufer rollen wollte.
Der Capitain stand, seine Cigarre rauchend, oben vorn auf dem Hurricanedeck und schaute mit vorgebogenem Körper, während er sich mit der linken Hand an einen der starken Drähte hielt, die den großen eisernen Schornsteinen Festigkeit geben müssen, nach vorn herunter.
»Halt!« sagte da Tomson, der am besten von den Dreien Englisch sprach, und legte dabei seine große breite Hand auf das Faß. Der Deckhand blieb stehn, und sah erstaunt zu ihm auf -- »rollt das Faß zurück.«
»Halloh da unten!« rief jetzt der Capitain, der etwas Aehnliches schon erwartet haben mochte, vom oberen Deck nieder -- »was giebts da? he, Tomson, was solls?«
»Capitain Burkner« erwiederte Tomson, und trat einige Schritte zurück, um zu dem Capitain besser aufschauen zu können, »dürft keinen Whiskey hier an's Ufer schaffen -- ist gegen das Gesetz!«
»O Unsinn, Tomson« lachte Burkner -- »Ihr habt dieselbe Geschichte schon einmal gehabt -- Ihr braucht ihn ja nicht zu trinken; das Gesetz ist gegen das Trinken, nicht gegen das in Fässern halten. Whiskey ist auch gute Medicin, zum Einreiben und Waschen. Mach fort, Virginny -- roll' es zu den übrigen hinauf, aber etwas mehr links -- es wird gleich abgeholt.«
Virginny, wie ihn der Capitain nannte, war eine wunderliche Gestalt, mit langem, sonst bei den Amerikanern höchst ungebräuchlichen Schnurrbart, dem ein um den Kopf geschlungener dünner Shawl dabei noch etwas Muselmännisches gab -- er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten. Kaum hörte er des Capitains Befehl, als er sich niederbog, die breite Schulter gegen das Faß stemmte, und seine Arbeit auf's Neue begann.
»Halt!« sagte aber da Tomson, dessen Antlitz jetzt einen ihm sonst nicht so eigenen Ausdruck von finsterer Entschlossenheit angenommen hatte -- »Ihr dürft nicht weiter gehen -- zurück da, weißer Fremder, dieß Land gehört dem rothen Manne!«
»Rothen -- Narren hätt' ich bald gesagt,« brummte Burkner, »wir wollen ja weder Euer Land, noch sonst etwas von Euch, Mann, im Gegentheil, wir wollen Euch etwas _bringen_, und Ihr macht einen Lärm als ob Euch das größte Unglück passiren sollte. Kommt einmal herauf, Tomson und laßt den Burschen seine Arbeit thun.«
»Das Gesetz,« sagte aber der Indianer ernst und seinen Platz behauptend, »das Gesetz verbietet weißem Mann Whiskey in indianisches Territorium zu schaffen -- ja es verbietet ihm sogar, das Feuerwasser, selbst in dem kleinsten Maaß, an den rothen Mann zu verkaufen. Die Stämme haben Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk zu ihren Häuptlingen erwählt, und Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk sagen, kein Whiskey soll, so lange wir es hindern können, nach Redtown hineingeschafft werden.«
»Aber er kommt auch nicht nach Redtown hinein,« rief Burkner jetzt ärgerlich werdend, »Tod und Teufel, Mann, dort stehen schon die Karren, die ihn ins Land, in das Dorf der Creeks, oder wenigstens in die Nähe desselben führen; schreit deshalb nicht eher, ehe man Euch ein Leides gethan. Mach kurz, Virginny, =damn it= Bursche, bezahl ich Dich dafür, daß Du den ganzen Tag da halten bleibst, und die rothen Gesellen anstarrst, als ob Du in Deinem Leben keine kupferfarbene Haut gesehen hättest -- hinauf mit dem Faß!«
»Fort da, =my old fellow=,« rief aber auch jetzt seinerseits Virginny, aufs Neue die Kraft an dem schweren Faß versuchend, »fort da vorn und gebt Raum -- Wetter, Mann, glaubt Ihr ich könnte das Faß über Euch weg rollen? --
=room boys, room, by the light of the moon and it's: why shouldn't ev'ry man enjoy his own room.=«
Virginny warf sich mit aller Kraft gegen das Faß, und wollte es augenscheinlich auf Tomsons Füße rollen, damit dieser ihm aus dem Wege mußte: kaum hatte er aber sein ganzes Gewicht dahinter gebracht, als er plötzlich Tcha-to-gas schwere Hand auf seiner Schulter fühlte, und im nächsten Moment fand er sich auch durch eiserne unwiderstehliche Gewalt von der Planke hinab in den, hier allerdings kaum zwei Fuß tiefen Strom geschleudert.
