Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 17

Chapter 173,546 wordsPublic domain

Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei Tage später verließ auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco wieder, um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.

Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in Thränen fand.

Und wann kehrte er wieder? -- Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch eine weite Strecke -- aber mit den heißesten Schwüren betheuerte er der Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mußte, barg sie laut schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. -- Es war zu viel für das arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage an -- tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber -- etwas nach dieser Zeit -- Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder wie vordem, und sie war unstreitig das schönste Mädchen und die beste Tänzerin auf der Mission Dolores.

Eine Polizeistreife in Cincinnati.

Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte ich sie nicht.

In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln.

Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen. Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.

Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich schon manches Interessante bot.

Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt, ist so eigenthümlich wie praktisch. Man sperrt sie nämlich keineswegs in kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thüren und Schlössern und sorgfältig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier oder fünf große viereckige, eiserne Käfige, aus starken Eisenblechbändern zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen, zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die Zwischenräume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren dadurch über das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem fortwährend zwischen den verschiedenen Käfigen hin und her, und keiner der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne daß es bemerkt wird. An ein Ausbrechen ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie durch Feuer Unheil anrichten -- das Eisen brennt nicht.

Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen Käfigen ist für Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen -- ja vielleicht auch den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind und Wetter und wer weiß, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst durchgemacht, ehe sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.

Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die östlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel führte.

Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die »farbigen« Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie es schon den »weißen« Ladies abgesehen hätten, nur deßhalb nämlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder zur Schau zu tragen.

Der Geistliche -- ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer hätte sagen wollen: »Nun, hab' ich nicht recht? -- ist die ganze Sache nicht sonnenklar, und kann irgend ein vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden haben?« -- Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen Theil seiner Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet zu werden, denn fortwährend kamen und gingen Leute, und machten oft Lärmen genug dabei.

Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berüchtigten Viertels, und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. Es herrschte auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn der Fluß war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den schmutzigen Strudel in Bewegung halten.

Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen unten, bei der Beleuchtung eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr geschminkte weiße und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, denn was hier weilte, brauchte das Licht -- wenigstens dieser Nachbarschaft -- nicht zu scheuen. Sie wußten auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der Hinterthür zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum und überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, halbverfallenen Hinterhauses.

Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und: »Jammer, von keiner Menschenseele zu fassen!« hätte ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir einzelne dieser höhlenartigen Wohnungen betraten.

Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen Strohmatratze eine menschliche Gestalt zusammengekauert.

»Wer ist das?«

»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke kauernde Frau, die man natürlich keines Grußes gewürdigt hatte, »sie ist krank.«

Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes Talglicht seinen düsteren, unbestimmten Schein durch das Gemach, blies doch der kalte Nachtwind durch drei oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit der Antwort -- war es doch ein zu gewöhnlicher Kniff dieser Art Leute, irgend Jemanden, den sie verstecken wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog ziemlich unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt schaute ein hohläugiges, bleiches Antlitz zu ihm auf. Es war in der That die kranke Schwester.

»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach Cincinnati gekommen?«

Die Kranke konnte nicht antworten und zog die Glieder fröstelnd zusammen, so daß der Lieutenant ihr die Decke wieder überwarf. Die Schwester antwortete für sie.

»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen Cents, die sie verdient, auch noch vertrunken, ohne ihr je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen. Da hat sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.«

Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens und doch lehnte daneben auf einer alten Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen, das nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten Oberkleider ein wenig zusammen zu raffen.

Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude gleich in ein anderes hinübersteigend -- und der Weg war nicht angenehm, denn man sah gar nicht, wohin man den Fuß setzte, -- erreichten wir ein niederes, schmales Haus, in welchem oben, in zwei verschiedenen Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern stiegen wir die eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. Zwei junge, weiße Damen lebten hier in dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas verlegen in der Hand herumdrehend.

Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen, in das nächste Zimmer und leuchtete hinein -- aber es war leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich darin, und war hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges zu finden -- nichts wenigstens, gegen was die Gesetze des Staates hätten einschreiten können.

Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir in einer der nächsten Negerspelunken Musik und fanden den Raum gedrängt voll Menschen. Ein paar von diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen erkannten, denn es giebt Konstitutionen, denen dieselben antipathisch sind; die meisten hielten aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste verkrüppelt, der mit den Stumpfen eine Art von Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt sang.

Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den Genuß eines Negertanzes zu machen, aber die Damen schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing und ihr ein Stück Papiergeld vorhielt, das sie haben sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie schien allerdings, trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, sah aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er hielt sie fest, und griff deßhalb nach dem Gelde. Es war eine kleine dicke, wie es schien, unbehülfliche Gestalt, warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von dem alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher Geschicklichkeit um sich, daß sie mit Hacken und Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den Achtelnoten schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie jetzt selber warm in dem Tanz geworden wäre, machte sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte mitten zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, aus der sie natürlich nicht wieder herausgefischt werden konnte.

