Kreuz und Quer, Zweiter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 1

Chapter 13,786 wordsPublic domain

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Kreuz und Quer.

Neue gesammelte Erzählungen von Friedrich Gerstäcker.

Zweiter Band.

Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1869.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Das Wallfischboot 1

2. Das Luftbad 174

3. Der Dampfboot-Capitain 224

4. Bilder aus Quito 304

Das Wallfischboot.

Erstes Kapitel.

Der Wallfischfänger.

In der Nähe der Westküste Amerikas, aber noch weit aus Sicht von Land, kreuzte ein Wallfischfänger, um dort nach Fischen auszusehen.

Es war ein Nordamerikaner, die Martha's-vine-yard -- ein Schiff, das nach der Insel gleiches Namens getauft worden, und von dort aus auch seine Bemannung hatte. So seetüchtig und gut gebaut die amerikanischen Schiffe aber auch sonst gewöhnlich sind, die Martha's-vine-yard machte davon eine Ausnahme, und der Rheder, der sie in New-York von einem Holländer alt gekauft und wohl frisch angemalt, aber sonst in einem desolaten Zustand gelassen hatte, hoffte das wenige dafür ausgelegte Geld gleich mit der ersten Wallfischfahrt herauszuschlagen, wenn es dann auch keine zweite machte. Die Hauptsache blieb nur, tüchtige Leute dafür zu gewinnen, und deßhalb taufte er auch das alte »Gretje van Rotterdam«, welchen Namen die Bark vielleicht schon dreißig Jahre geführt, nach der Insel Martha's-vine-yard, die ihrer Seeleute wegen berühmt ist, und erreichte dadurch seinen Zweck vollkommen.

Die Zeiten waren in Amerika nicht besonders. Der Krieg hatte gerade begonnen, und er fand Leute genug für die Bemannung, die denn auch mit dem alten Kasten getrost in See gingen und erst draußen, als es zu spät war, merkten, welchem Fahrzeug sie sich eigentlich anvertraut, um darauf eine mehrjährige Reise zu machen. Wallfischfänger müssen sich nämlich stets darauf gefaßt machen, drei Jahre auszubleiben, ehe sie ihr Schiff füllen können, und das ist eigentlich eine lange Zeit, wenn man noch dazu bedenkt, daß derartige Schiffe nur sehr selten einen Hafen anlaufen und meist immer draußen auf offener See herumkreuzen, um nach Fischen auszuschauen.

Anfangs wurde die Mannschaft auch noch eigentlich nicht so recht inne, wie es mit ihrem Fahrzeug stand, denn mit günstigem Wind liefen sie an der Ostküste Amerika's immer nach Süden hinab, und so vor dem Wind segelte es leidlich. Schwer enttäuscht sahen sie sich aber, als nach einer kurzen Windstille eine konträre Brise eintrat. Der Kapitän wollte allerdings laviren, aber du lieber Gott, das alte Schiff brauchte sieben Strich, um gegen den Wind aufzukreuzen, und machte dabei noch anderthalb Strich Abdrift, so daß sie nicht allein nicht von der Stelle kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Den Harpunieren war das auch gar nicht recht, sie wären am liebsten wieder umgekehrt, um ihren Kontrakt aufzukündigen, der Kapitän wollte jedoch Nichts davon wissen, und redete ihnen so lange zu, bis sie sich endlich zufrieden gaben.

Was lag auch daran, ob ein Wallfischfänger schnell segelt oder nicht -- die Reise an Ort und Stelle dauerte etwas länger, ja; aber erst einmal auf ihrem Fischgrund angelangt, und sie durften mit demselben Recht erwarten, daß Fische an sie anlaufen würden, als daß sie dieselben durch rasches Fahren erreicht hätten -- ja manchmal machte so ein Schiff an guten Stellen viel bessere Geschäfte, wenn es ruhig beilag, als ziellos auf dem Meer umherkreuzte.

