Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,674 wordsPublic domain

»Nachmittag komme ich wieder her,« brach der Doktor kurz ab, »und noch Eins -- sprechen Sie mit keinem Menschen darüber. Ich möchte nicht gern, daß Sie das Gerede der Stadt würden und Ihr Fall nachher mit vollem Namen und Titel als Trichinenkranker durch alle Zeitungen liefe. Die Presse spannt jetzt so auf solche eklatante Beispiele, und Sie wären außerdem noch der Gefahr ausgesetzt, daß Aerzte von allen Seiten Deutschlands herbei kämen und Sie um ein Stück Fleisch bäten, um ihre Untersuchungen daran zu machen.«

»Na, weiter fehlte mir gar Nichts,« stöhnte der Arme, »diese verfluchten Harpunen, ich habe an dem einen Mal genug.«

»Ja, aber Sie könnten es nachher im Interesse der Wissenschaft doch nicht gut verweigern, denn man würde es für Feigheit auslegen.«

»Aber, ich soll mich doch wahrhaftig nicht von der ganzen Welt harpuniren lassen?«

»Gerade deßhalb rathe ich Ihnen mit Niemanden über Ihren Zustand zu sprechen,« sagte der Arzt, »und nun leben Sie wohl, lieber Regierungsrath -- gleich nach Tisch komme ich wieder zu Ihnen und haben Sie nur Vertrauen zu mir; ich kurire Sie, darauf können Sie sich verlassen.«

»Leben Sie wohl,« hatte der entsetzliche Doktor gesagt, während er mit einem Stück Menschenfleisch in der Tasche von dem unglücklichen in Verzweiflung zurückbleibenden Patienten Abschied nahm.

»Trichinen!« Ja wohl, das war es auch; daß er nur selber noch nicht auf diesen furchtbaren, aber so nahe liegenden Gedanken gefallen sein sollte; fühlte er doch die gräßlichen Geschöpfe in all' seinen Gliedern. Und daher also die ewige Beängstigung, dieses Prickeln in allen Theilen seines Körpers. Das war die unheimliche Thätigkeit jener Myriaden von Geschöpfen, die sich durch seine Muskeln bohrten und darin Quartier nahmen? Und _er_, ein _geheimer_ Regierungsrath, jetzt hatte er geheime Trichinen -- sogar _wirklich_ geheime, denn er durfte es noch nicht einmal Jemanden sagen, durfte sein Leid, seinen Jammer nicht in die Welt hinausschreien, wenn er nicht fürchten wollte, daß sie von allen Seiten blutgierig mit ihren Harpunen herbeiströmten und ihn um eine »Portion« bäten.

Er verbrachte ein paar entsetzliche Stunden, und nicht einmal der Wein, den ihm der Doktor heute noch erlaubt, oder den er vielmehr nur geduldet hatte, wollte ihm schmecken -- Fleisch konnte er gar nicht sehen, denn es erinnerte ihn nur noch mehr an sein Elend, und er ließ sich in aller Verzweiflung ein paar Pfund Karpfen absieden, um nicht auch noch bei lebendigem Leibe zu verhungern.

Nach Tisch schlief er gewöhnlich zwei Stunden, um sich später den ganzen Abend matt und unbehaglich zu fühlen. Der Arzt hatte ihm das auch schon lange verboten, aber er behauptete immer, er dürfe seine gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen, oder er ginge zu Grunde. Heute fand er keine Ruh; er lief die ganze Zeit im Zimmer auf und ab und blieb nur manchmal erschreckt stehen, wenn er die Bewegung der Thiere in seinem mißhandelten Körper zu fühlen glaubte.

Endlich -- endlich kam der Doktor, nach welchem er indessen selber schon zweimal aber immer vergebens geschickt. Er war sehr ernst, wickelte aus einem Tuch, das er in der Hand hielt, ein Mikroscop heraus, stellte es, legte ein Präparat hinein und bat den Geheimen Regierungsrath dann feierlich einmal hindurch zu sehen.

