Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 14
»Ja, _die_ kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein, wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen, wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.«
»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,« sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.
»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt ausrücken.«
»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus -- und dann bin ich auch auf dem linken Ohr taub.«
»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts -- gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft der Herr Bürgermeister.«
Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.
Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.
»Wenn ich _das_ gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt sein wollte.
So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld, eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte.
Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen zuzuwinken schien -- das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie nahe die Bestie versteckt lag.
So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger stöhnte und schwitzte.
Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus. Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte, und der eine stand -- der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich an -- plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.
Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.
Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr, denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu erkennen waren.
»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?«
»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur --« stammelte der Handwerksbursch.
»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.
»Alles -- wenn Sie erlauben --«
»Nachher -- jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er Schwimmhäute zwischen den Fingern trug -- und Hasenmeier überzeugte sich jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann hineinschicken -- denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch nicht riskiren. -- Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's Freie treiben -- und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen kommen.«
Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte, ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging, befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen Mittagsschlaf halten sollte.
Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich scheu zwischen seine Füße -- ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der Nähe sei.
»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. -- Vorher aber zwei Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen Feind zum Weichen bringen -- dann läuft er uns nachher von selber in die Hände. -- Also habt Ihr mich verstanden? -- _zwei Freiwillige_ vor!«
Niemand rührte sich.
»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir etwa erst Beine machen?«
»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als wasserdichter Hutmachergeselle --«
»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen, daran dachte seine Seele nicht. -- Aber auch hierin sollte er sich getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als _zweiter_ Freiwilliger meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:
»Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel' durch!«
»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er:
»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« -- und mit den Worten sprang er so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. -- Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht -- vorwärts -- weiter hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen.
Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:
»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!«
Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht -- die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.
»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.«
Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn auf -- heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus zu durchbohren.
Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte -- mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -- der Säbel saß fest -- noch einmal -- jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn mit den Zähnen.
»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz ruhig sagte:
»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher -- Donnerwetter, Mensch, Du alarmirst mir ja das ganze Haus.«
»Ja -- ja -- wo ist -- wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und richtete sich erschreckt empor.
»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf _Dich_ warten, die ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.«
»Die Seeschlange? -- aber Du meine Güte -- wo bin ich denn?« rief der arme Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister und -- ich war doch? --«
»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich auf -- es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.«
Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad herum -- da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur -- nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt.
»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist denn nur mit mir vorgegangen?«
»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige, »nichts Besonderes -- einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei geschwatzt. -- Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll gelüftet werden.«
Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen, Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise selbst -- war denn das Alles nur ein Traum gewesen? -- Angezogen wie er gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett -- nur die Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen -- nicht etwa _seiner_ Bequemlichkeit, sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach seinem Geld. -- Herr du meine Güte, das war fort und -- das machte ihn munter.
Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen -- nicht die Spur davon war mehr zu finden.
»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«
»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell -- »aber mein Geld -- zehn Thaler 17½ Silbergroschen.«
»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein -- wäre nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.«
»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«
»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«
Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing, kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab.
Und jetzt? -- der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen, Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.
Das Hospital auf der Mission Dolores.
Californische Skizze.
Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen und Klöster, die nur gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah das häufig, wo die festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden; aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und Kapellen, zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel führt, sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhäuser oder Keller umwandelte.
Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu _Rosa's_ Zeiten, ein in der unmittelbaren Nähe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben Gefängniß angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden, halbnackten Gestalten der braunen Krieger, während der Altar noch die Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhängenden, aber reich gestickten Decke trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission Dolores statt; denn so urplötzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das Land von Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf Schiff, daß die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten und alle Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.
Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr als einer Wüste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung nicht.
Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und mehrere Stockwerke hoch, einen großen geräumigen Hof umschließend, während in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze übrige kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum des katholischen Pfarrers, ein Deutscher -- und welche Veränderung brachten da wenige Monate zu Stande!
Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schätzen zu gleicher Zeit fast über alle Welttheile verbreitet worden, als die Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber sandten. Dann folgten die Bewohner der Westküste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst die Chinesen schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und reiche Leute zu werden.
In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, aber nicht Jeder führte Zelt oder Wohnung mit, und nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. -- Was wurde da aus dem alten Missionsgebäude!
Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke, zunächst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine Restauration, wobei er es bald zweckmäßig fand, eines der alten, großen und öden Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein paar Fandangos gehalten wurden.
Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« -- ein Ire, der an die andere Seite noch eine gewöhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte es sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora mit fünf jungen Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu vertreiben war.
Aber _noch_ nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte, dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission angewiesen sah.
Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand ihn aber nicht mehr, denn dem würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von Mexikanern eingenistet, die des draußen niederstürzenden Regens wegen gar nicht mehr fortzubringen waren.
Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem eigenen Hause zu halten, und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt, aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle Zahlung von _ihm_ wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er spurlos verschwunden.
Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderniß an. Da er Niemanden fand, der ihm ein Quartier _vermiethen_ konnte, nahm er das Gebäude selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer Aufstellung von Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß das Recht des _Besitzenden_ in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon am nächsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und wollenen Decken ein, während mit höchster Fluth ein paar Wallfischboote, mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal, der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als Aushülfe hatte sich der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten dort oben, unmittelbar unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. -- Das war das _Hospital_, das jetzt seiner unglücklichen Bewohner harrte.
Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf, wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf _Kranke_ geschafft werden sollten -- noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln, die sich selber nicht mehr helfen konnten!
Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -- ein junger Matrose, bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum besser als auf offener Straße lagen.
Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die _Gerechtigkeit_ des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.
Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff, denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor, und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor Augen sehen konnte.
Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall hindurch.
So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein kaltes, feuchtes Grab -- nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu viel Geld gekostet.
Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.