Nur die Reise um Kap Horn war eine entsetzlich lange, jedoch konnten sie auch schon bei den Falklandsinseln auf Wallfische rechnen, und kurz und gut, sie behielten ihren Kurs bei, der sie auch mit jetzt wieder günstigerem Wind rascher gen Süden brachte, als sie selber anfangs geglaubt.

Bei den Falklandsinseln war aber Nichts zu machen. Sie trieben sich wohl vier Wochen in der Nähe herum, ohne einen einzigen Wal anzutreffen, und da gerade ein scharfer Ostwind einsetzte, hielt der Kapitän die Gelegenheit für günstig, das Kap zu doubliren und nach der Westküste Amerikas hinüber zu steuern. Dort lagen auch die besten Jagdgründe für Wallfische: in der heißen Zone für Cajelots und weiter nach Norden hinauf für den richtigen Wal, und da sie der Wind nicht im Stich ließ -- denn mit Kreuzen wären sie nie um das Kap gekommen -- erreichten sie nach ziemlich kurzer Fahrt das stille Meer.

Aber auch hier zeigte sich der Fang nicht so ergiebig. Sie bekamen allerdings in der Höhe der Maghellansstraße einen tüchtigen Fisch, mußten ihn aber, wie sie nur eben begonnen hatten einzuschneiden, wieder loswerfen, denn ein heftiger Wind setzte ein, dem sie kaum frei und allein die Stirn bieten konnten.

Es war das ein schwerer Schlag für die Mannschaft, die -- wie Kapitän und Harpuniere -- nur auf einen Antheil am Fange geworben werden, ließ sich aber nicht ändern, und der Kapitän vertröstete die Leute auf die nächste Zeit. Sie hatten ja nun einmal einen Beginn gemacht und die Boote erprobt, die sich als ganz vortrefflich bewährten. Die blieben ja doch immer die Hauptsache, und wenn sie nur Fische fanden, konnten sie auch reiche Beute machen.

Sie fanden aber keine. Langsam, entsetzlich langsam rückten sie weiter und weiter nach Norden hinauf, an Chile vorüber und an der chilenischen Küste hin, bis ziemlich zu vier Grad Süderbreite hin, wo sie die erste »=shoal=« oder den ersten Trupp Spermacetifische antrafen und augenblicklich Jagd darauf machten. Der erste Harpunier kam auch an einen tüchtigen Fisch fest, der alte Bursche verstand aber die Sache unrecht, drehte sich um, wandte sich gegen das Boot selber und gab ihm mit seinem breiten Kopfe einen solchen Stoß, daß es in Stücken auseinander ging und die Mannschaft desselben nur mit Mühe von den andern herbeieilenden Booten gerettet werden konnten.

Die übrigen Fische gingen gegen den Wind auf, und die Martha's-vine-yard, die zu erbärmlich am Wind lag, um ihnen dahin folgen zu können, mußte sie eben laufen lassen. Uebrigens hielt der Kapitän diesen Platz für gut und beschloß deßhalb, eine Weile dort beizulegen. Es war einestheils möglich, daß die Fische dorthin zurückkehrten, wo sie Nahrung gefunden hatten, und dann konnten sie hier auch eben so gut, als irgendwo anders, weiteren begegnen.

Drei Wochen kreuzten sie deßhalb auf der nämlichen Stelle, das heißt die Strömung setzte dabei allmälig immer weiter nach Norden hinauf, bis sie unmittelbar unter der Linie von Windstille befallen wurden.

Das Meer lag jetzt spiegelblank, wenn auch leise wogend da, und der Ausguck oben im Top konnte selbst den geringsten Gegenstand, der sich auf der blitzenden Fläche zeigte, mit leichter Mühe erkennen. Aber Nichts ließ sich sehen, als dann und wann einmal die spitze Flosse eines Hai, der faul und träge durch die Fluth schnitt, und wenn er zum Schiff kam, von einem der Bootssteuerer mit ausgeworfenem Speck an einem starken Haken gefangen wurde -- es war doch wenigstens eine Unterhaltung, welche die entsetzliche Monotonie ihrer Tage unterbrach.