Zitternd beobachtete ihn der Unglückliche, denn er wußte genau, was ihm bevorstand -- _was_ er da zu sehen bekam -- _seine_ Trichinen -- die entsetzlichen Verwüster seines eigenen Körpers, die selbst in diesem Augenblick noch eifrig beschäftigt waren, ihn bei lebendigem Leibe zu verzehren. Er streckte auch abwehrend die Hand aus, aber der Doktor ließ nicht nach.

»Bitte, lieber Regierungsrath, Sie _müssen_ sich selber mit eigenen Augen überzeugen, daß meine Vermuthung, daß der Verdacht, den ich geschöpft, nur zu gegründet gewesen. Sie stecken voll bis an die Haarwurzeln und es ist die höchste Zeit, daß wir eine ernste Maßregel dagegen ergreifen.«

»Und glauben Sie wirklich, daß da noch Hülfe möglich ist, Doktor?«

»Bah, möglich? Ich habe Ihnen nicht umsonst eine Wette angeboten. Wollen Sie meinem Rath folgen -- aber sehen Sie sich nur erst einmal selber die Beester an -- so stelle ich Sie in vier Wochen so vollständig her, daß Sie so gesund wie ein Fisch im Wasser -- und auch ebenso frei von Trichinen sind -- bitte, überzeugen Sie sich nur erst einmal.«

Der Geheime Regierungsrath folgte mit einem schweren Seufzer der Aufforderung und da waren sie richtig -- nicht mehr geheim, sondern klar und offen in ihrer natürlichen Scheußlichkeit spiralförmig gewunden und zusammengerollt. Ein solches kleines Ungethüm hatte sich sogar in seiner ganzen Länge ausgestreckt.

»Es ist entsetzlich!« stöhnte der Unglückliche -- »und die sind von mir?«

»Auf frischer That ertappt, ja,« schmunzelte der Doktor, denn er fühlte sich jetzt seines Opfers sicher, »und nun hören Sie aufmerksam zu und weichen Sie keinen Finger breit von meinen Vorschriften ab, oder Sie sind in vier Wochen, anstatt gesund und kräftig ein neues Leben zu beginnen, ein rettungslos verlorener Mann.«

»Und was soll ich um Gottes Willen thun? ich will Ihnen ja so gern folgen, wenn ich nur --«

»Sie reisen morgen früh« --

»In ein Bad?«

»Nein, das hilft Ihnen Nichts -- in den Thüringer Wald müssen Sie, oder in irgend einen anderen, denn auf die besondere Gegend kommt Nichts an -- der Thüringer ist uns aber der nächste und auch sonst vortrefflich geeignet. Dort stehen oben in den Bergen eine Menge Pirschhäuser, die aber nicht alle benutzt werden -- ich bin dort bekannt; ich werde Ihnen einen Brief an den dortigen Forstmeister mitgeben. Unten im Thal im nächsten Wirthshaus quartieren Sie sich ein und bleiben dort vier Wochen. In der ganzen Zeit dürfen Sie keinen Tropfen Wein oder Bier trinken, hören Sie? Nichts als Wasser oder vielleicht einmal zur Abwechselung etwas verdünnte Milch. Fische können Sie essen, auch Fleisch, aber kein Brod -- auch keine Kartoffeln und Gemüse und jeden Mittag ein weich gekochtes Ei -- aber nur eins und jeden Mittag Wassersuppe.«

»Oh Du großer Gott,« stöhnte der Geheime Regierungsrath, »das wird gut werden.«

»Dabei,« fuhr der Doktor unerbittlich fort, »dürfen Sie den Trichinen keine Ruhe lassen -- schlafen Sie Nachmittags, so sind Sie rettungslos verloren, denn in der Zeit gerade erholen sie sich wieder, wenn sie sonst angegriffen werden. Morgens mit Sonnenaufgang -- nicht später, steigen Sie langsam zu dem Pirschhaus hinauf, was Sie sich so aussuchen müssen, um etwa zwei bis drei Stunden Entfernung dahin zu haben. Oben angekommen ruhen Sie sich zwei Stunden aus und kühlen sich ordentlich ab -- Sie dürfen sich auch frische Wäsche mitnehmen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte der Geheime Regierungsrath, dem sich Herz und Leber bei der Verordnung umdrehte.

