Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 3

Chapter 33,747 wordsPublic domain

»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und die erbärmlichen Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard -- »Dein chinesischer Fächer würde sich viel besser machen.«

»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete Clemence ziemlich bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine Stellung so gefällt.«

»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater, schon gewohnt, daß seine Tochter ihren eigenen Willen hatte -- »wird sich ganz gut machen. Und weiß der Herr schon die Größe des Bildes?«

»Nein.«

»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß er sich dort selber das Maaß nach dem Bild Deiner seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.« Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren Personen im Zimmer wären, verschwand er wieder durch die Thür.

Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, und die Dame in dem schwarzseidenen Kleid hatte es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl, den sie aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt, bequem gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu da, um der jungen Dame als Ehrenwache zu dienen.

Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene Stunde war ihm aber doch nur zu bald entflogen und mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence freundlich mit der Hand und sagte:

»Meine Zeit ist für heute um -- ich hoffe, Sie morgen pünktlich wieder hier zu sehen, und jetzt bitte ich Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen, damit Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.«

Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern schritt ihm voran durch das nächste Gemach hindurch in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es fand sich aber hier der nämliche Uebelstand, wie in dem Boudoir.

Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt und genug davon aufeinander gehäuft, um zwei solche Säle fürstlich auszustatten. Man sah bei jedem Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines wirklich vornehmen Mannes, sondern in dem Hause eines Parvenus befand, der diese Räume nicht deshalb so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu prunken und seinen Reichthum zu zeigen.

Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches Herr Joulard schon vorher eine Treppenleiter hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen. Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer leichten Verbeugung verabschiedend, schritt sie in ihr eigenes Zimmer zurück und überließ es ihrer Begleiterin, dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu leisten, bis er fertig sein würde und ihm dann den Ausgang zu zeigen.

Viertes Capitel.

Das Bild.

Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schönen Züge und Formen des jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frühere Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. Clemence war allerdings immer freundlich gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, die wohl zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit einem kalten Lächeln zurückweist und dadurch unnahbar wird.

Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben mußte. Einmal wurde er allerdings gemeldet, während Trautenau arbeitete, Clemence ließ ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu rühren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bäte den Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.

Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausführung des Kopfes vorgerückt, daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen konnte.

Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die Geschichte an langweilig zu werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur Anstands halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand störte. Sie selber genirte das aber am meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, daß sie aufstand, das Zimmer verließ und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf und ab ging, nur um wieder munter zu werden.

Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhören gab.

Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten, um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, aber dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich lebendig genug.

»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« begann Trautenau, der jetzt nicht mehr länger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm zu günstig dar.

»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie haben freilich keinen Duft, aber so wunderbar schöne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der Alpenrosen.«

»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien Bergen umherstreiften?«

»Sehr gern.«

»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den steilen Wegen gefürchtet?«

»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des flachen Landes,« entgegnete Clemence ruhig.

»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?« fuhr Trautenau, ohne die Augen von seinem Bild zu nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort.

»An der Graslanne? -- was wissen Sie davon?« rief Clemence, ihn verwundert ansehend.

»Und kennen Sie mich nicht mehr?«

»Ich? -- Sie? -- und doch,« setzte sie plötzlich tief erröthend hinzu, »es -- es wäre wirklich möglich -- Waren Sie jener junge Fremde?«

»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen damals den kleinen, leider nur zu unbedeutenden Dienst leisten durfte.«

»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt benommen, und Sie werden oft über mich gelacht haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich blutroth wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht, ich wurde auf einmal schwindelig und hielt den Abhang auch für viel steiler, als er sich später zeigte.«

»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,« bemerkte Trautenau entschuldigend, »besonders nicht für Damen, die bei ihren langen Kleidern nicht genau sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem viel zu leichtes und glattes Schuhzeug tragen. -- Ich hoffte damals Sie später in den Bergen wieder zu treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich verschwunden, daß ich selbst auf der breiten Heerstraße Ihre Spur verlor.«

»Ja -- mein Vater eilte etwas, um nach Hause zurückzukehren,« erwiederte das junge Mädchen, während ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus lesen wolle.

Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die Mademoiselle schlief sanft -- seine Hand zitterte so, daß er mit dem Malen inne halten mußte.

»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist es immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu dürfen.«

»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence lächelnd, »daß der Himmel ihn erfüllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme hinzu.

»Ja wohl -- ja wohl -- gewiß,« erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem Schlummer emporfahrend, »nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«

»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« fuhr Clemence fort, »finden Sie nicht auch, daß das Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«

»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf fällt,« antwortete Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung gegeben hatte; Mademoiselle war auch jetzt vollständig munter geworden und an eine Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte lieber morgen eine Viertelstunde nachholen.

Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug das beunruhigende Gefühl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein, als je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence beinahe ängstlich gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Fürchtete sie etwa deren Fortsetzung? dann wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren geben.

In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das Gespräch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt zu geben und Mademoiselle hielt ihre sonst so schläfrigen Augen fast krampfhaft offen. -- Dann kam eine lange Pause -- Ernst hatte das noch nicht beendete Bild nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original möglich war, auszuführen, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es vollständig zu beenden.

Darüber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen wunderliche Gerüchte über den Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im Hause des reichen Joulard nicht zu stören schienen.

Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß er eine sehr bedeutende Erbschaft gemacht habe -- Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -- von anderer Seite hieß es, daß er seinen Abschied nehmen wolle -- weshalb? wußte freilich Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb dann immer, daß er, mit eigenem Vermögen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es wäre jedenfalls thöricht gewesen, da noch länger Soldat zu bleiben. -- Einige wollten aber behaupten, er müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen müsse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm die Hand seines einzigen Kindes geben könne. Hatte er aber wirklich so viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.

Trautenau allein vielleicht quälte sich um die Braut. Er fühlte selber, daß die Hoffnung, sie für sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß zu bewahren, was die Stadt erfüllte, und was sie selbst als die künftige Gattin jenes Mannes am nächsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe machen müssen, wenn er da geschwiegen hätte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte.

Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch höchstens zwei Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß er im Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. Immer, wenn ihm schon das Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern. Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.

»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte da der alte Herr, indem er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese -- das sieht zu leer aus. Soll der nicht hinein?«

»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. Ich möchte heute das Bild soweit beenden, daß ich morgen das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder doch nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe -- die Farben werden mir sonst trocken.«

Der Besuch war ihm lästig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere Gelegenheit haben würde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten zu sehen und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die Zeit verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verließ mit ihnen das Gemach.

Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekämpft und der Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence über seine Besorgnisse zu sprechen. Er mußte die Last von seinem Gemüth herunterwälzen -- mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie über ihren Verlobten hörte, benehmen würde. Erschrak sie -- wurde sie bleich -- aber was half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. Das mußte der Augenblick bringen und dem Augenblick überließ er darum Alles.

Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen überschüttete. Er konnte gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische Auffassung des Bildes zu preisen.

»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« brach er plötzlich ab, »daß Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich nämlich. -- Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen, der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand gemalt, und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht gesehen habe.«

Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich den Kopf und bemerkte sehr ernsthaft:

»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht übel. Das heißt Gott versuchen und den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche Einladungskarte geben, kommt er, darauf können Sie sich fest verlassen -- er kommt gewiß.«

»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der Maler lächelnd, »aber seien Sie versichert, gnädige Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm, wie er gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, daß er sich nur das schlechteste Gesindel auf der Welt aussucht, um es für sich zu holen, zeugt von seiner Bescheidenheit.«

Herr Joulard und der Major lachten laut auf; die alte würdige Dame aber, die wahrscheinlich keinen Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel hatte, schlug entsetzt die Hände zusammen und rief:

»Das ist ja eine Gotteslästerung.«

»Doch nicht, wenn er den _Teufel_ lobt,« sagte lachend Herr Joulard, »Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn der Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, würde ihn der liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem Künstler Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie nur den Chinesen nicht.«

»Und meine Copie,« rief der Major.

»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte der Maler in einer tollen Laune, »wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« und die Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran, mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.

»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte Dame, die Herr Joulard »Excellenz« genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem Ofenschirm herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem eigenen Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?«

»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, »kein Teufel, sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmückung und -- ganz absonderlichen Zügen,« setzte sie langsam und mit einem forschenden Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, »aber irgend ein phantastisches Bild paßt an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr für mich darin.«

»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hörnern und Schweif,« rief die alte Dame entsetzt, während der Major neben dem jungen, eifrig malenden Künstler stand und einmal über das andere »Bravo, ganz vortrefflich!« rief. Er amüsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß eben dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend ähnlichen Züge trug. Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber absichtlich aus -- er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte so emsig weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz zu überlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mühe im eigenen Hause fertig machen.

Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen -- da sagte Clemence plötzlich:

»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach stehen.«

Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der Diener das Buch gefunden hätte.

Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war seine Arbeit hier im Hause beendet. -- Aber sein Entschluß sollte ihm erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:

»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«

»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.

»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«

»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine Charakteristik geben.«

»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt --, »wie verstehe ich das?«

»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.«

»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.

»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau fort, »lassen Sie mich ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar nöthig, daß Sie es erfahren.«

»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, während hohes Roth ihre Züge färbte.

»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit dem Major von Reuhenfels zu vermählen.«

»Allerdings.«

»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?«

»Von dem Major?«

»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als das, daß er ein schlechter Mensch sei.«

»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen Gatten!«

»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich -- »und nur um Unglück von Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund -- kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte -- wage ich Sie zu warnen.«

»Zu warnen?«

»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die Worte über die Lippen brachte. -- »Glauben Sie mir nur, daß mich allein die Sorge -- die -- Theilnahme für Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben -- kein Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben; aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt über Ihren künftigen Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher zu furchtbar.«

»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen kalt.

Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.

»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich in Zukunft mit Anklagen, die meinen Bräutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den Herrn böswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen,« setzte sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher der Maler emporfahren wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind. Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafür. Damit muß aber auch die Sache und zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschränkt.«

»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, denn er fühlte diese Zurückweisung doppelt scharf. -- »Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«

Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein leichtes, fast neckisches Lächeln über ihre Züge.

»Nein,« sagte sie -- »lassen Sie es so. Haben Sie dies nämliche Bild an Ihre Wand gemalt?«

»Ja, mein gnädiges Fräulein.«

Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frühere Stellung wieder ein und in demselben Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den ganzen Bücherschrank von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu finden.

»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche es auch nicht mehr -- wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem gleichgültigen Ton.

Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu verlassen, sagte er herzlich und einfach:

»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«