Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 9
Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.
»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«
»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, -- »kennen Sie ihn persönlich?«
»Allerdings, -- Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg« nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der Spielbank zu treffen -- ebenso wie seine schöne Frau.«
»Und was wird mit der Dame?«
»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht belästigen.«
Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.
»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, -- »ich soll ihm den Kasten hinunter zum Wasser tragen.«
»Gut -- gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um den Herrn zu verhaften. -- Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«
»Ja wohl -- gewiß.«
»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage kommen, lieber Freund.«
»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker als vorher.
»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer Laune, »na ja,« murmelte er dabei -- »hier unten einen Gulden gekriegt und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« -- Als guter Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das Zimmer und ließ die Thür angelehnt.
»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«
»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«
»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen -- komm rasch.«
»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus zu verhindern.
»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth deutlich genug, daß er kein reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht auf -- ich habe eine Ehrensache abzumachen.«
»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der Beamte mit schneidender Kälte, »betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich -- ja vielleicht eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß diesmal der Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«
»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.
»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und Raub, wie anderer geringfügiger Vergehen.«
»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, aber Todtenblässe deckte seine Züge und der scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in der Hand der fünf baumstarken und gewandten Männer. Seine Kraft war auch gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und plötzlich getroffen und zähneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal.
Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau zu sprechen, der Beamte erklärte aber strengen Befehl zu haben, keine Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er wußte überdies, daß ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefühlsrichtung diesen Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit ihm geschah.
Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurück. Schon unten in der Hausflur erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls ein großes Verbrechen begangen haben müsse, denn als man ihn auf die Bahn gebracht, habe er Handschellen angehabt.
»Und die Damen?«
»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, »und wartet, glaube ich, auf den nächsten Zug, oder das nächste Boot -- die andere ist mit einem jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde, oder etwa eine Stunde später, an Bord des zu Thal gehenden Bootes gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie heraufkamen.«
Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. -- Eine der Damen hatte das Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen -- aber es war doch nicht möglich -- nicht denkbar, daß Clemence --
Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen Etage führten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte -- Er klopfte leise an.
»=Entrez!=« lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thür öffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen, wie sie mitten in der Stube stand.
»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge Mädchen, indem sie auf ihn zuflog und seine Hand ergriff -- »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, das ist brav von Ihnen.«
»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht fassen konnte, »wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen ist, denn der Wirth unten scheint mir verrückt -- die ganze Welt muß wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.«
»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber unter Thränen aus -- »man hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«
»Clemence ist wirklich fort?«
»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«
»Mit dem Franzosen?«
»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gnädige Herr hätte mich umgebracht, wenn er es erfuhr -- telegraphiren mußte. Solch' ein Undank ist noch gar nicht dagewesen.«
»Sie haben ihm telegraphirt?«
»Jawohl -- für die gnädige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entläßt sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.«
»Clemence?«
»Nun versteht sich -- mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort. Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.«
»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon früher?«
»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene Unbill. »Das Ganze war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«
»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit eiskalter Hand sein Herz gefaßt und zerdrückt hätte -- »also eine abgekartete Sache -- und ich selber --?«
»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefährliche Kokette. Sie wären verloren gewesen, wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«
»Wahrhaftig?«
»Was ich Ihnen sage -- diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht ihres Gatten ablenkte.«
»In der That?«
»Und mich -- die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit so schmählichem Undank zu lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«
Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn Jeannette zurückhielt.
»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«
»Ich? -- oh, Nichts, ich darf Madame natürlich nicht mehr belästigen, und denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«
»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah -- »wollen Sie mich, ein armes, unbeschütztes Mädchen hier allein in dem fremden Land zurücklassen?«
»Hat Sie Madame auch um Ihren -- Lohn betrogen?«
»Nein das nicht -- Monsieur Armand ist reich; er war generös.«
»Und was verlangen Sie noch von mir?«
»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte Frauen allein reisen läßt?«
»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, -- »Sie haben der gnädigen Frau getreu geholfen und beigestanden -- es war an ihr, Sie dafür zu belohnen. Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise --« und sich abwendend schritt er aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen -- diese Menschen von Holz!« -- Aber er war geheilt -- vollständig geheilt von seiner tollen Leidenschaft, und als er etwa drei Wochen später nach M-- zurückkehrte, konnte er Frank sein Abenteuer -- oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem Munde erzählen.
Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in M-- einen Artikel aus einer französischen Zeitung ab -- einen Criminalfall, der für M-- besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt worden war, seinen Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden.
Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, daß sie als Madame Armand irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie -- er hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach M-- zurückkehrte, zerstört, aber mit desto größerer Vorliebe zeichnete und malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand gemalt.
Booby-island.
Australische Skizze.
