Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 11
Auch in seinen Bewegungen dort oben an dem Berghang war er freier geworden, denn er fühlte sich jetzt sicher, daß er nicht gestört werden könne. Einmal allerdings hatte er im Wald ein paar Kinder angetroffen, die nach Heidelbeeren suchten und sich ausnahmsweise dort hinauf verloren haben mochten. Diese aber erschracken so furchtbar bei seinem Anblick und stürzten sich in so wilder Flucht den ziemlich steilen Hang hinunter, daß er sie gar nicht über seine Ungefährlichkeit beruhigen konnte. Er bekam sie von da an auch nie wieder zu sehen.
Und wo war sein Bauch geblieben, wo sein Halsleiden? Den Hals hielt er sich allerdings noch immer warm und die Cravatte legte er nicht ab, aber er spürte nicht das Geringste mehr von seinen sonstigen Schmerzen und war selbst keinen Erkältungen mehr ausgesetzt.
Wo hätte er sonst es wagen dürfen, Abends nach Sonnenuntergang an irgend einem der Nachtluft zugänglichen Ort zu verweilen? Jetzt saß er regelmäßig jeden Abend bis zehn oder halb elf Uhr mit dem Förster in dessen Garten, wobei ihn nur das genirte, daß der Förster Bier trank und dieses noch bei ihm zu den verbotenen Genüssen zählte.
Aber Gott sei Dank nicht lange mehr -- morgen war seine monatliche Kur um, dieselbe gewissenhaft zu dreißig Tagen gerechnet. Selbst den einen Regentag hatte er sich nicht geschenkt, sondern dafür eben diesen letzten zugegeben, sonst würde er sich schon heute als freier -- als trichinenfreier Mensch haben betrachten können. Seine Gewissenhaftigkeit ließ das aber nicht zu; er hatte dem Doctor sein Wort gegeben und wollte es halten -- nur heute noch, dann hatte er ja doch Alles überstanden.
Uebrigens wurde es auch Zeit, daß er hier fortkam, wenn er sein Incognito -- denn er reiste unter dem unscheinbaren Namen Müller -- hier noch länger bewahren wollte, da fast mit jedem Tage neue Fremde ankamen. Reinhardtsbrunn und Friedrichsroda waren nämlich schon so überfüllt von Gästen, daß dort kaum noch Einzelne untergebracht werden konnten, und die Folge davon die, daß sich die Fremden über die nächsten kleinen Orte in der Nachbarschaft und natürlich im Wald zerstreuten. Tambach hatte denn auch schon fünf oder sechs Berliner Familien als Einquartierung erhalten. Er verkehrte übrigens gar nicht mit ihnen. Es lag ihm Nichts daran, hier neue Bekanntschaften anzuknüpfen; trug er doch nicht einmal seinen Orden, denn er war als _wirklicher_ Geheimer Regierungsrath hierher gekommen. Was kümmerten ihn auch die Berliner, die nur hierher gefahren schienen, um sich über Alles lustig zu machen. Auf heute Abend schon hatte er sich eine Extrapost nach Gotha zur nächsten Eisenbahnstation bestellt und mit diesem beruhigenden Gefühl trat er zum letzten Mal seine Wanderung in die Berge an.