»Pest und Gift!« schrie Burkner vom Hurricanedeck aus, »das ist Gewalt, und das sollt Ihr mir theuer genug bezahlen. He Tom, Ben, Jim -- vor, Ihr Burschen; die Pest über die rothen Hunde, nehmt Eure Büchsen, und -- den ersten, der Hand an Euch legt, schießt über den Haufen -- _ich_ verantwort' es. Wenn etwas Ungesetzliches durch Weiße geschieht, so dürfen sie sich bei der Regierung der Vereinigten Staaten darüber beklagen, aber nie selber mit eigener Hand ihr Recht durch Gewalt erzwingen.«
Burkner konnte von da, wo er stand, das ganze Ufer leicht, bis in die Straßen hinein überschauen, und er sah recht gut und mit einem Blick, daß er von den versammelten Indianern, die fast alle unbewaffnet am Ufer standen, nichts zu fürchten hatte. Virginny kam auch in diesem Moment naß und wüthend die kiesige Bank herauf gesprungen und wollte sich im ersten Zorn rücksichtslos auf den Häuptling werfen; dieser aber behauptete ruhig seinen Platz, trat nur mit dem rechten Fuß einen Schritt zurück und hob seine, mit dem scharfen Stahl bewaffnete Keule, der Blick aber, den er dabei auf den Heranstürmenden schoß, war so fest und voll so tödtlichen Hasses, daß dieser trotzig wohl, aber doch eingeschüchtert anhielt, und endlich, mit einem bitteren Fluch auf den Lippen, über das Faß hinweg wieder auf die Planke sprang, die zum Boot hinüber führte.
Dort eilten aber auch jetzt die beiden Lootsen, der Mate, die Ingenieure und der Capitain, Alle bis an die Zähne bewaffnet, herbei, und Burkner selber, der die Cajütentreppe in aller Eile mehr herunterstürzte als sprang, erklärte jetzt dem ruhig dabei stehenden Tomson, sie selbst die Indianer, hätten den Frieden gebrochen und zuerst Hand an einen weißen Mann gelegt; auf ihre Gefahr also auch die Folgen, soviel aber versicherte er sie und schwöre es bei seinem Manito, einen Schwur, den er nie gebrochen -- er log das, als er es sagte, aber er sah aus als ob er die Wahrheit rede, -- daß er den ersten, der sich der Arbeit seiner Leute thätlich entgegenwerfen, und dadurch die »Bewegungen frei geborener Amerikaner« behindern würde, mit eigner Hand über den Haufen schießen wolle.
Nun hat der Indianer, was offenen Kampf betrifft, eine eigene Natur; er ist nicht feige, aber er hält es auch für eine sehr große Thorheit, und nicht Tapferkeit, sich auf freiem Plan einer gezogenen Büchse frei entgegen zu stellen. Wo er zum Handgemenge kommt, kämpft er mit ruhiger und verzweifelter Entschlossenheit, aber er benutzt auch jede Gelegenheit seinen Körper zu decken und hält es, seinen Kriegsgesetzen nach, keineswegs für unmännlich oder gar feige, aus dem Hinterhalt eine günstige Gelegenheit zu erwarten, seinen Feind unschädlich zu machen.
Hier also standen die drei Häuptlinge, fast unbewaffnet, denn was konnten sie mit ihren Kriegskeulen gegen die rasche und tödtliche Kugel ausrichten, den Amerikanern gegenüber, die, wenn es später vor den Gerichtshof der Vereinigten Staaten gekommen wäre, doch am Ende recht bekommen hätten, so lange sie nur der Gewalt ebenfalls wieder mit Gewalt entgegentraten.
Tcha-to-ga allerdings schien nicht übel Lust zu haben seinen Platz, auf jede Gefahr hin, zu behaupten, denn sein Blut war dadurch, daß er zuerst selbst Hand angelegt hatte, erregt worden, ein paar von Tomson in indianischer Sprache geflüsterte Worte aber bewogen ihn doch von solchem Vorhaben, wenn das überhaupt, in seinem Plan gelegen, abzustehen, und er und Ko-ha-tunk traten, den Weg frei lassend, von der Planke zurück und nur Ko-ha-tunk wandte sich gegen den Capitain, der diese Bewegung mit höhnischem triumphirenden Lächeln beobachtete.
»Es ist nicht gut, Blut zu vergießen,« sagte der Indianer, »das Feuerwasser hat schon zu viel Blut vergossen, und deshalb wollen wir es gerade von uns fern halten -- wäre das erreicht, wenn jetzt die weißen Männer auf uns schössen? -- nein, Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk würden fallen, aber keiner der Weißen würde seinen Wigwam wieder sehen. Der Geistervogel würde Nachts in den Zweigen über seinen Zeltstangen sitzen und über der rauchlosen Stätte sein Todtenlied singen, dem unten die schluchzenden Squaws horchten; Gras würde in dem Pfad wachsen und Waldblumen, den sonst der Jäger betrat, wenn er unter seinem Thierfelle vorschritt, dem Wild zu folgen. Und mit der Sonne würden viel Krieger kommen den Tod ihrer Brüder zu rächen -- weh! -- Ko-ha-tunk sieht die Erde roth mit dem Blut der Krieger wie das Ende jenes Fasses ist.«
»Es ist nur gut, daß Ihr Verstand genug habt das einzusehn!« lachte der Capitain.
»Gut so« -- fuhr der Wilde ruhig fort. »Indianer ist friedlich -- er hält seine Streitkeule ruhig im linken Arm, aber Indianer hat auch weißen Mann verboten das Feuerwasser in seine Jagdgründe zu bringen -- Feuerwasser macht rothen Mann faul und träge -- kann nicht jagen, legt sich unter einen Baum bis dunkel ist, und Squaws sitzen in Wigwam und kochen Wurzeln -- kein Fleisch -- Whiskey macht Indianer fechten -- schießt seinen Bruder und seinen Vater -- Whiskey ist nicht gut.«
»Das ist eine sehr schöne Rede,« erwiederte ihm Capitain Burkner, der den geschwätzigen Wilden sehr zum Aerger seines Mate ruhig und geduldig angehört -- »ich will mich auch gar nicht darauf einlassen das darin Gesagte etwa zu bestreiten, aber jetzt, meine wackeren Burschen, gebt Raum da vorn. Denn, bei Gott, ich warte nun nicht länger mehr. Der Fluß fällt, und ehe eine Viertelstunde vergeht, muß der Whiskey am Ufer sein!«
»So thu' es denn auf Deine eigene Gefahr, Du hartnäckiger weißer Mann!« rief jetzt Tomson, wandte sich, und stieg raschen Schrittes die Uferbank hinauf -- der Raum war nun frei, die beiden anderen Häuptlinge zogen sich ebenfalls langsam zurück, und unter dem jubelnden _Ahoy_ der Leute, die zuerst, wie zum Hohn, dem »wackeren Magistrat von Redtown« drei schallende Hurrahs brachten, wurden die rothbestrichenen Fässer rasch, den übrigen nach, die Bank hinaufgerollt, und Capitain Burkner selbst ging mit hinauf, um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden Dodge zu übergeben.
Hier aber fand er sehr ungehofften Widerstand. Dodge nämlich, mit den Sitten und Gebräuchen der Indianer, unter denen er aufgezogen worden, auf das genaueste bekannt, sah bald, daß irgend etwas im Werke sei, und die Häuptlinge sich keineswegs auf solche Art, mitten unter den Ihren würden Trotz bieten lassen. Capitain Burkner war auch wirklich nur durch seine, bis jetzt oft ungestraft hingegangenen Umgehungen der Gesetze so kühn geworden, und glaubte jetzt um so kecker auftreten zu können, da es ja überhaupt das letzte Mal war, daß er diesen Handelsplatz zu berühren gedachte.