»Und dann --,« fuhr der Doktor fort, »nehmen Sie dort oben ein Luftbad!«

»Ein _was_?« frug der Kranke rasch und erschreckt.

»Ein Luftbad,« wiederholte ruhig der Doktor, »es ist das Einzige was Sie wieder herstellen kann.«

»Aber, wie um Alles in der Welt soll ich denn das machen?« rief der Unglückliche -- »Luftbad? Was ist denn das eigentlich?«

»Die Sache ist unendlich einfach,« erwiederte Doktor Asmus, »denn darauf beruht gerade jene amerikanische Entdeckung. Die Trichine ist nämlich ein Geschöpf, das Alles ertragen kann, bis zur ausgesprochenen Siedehitze, mäßiges Räuchern, Salzen, oberflächliches Kochen, unter Wasser setzen, kurz Alles, wodurch sie nicht in direkter Verbindung mit frischer Luft kommt -- wird sie aber dieser ausgesetzt, so ist sie rettungslos verloren und muß sterben.«

»Aber ich begreife Sie noch immer nicht.«

»Sie sind furchtbar schwer von Begriffen, Regierungsrath,« sagte der Doktor mit dem Kopf schüttelnd. »Sie sollen sich oben im Wald -- und bei der Hitze, die wir diesen Sommer haben, kann Ihnen das nur behaglich sein -- vollkommen nackt ausziehen -- eine sehr schmale Schwimmhose mögen Sie meinethalben anbehalten -- und eine volle Stunde lang im Wald spazieren gehen. Nachher ziehen Sie sich wieder an und steigen langsam und ohne sich zu erhitzen, in Ihr Hotel hinab. Haben Sie mich jetzt verstanden?«

»Und _das_ soll die Trichinen tödten -- unbegreiflich.«

»Lieber Freund,« sagte der Doktor, »es liegen noch eine Menge von Geheimnissen in der Natur, die wir mit unsern groben Sinnen nicht gleich fassen können und oft bleibt es nur dem Zufall vorbehalten, solche geheimnißvolle Wirkungen zu erkennen und festzustellen. Uebrigens machen Sie, was Sie wollen; _das_ sage ich Ihnen aber, es ist Ihre einzige und letzte Rettung, und wenn Sie nicht unverzüglich an die Kur gehen, stehe ich Ihnen selbst nicht einmal dafür, daß selbst _das_ Ihnen etwas nützen kann.«

Der Geheime Regierungsrath sah wieder in das Mikroscop hinein, um sich noch einmal vor seinen zahllosen Quälgeistern zu entsetzen. Der Anblick war aber zu furchtbar, als daß er ihn hätte lange aushalten können.

»Wie Gott will,« stöhnte er endlich -- »aber noch Eins, Doktor, schreiben Sie mir meine Verhaltungsregeln etwas auf, denn es sind deren so mancherlei, daß ich sie am Ende nicht im Gedächtniß behalten könnte.«

»Von Herzen gern.«

»Und wenn ich dort nun -- wenn ich dort nun einen Arzt finden sollte -- glauben Sie nicht, daß es gut wäre, ihn ebenfalls um Rath zu fragen?«

»Warum nicht?« sagte Doktor Asmus ruhig, »schaden kann es auf keinen Fall. Er wird Sie dann jedenfalls zuerst harpuniren --«

»Aber das ist ja doch schon geschehen!« rief der Regierungsrath schnell.

»Das bleibt sich gleich,« entgegnete ruhig der Doktor, »kein Arzt auf der Welt kann sich und darf sich auf die bloße Aussage eines Patienten verlassen. Er muß die Sache selber und gründlich untersuchen und wenn er und sein Hülfsarzt dann die feste Ueberzeugung Ihres Zustandes erhalten haben -- werden sie Ihnen das Nämliche sagen, was Sie von mir gehört.«

»Und wohin also soll ich reisen?« stöhnte der Geheime Regierungsrath in Verzweiflung.