Endlich, am vierten Tage der Windstille, gerade wie sich im Süden die ersten Wolken wieder zeigten und das sich in jener Richtung dunkel färbende Meer die von dort heraufkommende Brise ankündigte, ertönte der so lang ersehnte Ruf des Mannes im Top oben:

»=There she blows!=« (Dort bläßt Einer) und selbst von Deck aus konnten sie bald darauf den ausgeworfenen einzelnen Wasserstrahl eines Spermfisches oder Cajelot, dem bald ein zweiter folgte, erkennen.

Jetzt kam Leben an Bord, und so faul und schläfrig die Offiziere den ganzen Tag herumgelegen, im Nu sprangen sie nun auf ihre Füße, um Jeder nach seinem Boot zu sehen und so rasch als möglich damit ab und hinaus zu kommen.

Jedes Boot hat seine bestimmte Mannschaft, seinen Harpunier, seinen Bootssteuerer und vier Mann zum Rudern, und hängt, zum augenblicklichen Gebrauch stets bereit, unter seinen Krahnen. Dicht daneben ist der schwere Bottich mit dem aufgekoilten Harpunentau befestigt, um rasch hineingehoben zu werden.

Die verschiedenen Leute haben dabei ihre verschiedenen Pflichten bei der Ausrüstung, damit im Moment des Einschiffens keine Verwirrung oder Zögerung entsteht. Der Bootssteuerer muß die Waffen: Lanzen, Harpunen, Beile und Messer, stets blank und haarscharf halten. Einer der Leute hat für Wasser zu sorgen, daß augenblicklich ein Fäßchen gefüllt und in's Boot geschafft wird -- ein Anderer sorgt für Lebensmittel, da man nie wissen kann, wie lange die Boote gezwungen sind, auszubleiben. In einem kleinen verschlossenen Verschlag im Boot selber befinden sich dabei ein Kompaß, wo möglich eine Karte, und ist das Fahrzeug gut ausgestattet, auch einige konservirte Lebensmittel mit einer Flasche Rum, und von dem Moment an, wo der Befehl zum Niederlassen des Bootes gegeben wird, dauert es gewöhnlich nur wenige Minuten, bis es von Bord abschießt und nun, mit Rudern oder Segeln, je nachdem sich die Letzteren führen lassen, seinem Ziel entgegenstrebt.

Dabei wird fast kein Wort gesprochen, denn jede Bootsmannschaft hat natürlich ihren Ehrgeiz darin, die erste zu sein, die zur Verfolgung der auftauchenden Wallfische fertig ist, und vom Mast aus giebt dann der Mann im Top mit einem an der Stange befestigten und schwarzbemalten großen Leinwandball -- der weithin leicht erkenntlich ist -- die Richtung an, welche die Fische nehmen, damit ihnen die Boote folgen oder den Weg abschneiden können.

Die Martha's-vine-yard führte vier Boote, denn das zerstörte des ersten Harpuniers war schon wieder durch ein Reserveboot ersetzt worden, und noch hatte die aufkommende Brise das Schiff nicht erreicht, als sie schon hinausruderten in das Weite und der Richtung zu, in welcher sich die Spermfische kurz vorher gezeigt.

Es war das genau gen Osten, und die Leute legten sich wahrlich mit gutem Willen in die Ruder, daß sich die elastischen Eschenhölzer oder Riemen, wie man sie nennt, vor der Kraft der Arme bogen. Aber das dauerte nicht lange, denn jetzt kräuselte sich das Meer, ein frischer Südwind setzte ein, und im Nu wurde die kurze Segelstange aufgerichtet, und die Leinwand blähte aus, um den ersten Windzug zu fangen. Der brachte sie nicht allein leichter, nein auch rascher vorwärts, und die Hauptsache, sie konnten sich den Fischen viel geräuschloser nähern, als das mit Rudern möglich ist. Der Wind zeigte sich ihnen auch vollkommen günstig, denn er kam gerade von der Steuerbordseite, und schnell und lautlos schossen sie dahin.