Und jetzt that es ihm fast leid, daß er den schönen Wald wieder so bald verlassen sollte. Früher hatte er allerdings nicht begriffen, wie man an Bäumen ein solches Vergnügen haben könne, wenn sie nicht gemalt im Zimmer hingen oder als Coulissen auf dem Theater standen; er war bis jetzt ein reiner »Stadtmensch« gewesen, der nur eine Existenz in regelmäßigen Straßen und Alleen für möglich und erträglich hielt. Jetzt hatte sich das geändert und er sogar gelernt, Freude an dem geheimnißvollen Rauschen der Wipfel zu finden und dem Zwitschern der Vögel fast mit ebenso viel Vergnügen zu lauschen, als sonst irgend einer berühmten Sängerin oder einem Virtuosen. Auch das »Luftbad,« vor dem er sich früher gefürchtet, war ihm liebgeworden und dabei, mit dem Wald dort oben, ja mit jedem Baum in der langen Zeit bekannt geworden, hatte er den anfänglichen Kreislauf um das Haus, mit dem er begonnen, nach und nach zu einem wirklichen kleinen Spaziergang ausgedehnt. Besonders zog ihn dabei eine Stelle an, die tief versteckt im Dickicht lag und wo er, von einem vorspringenden Felsen aus eine dicht unter ihm liegende kleine, nicht sehr verwachsene Dickung, mit offenen Rasenflecken darin, übersehen konnte. Dort drinnen stand regelmäßig in dieser Tageszeit ein Rudel Rehwild, und da er sich wohl hütete, sie je zu stören, sondern immer vorsichtig hinter seinem Versteck, einem dichten Busch blieb, so konnte er sie von dort aus auch stets in ihren harmlosen Spielen beobachten und sich an ihnen freuen. Ja, er hatte sich dort sogar einen kleinen »Sperrsitz« hergerichtet, wie er es nannte, und zwar einen Platz mit weichem Moos so dick aufgepolstert, daß er wie in einem Lehnstuhl darin saß. Dabei strömte der glatte Felsen um ihn her eine wohlthuende Wärme aus und wenigstens eine Viertelstunde an jedem Tag besuchte er die Stelle und freute sich an dem Anblick des harmlosen Wildes.
Auch heute hatte er natürlich den Platz besucht, um Abschied von seinen Rehen zu nehmen -- aber auch nur heimlichen, denn stören wollte er sie nicht oder gar erschrecken, und so saß er denn heute, nachdem er seinen gewöhnlichen, ärztlich befohlenen Spaziergang gemacht, auch wohl ein klein wenig länger als gewöhnlich, auf seinem Lieblingsplatz. Da scheuten die Rehe plötzlich -- der Bock sicherte empor und dann verschwanden sie alle in der nächsten Dickung. Hatten sie ihn gewittert? Das war nicht gut möglich, denn er saß so vollkommen gedeckt, und der Luftzug schlug schräg über den Hang hinüber -- aber es kam ihm jetzt fast selber so vor, als ob er Stimmen und Lachen in nicht zu großer Entfernung höre. Sollten wirklich Menschen in der Nähe sein?
Der Geheime Regierungsrath sprang etwas erschreckt von seinem bequemen Sitz auf, da er noch dazu nicht einmal Rücksicht mehr auf die schon entflohenen Rehe zu nehmen brauchte. Er horchte auch aufmerksam, ob er vielleicht eine genauere Richtung bestimmen könne, von welcher das Geräusch herüberschalle, aber jetzt war Alles wieder ruhig -- irgend ein anderer Laut hatte ihn vielleicht getäuscht -- aber weßhalb waren die Rehe da unten flüchtig geworden? Doch wer wußte, was die gewittert hatten; vielleicht einen Fuchs, vielleicht einen Holzhauer -- vielleicht auch Kinder, die da unten Heidelbeeren suchten. Trotzdem wurde es Zeit, daß er sich auf den Rückweg machte; er durfte heute überdies nicht zu spät in seinem Wirthshaus eintreffen, da er noch mit der Post weiter wollte und immer noch außerdem einer kurzen Zeit bedurfte, seine Rechnung durchzusehen und zu zahlen und einen Abschiedsbesuch bei dem Förster zu machen. Ohne sich deßhalb länger aufzuhalten, warf er noch einen letzten Blick in das freundliche kleine Thal hinab und wandte sich dann direkt dem Pirschhaus wieder zu.
Dort hatte sich indessen Einiges verändert und der kleine abgeschiedene Platz lag heute nicht so still und einsam wie gewöhnlich, denn eine Berliner Picknick-Partie war an diesem Morgen auf Entdeckungsreisen in den Wald gezogen und zufällig in diesen reizenden Waldwinkel gefallen, wo denn auch augenblicklich beschlossen wurde, Halt zu machen und zu frühstücken.