Wenn der Leser die Karte von Australien in die Hand nimmt, so sieht er, daß im Norden dieses Welttheils, zwischen Australien und der großen Insel Neu-Guinea, eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch außerdem mit zahlreichen Punkten -- nichts als bösartige Klippen -- gesprenkelt erscheint. In der That füllen eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne Passagen mit kaum fünf oder sechs Faden tiefem Fahrwasser ziehen sich hindurch und müssen von den Schiffen sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber, wenn sie aus dem Stillen in den Indischen Ocean wollen, durch die Meerenge ein tüchtig Stück Weg abschneiden, so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei ruhigem Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht eben viel Gefahr dabei.
Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade an der Einfahrt, besonders von Osten her, wo die Passage nicht so leicht zu finden ist, stürmisches Wetter einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an jenen sogenannten =barrier-reefs= (Riffbarrière) gescheitert, und die Mannschaft hat sich, wenn sie nicht gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren Booten retten müssen.
Einmal erst in der Meerenge -- welche die Torresstraße genannt wird -- und die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe die schwere Dünung vollständig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, auf denen sie selbst landen können. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter als eben Land, und nur einige der größten haben dürftige Quellen. Zu gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate, dattelähnliche Früchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten sich Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.
Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Früchte nicht reif sind, und haben sie -- wenn sie rasch von Bord flüchten mußten -- keine Gewehre bei sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie sehr übel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald als möglich zu erreichen.
Alle diese Inseln -- selbst Mount Adolphus, die größte von ihnen mit tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen einzelne australische Familien oder Stämme vom Continent herüber, um hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und anderen kleineren Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären Wind) die Malayen herüber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren erst, wenn diese, regelmäßig fünf Monate wehende Luftströmung nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurück.
Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln angefüllt, und die westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke draußen im indischen Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den von den Engländern =boobies= genannten großen Seemöven so getauft.
Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrünen Rankgewächsen überwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum sechs Fuß hohe Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem dürren Boden, keine Frucht wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser möglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den übrigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch die in der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu landen und den Platz näher zu untersuchen.
Englische Seefahrer hatten das aber schon längst gethan und eine besondere Eigenthümlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in den Fels hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch vorspringende Zacken ziemlich versteckt lag. Längst schon hatte man dabei das Bedürfniß gefühlt, in einer Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß nicht ein oder das andere Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige Provisionen finden konnte.
Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die praktischen Engländer ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß jene Insel für diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann dort bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die Höhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. Oben auf dem Felsen befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice« -- freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.
Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach gegen den Regen geschützter Kasten -- eine der gewöhnlichen starken und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen. Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein Schild daneben deklarirte den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen lägen -- falls dort landende Schiffbrüchige sie nicht schon vorher gefunden hatten.
Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten kommend, passirt hatten, legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterließen in diesem merkwürdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nächste nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine andere Weise möglich gewesen wäre.
So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich versteckte Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der dort aufgehäuften Sachen, z. B. manche Fässer mit gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben, so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt und ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt hatten.
Es war im November des Jahres 59, daß zuerst ein Canoe der Australier dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art Frucht trage -- denn auf den anderen Inseln waren die Früchte in dem Jahr nicht gerathen, möglich, daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran hielt, einen seiner kleinen Böller löste und zwei Boote absandte, um die Wilden zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem abgefeuerten Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals über Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt es über's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, ob die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe.
Den Kasten oben _mußten_ sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben -- an der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte Lappen gelassen hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berührt haben, denn Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie vorher, und die Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.
Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend eine Begräbnißhütte der »bleichen Männer« gehalten, für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall zu erkennen, nur nicht unmittelbar an der »Postoffice«, die sie, wie man deutlich sehen konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte zu kommen.
Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort hätten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst gar nicht blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal abgewandt und _dies_ Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurück -- und andere? -- Man mußte der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz für die dort deponirten Provisionen, als eben die öde und entfernte Lage der Insel selber. Die Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten ein Faß frisches Wasser herüber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht den günstigen Wind zu benutzen und ein Stück in den indischen Ocean hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber für nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, daß er australische Wilde auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten.
Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fünf fremde Schiffe bei und notirten, daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von Indianern gefunden hätten.
Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen die Straße zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die Barrierreefs auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing und eins der hier sehr häufigen und starken Gewitter von Süden herüber zog. Der Kapitän hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er den auf Raines Eiland errichteten hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen der sich überstürzenden Wogen drang klar und deutlich herüber. Nach seiner Mittags genommenen Observation mußte er sich aber etwa auf der Höhe der Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort viel zu tief.
Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über das Meer, wühlte die Wogen auf und jagte die Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die kochende Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine bitterböse Nacht, so daß das kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind nach Süd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber von zwölf bis vier Uhr die Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er würde sehen wie sich das Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an Deck rufen lassen.
Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich indessen auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und mehr nach Lee herüber und den gefährlichen Barrier-reefs zu.
Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen können und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner, sogar vom Lande abliegenden Coje gehört.
»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!«
»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, daß es Zeit wird, abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir dürfen ein wenig Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«
Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth über die See brauste.