Das genügte übrigens auch vollständig für eine Probe, und wir schritten über die Straße nach einem anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten nicht recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem Raum, den ein einzelner Mann fast beanspruchen würde, wenn er bequem leben sollte, eine ganze Kolonie von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und -- eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es nicht möglich wäre zu beschreiben. Ich konnte mir auch nicht helfen und frug den Deutschen, wie er nur im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den Seinen auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und meinte: »es wäre ihm hier in Amerika nicht besonders gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm, als sie gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.«

Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens nachher, daß nicht etwa die Noth deutsche Familien in einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern daß sich derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher Umgebung herumgetrieben habe, oder hier durch lüderliches Leben dazu gebracht sei. Uebrigens wären die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte verschiedene »deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust finden.

Wieder in die Straße hinüberkreuzend, betraten wir ein anderes Schenklokal, in welchem drei Neger Karten mitsammen spielten.

»Wo habt ihr denn den Einsatz?« frug sie der Polizeimann, und sie wußten recht gut, daß sie nicht um Geld spielen durften.

»O, Mister,« sagte der eine Neger grinsend, »wissen wohl, wir sind viel zu arm, als daß wir um Geld spielen könnten -- spielen nur darum, wer von uns nächstes Jahr Präsident wird.«

Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthür zu.

»=For Gods sake Massa!=« sagte der eine Neger aufspringend, und mit ziemlich lauter Stimme: »Nehmen Sie sich in Acht, ist ein großes Loch im Hof.«

»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann ärgerlich, »kümmere Du Dich um Dich; ich kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« -- und ohne sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch einige in den Grund gestochene Stufen -- die bei Regenwetter völlig unpassirbar sein mußten -- hinauf und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen, daß wir Anderen ihm viel vorsichtiger folgten, denn die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns nicht so spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich das obere Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges dort zu finden. Hatte sich irgend Jemand da versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, sich aus dem Staub zu machen, denn er brauchte nur über eine der nächsten, niederen Planken zu steigen, um damit schon vollständig aus Sicht und Bereich zu kommen.

In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen weiblichen Gästen, eine junge, aber sehr leidend aussehende Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas mit Whisky vor sich stehen hatte.

»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das Viertel gekommen, Margot?« sagte der Amerikaner, »hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier nicht wieder finden sollten?«

»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge Frau finster und leerte dabei das Glas auf einen Zug; »habt keine Furcht, daß Ihr mich hier wieder trefft, denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen. Nur hereingekommen bin ich, um meine Kiste abzuholen, aber vor einer Viertelstunde kam der Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt muß ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. Heute bringt er sie mir nicht mehr fort, und wenn ich ihm einen Dollar dafür böte.«

Es war überall das Nämliche: Jammer und Elend, aber nirgends Rauferei oder wüster Lärm, eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise nicht mehr erschwingen, denn wo sie sonst die Flasche um zehn Cents gehabt, sollten sie jetzt einen Dollar dafür bezahlen -- deßhalb auch dieser anscheinend moralische Frieden in dem »schlechten Viertel.«

Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der Stadt sprachen wir noch, der Merkwürdigkeit wegen, in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die schwarzen, neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig diesem Spiele zugewendet. Der Besitzer desselben schien indessen ebenfalls unter den »schlechten Zeiten« zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr in dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine Treppe hoch gelegen, ein großes, hübsches Billard und einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte. Wir tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren geben und fanden beides, Getränk und Tabak, gut und preiswürdig.

Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung bei, wo die über Nacht aufgebrachten Vagabonden abgeurtheilt und verschiedene andere Dinge verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig wiederholende Geschichte: Trunkene, die in ihrem Rausch Prügeleien angefangen, Frauen, die von ihren Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung bei den Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige Dirnen, die einander in die Haare gerathen, und würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen seidenen Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt waren, ein lüderliches Haus zu halten, das durch seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele wohl, die gerechte Entrüstung zu sehen, mit welcher sie eine solche Verdächtigung von sich wiesen, und die Resignation zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen ließen. Ueberhaupt fiel mir auf, daß die Strafen von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich diktirt wurden. Sechs bis zehn Monat Arbeitshaus kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich nöthig sein, denn wenn man nur in die von Verbrechen und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge dieser Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, daß sie eine leichte Strafe nur verspotten würden. Selbst diese kann sie nicht heilen, sondern entzieht sie nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und wüsten Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich von Neuem beginnen.

Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen vor, leider aber nicht zur Entscheidung, und zwar ein junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen. In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander in unerklärlicher Weise, mehrere Brände ausgebrochen, und das halbe Kind, denn sie konnte kaum dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer an allen diesen Stellen angelegt, ja es sogar gegen Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber keiner von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu haben, denn dazu lag nicht der geringste Grund vor, der dagegen in einer Art von Wahnsinn, in einer Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu freuen.

Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und das große Bonnet, das sie trug, beschattete ihre, nur selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an ihrer Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete ihre Unschuld. Sie selber sprach fast gar nicht, nur wenn er sich mit einer Frage leise an sie wandte, schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. Die gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe reichten indessen noch lange nicht hin, sie zu verurtheilen -- wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden, und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben werden, um beiden Theilen Gelegenheit zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu rüsten.

Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati.

Leipzig,

Druck von Giesecke & Devrient.

[ Hinweise zur Transkription

In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und Überschrift des siebten Kapitels.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie gegebenenfalls "«," geändert in ",«".

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Billette" -- "Billete", "Cajüte" -- "Kajüte", "Compaß" -- "Kompaß", "erwiderte" -- "erwiederte", "Hôtel" -- "Hotel", "müssig" -- "müßig", "Paar" -- "paar", "weshalb" -- "weßhalb",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 1: "hiel" geändert in "hielt" (in der Hand ein großes Herz hielt)

Seite 1: "," entfernt hinter "sie" (wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht)

Seite 1: "," eingefügt (ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber)

Seite 5: "." eingefügt (einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen.)

Seite 5: "grünbebewachsenen" geändert in "grünbewachsenen" (einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden)

Seite 5: "irgend wo" geändert in "irgendwo" (noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen)

Seite 13: "." geändert in "?" (»Und woher willst Du das wissen?«)

Seite 25: "So bald" geändert in "Sobald" (Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt)

Seite 28: "meist" geändert in "meinst" (daß Du es wirklich gut mit mir meinst)

Seite 30: "," eingefügt (und fürchte fast, daß ich morgen)

Seite 33: "," eingefügt (aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht)

Seite 33: "," eingefügt (und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe)

Seite 34: "ab" geändert in "ob" (sondern als ob sein eigenes Schicksal)

Seite 40: "ein" geändert in "eine" (Also eine Mademoiselle war die Dame)

Seite 42: "," eingefügt (Papa,« sagte Clemence)

Seite 42: "," eingefügt (Unsinn,« rief lachend der alte Herr)

Seite 42: "." geändert in "," (»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater)

Seite 47: "Wären" geändert in "Waren" (Waren Sie jener junge Fremde?)

Seite 53: "," eingefügt (fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts)

Seite 62: "Sie" geändert in "sie" (»Nein,« sagte sie)

Seite 62: "Sie" geändert in "sie" (setzte sie freundlicher hinzu)

Seite 74: "." geändert in "?" (»Und wo hält er sich jetzt auf?«)

Seite 76: "du" geändert in "Du" (Bleibst Du hier in M--?)

Seite 118: "Biberich" geändert in "Bieberich" (»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«)

Seite 122: "hatt" geändert in "hatte" (und sie hatte nicht viel Zeit)

Seite 123: "," eingefügt (»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence)

Seite 136: "vorrigen" geändert in "vorigen" (ganz das nämliche im vorigen Jahr)

Seite 140: vertauschte "," und "." korrigiert (setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.)

Seite 144: "so bald" geändert in "sobald" (denn sobald er die lieben)

Seite 159: "Trautena" geändert in "Trautenau" (Aber Trautenau war nicht in der Stimmung)

Seite 160: "," eingefügt (»Wir sind die Ersten,« begann der Officier)

Seite 165: "Hauskecht" geändert in "Hausknecht" (was ich eben von dem Hausknecht gehört)

Seite 182: "den" geändert in "denn" (denn auf den anderen Inseln waren die Früchte)

Seite 184: "Kapitan" geändert in "Kapitän" (Der Kapitän hoffte noch)

Seite 186: "ihre" geändert in "Ihre" (Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.)

Seite 189: "," hinter "dem" entfernt (fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth)

Seite 201: "?" geändert in "!" (Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!)

Seite 214: "," eingefügt (Steuermann -- Ihr, Bill)

Seite 222: "Zimmermannn" geändert in "Zimmermann" (Der Zimmermann that dies mit Vergnügen)

Seite 227: "ihm" geändert in "im" (Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd)

Seite 238: "mußte" geändert in "wußte" (von dem lustigen Leben draußen wenig wußte)

Seite 252: ";" geändert in ":" (seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:)

Seite 263: "keinen" geändert in "kleinen" (dem Haus mit dem kleinen Thurm)

Seite 265: "ihn" geändert in "ihm" (Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht)

Seite 273: "." eingefügt (Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit.)

Seite 276: "," eingefügt (von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur)

Seite 278: "." geändert in "?" (stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«)

Seite 278: "," eingefügt (bist Du aber noch schuldig, mein Bursch)

Seite 300: "Aufenthalsort" geändert in "Aufenthaltsort" (in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)]