Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 2
Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde, und doch auch hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der Major über sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, daß es eben sein eigenes sein sollte.
»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch immer weiter -- »und ein Schurz von Wein- und Kartenblättern -- famos allegorisch -- ja wohl sind das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den Krallen zerbricht, ergänzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete Idee das -- ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Künstler, und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstück.«
»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete Trautenau, bei dem das Humoristische der Situation die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen wirklich?«
»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen -- und die Epauletten -- höhere Charge natürlich in seiner Beelzebubschen Majestät Armee; wundervoll! -- Aber ich muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr im Joulardschen Hôtel -- wissen Sie wo Joulard wohnt?«
»Ja wohl.«
»Gut -- also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn für die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins -- der Preis -- ich glaube, daß Sie sich später darüber mit Herrn Joulard in für Sie sehr befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen dabei keine Gefahr. Also Sie kommen?«
»Ich werde mich pünktlich einfinden.«
»Und noch eine Bitte, bester Freund -- könnten Sie nicht für mich eine kleine Skizze -- und wenn es nur Aquarell ist -- von diesem famosen Teufel machen -- aber eine ganz treue Copie, wie? Sie würden mich unendlich verbinden.«
Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so ganz verblendet, daß er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige Bitte desselben, und in einem Anfall von wildem Humor rief er aus:
»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf -- eine treue Copie -- und vielleicht schon in nächster Zeit.«
»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« versicherte der Officier -- »also unser Geschäft wäre soweit abgemacht -- habe die Ehre,« und militairisch grüßend verließ er das Zimmer, während Trautenau wie in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm nachstarrte.
Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -- sein Major, den er dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besaß, war zu ihm gekommen, hatte das Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn selber zu Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzückung nach der Thür, als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.
»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« -- rief er -- »ich begegnete ihm unten in der Thür« --
»Der Teufel!« sagte Ernst.
»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.
»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemälde bestellt.«
»Du willst mich zum Besten haben.«
»Ja, mehr als das -- ich soll Clemence malen.«
»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«
»Allerdings.«
»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort gesehen?«
»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«
»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«
»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.«
»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?«
»Gewiß will ich -- und weshalb nicht?«
»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge Maler, »wenn es ihn eben freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, -- und gute Freunde werden ihn schon darauf aufmerksam machen, -- wird er wüthend werden.«
»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn er glaubt, daß ich ihm auch nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«
Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit kommt, bei ihm sein könnte, -- was für ein prachtvoll dummes Gesicht er dann machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt man nie ein Billet. Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, daß ich mich selber noch gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natürlich nichts Nachtheiliges über ihn äußern werden.«
»Siehst Du, daß ich recht hatte.«
»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«
»Ich habe schon zugesagt.«
»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht andere Arbeiten ab.«
»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« fragte Ernst trotzig, -- »glaubst Du, daß ich mich vor der Dame fürchte?«
»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«
»Ich bin kein Kind mehr.«
»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber -- nimm mir's nicht übel, Ernst, -- schon diese tolle Liebe, oder vielmehr der Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flüchtigen Begegnen noch gar nicht wissen, spricht für Dein -- kindliches Gemüth. In Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, und ohne daß Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und läßt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen. Denk' an mich.«
»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« sagte Trautenau lächelnd, »denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau kennte, würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister halten.«
»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger spreche, als ich gewöhnlich denke,« erwiderte Frank -- »ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber sei überzeugt, daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur die Sorge, Dich in eine peinliche -- und doppelt peinliche, weil selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, läßt mich so zu Dir reden. Malst Du das junge bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren verliebt zu sein selbst eingestehst, so läuft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich fürchte, Du -- ruinirst Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«
»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.«
»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts leichter als das. -- Ich will Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen -- ich habe das lebensgroße Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection, denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen und theilen.«
»Du bist ein Thor -- durch das Bild des Grafen erhältst Du, wenn es Dir gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.«
»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.«
»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und die seine herzlich schüttelte -- »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe und Treue gegeben, aber -- es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde Dir zeigen, daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen zu treten, die sich einander angehören wollen.«
»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn sie Dir täglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?«