»Direkt nach Gotha und von da nach Reinhardtsbrunn. Dort sind Sie mitten im Wald, und für ein bequem gelegenes Pirschhaus werde ich selber Sorge tragen -- ich gebe Ihnen einen Brief mit.«

Dabei blieb es; der Geheime Regierungsrath, das Herz zum Brechen voll und noch immer in peinlichster Ungewißheit, ob ihm die wunderliche Kur überhaupt etwas nützen werde und er nicht trotzdem ein »verlorner Mann« sei, packte noch an dem nämlichen Abend seine Sachen zusammen. Aber noch ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Er war nämlich nicht gewohnt baarfuß zu gehen -- selbst im Sommer beim Baden, was er aber auch nur sehr spärlich betrieb, genirte es ihn immer ungemein, wenn er die wenigen Schritte in bloßen Füßen machen mußte, und jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfuß im Wald und auf den scharfen Fichtennadeln herumlaufen; das ging unmöglich und er mußte deßhalb den Doktor fragen, ob er seine kurzen Stiefel anbehalten dürfe. Das gestand ihm dieser denn auch zu; auch seinen Strohhut durfte er aufbehalten.

Aber noch eins -- er litt nicht selten an Halsschmerzen und war ebenso wenig gewohnt im bloßen Hals wie in bloßen Füßen zu gehen -- wenn er nur noch wenigstens seine Cravatte --

Der Doktor bekam den Quälgeist, der ihm keinen Moment Ruhe ließ, satt:

»Meinetwegen behalten Sie auch die Cravatte um,« rief er endlich ärgerlich, »aber das ist das Aeußerste, was ich Ihnen erlauben kann, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, denn wenn Sie das schöne warme Wetter nicht benutzen, wird es zu spät in der Jahreszeit und Sie sind nicht mehr zu retten.«

Damit ging der Doktor, nachdem er dem Patienten noch vorher ein genaues Verzeichniß seiner nächsten Lebensweise eingehändigt, und der Geheime Regierungsrath blieb mit dem nagenden Wurm im Herzen zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen und den nächsten Morgenzug nicht zu versäumen.

Ein Luftbad! Es war ein schrecklicher Gedanke, eine volle Stunde in der Schöpfungstracht umher zu laufen, nur um seine Trichinen an die Luft zu setzen -- und wo hatte er je gelesen, daß irgend ein ähnliches Mittel gegen diese unseligste aller Krankheiten erprobt oder gar nur erwähnt sei. Und wenn er nun noch vorher einen andern Arzt deßhalb zu Rathe zog? -- aber die verfluchten Harpunen! Er hatte an der einen Operation vollständig genug und dachte nicht daran, sich einer zweiten auszusetzen. Ueberdies konnte er ja kaum noch mehr zweifeln; er war nicht allein durch das Mikroscop selber überzeugt worden, nein -- er fühlte auch im eigenen Körper die furchtbare Wahrheit der Entdeckung, und es ließ ihm jetzt selber keine Ruhe mehr, nur so rasch als irgend möglich den Ort seiner Bestimmung zu erreichen und dort seine Kur zu beginnen.

Die Reise selber verlief ohne weitere Fährlichkeiten und wäre bei dem herrlichen Wetter wirklich ein Genuß gewesen, dem sich aber der unglückliche Patient nicht mit ganzer Seele hingeben konnte, da er nur immer und ununterbrochen an seinen trostlosen Zustand denken mußte. Er war reich und im Besitz aller Lebensgüter; er war sogar Geheimer Regierungsrath und hatte den blauen Finkenorden vierter Klasse: aber wie beneidete er selbst die armen Weichensteller, die niedrigsten Handlanger an der Bahn, die armen Menschen, die zerlumpt und schmutzig ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, nur um ihr dürftiges Brod zu verdienen, denn _sie_ waren wenigstens gesund -- _sie_ hatten _keine_ Trichinen und sahen nicht ein offenes Grab vor sich, wo sie gingen und standen.

Wie oft kam ihm dabei der Gedanke: oh, wenn Du diesen Menschen ihren gesunden Körper _abkaufen_ könntest -- wenn Du ihnen drei-, vier- -- ja zehntausend Thaler dafür bötest, sicherlich gingen sie mit Freuden den Handel ein und Du -- aber es war ja nicht möglich. Geld kann alle _Genüsse_ des Lebens kaufen, aber nicht das Leben selber, wo gäbe es auch sonst einen kranken _reichen_ Mann und einen gesunden _Armen_! nein, er war verdammt, sein Leiden selber zu ertragen und keine Schätze der Welt konnten ihn davon befreien -- wenn auch die vorgeschriebene Kur Nichts nutzte. --

»Trichinen!« stöhnte er dabei vor sich hin -- »es ist unglaublich -- fabelhaft -- Tausende von Jahren steht die Welt schon und wer hat je in seinem ganzen Leben oder in irgend einem anderen Jahrhundert etwas von solchen Bestien gehört und wie viel Millionen Schweine sind in der Zeit verzehrt worden. Moses war aber gescheidt; _der_ hat seinen Juden das Fleisch gleich verboten, der muß auch gewußt haben weßhalb, ob der sie schon damals entdeckt hat! -- aber anstatt nachher das Maul aufzuthun und zu sagen so und so -- hütet Euch vor dem Fleisch, es sind kleine Beester darin, kommt er mit seinem verfluchten Geheimniß und seiner Wichtigthuerei -- mit seinem: Gehorcht nur meinen Befehlen, Ihr braucht gar nicht zu wissen weßhalb. Daß Dich der --«

Der Geheime Regierungsrath war ganz im Geheimen, denn ihm gegenüber saß ebenfalls eine Geheime Commerzienräthin im Coupé erster Classe -- wüthend auf sich, auf die ganze Welt und besonders auf Moses -- gewiß der unschuldigste von Allen an seinem Leiden, und als sie endlich in Gotha anlangten und ein sehr hübsch frisirter Kellner ihm durch das Wagenfenster einen Teller mit Würstchen präsentirte, und die Geheime Commerzienräthin ihm entsetzt zurief: »Essen Sie um Gottes Willen keine davon; es sind Trichinen darin!« gab es ihm ordentlich einen Stich in's Herz.

Es sind Trichinen darin -- Du lieber Gott, _er_ hatte selber mehr als die kleine Wurst und wenn er sie auch im Stillen trug, in diesem Augenblick fühlte er jede einzelne sich bewegen und drängen und bohren.

Luft! er verging fast in dem engen Coupé und den Kellner mit seinem Teller, auf welchem ganz friedlich Würste, Malzbonbons und Apfelsinen lagen, bei Seite drängend, stürmte er an die Kasse, um sich ein Billet nach Fröttstett zu lösen und von da mit der Pferdebahn weiter zu gehen.

Abends spät langte er endlich in Reinhardtsbrunn an und wurde -- nachdem er seinen Brief abgegeben hatte, weiter nach Tambach dirigirt und der Förster dort angewiesen, den Herrn am nächsten Tag zu einem bestimmten und nicht mehr benutzten Pirschhaus zu bringen, wozu er ihm auch den Schlüssel übergeben konnte.

Der Geheime Regierungsrath begann jetzt seine Kur zuerst mit einem entsetzlich dünnen Kaffee und trocknem Weißbrod, dann wanderte er in Begleitung eines Forstgehülfen, der aus dem wunderlichen Menschen gar nicht klug werden konnte, in die Berge hinein, bis sie das allerdings versteckt genug gelegene Pirschhaus erreichten. Der junge Forstmann, der selber im Wald zu thun hatte, versprach in etwa drei oder vier Stunden wieder vorzukommen und ihn abzuholen, damit er sich nicht am ersten Tag und in dem fremden Wald verirre, denn auf dem Rückweg sehe so ein Platz immer ganz anders aus, als auf dem Hinweg, und ließ ihn dann allein.