Die Fische waren, wie sie das oft thun, eine ganze Weile nicht nach oben gekommen, und der Mann im Mast konnte den Leuten deßhalb auch kein Zeichen geben, welcher besondern Richtung sie zusteuern sollten; sie behielten deßhalb die bei, die sie bis dahin eingehalten, in der Voraussetzung, daß sich die Cajelots unter Wasser nicht so weit entfernen und vielleicht an der nämlichen Stelle noch einmal nach oben kommen würden -- und das geschah denn auch wirklich. Kaum eine Viertelstunde mochten sie gesegelt sein, als der Matrose, der damit beauftragt war, den Mann im Top der Barke im Auge zu behalten, plötzlich des Harpuniers Auge durch seinen Ausruf dorthin lenkte. Jener Ausguck hob seinen schwarzen Ballon, der selbst von hier aus noch deutlich erkennbar war, hoch in die Höhe und ließ ihn dann wieder gerade nach vorn herunterfallen -- ein sicheres Zeichen, daß ihr Kurs der richtige sei, und es dauerte denn auch nur wenige Sekunden, bis sie selber die schon lang ersehnten Strahlen gerade voraus erkannten und sich jetzt zum Gefecht fertig machten.

Nun ist die Eintheilung an Bord eines Wallfischbootes auf der Verfolgung die nachstehende: Der Bootssteuerer wird, sobald ein Wal in Sicht kommt, vorn in den Bug des Bootes mit der Harpune postirt, denn sein Amt ist es, an den Fisch fest zu kommen, während nachher der Harpunier oder erste Offizier mit der Lanze, an der sich keine Widerhaken befinden, dem Thier den Todesstoß gibt. Der Harpunier hat indessen hinten im Stern des Bootes den langen Steuerriemen (das Ruder, das zum Steuern benutzt wird und in einem eisernen Ring liegt) in der Hand und führt dasselbe so an den Fisch heran, daß der Bootssteuerer zum Wurf kommen kann. Wo dieser den Fisch dabei trifft, ist ziemlich gleichgültig, irgendwo auf dem Rücken, in der Seite, im Schwanz, es bleibt sich gleich, so daß die Harpune nur tief genug eindringt, um ordentlich festzukommen. Sobald er dies erreicht hat und das im Bottich aufgekoilte Tau abläuft -- wobei er jedoch aufpassen muß, nicht in dieses verwickelt zu werden -- springt er zurück, um jetzt das Steuer des Bootes zu übernehmen, während der Harpurnier nach vorn steigt und seine lange scharfe Lanze aufgreift, mit der er nun, des tödtlichen Wurfs gewärtig, aufgerichtet vorn im Boot stehen bleibt und nur darauf achtet, daß die rasend schnell ablaufende Leine, an welcher der Fisch hängt, nicht unklar wird.

Der geworfene Fisch schießt indessen mit ungeheurer Schnelle vorwärts, taucht auch wohl einmal unter und kommt wieder nach oben, und hat dabei das Boot fortwährend im Schlepptau. Sobald nämlich die Leine abgelaufen ist, hält sie, mit ihrem unteren Ende um einen festen Krahn befestigt, straff an, und der vorgespannte Fisch macht das Boot nur so durch das Wasser fliegen. Ginge er aber zu tief nach unten, so würde er es auch rettungslos in die Tiefe reißen, und für einen solchen Fall steckt ein scharfgeschliffenes Beil dicht daneben, mit dem die Leine im Nu gekappt oder abgehauen werden kann. Es versteht sich aber von selbst, daß man nur im äußersten Nothfall zu diesem verzweifelten Mittel greift, denn damit ist wohl das Boot befreit, aber zu derselben Zeit Fisch, Harpune und Leine ebenfalls verloren.

