Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 11
Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf der Insel und hatten sie auch schon Alle gesehen? -- wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo sie nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen Augen zu erkennen, waren höchstens noch acht oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer zu machen suchten. Wo waren die Anderen? Jedenfalls irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so würden sie sich ungescheut gezeigt haben -- daß _ihnen_ die Weißen nichts nehmen konnten, wußten sie ohnedieß. Das Wichtigste also war: einen ungefähren Ueberblick über ihre Zahl zu bekommen, und das konnte nur dadurch geschehen, daß sie in Sicht der Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß, um das nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän, der auf die Nordspitze zugesteuert hatte, änderte plötzlich seinen Cours, hielt wieder vom Ufer etwas ab und ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr hundert Schritte haltend, um das kleine Eiland herum zur Westküste, wo er allerdings einen ganzen Trupp nackter schwarzer Gestalten überraschte, die nicht schnell genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und sich nun, so gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken und Steinen niederkauerten.
Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine kleine Flotte von elf Canoe's, die nebeneinander auf den Sand gezogen waren, und stärker an Mannschaft wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen Diebe festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften ihnen nicht das einzige Mittel, sich zu entfernen, selber abschneiden, denn an Zahl waren sie ihnen doch zu weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur Wenige der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen umzugehen, und verstanden besonders nicht, ein einmal abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig wieder zu laden.
Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours bei; er wußte jetzt genau, daß er es mit einer verrätherischen Bande zu thun hatte, und war nicht gewillt, dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich einzuräumen. Das Boot glitt dabei, immer noch in der sicheren Entfernung, um die Insel hinum der Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die vorher an der Höhle Posto gefaßt hatten.
»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig.
»Ja, Sir,« sagte der Steuermann.
»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten die Nacht über feucht geworden sein.«
Das geschah lautlos.
»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der Steuermann; »ich glaube es wäre besser, wenn wir das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.«
»Sie haben Recht, Mr. Brown,« nickte ihm sein Vorgesetzter zu, »wir müssen ihnen Gelegenheit zur Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben -- Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich mit dem Arm hinauf, und seine Leute erkannten dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den Uebrigen wesentlich unterschied.
Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt und trugen nicht einmal, wie doch die meisten wilden Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben aber -- oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen weißen, wehenden Talar an, der in der Sonne schimmerte und bis über die Kniee hinabreichte; nur die Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er stand, als man ihn zuerst entdeckte, war er auch durch den höheren und mit Büschen bewachsenen Hügelrücken gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang er die wenigen Schritte hinauf und stand im nächsten Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er anhatte, knitterte und knatterte dabei.
»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der Steuermann aus, und in demselben Augenblick riß sich ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe es der danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, nach dem Boot hinüber, von dem es nicht weit entfernt auf das Wasser niederfiel.
Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier, und jetzt kein Zweifel mehr, daß die Eingeborenen dort oben die Postoffice gefunden und geplündert hatten; welche Verwendung sie für das Papier fanden, zeigte sich dabei. Die Umfahrt um die Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, daß sie es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter Schwarzen zu thun bekämen, und wären sie nur wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen Kampf zu wagen. Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge auf festem Land vermeiden, blieben immer noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal gereizt und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar mit ihren Canoe's einen verzweifelten Angriff auf ihr Boot machten.
Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück gegen Wind und Strömung nach Mount Adolphus _konnten_ sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene trafen und dann erst recht, bei Theilung der Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr brachten; Wasser aber _mußten_ sie haben, und das war hier noch zu bekommen, dort draußen im Westen lag dagegen eine weite See vor ihnen, die sie ohne dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten, also blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als sich ihren Weg zu erzwingen, im schlimmsten Fall mit Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu Schaden kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.
Das Boot umruderte indessen das Südwestende der Insel und näherte sich der Südost-Ecke, wo, wie der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene und winkten wieder, als das Boot in Sicht kam, mit den abgebrochenen Büschen.
