Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 13
»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben Sie recht wohl, denn _die_ Wirthschaft hier hätt' ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.
Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -- oben hörte er nur noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde: Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier -- soviel Grad Länge, soviel Grad Breite, Mann über Bord gegangen -- Zacharias Hasenmeier -- das war seine Grabschrift und damit fuhr er ab -- tiefer und immer tiefer.
Drittes Capitel.
Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.
Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln, nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf zusammenschlug.
»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« -- weiter dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand, nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.
Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher er eingestöpselt herumschwamm. -- Er wollte dabei Athem holen, aber das ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle gleichen Alters.
Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine -- wie bisher irrthümlich berichtete -- purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden sichtbar -- hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu haben schien -- unangenehme Quallen und Blasen trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen -- ob _die_ aber _aufwärts_ fuhren, oder er _ab_wärts, war er nicht im Stand zu sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den, unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht übergossen schien.
So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau erkennen ließen.
Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit -- dort breiteten sich weite grüne Ebenen, mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte, fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. -- Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand!
»Jetzt -- wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin, »sollt' ich meiner Seel' denken, _die_ Pappelallee führte nach Halle hinein -- aber puh, wo liegt Halle!«
Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die freilich aus den wunderbarsten Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie Pappeln, hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und sich fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein Haus -- er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange zu besinnen, marschirte er darauf zu. -- Aber sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem Wagengleis bemerkte -- mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus.
Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht sich das hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den Schultern, die Füße nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei jedem Schritt immer ganz von selber wieder.
Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken aufgeführt, aber mit den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und Fenster, wie die Häuser an der Oberwelt -- die Fenster bestanden aber nicht aus Glas, sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, wie der Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht.
Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Baulichkeiten, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort angebrachten Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, betrachtete.
Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmütze auf, aber sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen, als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib mit einem Korallengürtel festgebunden war.
»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, und Zacharias erschrak ordentlich über die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der Hand kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:
»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt.«
»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, ohne aber in die Tasche zu greifen, »das ist eine lange Zeit, seit ich keinen Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst kürzlich ersoffen?«
»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, noch gar nicht -- ich habe meinen ordentlichen Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's hier unten ausschaut -- sehr hübsche Gegend.«
»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem Kopf schüttelnd, »also Du bist _nicht_ ersoffen -- das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher kannst denn Du das Wasser vertragen?«
»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die Möglichkeit eines Geschenkes noch nicht aufgab, und deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin wasserdichter Hutmachergesell und da --«
»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, »aber Du bist noch nicht lang hier, wie? -- gefällt's Dir hier bei uns?«
»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der Hutmacher, »nur ein Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.«
»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, »ich wohne nun jetzt schon etwas über zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl --«
»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief Zacharias, »und darf man fragen, was Sie eigentlich für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut deutsch gelernt haben?«
»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin Seegreis und beziehe meine jährliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.«
»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.
»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren versank grad' über uns ein großes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten, und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir einmal hinüber gehen?«
Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten werden können, denn der kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt würde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem Erstaunen einen _Regenschirm_ unter der einen Flosse, den er dann aufspannte und sagte:
»So, nun kann's losgehen.«
»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, »brauchen Sie denn hier im Wasser einen Regenschirm?«
»_Regenschirm?_« sagte sein Begleiter, »einen _Schirm_ gewiß. Es fahren hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute darauf kehren sich den Henker darum, was sie über Bord werfen, so daß man nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige Porzellan- und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß was, auf den Kopf zu bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz behaglich die Allee entlang.
»Was sind denn das nur für komische Bäume,« sagte Zacharias, der nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag noch nicht gesehen.«
»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen Bäume -- Korallenbäume -- andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«
»Polypen -- 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias erstaunt aus, »wenn ich wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.«
»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit dem Kopf schüttelnd, »ich lebe nun hier unten über zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wäre.«
»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die ältesten Leute in einem Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen -- aber entschuldigen Sie, verehrter Seegreis, was ist denn das da drüben -- das sind ja komische Thiere.«
Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grüne Seegraswiese aus und Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während der Hirt, oder die Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie überwachte.
»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der galante Hutmachergesell fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend, »können wir nicht einmal dort vorüber gehen.«
»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, »wenn wir nachher schräg durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und ohne Weiteres bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte.
Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit:
»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu machen.«
Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen, schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch zu gleicher Zeit nach den Beinen.
»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit, seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.
»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.«
»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.«
»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen, siehst Du, dort fängt schon der Wald an.«
Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen. Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden konnte.
Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den Aesten zu verstecken suchten.
»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl, ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und laß Euch eine Woche zappeln,« -- und rechts und links glitten die scheuen Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren Gewirr sie bald verschwanden.
»Aber was haben denn die da oben gemacht?« sagte Zacharias erstaunt.
»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die Nester der fliegenden Fische nehmen sie aus und saufen die Eier aus -- aber wartet, ich passe Euch auf den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir übrigens gleich durch den Wald, -- siehst Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. -- Die werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«
Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag. Daß sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam auch bald darauf zu einem weiß und grün angestrichenen Wegweiser, dessen Arm gerade nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte standen:
»Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«
was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch befanden. Hasenmeier mußte freilich die Beine tüchtig unter den Arm nehmen, um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre noch vortrefflich auf den Füßen schien, sie rückten dadurch aber auch rasch näher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen, erreichten sie die äußeren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen reinlichen Straßen vor ihnen lag.
Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekühen mit ihren Kälbern und auch Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen allerliebsten Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drängte ihn jetzt selber, wieder in »gesittete Gesellschaft« zu kommen.
Viertes Kapitel.
Der Kampf mit der Seeschlange.
Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem Wanderbuch frug.
»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier unten auch Gendarmen?«
»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der Mann des Gesetzes trotzig, »wo _keine_ gewesen wären?« -- und in der That konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell auf eins in der Geschwindigkeit besinnen -- »also mach' rasch, denn ich habe keine lange Zeit.«
»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin; aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf und suchte das Buch.
»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß -- wenn hier nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«
»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte -- »was ist denn das?«
»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel --«
»Na wird's bald!« rief der Gendarm.
»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon -- hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß -- Alles in Ordnung -- Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst --«
»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.«
»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?«
»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man denn sonst nur Steuern erheben? -- Alles hier wie oben -- Alles genau so!«
»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was er _jetzt_ dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die schreckliche Seereise gemacht.«
»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.
»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.
»Gut -- können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln -- ist ein wenig lappig geworden hier unten.«
Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form angenommen hatten.
»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den Herrn Bürgermeister?«
»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's Wirthshaus gehen -- zum goldenen Haifisch.«
»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein Wirthshaus im Ort?«
»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche -- dem Haus mit dem kleinen Thurm.«
Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte _er_ besser, und sich an den Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle zu.
Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen konnte er entdecken -- nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben, und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?
Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht -- fehlen konnte er's nicht, denn ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender Menschen sah.
»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im Wirthshaus sitzen.«
»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an -- eine große breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig bekannt vorkam -- »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.«
Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf.
»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme, »bittet allerseits um ein kleines Geschenk.«
»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können.
Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar nicht, wo er zuerst zulangen sollte.
»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.«
»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln -- Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin damit -- aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.«
»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.«
»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße, Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.
»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? -- Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding kann losgehen.«
»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die _Seeschlange_ blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut und Haaren aufgefressen.«
»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier.