Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 15
Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten, wenn sie nur Musik hörten.
Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste, zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder.
Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge, bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren -- jede Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen Stamm gewilligt hatte.
Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome -- wie er von den Kameraden genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger, und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten, was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen Vermögensverhältnissen beantwortete.
Mit diesen stand es freilich nicht -- wenigstens nach californischen Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn -- Don Jerome nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden. Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte _ihm_ das Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder verspielten.
So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären, und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu Schiff und durchgingen.
Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, -- waren doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur das Porto dafür erhielten.
Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war. Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden, thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und Branntweinschenken zu errichten.
Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.
Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die _Art_ des Verkehrs darin doch noch für lange Zeit die nämliche.
Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben.
In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen, denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.
Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil in den nächsten Baum eingehauen -- das war Alles. Und daheim seine Lieben sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen, mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an bei Behörden und Regierung. Umsonst -- wer kannte die Namen der Todten, die überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen -- wer hatte je nach ihnen gefragt!
Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche Krankheit nicht allein und einsam in der Wildniß traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht; Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von alle den armen hülflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit gebracht werden, mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu beginnen!
Eins aber büßten _Alle_ ein: das mitgebrachte Gold -- denn eben nur mit Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger Arzt hatte seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten seiner Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten Gold? -- wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth.
Draußen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen, schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder vielmehr auf die Spitze des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus, legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurück. Die Freunde oder Kameraden der Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden.
Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte schien ein Fremder, -- sein Begleiter, der sich zu ihm überbog und einige Fragen an den halb Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle.
»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, »Fieber -- schweres Fieber -- Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt -- Landsmann von mir -- wohin er gebracht sein will -- bin selber fremd hier -- vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen -- Er sagt Nichts -- nur Mission Dolores -- weiter kein Wort.«
»Ist es Dein Kamerad?«
»Nein -- habe ihn gefunden auf Dampfboot krank -- sehr krank -- weiß nicht, wie er heißt -- aber Landsmann --«
»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere Amerikaner.
»=Toujours= -- =ever= -- kein anderes Wort.«
»Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein,« sagt der Andere -- »dort ist ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht, ein Spanier oder Franzose -- er spricht jedenfalls französisch und hat Viele von Euren Landsleuten oben.«
»Und wo liegt die Mission?«
»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum -- rechts hinein geht ein schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital -- jedes Kind zeigt Euch den Weg dahin.«
»Dank' Euch -- dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte, weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über sich zu geben.
Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns Deutschen dabei mit einem -- freilich selten beherzigten -- guten Beispiel vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu Wasser zu erreichen -- fast die höchste Fluth, -- so hoben sie den Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert Schritt von der Mission selber entfernt lag.
Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen.
»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?« war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse, einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht werden konnten -- wenigstens nicht ausfindig gemacht _wurden_. Er sandte auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.
Das Hospital hatte sich auch in der That nicht -- seit der Errichtung desselben -- zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen -- und wie sahen die jetzt aus!
Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen, wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben -- aber das geschah doch nur im Verhältniß sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg vorgehalten.
Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der letztgekommene Patient -- Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde -- erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.
Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf legte.
Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm gut zu thun -- aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden hätte, nach Namen und Stand zu forschen.
Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen, wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden.
Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal, ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus nur selten. -- Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören; er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen, Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ sich sehen -- Niemand, und der Vater Marequita's frug _viele_ Menschen aus den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein, auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht mehr in den Händen halten konnte.
Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort, zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt, heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.
»Aber welches?«
Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben -- wie oft geschah das! -- und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.
Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte -- also das wäre die Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu bringen. -- Heute Abend war großer Fandango -- die Offiziere eines in der Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu besuchen -- lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten, unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.
Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs, herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln. Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt, denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie -- kein Ton wurde mehr gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und gestorben.
»=Grazias a Dios!=« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind, =amigo=, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht, und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«
Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um den Nachmittag hier draußen zuzubringen.
Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt, mußten da aushelfen.