»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,« sagte da der Steuermann, »ob sie uns im Guten in die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser sein, und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht gut frei halten.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,« meinte aber der Kapitän; »die Möglichkeit ist allerdings da, daß wir _hinein_ kommen, aber schwerlich wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens. Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu rechnen, und ich will die Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, auch nur zwei von Euch an ein Experiment gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; wissen die Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit denselben umzugehen?«
»Die Meisten, Sir -- mit einer Pistole verstehen sie es besser.«
»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän trocken, »und sind in dem engen Boot hier gefährlicher für uns selbst, als für die Schwarzen -- ha, dort ist die Höhle -- sehen Sie den dunklen Strich im Felsen?« -- Er hatte sein Telescop wieder aufgenommen und sah hindurch.
»Ist das der Platz, Sir?«
»Ja -- ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete Fässer erkennen. Sie wissen doch zu schießen?«
»Ay, ay Sir!«
»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, wenn wir noch ein klein Stück voraus sind und den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein -- aber hoch -- verwunden Sie noch keinen; möglich doch, daß wir sie mit einem einzelnen Schuß in die Flucht treiben.«
Der Steuermann nahm sein Gewehr an den Backen und zielte mitten in die Höhle hinein -- jetzt waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert Schritte vom Land entfernt.
»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment krachte auch der Schuß, dessen Echo sich wohl in der gewölbten Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf schwarze Gestalten, ihre Lanzen und Midlas[1] in den Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle hervor und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach oben. An Widerstand schienen sie in der That nicht zu denken.
[1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer Hebel, der mit einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die Wurflanze eingreift und sie beim Schleudern mit vermehrter Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe dieser Midla ist der australischen Wilde im Stande, seinen einfach hölzernen Speer auf sechzig bis achtzig Schritte -- ja vielleicht noch etwas weiter -- mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst kleineres Wild, wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet.
»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten Muskete einen Stoß bekam, daß er beinah hinten übergestürzt wäre -- »das hat richtig geholfen; die haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt' ich darauf verwetten, daß keine von den Canaillen mehr da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich denke, die Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten den ersten Schreck und räumten was wir brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein paar von den Leuten die Luft rein halten.«
»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän, der seinem Steuermann indessen das Gewehr abgenommen hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud -- »Nehmen Sie sich drei Mann mit -- wieder zu euern Rudern, meine Jungens, und nun scharf an Land -- und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein Faß mit Wasser finden -- Zwieback soll genug dort liegen, packen Sie auf was Sie fortbringen können, der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten -- aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger auf als nöthig ist. Daß Sie indessen Keiner da drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren sorgen.«
»Also ganz ohne Waffen --«
»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit -- drinnen könnt Ihr vielleicht das Faß gleich auf die Schäfte legen und damit herauslaufen -- aber daß ihr kein _faules_ Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele Jahre dorten liegen.«
»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,« meinte der Steuermann verlegen, »denn flink muß die Geschichte gehen, sonst ist's gefehlt, und wenn sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie man mit einem Faß umgehen muß.«
»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete der Kapitän, der die Natur dieser wilden Stämme besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann, »sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären fortgerudert. Daß sie sich hier vor unseren Schiffen nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das beweist auch, wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn unser kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es augenscheinlich schon bemerkt hatten. Aber da sind wir -- jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts -- ehe sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's haben. Vorwärts, Steuermann -- Ihr, Bill, Ned und John, eure Lanzen -- das ist recht, mein Junge, den Korb packst du voll Zwieback -- liegt ein Faß bei der Hand, so rollt's nur gleich hier herunter: wenn's auch an den Steinen zerbricht, werfen wir in's Boot, was wir brauchen. Vorwärts!«
Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, denn jeder Einzelne von ihnen begriff recht gut, was von ihm verlangt wurde, während an der raschen Ausführung desselben sein eigenes Leben hing. Von den Wilden schienen sie in der That nichts weiter zu fürchten zu haben, und es war fast, als ob der eine, blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu Paaren zu treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe schauten noch vorsichtig einen Moment über die Felsen nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen. Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet und die Insel bei Annäherung der gefürchteten Weißen verlassen? -- Alle freilich noch nicht, denn Einzelne kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. Aber es blieb jetzt keine Zeit, nach ihnen auszusehen, denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug des Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten Seeleute, lauter kräftige Burschen und jeder seine Lanze fest in der Hand gepackt, hinaus an Land und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden. Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine Muskete im Anschlag, behielten mit ängstlicher Spannung die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von dort aus ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern könnte, und kein Wort wurde mehr gesprochen.