Jetzt noch stand der Bootssteuerer vorn im Bug, die Harpune, in welche nur leicht ein kurzer fester Eichenspaken gesteckt ist, in beiden Händen, und in der linken noch ein langes Ende leicht aufgekoilter Leine haltend, um mit dem Wurf gleich nachgeben zu können, damit die Harpune keine falsche Richtung bekommt. -- Die Fische sind in Sicht -- da und dort steigt der schräge nicht eben hohe Strahl über die Oberfläche der nur leicht gekräuselten See -- es müssen zehn oder zwölf verschiedene Cajelots sein, die sich hier spielend in der warmen Fluth herumtreiben -- vielleicht sogar noch mehr, und dann und wann kam wohl auch einmal der halbe Kopf einer der mächtigen Burschen zum Vorschein, wie er sich ein Stück aus der Fluth heraushob, das Wasser schnaubend ausblies und dann langsam wieder zurück in sein Element tauchte.

Der erste Harpunier, ein alter Wallfischfänger, der sich seit seiner frühesten Jugend in diesen Meeren herumgetrieben, hatte sein Boot mit dem größten Segel versehen und war den anderen auch wohl um mehrere hundert Schritte voraus. Jetzt flog die Harpune von dessen Bootssteuerer aus, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachteten die anderen Boote den Erfolg. Zog er die Leine wieder ein? -- war der Wurf mißlungen? -- nein, er sprang in den hinteren Theil des Bootes zurück, er mußte festgekommen sein, und vor Erwartung zitternd standen die übrigen, ob ihnen nicht auch das Glück einen Fang bescheere.

Die Leute im ersten Boot hatten mit Rudern aufgehört und rasch das Segel niedergeworfen, damit es sie nicht, wenn der Fisch in den Wind hineinlief, gefährde -- die übrigen Boote näherten sich rasch, denn noch lief die Leine ab, und das kleine Fahrzeug lag verhältnißmäßig still -- da kam links ein neuer Fisch auf, dem der zweite und dritte Harpunier folgte, und der vierte, ein noch junger Bursch, wollte sich eben mit zu diesen halten, als plötzlich, unmittelbar vor seinem Boot, ein Wal mit solcher Gewalt an die Oberfläche schoß, daß er mit fast der Hälfte des riesigen Körpers aus dem Wasser herausschnellte, und wieder zurückschlagend die See wogengleich bei Seite drängte.

Aber ein tüchtiger Bootssteuerer stand vorn, mit der Harpune bereit, der sich durch die plötzliche Erscheinung des Ungethüms nicht einschüchtern ließ und auch mit keiner Faser seines Herzens der Gefahr dachte, der sie eben entgangen; denn hätte der Fisch mit dieser Gewalt das kaum verfehlte Boot getroffen, so wäre es in Splittern auseinander gebrochen.

Während die Matrosen erschreckt nach ihren Rudern griffen, um das Boot zurück und aus dem Bereich der Gefahr zu werfen, hob sich seine Harpune, und noch war der Leviathan der Tiefe nicht wieder verschwunden, als auch schon das Eisen ausflog und sich tief in dessen Weichen bohrte.

»Ruder ein! Segel nieder!« -- wie eine Schlange glitt er zurück, während der junge Harpunier, der seine erste Reise in dieser Eigenschaft machte, vor Eifer zitternd nach vorn sprang und die schon bereit liegende Lanze aufgriff.

Vor ihnen her flog jetzt der erste Harpunier mit seinem Boot, denn der Fisch hatte die Leine und zog an, und ihr Gefangener schien die nämliche Richtung nehmen zu wollen -- die Leine glitt mit Blitzesschnelle aus. Die Leute mußten die Ruder wieder aufnehmen, um ihm ein wenig zu folgen und das Boot in der Richtung zu halten -- jetzt plötzlich that es einen Ruck -- die Harpune hielt, und fort ging es, daß der Gischt hoch am Bug emporschäumte, hinter dem gefangenen Ungeheuer her -- gerade dem andern Boot nach. -- Liefen sie aber schneller als dieses? -- rasch näherten sie sich ihm, und als sie vorüberflogen, wie von einer Dampfmaschine getrieben, hörten sie nur noch, daß der alte Harpunier darin fluchte und wetterte und seinen Leuten befahl, die Leine einzuholen -- die Harpune mußte aus dem Speck gerissen sein, und der Fisch war jedenfalls freigekommen.