Berliner sind aber nur in sehr seltenen Ausnahmsfällen blöde, und so kam es denn auch, daß sich die jungen Herren der Gesellschaft, als sie den Schlüssel der Pirschhütte im Schloß fanden, augenblicklich daran machten, das Innere derselben zu untersuchen. Einer von ihnen klopfte an, ein Anderer rief »Herein« und als so allen Formen genügt worden, betraten sie den kleinen Raum, wo ihnen dann vor allen Dingen des Geheimen Regierungsraths Garderobe auffallen mußte.
Dieser war nämlich -- von Jugend auf an ein Junggesellenleben gewöhnt -- sehr ordentlich und hatte also auch seine ausgezogenen Kleidungsstücke in schönster Reihe auf den Tisch gelegt; zuerst den Rock, dann die Weste, dann die Unaussprechlichen -- ober und unter -- und zuletzt sogar das Hemd, so daß es aussah, als ob sich da eben erst Jemand entkleidet habe, der nur in die Nebenstube in ein Bad gegangen sei. Aber das Pirschhaus hatte gar keine Nebenstube, ringsumher im Wald waren sie schon gewesen -- wo um Gotteswillen befand sich also das Menschenkind, das sich hier ausgeschält und seine »irdische Hülle« dann zurückgelassen?
Die Damen zogen sich allerdings augenblicklich scheu zurück, als sie merkten, daß gar _Nichts_ an der Garderobe fehle. Die Herren wurden aber dafür um so begieriger auf die Lösung des Räthsels und Einer stellte sogar die Vermuthung auf, daß hier ein Verbrechen vorliegen könne, und irgend ein unglückliches Menschenkind erschlagen und seiner Kleider beraubt worden sei, um nicht später durch sie erkannt zu werden, und seine Mörder dadurch in Gefahr zu bringen. Doch dem widersprachen die sorgfältig geordneten Gegenstände.
Eine Uhr fand sich freilich nicht, denn zu der hatte sich der Geheime Regierungsrath eine Tasche in seine Schwimmhose machen lassen, da er doch immer wissen mußte, wie lange er ausblieb -- aber in der Westentasche stack Geld und auf dem Tisch lag neben den Sachen auch noch eine Brieftasche, eine silberne Schnupftabaksdose und eine Brille -- jedenfalls also Gegenstände, die einem ältlichen Herrn gehören mußten -- auch ein Regenschirm lehnte in der Ecke.
»Meine Herrschaften,« rief da der eine junge Mann, ein losgelassener Schnittwaarenhändler aus der Metropolis, »jedenfalls ist die Entdeckung, welche wir hier gemacht haben, außerordentlich und es dabei unsere verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, jede mögliche Kunde und Aufklärung darüber zu gewinnen. Ich schlage also vor, daß wir die Brieftasche untersuchen, um darin vielleicht den Namen des Unglücklichen zu erfahren, der gewiß irgendwo draußen im Walde an einer Eiche hängt, oder unter einer Buche ermordet liegt. Assessor, Sie sind ein Theil des Gerichts -- ein angehender Tribunalrath -- kommen Sie einmal als Zeuge her, ob wir nicht eine Briefadresse oder Visitenkarte finden.«
Ohne Weiteres öffnete er auch die Brieftasche und schon im ersten Fache entdeckten sie drei oder vier Karten, die alle den Namen G. Braunfeld, Geheimer Regierungsrath, trugen.
»Das ist merkwürdig,« sagte der junge Schnittwaarenhändler, »ein Geheimer Regierungsrath, der hier aus der Schale gekrochen ist.«
»Zeichen in der Wäsche stimmt -- G. B.,« berichtete der Assessor, der indessen das fragliche Stück untersucht hatte.