Eine bessere Gelegenheit, um eine ähnliche Procedur vorzunehmen, wie sie der Geheime Regierungsrath beabsichtigte, hätte sich freilich auf der ganzen Welt nicht finden können. Das kleine Bretterhäuschen war versteckt in den Wald hineingebaut, auf einer schmalen Lichtung, die, wenn das Auge derselben thalwärts folgte, einen ganz reizenden Fernblick über das weite, wie mit einem blauen Duft übergossene Land gewährte. Und der würzige Harzgeruch hier oben, das Zwitschern der Vögel, das zuweilen nur durch den heiseren Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde -- und _diese_ Einsamkeit. Hier allerdings hatte er keine Störung zu befürchten, denn ohne des jungen Forstmanns Führung würde er sich nie allein hier heraufgefunden haben. Auch der lange Marsch hatte ihn wohl erschöpft, aber that ihm doch gut und er ging jetzt vor allen Dingen daran, das Terrain selber ein wenig zu sondiren.

Das Pirschhaus bestand nur aus vier einfachen Bretterwänden, mit einem guten Dach und einem kleinen, eisernen Ofen darin, um an rauhen Tagen den Ort behaglicher zu machen. Gespaltenes Holz lag ebenfalls in Vorrath darin. Sonst stand noch dort eine Bettstelle aus weißem Holz mit einer reinlichen Seegrasmatratze und einer wollenen Decke darauf, auch ein Wasserkrug und ein Glas, wie ein paar irdene Töpfe, falls einmal einer der Forstbeamten genöthigt wäre, dort oben ein paar Tage zuzubringen.

Der Geheime Regierungsrath benutzte aber von alle dem Nichts als das Bett; er war müde geworden und streckte sich jetzt behaglich darauf aus, um ein wenig zu ruhen.

Sonderbar -- zu Hause hatte er eine Stahlfeder- und darüber eine Roßhaarmatratze und die weichsten Kissen, und doch war ihm sein Lager immer zu hart gewesen und hier auf der festgestopften Seegrasmatratze lag sich's so merkwürdig bequem. Aber seine Gedanken ließen ihn nicht ruhen: Ein Luftbad -- es war das Außerordentlichste, von dem er je gehört, und Trichinen, die kaum durch Siedehitze getödtet werden konnten -- und selbst darüber war man noch in Zweifel -- sollten umkommen, wenn er über Tag eine Stunde nackt im Wald herumlief? Er hätte doch noch eigentlich einen andern Arzt fragen sollen, denn er begriff die Möglichkeit nicht -- aber die verfluchten Harpunen. Und wenn ihm das Alles nun Nichts half? Wenn er kränker nach Hause zurückkehrte als er gekommen und dann seinen Tod -- den furchtbarsten Tod, den sich ein Mensch nur denken oder ausmalen kann, rettungslos vor Augen sah? Aber Doktor Asmus hatte mit solcher Zuversicht von seiner Kur gesprochen -- von Amerika waren überhaupt schon so merkwürdige Entdeckungen herübergekommen -- der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, es war ja auch seine _letzte_, verzweifelte Hoffnung.

Uebrigens befolgte er jetzt getreu die Anweisung des Doktors, dessen Zettel er in seiner Brieftasche immer bei sich trug. Er war, nach einer Rast von etwa anderthalb Stunden vollständig abgekühlt, entkleidete sich deßhalb, zog nur seine Schwimmhosen an, band sich die Cravatte wieder um, damit er seinen Hals nicht erkälte, setzte den Strohhut auf und stieg dann in seinen Halbstiefeln etwas verschämt in den grünen Wald hinaus, dessen Schatten er der brennenden Sonne wegen nothwendig brauchte. Es war dort aber Alles so offen -- er konnte so weit zwischen die hohen schlanken Bäume hineinsehen -- wenn da nun plötzlich Jemand heraufgekommen und ihm in diesem Zustand begegnet wäre -- aber es kam Niemand. Der Wald lag hier öde und einsam und nur in der ersten Zeit überraschte und erschreckte ihn dann und wann einmal ein Eichhörnchen, das vielleicht von Stamm zu Stamm sprang, oder auch wohl ein, keine Gefahr ahnendes Reh, das über die Lichtung wechseln wollte und scheu der wunderlichen, hier oben sicher nicht vermutheten Gestalt entfloh.

