Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 4

Chapter 43,826 wordsPublic domain

Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und während die Mademoiselle über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte, zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie glücklich --« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu beachten, verließ er rasch das Zimmer.

Fünftes Capitel.

Zerronnen.

Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen. Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.

Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen, denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet; so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust zu verschließen.

Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem, antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können.

Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen Zeit hörte er auch nichts von Joulard -- er wollte nichts hören, bis er eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte, und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:

Major Kuno von Reuhenfels zu Berg, Clemence von Reuhenfels zu Berg, née Joulard.

Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie.

Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ M--, um sich nach dem Süden -- nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu wenden.

Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des Majors nicht vergessen hatte.

Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt liegenden Boot hinunter schleppt.

Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich.

Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. -- Clemence? -- er wußte recht gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte, aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung, und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen.

Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an.

Als er M-- erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen Blick nach ihren Fenstern werfen.

Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen, als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit vorgegangen war.

Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten Verkaufsräumen hergerichtet worden -- in der ersten Etage hatte sich ein großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.

»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:

»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M-- und weiß gar nicht, wem das Haus früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich weiß, mein Herr hätte gern die schönen Ställe da drin gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen Zins dafür. Da war's denn Nichts.«

Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Hôtel, und Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln.

»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind nun fast zwei Jahre, da brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für einen Millionär gehalten -- ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg, wie Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu dieser Stunde, was aus ihm geworden ist.«

Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte sehn, ob er Frank nicht in M-- traf.

Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber jetzt eingemiethet habe, würde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am sichersten erfahren.

Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes Atelier bewohnte, wohin er sich denn natürlich augenblicklich begab.

Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich auch zu sagen und zu erzählen, und doch scheuten sich Beide eine lange Weile den einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte.

Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die rechte Hand gestützt, das linke Bein über das rechte geschlagen, und sein Blick hing, während er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte -- oder entstellte.

»Und was ist aus dem da geworden?« brach er endlich durch alle Schranken durch, denn er mußte ja doch wissen, was mit Clemence geschehen.

»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den Blick über die Schulter nach dem Wandgemälde -- »weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden ist?«

»Sein Haus hat er verkauft.«

»Er? -- nein -- aber seine Gläubiger haben es gethan. Das war einer der größten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natürlich nicht dauern -- plötzlich und bald nachdem Du M-- verlassen, brach es zusammen, und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in Stunden ein so furchtbares Gewitter über seinem Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus ihm geworden. Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht, aber ich glaube es nicht -- sein Leichnam ist nirgends gefunden worden und außerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht überrascht werden konnte. Er mußte vom ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher oder später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«

»Und Clemence?« fragte Trautenau leise -- »ist sie hier?«

Frank zögerte mit der Antwort. -- »Nein« sagte er endlich, »aber ich sehe auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier in M-- kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dächern haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden, denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten Geschichten vergessen läßt!«

»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«

»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach. Wärest Du nur acht Wochen länger in M-- geblieben, so hättest Du die ganze Sache mit erlebt.«

»Und was war es?«

»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn umliefen, und unbegreiflich ist es, daß Joulard selber Nichts davon gehört haben sollte.«

»Ich selber habe Clemence gewarnt.«

»Du?«

»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz zurück.«

»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt einen Verdacht, den ich schon lange gefaßt, daß nämlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre gegenseitigen Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde später behauptet, daß Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.«

»Und wessen sonst?«

Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer sein, das festzustellen, und käme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M-- und wird wohl schwerlich hierher zurückkehren.«

»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«

»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den Major auf das Aeußerste compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen. Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von falschem Spiel und einigen anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«

»Mit seiner Frau?«

»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben das ganze Kartenhaus zusammen.«

»Und wurde der Major nicht verfolgt?«

»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, daß er bei Prinz Y-- sehr gut angeschrieben stand, es gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die natürlich wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die Gläubiger gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet hatten gar nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«

»Und wo hält er sich jetzt auf?«

»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt wird, dürfte er es doch nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft blicken zu lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich werden.«

»Und Clemence ist bei ihm?«

»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«

»Armes, unglückliches Geschöpf -- wie furchtbar elend muß sie sich jetzt fühlen.«

Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen schmerzlichen Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. Manche Gerüchte über Clemence hatten nämlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, der überall seine Opfer suchte und dabei wahrlich nicht wählerisch in seinen Mitteln war.

»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist?« fragte der Andere nach einer längeren Pause. -- »Sind denn auch selbst die Familienbilder unter den Hammer des Actionators gekommen?«

»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll übrigens ziemlich hoch von einem Engländer erstanden sein, der sich, Gott weiß, aus welchem Grunde, dafür interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen gestochen. Das war doch eine verwünschte Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, daß Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.«

»Sie hat sie damals entdeckt.«

»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«

»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurück.«

»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz eigenthümlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer Verehrung für den Bräutigam.«

»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei gedacht.«

»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf denkt -- das ist unergründlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du hier in M--?«

»Ich weiß es nicht -- weiß auch nicht, ob ich überhaupt in der nächsten Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.«

»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger Studien mitgebracht.«

»Das allerdings, aber die können warten. Meine Casse ist ziemlich gefüllt und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme, vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem Rhein.«

»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« sagte Frank, der ihn mißtrauisch ansah -- »Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen Plan, Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«

Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, Frank,« erwiderte er, »meine Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann für mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich würde sogar die Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb auch? es hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten zu sehen.«

»Ist das Dein voller Ernst?«

»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«

»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete schon, daß die Nachricht ihres Unglücks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen könne.«

»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte -- ja -- nicht an der Seite eines Gatten.«

»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief Frank lebendig. »Ich habe gerade verschiedene Arbeiten beendet -- bin überhaupt das letzte Jahr merkwürdig fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder höchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.«

»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus -- »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte nicht die Zeit über ganz müssig liegen.«

»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch sein.«

Sechstes Kapitel.

In Wiesbaden.

Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge bringe.

Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen -- ei, der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner Sande begraben lassen -- auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze.

Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte, als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und heiteren Frank.

Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen, bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei ungemein.

So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach M-- zurückkehren mußte, um einige versprochene Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.

Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.

So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere seine Reise nach Köln fortzusetzen.

Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe gelangen konnte.

Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich aber doch -- hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner Spieler angelockt -- verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch wurden.

Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust zu zeigen suchten.

Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.

Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden -- vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.

Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. Was war es auch -- ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte -- ein ekelhafter, unangenehmer Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.