»Und was nun?«
»Ja, was nun? Anzeige müssen wir jedenfalls von dem Funde machen, aber ich weiß nicht, ob wir die Sachen an uns nehmen können, denn wenn der betreffende Herr doch am Ende zurückkehren sollte, so --«
»Aber er kann doch nicht in dem Zustand in den Wald gelaufen sein,« rief der junge Schnittwaarenhändler.
»Und wenn er nun in der Nähe ein Bad nähme?«
»In der Nähe?« rief ein junger Buchhändler aus der Metropolis, »hier oben auf dem hohen Berg? Der nächste Bach fließt wenigstens eine halbe Stunde weit, unten im Thal.«
»Stiefel und Hut fehlen,« sagte der Assessor, »jedenfalls, meine Herren, müssen wir zuerst frühstücken, denn das ist das Wichtigere der beiden Momente. Bis dahin behalten wir aber auch Zeit, uns die Sache reiflich zu überlegen und zu einem Entschluß zu kommen; außerdem erwarten uns die entflohenen Damen da draußen mit Schmerzen, um Nachricht über das Außerordentliche zu vernehmen. Spannen wir sie nicht länger auf die Folter.«
Darin hatte er in der That Recht, denn das Corps der Damen erwartete schon in peinlichster Ungeduld die Rückkehr der Herren. Leider konnten ihnen diese aber auch keine weitere Aufklärung bringen, da ein Unglücksfall kaum denkbar war. Keinenfalls lag eine Ermordung vor, denn weder an Wäsche noch Kleidern hatten sich die geringsten Blutspuren gezeigt, ja Alles sah frisch und neugewaschen aus und nicht einmal die Falten schienen zerknittert.
»Aber wo war der Eigenthümer?«
Ja, wer konnte das sagen; jedenfalls erklärten die Herren, daß sie -- unmittelbar nach dem Frühstück -- nähere Nachforschungen anstellen und den Wald nach allen Richtungen in der Nachbarschaft durchstreifen wollten -- aber jedenfalls erst nach dem Frühstück, denn jetzt seien sie alle so ausgehungert, daß sie nicht daran denken könnten, eine derartige anstrengende Pflicht noch vorher zu übernehmen.
Dabei blieb es, und es galt nun, sich einen hübschen und passenden Platz dafür auszusuchen. Allerdings schlug der junge Schnittwaarenhändler vor, sich mitten in den Wald zu lagern, daß man Nichts sehen könne als Bäume, denn das sei so romantisch -- aber er wurde überstimmt und zwar aus verschiedenen Gründen: Erstlich war die Sonne plötzlich verschwunden -- leichtes Gewölk zog darüber hin, und dahinter her kam eine dicke schwarze Wolke. Plötzliche Gewitter sind auch in diesen Bergen gar nicht etwa so selten und treten dann mit nicht geringer Heftigkeit auf; deßhalb schon war es besser, sich in der Nähe der für diesen Fall sehr zweckmäßigen Hütte zu halten. Dann aber hatte man auch auf diesem Fleck und nicht mehr von der Sonne belästigt, eine ganz reizende Aussicht auf das weite Land; ringsumher standen herrliche Tannen mit einzelnen Buchen dazwischen, und vor der Hütte auf der kleinen Lichtung dehnte sich ein herrlicher, schwellender Grasteppich aus, den man sich nicht hätte besser und weicher wünschen können. Außerdem konnte man im Haus selber ein Feuer anzünden und die mitgebrachte Chocolade kochen, kurz der Platz schien wie gemacht zu einem Picknick und jubelnd und lachend ging man daran, sich vor dem kleinen Pirschhaus auszubreiten und zu lagern. Ein Paar der jungen Leute übernahm dabei das Geschäft, die Chocolade zu bereiten und kaum eine Viertelstunde später waren die mitgebrachten Lebensmittel, die der Träger in einem Korb mitführte, auf einem großen, weißen Tischtuch ausgebreitet und die kleine muntere Gesellschaft, die sich -- Berlin gewohnt -- hier im Walde wie im Himmel fühlte, lachte und schwatzte lustig durcheinander.