Allerdings hörte er einmal einen Schuß fallen -- aber weit weg, der Jäger kam nicht her zu ihm, und allmählich fing er an, sich sicherer zu fühlen. Auch die warme Luft that ihm wohl; er hatte mäßig gegessen und einen langen Spaziergang gemacht; er fühlte sogar, daß er wieder Hunger bekam, und wanderte behaglich seine ihm aufgegebene Zeit im Freien hin und her. Dann ging er in das Pirschhaus zurück, zog sich wieder an, packte, was er hier oben behalten wollte, zusammen und erwartete nachher, auf dem schwellenden Moos ausgestreckt und eine gute Cigarre rauchend -- denn das hatte ihm der Doktor glücklicher Weise nicht verboten, den Forstgehilfen, der auch ziemlich genau zur versprochenen Zeit eintraf und mit ihm zu Thal stieg.

Von jetzt an besuchte er jeden Morgen regelmäßig das Pirschhaus, und da ihn auch das Wetter außerordentlich begünstigte -- denn nur ein einziger Regentag unterbrach einmal für 24 Stunden die Kur -- so durfte er sich selber wahrlich keine Vorwürfe machen, irgend etwas versäumt zu haben, was ihm aufgegeben war. Die Lage des alten Pirschhauses schien außerdem vortrefflich gewählt, daß sich Niemand in diese abgelegene Gegend, an der gar kein begangener Pfad vorüberführte, verstieg. Es war auch allerdings nur in früheren Jahren für die Auerhahn-Balz gebaut, da es damals, gerade an diesem Hang sehr viele Auerhähne gab. Wie das aber mit diesem wunderlichen Geflügel so häufig geht, daß sie Jahre lang irgend einen bestimmten Stand haben und Nacht um Nacht den nämlichen Baum zu ihrem Ruheplatz wählen, dann aber plötzlich die Gegend verlassen, um sich an irgend einen anderen entfernten Hang hinüberzuziehen, so war es auch hier geschehen. Die Forstung des Holzes hatte es nöthig gemacht, in der Nachbarschaft einen Schlag anzulegen und das mußten die Auerhähne übel genommen haben. Im nächsten Frühjahr balzte dort nicht ein Einziger mehr, und das Pirschhaus wurde von da ab nur noch zu Zeiten von Forstleuten benutzt, die dann und wann einmal jene Waldstrecke begehen und überwachen mußten, um etwaigem Wildfrevel zu begegnen.

Der geheime Regierungsrath zweifelte allerdings noch immer im Stillen an der Möglichkeit seiner Kur; es kam ihm zu merkwürdig vor, daß ein so einfaches, äußerliches Mittel den inneren Feind bezwingen solle, aber er konnte sich auch nicht verhehlen, daß sich sein Zustand in den wenigen Wochen wesentlich gebessert habe. Seine quälenden Beängstigungen hatten ihn vollständig verlassen; schlaflose Nächte kannte er gar nicht mehr, und wenn er sich Abends, allerdings ziemlich ermüdet, auf sein Lager warf, lag er im Nu in Morpheus' Armen, ja der Hausknecht hatte sogar jeden Morgen Mühe, ihn nur wieder wach zu bekommen. Und was für einen Appetit entwickelte er selbst gegen die sonst so verachtete Wassersuppe. Ebenso fühlten sich seine Glieder freier; er empfand kein Prickeln und Stechen mehr, kein Wühlen und Bohren, er war mit einem Wort ein anderer Mensch geworden, und wenn er sich jetzt die Möglichkeit dachte, daß er sogar von seinen geheimen Quälgeistern befreit sein könne, so hätte er laut aufjubeln mögen vor lauter Seligkeit.