»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht scharf und einen Plan habe ich mir überhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der Augenblick muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu wahren -- mehr kann ich nicht thun.«
»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht weiter helfen. Aber was hast Du denn da für eine Carrikatur auf der Staffelei. Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufällig?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit einander verglich -- »wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich habe meinem wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Züge hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«
»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja -- weiter nicht. Vorhin begegnete er mir auf der Straße und rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -- eine reine Rechenmaschine.«
»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?«
»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie würden sich zu Tode langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ängstigen müßten. Das läßt uns ruhiger, nicht wahr Ernst?«
»Du magst Recht haben -- ich wenigstens kenne, außer einer Banknote, kein einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind wir am zufriedensten.«
»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«
»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den Major.«
»Bist Du denn wirklich des Teufels?«
»Laß mir doch meinen Spaß -- ich habe mich jetzt einmal in das verhaßte Gesicht hineingelebt und fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben Ausdruck gebe -- es wäre ein verwünschter Spaß.«
Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu sagt« -- und dem Freund die Hand drückend, stieg er wieder die Treppe hinab um seinen eigenen Geschäften nachzugehen.
Drittes Kapitel.
Die erste Sitzung.
Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, denn in seinem Herzen war ein Verdacht rege geworden, daß Clemence selber die Aufforderung an ihn, ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. Die Möglichkeit lag doch nicht soweit ab, daß sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht an ihm vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er achtete nie auf Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er die Möglichkeit -- ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glückes überdachte, denn wie wäre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es ließ sich nicht anders denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm selber eine Annäherung zu ermöglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich ruhig auf sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.
Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß die Verbindung mit dem Major eine erzwungene gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? -- Aber das Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem Leben gestalteten. Das allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lächelt ja das Glück.
Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nächsten Morgen in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine allbekannte Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter und wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, während der Morgen die kaltblütige Ueberlegung und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich bringt.
Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein Zufall sein, und das junge Mädchen? -- wie flüchtig -- wie kurze Zeit nur hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, daß sie sich seiner Züge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen?
Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste Lust zum Arbeiten und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe seine Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal brauchte er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe des Bildes mußte erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige -- oder wenigstens was er für nöthig hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu begleiten und schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen, dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich endgültig entscheiden müsse.
Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor ausgelegt -- prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte Diener schlenderten müssig auf und ab.
Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der dem Träger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt und dort allein gelassen wurde.
Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah, aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er ruhig und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher einen unangenehmen als günstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenständen überladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast werden dürfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wänden standen in keinem Verhältniß zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drängten sich einander. Die schweren, mit Spitzen überwallten Seidengardinen wurden von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln rückten zu nahe aneinander und brachten eher ein Gefühl der Beengung als des Behagens hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren heimischen Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf einem gestickten Polster lag ein kleines silberweißes Wachtelhündchen und knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch nur zu rühren.
Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, daß dieses Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes Fenster sah nach Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings nicht recht begriff, wie es möglich sein würde, sie hier in dem engen Raum aufzustellen.
Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen war, hörte er plötzlich ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thür wurde nur durch einen purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, das ihm mehr dem Himmel als der Erde anzugehören schien.
Es war Clemence, -- aber nicht mehr das junge schüchterne Mädchen aus den Alpen, das sich, Hülfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid vom schwersten Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, umschloß ihre schlanke, junonische Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber ihre beiden Augensterne überstrahlten sie alle, und wie sie mit königlichem Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah, war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde über und über roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie schien nicht böse über den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich:
»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich eingehalten und ich möchte Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen -- Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig beschränkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.«
Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere Dame der Tochter des Hauses gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie Tag und Nacht -- wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.
Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf. Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard? -- Diese war, so viel er gehört schon vor längerer Zeit gestorben. -- Eine Gesellschafterin? Clemence würde sich sicherlich eine andere Persönlichkeit dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der Persönlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence selber verlangte diese, und er ärgerte sich auch, daß er ihr gar so schülerhaft gegenüber stand.
»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« sagte er zu Clemence, »so will ich die Staffelei hier herüber stellen -- an diesem Platz werden wir, glaub' ich, das beste Licht haben.«
»Wie Sie es für gut halten.«
»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der Blumentisch dort hinüber kommt,« bemerkte die Dame mit dem Kropf.
»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, gnädige Frau,« entgegnete Trautenau, durch den albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun einmal nicht ändern läßt.«
Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte aber auch zu gleicher Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch stehende Klingel, und bedeutete dann gleich den eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung vorzunehmen.
Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, der Staffelei die richtige Stellung zu geben und zugleich einen passenden Platz für Clemence zu haben, wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt gut beleuchtet wurde.
Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam zu betrachten, und ach wie schön war sie -- wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen castanienbraunen Locken stachen wunderbar gegen den weißen Nacken ab, auf dem sie ruhten und diese Augen mit den Wimpern, -- diese Lippen, die Zähne, wie Perlen an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und sich selbst dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick an der verführerischen Gestalt, daß Clemence endlich erröthete und lächelnd sagte:
»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?«
»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es giebt immer ein prachtvolles Bild, aber -- es wird matt gegen das Original werden, fürchte ich --«
»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte Clemence, und ihre, noch eben lächelnden Züge nahmen einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden also mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte ich Sie bitten, meine Stellung zu bestimmen.«
»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu wählen,« erwiderte der Maler, der die Zurechtweisung recht gut fühlte und leicht erröthete -- »so natürlich und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf. Vielleicht dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen benutzen, und den großen Trumeau als Hintergrund.«
»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und macht Ihnen außerdem doppelte Arbeit -- die Vase, ja. -- Ich werde ein kleines Blumenbouquet in die Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen, da ich Alpenblumen -- Edelweiß, Alpenrosen und Genziane -- dazu benutzen möchte.«
Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -- Also auch sie erinnerte sich noch jener schönen Berge und schien sogar die Erinnerung daran zu lieben -- hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr jene Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er einer ruhigeren Zeit, als den Beginn der Sitzung -- die mußte er abwarten.
Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der That seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und wie ein electrischer Strom lief es durch seinen ganzen Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren Arm berührte, um denselben etwas zu heben.
»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen beendet waren, »bitte klingeln Sie einmal -- ich lasse meinen Vater ersuchen, einen Augenblick herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine Stellung gefällt.«
Der Befehl wurde rasch ausgeführt. -- Also eine Mademoiselle war die Dame mit dem dicken Hals -- Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von Duenna -- und abschreckend genug sah sie für den letzteren Beruf aus.
Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr Joulard das Zimmer. Trautenau hatte ihn noch nie gesehen und er machte allerdings bei seinem ersten Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es war eine kleine etwas schwammige Gestalt, dieser Millionair, mit halb zugekniffenen Augen und ziemlich rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze, aber eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den Hosentaschen und dabei die Angewohnheit, sich mit dem Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten. Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke schwere Goldkette hing ihm, als einziger Schmuck, über die braunseidene Weste.
Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus den Taschen zu ziehen und den jungen Maler auch kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend, und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete er sich die Gestalt des jungen Mädchens ein paar Augenblicke wohlgefällig.
»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich -- »sehr schön -- allerliebst, wird sich recht gut machen. -- Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht aufgesetzt? Das fehlt noch --«
»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, Papa,« sagte Clemence -- »es sieht zu anspruchsvoll aus.«
»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte Herr, »was Du für Ideen hast -- Joulard's einziges Kind zu anspruchsvoll!«
»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich werde ein Bouquet von Alpenblumen in die Hand nehmen.«