Dabei tauchte freilich immer wieder der Gedanke an den räthselhaften Fremden zwischen ihnen auf -- was aus ihm geworden sei -- was ihn bewogen haben könne, ohne Kleider den Platz zu verlassen und eine junge Dame warf sogar die entsetzliche Vermuthung auf, daß er am Ende gar wahnsinnig wäre und ihnen noch irgendwo im Walde begegnen könne.
Der Assessor hatte auch -- späterer Beweismittel wegen -- eine der Visitenkarten mitgenommen, und diese ging jetzt von Hand zu Hand. Ja den Namen des Unglücklichen besaßen sie, wo aber war dieser selber?
Gar nicht so weit -- ganz in der Nähe, hinter einer kleinen Gruppe von Tannenbüschen kauerte er, und betrachtete sich in wahrer Verzweiflung die vor dem Haus gelagerte Gruppe von Herren und Damen, die ihm den Rückweg zu seinen Kleidern rettungslos abschnitten und noch keine Miene machten, den Platz in der nächsten Stunde wenigstens wieder zu verlassen.
Durch den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam gemacht, hatte er sich beeilt, von seinem Lieblingsplätzchen aus das Pirschhaus wieder zu erreichen, ehe er etwa in seinem Zustand Fremden in den Weg liefe. Aber mit jedem Schritt, den er weiter vorwärts that, wuchs der gefaßte Verdacht, daß er heute, auf seinem letzten Spaziergang, gestört werden würde, und als er die Lichtung endlich vor sich sah, und leise vorwärts kroch, um das Terrain vorher zu sondiren, fand er seine schrecklichsten Befürchtungen noch weit, weit übertroffen und das Entsetzlichste, was ihm überhaupt begegnen konnte, eine Berliner Picknick-Gesellschaft unmittelbar vor der Thür gelagert, die ihn von seinen Kleidern trennte -- und was nun?
So konnte er doch nicht vor ihnen erscheinen! schon der Gedanke war furchtbar, und _durfte_ er hier länger in seinem Versteck bleiben, wo er die ihm gestellte Zeit seines Bades schon überschritten hatte? Außerdem fing es an kühl zu werden -- die Sonne schien nicht mehr und der Wind begann über die Höhe zu ziehen; er konnte ihn schon oben in den Wipfeln rauschen hören; kam aber wirklich ein Gewitter -- etwas keineswegs Unmögliches -- so flüchtete natürlich die ganze Gesellschaft in das Pirschhaus und was wurde dann aus ihm? Ein paar Mal reifte allerdings in ihm ein verzweifelter Entschluß, aber er wagte nicht, ihn auszuführen -- noch lag die Möglichkeit vor, daß diese entsetzlichen Berliner vielleicht einen Spaziergang machten -- vielleicht nur etwas weiter nach vorn auf die Rasenkuppe traten, um sich von dort die Aussicht besser betrachten zu können, und dann wäre er, wie ein Wiesel, wie eine Erscheinung, in das Haus geschlüpft, -- aber nein sie rührten sich und wankten nicht und es wurde immer später.
Er überlegte, um einen andern Ausweg zu finden. Wenn er nun das Haus umging und durch das Fenster kletterte? -- aber gerade heute hatte er den Laden geschlossen gehalten, der inwendig eingehakt war und nur mit großem Geräusch würde er ihn haben losbrechen können -- selbst angenommen, daß er das gedurft.
Jetzt wurde die Gesellschaft davorn auch noch lustig -- sie sang. Der junge Schnittwaarenhändler machte den Vorsänger und der Assessor -- an zweite Stimmen gewöhnt -- setzte zu dieser ein; es schadete auch nicht, daß er ein klein wenig neben hinauskam -- er verschwand im Chor. Aber der Wind wehte schärfer, wenn man ihn unten auch noch nicht so stark fühlte; den geheimen Regierungsrath begann es ganz in's Geheim zu frösteln. Lange konnte er diesen Zustand auch nicht mehr ertragen -- und welche Leidenschaften bewegten dabei sein Herz! Er ballte insgeheim die Faust -- er bekam eine geheime Wuth auf diese Berliner -- ja auf alle, obgleich die Mehrzahl vollkommen unschuldig an dieser Situation war -- er hätte ihnen den Wein vergiften können -- wenn sie damit nur gleich beseitigt gewesen wären. Auch die Wolken waren schwärzer geworden und jetzt -- wie ein Dolchstich traf es ihn in's Herz -- fühlte er einen schweren, kalten Tropfen auf seiner nackten Schulter.
