Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 12

Chapter 123,748 wordsPublic domain

Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen Stiefeln oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts und links unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine neue Zwinge an seinen dicken Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und ob er nun zu den Chinesen oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen.

Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie, merkwürdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte, gewissenhaft und wörtlich:

»Nach Australien und weiter!«

wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte.

Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut keck auf die eine Seite gerückt, was andeuten sollte, daß er sich aus ganz Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er nicht, den er hätte hinein thun können, und etwas _muß_ der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche, meinte er, daß er nun die Welt durchwandern könne. -- Was weiß so ein wasserdichter Hutmacher überhaupt von der Welt!

Natürlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehört hatte, daß von dort ab fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb sich aber vollständig gleich -- Hüte brauchten Alle oder konnten ihnen doch wenigstens angepaßt werden, und er war von sich selber überzeugt, daß er sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden würde -- er müsse nur erst einmal dort sein.

»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte er sich und mit dem schönen Liedchen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus -- Städtle hinaus,« ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekränkten »wasserdichten Hutmacherherzens« aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene Hafenstadt, um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel einzuschiffen.

Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug vorüberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen, und über den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein keuchte, während er doch hätte, für ein paar Groschen, so bequem darin fahren können; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken und wanderte trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen.

Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche Gemüthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung des Hutes ausdrücken lassen.

»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied, aber es ist durchaus nicht wahr. Im _Hute_ liegt es, und der aufmerksame Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz sehen.

Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das _mag_ ein sehr guter rechtschaffener Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach _einer_ Richtung hin Pedant und geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann, aber ein guter _Gesellschafter_ ist er keinesfalls.

Ein _klein wenig_ geneigt -- nach rechts oder links bleibt sich gleich -- und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. -- _Das_ sind die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn, um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das Angenehme zu vergessen -- aber ja nicht zu viel -- den Hut zu viel auf eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn -- ein keckes Herausfordern der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die Länge der Zeit im Umgang unerträglich.

Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist ihre Position.

Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse -- auch unsaubere Wünsche; kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich _ist_, und Zacharias Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese Theorie wahrlich nicht Lügen.

Zacharias machte sich auch wirklich _keine_ Sorgen, und erst nur einmal mit seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache -- und doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.

Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte -- mochte sie auch noch so weit entlegen sein -- so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als _Passagier_ aufzunehmen, als er im Stande war aufzuzeigen -- selbst wenn er gewillt gewesen wäre, sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.

Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten, das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut -- so keck er ihn auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter ein Glas etwas dünnes Bier setzte.

Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute, oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher, Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen »Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit ihm zu unterhalten -- doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.

Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah, seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle, aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle.

Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen Fremde, sobald sie keine Gelegenheit mehr finden sich über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch hätte bewogen werden können, ihn mitzunehmen -- Zacharias schüttelte aber immer mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen würde. -- Es war nicht der Mühe werth, es auch nur zu versuchen.

»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein breitschultriger, blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich schmutzigen Mütze auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei mit ein paar kleinen verschmitzten Augen -- »wo willst Du denn eigentlich hin?«

»Fort -- hinaus in die Welt,« erwiederte der wasserdichte Hutmacher -- »wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen -- nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los werden.«

»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da schon auf einem Wallfischfänger versucht?«

»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, »was ist das?«

»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt und Fische fängt, und dabei an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.«

»=Damn it!=« rief da Einer der Matrosen, »da liegt gerade die »Seeschlange« draußen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in See gehen -- die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.«

»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.

»Angeln -- =hell=!« rief der Wirth, »zu angeln brauchst Du auch nicht, und die nehmen Dich mit Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wäre, um einen Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu halten.«

Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfänger waren in der That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln, die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der Japanischen Küste -- dann wieder im Eismeer, und vier, fünf Monate später zwischen den Corallen-Inseln der Südsee herum. Das aber war gerade was Zacharias wollte, denn hätte er sich an _einer_ bestimmten Stelle niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes übrig geblieben, als wieder zu arbeiten, und zu diesem _letzten_ verzweifelten Mittel, sich eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.

Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften.

Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses fabelhaften Lebens, das die Matrosen -- einer solchen Landratte gegenüber -- denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und all das Wunderbare selbst mit zu erleben.

Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal:

»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was _ich_ von Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord eines solchen Schiffes verdingte.«

»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.«

»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein -- mit Deckwaschen, Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will, muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts schaden -- viel Glück Mate und einen guten Fang --« und damit stieg er langsam zur Thüre hinaus.

Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. _Das_ war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur _ein_ Bedenken kam ihm noch -- er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht, nicht wahr? -- denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's zu Ende -- lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.

Endlich fingen sie an zu singen -- ganz schrecklich lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge -- und es war in der That nicht der einzige -- nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.

Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag -- so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.

Zweites Kapitel.

Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.

Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen. Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und -- war eingezogen.

Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus. -- Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.

Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum -- er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf den Füßen stand. -- Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt.

Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. -- -- Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich.

Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden, und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -- war _das_ Reisen, wo man in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren Leben.

Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden konnte -- aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei.

Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging -- und dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen -- so ein Leben -- der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre, aber es war ihm nicht recht.

_Arbeiten_ -- nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, aber was half ihm das _hier_? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen, und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre; auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte.

O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land erkennen und aussteigen könne, denn _die_ Vergnügungstour hatte er schon bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein.

Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil- und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen -- und hier sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?

Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus.

Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft schnappen mußte.

Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.

»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen -- ich thu' nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.

Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten, lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange Wasserstiefeln habe -- aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben, fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes miteinander« und stieg an Deck.

Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden, nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf- und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in dem Wetter noch führen konnten.

»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.

»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt geworden?«

»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu bestellen hätten.«

»Aber wo willst Du denn hin? -- gehst Du etwa so schlafen?« lachte der Seemann.