Sie aber hatten natürlich keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Im Schlepptau des Wals flogen sie nur so über die wenig bewegte See, immer genau ein und dieselbe Richtung einhaltend, gen Osten zu. Uebrigens sahen sie, daß eines der Boote -- es war das des zweiten Harpuniers -- sich gewendet hatte und mit vollem Segel hinter ihnen drein kam, um ihnen vielleicht den Fisch sichern zu helfen, denn der erste Harpunier hatte noch eine ganze Weile damit zu thun, um seine Harpune wieder an Bord zu holen.

Und wie der Fisch lief! Ein sogenannter Finnbackwallfisch hat es allerdings in der Gewohnheit, mit der Harpune in solcher Art fortzulaufen, und deßhalb ist sein Fang so schwer und undankbar, und die Wallfischfänger wollen auch Nichts von ihm wissen; giebt er doch auch viel zu wenig Thran für die Mühe, die er kostet, so daß der Gewinn in keinem Verhältniß zu der Gefahr steht. Der Spermwal dagegen läuft gewöhnlich erst eine Strecke gerade aus, und hält dann ein und taucht in nicht zu große Tiefe unter, weil er bald zum Athemholen wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Dadurch nun giebt er dem an ihm festgekommenen Boot Gelegenheit, ihm den Todeswurf mit der Lanze hinter eine der beiden Seitenflossen zu versetzen -- der einzige Platz, und der nicht einmal sehr große, wo er tödtlich getroffen werden kann.

Die Matrosen des vierten Bootes kümmerten sich aber wenig um das Laufen, denn sie wußten, daß ihr Vorspann damit bald aufhören würde. Sie lachten und jubelten, und besonders war der junge Harpunier ganz außer sich vor Vergnügen, daß er einen Fisch bekommen hatte, während der erste Harpunier, der ihn bis jetzt immer über die Achsel angesehen, mit leerem Boot zum Schiff zurückkehren mußte. Er konnte auch die Zeit nicht erwarten, bis ihnen der Wal in Wurfnähe kommen würde. -- Daß er ihn sicher und gut traf, sollte seine Sorge sein.

»Es ist übrigens Zeit,« sagte der eine der Matrosen, »daß wir einmal richtig an einen Fisch festkommen, denn zehn Monate sind wir jetzt aus, mit noch nicht einer einzigen Tonne Thran an Bord -- die Butter ausgenommen, die der Holzkopf von Koch für uns eingelegt hat. Das Schiff war bis jetzt wie verbrannt, ordentlich als ob wir verhext gewesen wären. Wenn wir den nur erst wenigstens sicher langseit und eingeschnitten hätten.«

»Keine Noth, mein Bursche,« lachte der Harpunier -- »der lockert die Leine schon; er wird müde -- holt ein -- je eher wir heimkommen, desto besser.«

Zwei der Matrosen sprangen nach vorn und nahmen Hand über Hand die Leine ein; der Fisch schien in der That müde geworden zu sein, denn er lag entweder ganz still, oder schwamm auch vielleicht, wie sie das manchmal thun, in anderer Richtung langsam weiter.

»=There she blows=,« rief der eine Matrose plötzlich, mit unterdrückter Stimme, als er dicht voraus den Strahl erkannte. Der Fisch war an die Oberfläche gekommen, um Athem zu holen, und sie konnten jetzt deutlich erkennen, daß er noch von ihnen abgewendet lag, also nur einfach im Laufen inne gehalten hatte. Jedenfalls mußten sie so viel wie möglich von der Leine bergen, um ihm das nächste Mal, wenn er wieder einhalten sollte, näher zu sein. Beide Matrosen zogen so rasch ein, als sie konnten, vermochten aber dadurch nicht, das eingenommene Tau auch eben so schnell und ordentlich wieder aufzukoilen.

»Habt Acht da vorn,« sagte der Bootssteuerer, der das bemerkte, »und verwickelt die Leine nicht -- wenn er plötzlich wieder anreißt --«

»Da kommt er wieder nach oben!« rief der Harpunier und sprang vorn auf die kleine Bank des Bugs, um besser von da ab ausschauen zu können, aber unvorsichtig genug trat er dabei in ein paar Schlingen des eingeholten Taues, und in dem Moment fast schoß der Fisch nach vorn und in die Tiefe, wobei er die Leine hinter sich herriß.

»Habt Acht da vorn!« rief noch einmal der Bootssteuerer, aber seine Warnung kam für den Harpunier zu spät. Während er mit dem rechten Fuß hinaustreten wollte, schlang sich die auslaufende Leine um diesen, und wie ein Blitz warf es ihn hinaus über Bord. Zu gleicher Zeit hatte sich eine Schlinge um den in der Mitte befestigten Krahn oder Nagelbalken geschlagen, an dem die Leine überhaupt befestigt wird, wenn sie halten soll, und pfeilschnell riß der Wal das Boot hinter sich her.

»Kappt das Tau!« war der erste, unwillkürliche Ruf des Bootssteuerers, der in diesem Augenblick seinen Platz nicht verlassen konnte, wenn er nicht das Boot gefährden wollte, das natürlich umgeschlagen wäre oder sich gefüllt hätte, sobald es die furchtbare Kraft des Wals auf die Seite riß. Ehe aber nur Einer der Leute dem Befehl Folge leisten konnte, schrie er auch schon wieder »Halt! laßt sein!« -- denn wie er den Blick zurückwarf, sah er, daß das Boot des zweiten Harpuniers, von der frischen Brise begünstigt, kaum fünfhundert Schritte entfernt hinter ihm drein kam. Außerdem wußte er, daß der Harpunier ein ausgezeichneter Schwimmer war. Jenes Boot mochte ihn deßhalb aufnehmen, und wenn der Wal wieder hielt, konnte es herankommen und den verlorenen Offizier seinem eigenen Boot zurückbringen. Sie durften den gefangenen Fisch nicht so leichtsinnig aufgeben -- weshalb hatte auch der Harpunier nicht besser aufgepaßt?

Jetzt ging die Reise wieder fort, rascher als vorher und immer nach Osten zu, und die Matrosen waren dabei eifrig beschäftigt, die fast in Verwirrung gerathene Leine wieder zu ordnen, daß sie das Boot nicht in Gefahr bringe. Das gelang ihnen endlich, und sie sahen zu ihrer Beruhigung, daß das zweite Boot ihren Harpunier gefunden hatte und an Bord nahm. Dadurch wurde jenes freilich in seinem Fortgang sehr aufgehalten, und sie ließen es jetzt weit zurück.

»Die holen uns im Leben nicht wieder ein, Sir,« sagte der eine Matrose, indem er den Kopf zurückwandte.

»Wär' auch kein Unglück, Bob,« lachte dieser trotzig -- »weßhalb hält der junge Herr seine Finnen nicht aus der Leine -- aber im schlimmsten Fall kannst Du das Boot doch eben so gut an einen Wal hinansteuern als ich, Bob; wie?«

»Sollte denken, Sir,« schmunzelte dieser, »bin wenigstens lange genug dabei und einmal selber eine Jahreszeit Bootssteuerer gewesen, als wir eines unserer Boote mit der Mannschaft verloren.«

»Nun gut,« nickte der Offizier, »sobald der Fisch wieder aufkommt, Bob, nimmst Du das Steuer, und ich denke, ich kann ihm die Lanze eben so gut an der richtigen Stelle beibringen, wie Mister Broom -- und vielleicht noch ein verdammt Theil besser,« brummte er leise vor sich hin in den Bart.