»Es fängt an zu regnen!« riefen ein paar Damen, die wahrscheinlich ebenfalls die ersten Vorboten gefühlt, und sprangen in die Höhe -- »wir müssen in's Haus.«
Das Schreckliche sollte geschehen, der Geheime Regierungsrath von seinen Kleidungsstücken abgeschnitten und in dem Sturm in diesem Zustand hinausgesetzt werden. Das aber ging unmöglich an, und man kann wohl mit Recht behaupten, daß in diesem Moment sein Verstand zu arbeiten aufhörte, seine Ueberlegung und Besinnung, sein Gefühl für das, was er sich und der Welt und besonders seinem Stand schulde, schwand, daß aber dafür sein menschlicher Instinkt -- das Gefühl der Selbsterhaltung um so stärker wurde und hervorbrach.
Hier galt rasches und entschiedenes Handeln oder er war verloren -- der eine und einzige Grundgedanke erfüllte in diesem Augenblick seine Seele, und sich hinter seinem Busch emporschnellend, und ehe noch eine der jungen Damen im Stande gewesen war, nur einen Schritt gegen das Haus zu thun, sprang er mitten zwischen die laut aufkreischende Gesellschaft hinein.
Allerdings verließ ihn, selbst in diesem furchtbaren Augenblick seine ihm angeborene Höflichkeit nicht.
»Sie entschuldigen,« sagte er, während er artig den Hut abnahm und zu allem Anderen auch noch seine Glatze zeigte; dabei schoß er aber wie ein sich nach beiden Seiten neigender Pfeil auf die Thür des Pirschhauses zu, von der er, während er sie aufstieß, den Schlüssel abzog, sie hinter sich zuschlug, den Schlüssel wieder einsteckte und herumdrehte -- und jetzt war er gerettet. Er hörte allerdings hinter sich das plötzlich aufschlagende Lachen der Männer und eine feine Stimme rief -- es war der boshafte Schnittwaarenhändler: »Na, wenn das ein _jeheimer_ Regierungsrath ist, so möchte ich einmal einen öffentlichen sehen« -- aber die Töne schwammen ihm in einem wilden Chaos vor den Ohren und noch nie im Leben hatte er so rasch Toilette gemacht wie heute. Er fuhr nur so in seine Kleider hinein.
Allerdings versuchten einige Herren die Thür zu öffnen und riefen: »Herr machen Sie auf! es fängt an zu regnen.« Aber er lachte nur ingrimmig in sich hinein, steckte Brieftasche, Schnupftabaksdose und Brille in die Tasche, ergriff seinen Regenschirm, hakte jetzt vorsichtig inwendig die Klappe des Fensters auf, an das er schon vorher einen Stuhl gerückt -- horchte hinaus -- dort war Niemand von der Gesellschaft zu bemerken -- sprang dann mit einem kühnen Satz in's Freie und war auch im nächsten Moment schon spurlos im Dickicht verschwunden.
Indessen fing es wirklich an stärker zu regnen; die Damen hatten sich unter die nächsten Bäume geflüchtet, denn sie würden das Haus ja doch nicht -- ja nicht um eine Million -- betreten haben, in dessen Thür eben erst dieser Regierungsrath verschwunden war. Die Herren dagegen, weniger scrupulös, klopften stärker und als Einer endlich auf den glücklichen Gedanken fiel, hinten herum und an das Fenster zu laufen, um von außen hineinzusehen, fanden sie dieses offen und den Vogel ausgeflogen.