»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche Stimme; und als der Kapitän, der bis dahin eine oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge behalten, rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts hinüber vier oder fünf Canoe's um die Inselspitze kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte der feige Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.
»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die Muskete aus der Hand, »wenn ich wüßte, daß sie _Dich_ brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu anzünden.«
»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es ging mir ja von selber los!«
»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann, indem er das Gewehr rasch wieder lud. Er sah dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der Schuß einen von ihnen getroffen. Jetzt stießen sie plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und fast zu gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:
»Habt Acht, bester Kapitän -- von drüben herüber kommen sie auch. Jetzt haben sie uns fest.«
In demselben Augenblick schien es aber, als ob die Felsen selber belebt würden. Unmittelbar über der Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern, denn die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber rechts und links davon sprangen sie herab, und sechs, acht Speere wurden zu gleicher Zeit in das Boot hinabgeschleudert, von denen einer dem Kapitän den Hut vom Kopfe riß, während ein anderer dem Koch durch den Arm fuhr und diesen laut aufheulen machte.
Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem Koch erst einmal mit dem Kolben seines Gewehrs einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber sandte, rief er dem Zimmermann zu:
»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen -- haltet in den dicksten Klumpen hinein, sobald sie näher kommen. In den schwanken Canoe's können sie mit ihren Lanzen doch nicht ordentlich treffen -- Du, Peter, nimmst die Anderen, ziel' ruhig, Mann -- wenn Du fehlst, sind wir verloren.« Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, mit groben Posten geladenes Doppelgewehr angelegt und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle niederglitt, auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den Schuß gerade in den Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte. Aber er sah nicht einmal nach ihm hin, denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit ebensogut in Anspruch, während jetzt von den beiden Seeleuten ein eben so wirksamer, aber noch viel mehr Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren Entfernung mehr auseinander, und der Zimmermann besonders schien so gut gezielt zu haben, daß sich die fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht von den Verwundeten behindert wurden.
Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie die Fahrzeuge vorwärts treiben konnten, an, und alle trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren Palmenrinde gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an den Kanten scharf geschnitten, können ebensogut als Keule dienen und sind dann eine furchtbare Waffe in der Hand eines starken Mannes.
»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän, während er in aller Hast sein eigenes Doppelgewehr wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da neben Euch, aber zielt gut -- der erste war vortrefflich.«
Wieder der Knall über das Wasser und dießmal hatte der Matrose nur das erste Boot voll auf's Korn genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung anrichtete. Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen drückten es sogar auf der Seite unter Wasser und es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's jetzt auch in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige Zeit versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine Ladung Rehposten zwischen einen Trupp hinein, der sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht neben dem Boot an's Ufer liefen und wahrscheinlich einen Angriff zu Land versuchen wollten, da sie in den schwanken Fahrzeugen _ihre_ Waffen nicht gebrauchen konnten. Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten auf den Sand hinauf, als der Steuermann mit seinen drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen gewartet zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt ihrerseits mit den Lanzen auf die Feinde einstürmten. Der Angriff kam aber zu plötzlich und aus zu unmittelbarer Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang die ganze Mannschaft der Canoe's über Bord und tauchte unter. Wie durch Zauberei waren sie verschwunden.
In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche Schwarze von der Insel verschwunden wären; aber der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die ihm vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre wieder zu laden, während die Seeleute indessen in aller Hast das schon bis an den Eingang gewälzte Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem Anschein nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn es trug den Brand der =Yorkshire lady=. Auch der Junge war nicht müssig gewesen und mit einem gehäuften Korb von Zwieback angekommen, den er ohne Weiteres in's Boot schüttete und dann zurück in die Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung zu holen. Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt haben, denn das eine große Faß war auseinandergebrochen und der Inhalt über den ganzen Boden der Höhle zerstreut.
Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant, besonders durch das Faß Wasser bedenklich tief geladen. In der Straße selber wäre das bei dem spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in den indischen Ocean einlaufen wollten, mußten sie wenigstens darauf vorbereitet sein, unruhigere See zu bekommen -- aber der Steuermann wußte Rath.
»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er, einen Blick umherwerfend, »das nehmen wir in's Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch können damit nebenher fahren. Das Ding ist breit genug, Euch zu tragen -- dort liegen auch Ruder.«
Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, schoben das Canoe in tieferes Wasser zurück und brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte keine fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden dabei beobachtet worden, denn wieder flogen vier oder fünf Speere nach ihnen herunter, aber zu kurz, denn die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich der Schußwaffe.
»Fertig Alles?« rief der Kapitän.
»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort.
»An Bord denn und fort -- die Sonne ist gleich unter und nach Dunkelwerden möchte ich nicht mehr in der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben -- aus mit dem Boot!«
Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er gegeben worden, denn sie waren mit steigender Fluth gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf bis sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in die Fluth, um es zurückzuschieben. Zwei von ihnen nahmen dann das Canoe und den eben mit einem anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein, und wenige Minuten später stießen sie von der Küste ab -- aber der Kapitän hielt noch nicht in See hinaus.
»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch geben,« sagte er finster, »daß sie später das Eigenthum der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens in einer heilsamen Furcht gehalten werden -- Zimmermann, nehmt einmal Euer Beil und bearbeitet das Canoe dort drüben ein wenig.«
Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und das Fahrzeug war im Nu unbrauchbar gemacht; dann nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen dadurch auf der Insel zu halten, bis ein größeres Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie zu züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen zu haben, etwas Derartiges nicht abzuwarten, denn wie sie an den anderen Rand der Insel kamen, sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon unterwegs, und zwar in voller Flucht gen Süden, dem nächsten Festland zu haltend. Daß sie von dem schwergeladenen Boot der Weißen nicht verfolgt werden konnten, wußten sie gut genug, aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu haben, weit zu fliehen, denn draußen ein Stück in See lagen sie jetzt plötzlich auf ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was die Feinde beginnen würden.
Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das Boot nur außer Sicht wäre, augenblicklich nach der Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre Todten abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu beenden. Das Alles ließ sich aber nicht mehr ändern. Der für den Seemann so wichtige Platz war einmal verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der Höhle entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an eine weitere Niederlage dort von Wasser und Provisionen für verunglückte Seeleute gedacht werden. Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig die Höhle, um Alles mitzuführen, was sie fanden.
Das Boot -- nachdem sich die Leute an dem erbeuteten Wasser gelabt -- hielt eine nordwestliche Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag aber sichteten sie eine portugiesische Brigg, die, von Europa kommend, nach der portugiesischen Besitzung in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an Bord genommen und gingen später mit einem holländischen Schiff nach Singapore, von wo aus sie leicht in ihre Heimath zurückkehren konnten.
Der Kapitän machte allerdings in Singapore die Anzeige des zerstörten Depots auf Booby-island, und ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff bekam auch Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der Höhle nur noch einen Haufen verdorbenes Fleisch, den die Schwarzen verschmäht hatten -- alles Uebrige war ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich nach dem Festland geschafft worden.
Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.
Erstes Kapitel.
Die Matrosenkneipe.
Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam, aber nie und nimmer besser.
Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte so ein armer Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum, Chaussee auf und ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs müde wurde, auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran, die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das ließ schon die Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht widerstehen konnte und wollte.
Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die armen Handwerksburschen, die _Eisenbahn_, und mit dem lustigen Marsch auf der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -- wo bekam man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem davonbrausenden Bahnzug -- mit _den_ groben Condukteuren -- war kein Gedanke mehr hinten aufzusitzen.
Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich und so war denn auch Zacharias Hasenmeier, ein »wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem verzweifelten Entschluß gekommen -- nicht etwa seinem Leben ein Ende zu machen, nein -- dazu besaß er zu viel Religion und zu wenig Courage -- aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch auch noch leben konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er ein Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.