Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 16

Chapter 163,706 wordsPublic domain

Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte, denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.

Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen, um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. -- In derselben Zeit drückte der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar, das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.

Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei -- aber es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch.

Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und _alle_ Zonen, -- mit Ausnahme vielleicht der kalten -- waren wirklich vertreten.

Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack, den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum, in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu Absonderliches in die Augen sprang -- Mexikaner mit den, an der Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen, die sich nur denken lassen -- abgerissen in ihren Kleidern auf das Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.

Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden Augen des Tanzes harrten.

Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten -- und Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere.

Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen.

Zu _diesem_ Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten sich zwei junge Damen eingefunden.

Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl heraus.

Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen -- ja wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen!

Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus, denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise verdoppeln -- oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr wie den Nachmittag über, gedrängt war.

Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen, sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen -- galt es doch eine Ueberraschung.

* * * * *

Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und sich von ihnen abwendeten.

Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten, moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen, und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte sich mit dem unheimlichen Laut.

Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen -- denn die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu werden -- und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.

Träumte er? -- die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten, um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben, _seine_ Kranken behaglich unterzubringen.

Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen, wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische Lebenshoffnung -- hier oben kauerte der _Tod_ und zählte die ihm verfallenen Opfer.

Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission und ein paar Gläser =agua ardiente= (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an seinen Banden riß. Heute war der _erste_ freie Abend, den sie bekamen, und den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.

Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung, die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!

Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn sonst wenigstens warm gehalten.

Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen, der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirne -- auch die Hand war nicht mehr gebunden -- er hob sich vom Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert -- aber dunkle Nacht umgab ihn -- er war nicht im Stande zu _sehen_, wo er sich befand, noch hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte.

Wie schwach er auch geworden war! -- als er zum ersten Mal wieder auf den Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -- Und wie das in seinem Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber- und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? -- er horchte hoch auf -- was war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt?

Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald, daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab.

* * * * *

Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de Cologne an sich niederrieseln fühlte.

»=Caramba, Señorita=« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was ist das?« -- Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen Damen voll und entfesselt los.

Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war -- wie bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz hingerissen.

Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und jetzt begann ein neuer Fandango, noch lebendiger als der vorige.

»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und sie leise an sich zog, -- »Du bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte verrückt werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken müßte, Dich je wieder zu verlieren -- von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita -- in kurzer Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein schönes Vaterland!«

Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen lag vielmehr Schelmerei als Liebe -- sie hob ihre Hand, und im nächsten Moment fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tänzer entgegenhuschte, mit dem sie im nächsten Augenblick den Fandango begann. Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hörbaren Guitarre begleitet hatte, hielt ihn zurück und rief aus:

»=Caramba, Señor=, das geht nicht -- das ist ein Recht der californischen Señioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt Ihr sie auslösen.«

»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom Tanz zurücktrat.

Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie in der That in den kecken Seemannsmützen aus.

Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in das Innere des Hauses führte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite.

»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, »wie glücklich machen Sie mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen zu dürfen -- wollen Sie es tragen?« -- Und dabei schob er ihr leise den kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; »darf ich, Marequita?«

Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thür. Das braungelockte Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn -- sein Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die großen dunklen Augen überflogen erstaunt den sich vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein Ohr, und rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar.

Marequita erröthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger führte, und flüsterte leise:

»Tausend Dank, Señor, -- ich -- werde ihn tragen,« und der junge Mann, in der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren Nacken.

»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mädchen wandte bestürzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und wie verzehrend auf ihr hafteten.

»=Ave Maria Purisima!=« schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer der Krankenwärter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen: »der Wahnsinnige -- der todte Wahnsinnige!«

»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen konnte, um sie aufzufangen, schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.

»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt drängten die Mädchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers zu.

Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick über den inneren Raum -- über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mädchen. Da schrie der Wärter wieder:

»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt ihn nicht fort!« und als ob nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze Gestalt hob sich -- fast unwillkürlich öffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen blinkender Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu davor zurückwichen.

»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, und drängten vor -- nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und suchte sie zum Leben zu erwecken.

»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen auf's Neue erwachte -- »haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an der Seite trug, aus seiner Scheide; »haltet ihn?« gellte er noch einmal, die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend -- »Raum da vorn!« und zum Stoß ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen.

Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber nach rechts und links hinüber -- unbekümmert, wen er traf, stieß der scharfe Stahl -- nach rechts und links stürzten die Männer übereinander, zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -- wer hätte sich ihm entgegenwerfen wollen? und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen Nacht.

»Marequita!« schrie seine gellende Stimme -- »Marequita!« und sein Fuß berührte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust, an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.

Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand ein, und wenige Minuten später war er in der da draußen lagernden Finsterniß verschwunden.

Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand, war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mädchen ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezündet, um den entflohenen Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er wieder vom Tode erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -- aber vergebens. Der Boden war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen zu können, und unverrichteter Dinge kehrten die Männer erst spät in der Nacht zu der Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte waren indessen wieder an Bord gerudert.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen -- war auch wohl Keinem von ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen könne, und auf und ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo sich die Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco wurden Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flüchtling zu forschen.

Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner Flucht genommen, als er aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es war auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer hinab in die See gestürzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht -- wer hätte es sagen können?