Jetzt wurde mit Jubel Besitz von dem Haus ergriffen, und selbst die Damen folgten zuletzt der Einladung, dort unter ein vollkommen schützendes Dach zu treten -- schon ihrer Toiletten wegen, denn dort konnte man ruhig den Regen abwarten, der allerdings sehr heftig auftrat, aber auch nur sehr kurze Zeit dauerte. Es war eben der äußerste Streifen einer Gewitterwolke gewesen, der über sie wegzog, und während es weiter in den Bergen drin noch dunkel und schwarz lagerte und ferner Donner rollte, zeigte sich bald darauf hier schon wieder blauer Himmel und die Sonne trat heraus.
Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat mit jedem Pfad und Busch bekannt, fand sich rasch wieder zurecht, und ohne sich auch nur einen Moment aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg bergab, um sein Wirthshaus zu erreichen -- und auch wieder zu verlassen, ehe diese Gesellschaft dort eintreffen konnte. Sein Wagen war ja bestellt und alles Uebrige konnte er in kurzer Zeit abmachen.
Allerdings ließ ihn die Extrapost noch etwas warten, aber den Besuch beim Förster durfte er doch nicht versäumen; er mußte ihm ja auch überdies melden, daß er vergessen habe, den Schlüssel am Pirschhaus abzuziehen und den Laden zu schließen. Er ließ deßhalb dort ein reichliches Trinkgeld für einen der Kreiser zurück, den der Forstmann noch lieber heute Abend hinaufschicken konnte, um dort Alles wieder in Ordnung zu bringen, denn im Wald, wie er meinte, schwärme es von Berlinern und die Gegend sei vollständig unsicher.
Das abgemacht, ging er in das Gasthaus zurück, wo er zum letzten Male sein frugales Diner verzehrte und als Nachkur eine halbe Flasche Rothwein darauf setzte. Endlich kam auch der Wagen; es war indessen schon ziemlich spät geworden; der kleine Koffer wurde hinten aufgeschnallt und fort ging es, aus dem Dorf hinaus -- aber er war noch nicht erlöst. Vor sich im Weg sah er plötzlich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, die jedenfalls von einer Waldpartie zurückkamen -- das waren heilig die unglückseligen Berliner, und er drückte sich scheu in seine Wagenecke zurück.
Der vielen Menschen wegen, die nicht so rasch auswichen, mußte aber der Wagen langsam fahren und der Schnittwaarenhändler hatte ein Auge wie ein Falke.
»Das ist der carrirte Rock,« rief er plötzlich aus, »und der Strohhut -- guten Abend, Herr Geheimer Regierungsrath! Recht glückliche Reise!«
»Zufahren, Kutscher! Zufahren!« rief der Reisende, während er aber doch mit seiner alten Höflichkeit vor den Damen den Hut lüftete und jetzt auch diesen nicht den geringsten Zweifel über seine Persönlichkeit ließ. Aber der Postillon hieb in die Pferde und wenige Sekunden später rollte der leichte Wagen rasch das freundliche Thal hinab, den murmelnden Bach überholend und doch immer wieder verfolgend in das offene Land hinaus.
Am nächsten Tag gegen Abend erreichte er seine Heimath und hatte dem Doktor schon telegraphirt, mit welchem Zug er zurückkehre, damit er ihn gleich in seiner Behausung finden und über seinen Zustand befragen könne. Der Doktor hatte sich auch eingefunden und lachte mit dem ganzen Gesicht, als er ihn frisch und munter und mit rothen Backen aus seiner Droschke springen sah.
»Nun,« rief er ihm entgegen, »hat die Kur angeschlagen?«
»Wunderbar, Doktor!« rief der Geheime Regierungsrath, die Hand des Arztes schüttelnd -- »ich bin wie ein neuer Mensch geworden, habe dabei einen Appetit wie ein Wolf, und schlafe Nachts wie ein Bär.«
»Bravo und haben Sie sich streng nach meiner Vorschrift gehalten?«