Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 7
»Dort ist das Kurhaus -- Du mußt mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird schon zürnen, daß ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«
»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt setze.«
»Also auf Wiedersehen, Armand -- o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die Zeit denke.«
»Und Du vergißt den Ort nicht?«
»St. Goarshausen -- im goldenen Rosse.«
»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«
»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu besorgen.
Neuntes Kapitel.
Verfolgend und verfolgt.
Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder (eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude) der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der Freiheit entgegen.
Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus, um die wundervolle Morgenluft zu genießen -- aber er bekam Appetit nach dem Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?
Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte. Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt -- Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die Handschrift seiner Frau.
Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest zusammenbissen:
»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug -- ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.
Clemence Joulard.«
Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen über das noch Unbegreifliche -- aber das dauerte nicht lange. Er war wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte, fuhr er auch wild und entschlossen empor.
»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin -- »hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen Farbenschmierer der -- aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? -- Sie ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« --
Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht zurückgekehrt.
»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres hinaufsprang.
Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.
»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit heiserer Stimme.
»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel ist wenigstens nicht unten.«
»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.«
»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«
»Er ist nicht oben.«
»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich müßte ja doch sonst den Schlüssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wäre.«
Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als von drinnen eine Stimme antwortete:
»Wer ist da?«
»Machen Sie auf, Armand.«
»Es ist nicht verschlossen -- kommen Sie doch herein.«
Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete sich in der That und der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst aus festem Schlaf erwacht.
Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa sagen sollte: »Sehen Sie wohl, daß ich Recht gehabt?« zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frühen Besuch entschuldigen sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht eingestehen.
»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?«
»Tagesgrauen -- es ist fast neun Uhr.«
»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und womit kann ich dienen?«
»Ich -- wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler Namens Trautenau kennen.«
»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild bei ihm bestellen?«
»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.«
»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand, »so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«
»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist -- überdies wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« -- und ohne sich in eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte, was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus, um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen.
Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise -- eines stromauf, eines stromab -- auszweigten. Wie aber sollte er sich dort, in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen -- von wem sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen. Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich nicht entgehen.
In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine erste Frage war:
»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«
»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann freundlich. »Frau Gemahlin waren da, -- drei Billette genommen, glaub' ich -- zwei oder drei: ich weiß es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen solch ein Gedränge -- waren aber selber an der Casse.«
»Und wer war bei ihr?«
»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte der Mann achselzuckend; »das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den Augenblick wieder.«
»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?«
»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? -- nach Mainz nahm sie Billette. Ich weiß es noch genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«
»Ich danke Ihnen, -- ja wir hatten uns verabredet, eine Vergnügungstour zu machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?«
»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, -- sobald der nach Coblenz gehende hereinkommt, und signalisirt ist er schon.«
»Gut, -- bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.«
Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges angezeigt werden würde, mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren Gedanken nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als er plötzlich seinen Namen hörte.
»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!«
Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flüchtige Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhöflich sein und sagte nur ausweichend:
»Ja -- aber nicht ganz -- nur eine kleine Vergnügungstour.«
»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere Herr, »habe sie heute Morgen schon gesehen.«
Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als es ihm irgend möglich war:
»Ja -- wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.«
»Nach Mainz? -- ih bewahre,« rief Herr von Plauen, »sie saß ja im Coblenzer Zug.«
»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, »das ist ja gar nicht möglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.«
»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte Herr von Plauen, »aber ich weiß es zu gewiß, denn in dem nämlichen Coupée in welchem sie mit einem Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine mir befreundete Familie, der Assessor Hörich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.«
»Und meine Frau war darin?«
»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich weiß nicht einmal, ob sie mich kennt -- bezweifle es sogar, aber die Dame ist nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall Aufsehen. Sie sah wieder reizend heute Morgen aus.«
»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?«
»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose Zwischenstationen -- aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen Zug gerathen ist.«
»Jedenfalls -- jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut -- »aber -- was ich Sie gleich noch fragen wollte -- Passagiere für eine bestimmte Station werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. Wohin fuhr jener Herr -- der Assessor sagten Sie, glaub' ich -- heute Morgen?«
»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. Sie haben dort Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.«
»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«
»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« meinte Herr von Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Züge, mit denen man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten, kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder zurück.«
»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht zurecht.«
»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwürdiges Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nämliche im vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach --«
»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels -- »da kommt schon der Zug nach Coblenz und ich muß mir erst noch ein Billet lösen.«
»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort -- »jetzt wird erst der Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«
»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch erst mein Gepäck hier unterbringen. -- Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank für die Nachricht.«
»Bitte -- bitte -- sehr gern geschehen. Freut mich nur der gnädigen Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu empfehlen.«
Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die Casse, um dort ein Billet für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich -- an einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war jetzt nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder in St. Goarshausen zu erfragen.
Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden verlassen, als drei sehr anständig gekleidete Herren in Civil, mit einem etwas militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm frugen, und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der Herr Baron heute Morgen einen Ausflug -- aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.
»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren wird?«
Der Oberkellner zuckte die Achseln.
»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« sagte er, »aber die gnädige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepäck schon vor Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen längeren Ausflug deutet.«
»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«
»Sehr unbedeutend -- die Herrschaften zahlen hier im Hôtel immer jede Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn er hat noch eine Menge von Sachen oben.«
Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in französischer Sprache miteinander.
»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite des Kellners wußten -- »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier eintreffen konnten. Was nun?«
»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn, und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren -- vielleicht erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da oben.«
Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:
»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte -- und ob der Halunke nicht Alles weiß was vorgeht -- Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier -- die rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn hinter dem Baron her sein? -- wäre nicht übel, so ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der jetzt steckt. -- Oder hat er vielleicht gar selber Wind bekommen? -- Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« -- Und mit diesen Gedanken ging er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche Morgenbeschäftigung -- d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.
Zehntes Kapitel.
Die Entführung.
So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.
Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.
Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die französische Grenze zu erreichen.
Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in früherer Zeit -- gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten« Schoppen trinken wollten.
Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort leben können.
Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen -- denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben -- ihnen das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.
Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt -- so Vieles war es ja, was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber entschuldigte sie aber darin -- es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie sich anders gezeigt -- unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders -- besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich selber zu überlassen.
Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere -- vergaß er sich selbst. Aber als er wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -- und noch viele andere -- wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.