Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,636 wordsPublic domain

Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie die Seeleute sagen, und in der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht, war es der überdieß schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen? -- und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch mußte wenigstens gemacht werden.

Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen war, um eins der Falle klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue los, während sich der Sturm in dem nur etwas aufgehißten Segel fing -- der Kapitän sprang selber zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug von der gefährlichen Küste abzudrehen -- _zu spät!_ Die Wogen hatten es gefaßt und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch einmal dem Steuer, aber ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand verstand ihn in dem Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. -- Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt -- eine einzige wilde Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust emporgehoben, im nächsten Augenblick krachten Masten und Balken -- ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem entscheidenden Moment umklammert hatte, fühlte plötzlich, daß das _Wrack_ in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch über ihr Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte.

Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können; möglich schien es, daß die Woge, die den Schooner zertrümmern wollte, ihn selber über eines der niedern Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick wenigstens, in Sicherheit gebracht hatte; möglich auch daß der Kiel zufällig eine Lücke in den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen sie fest in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit dem verkrüppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.

Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas höher liegenden Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrümmert und das Wasser schon in den innern Raum eingestürzt -- zwei Mann fehlten; die Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen haben, und dann war freilich an Rettung nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen und dort angeklammert; die Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.

Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dämmerschein über Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herüber. Den Tag mußten sie jedenfalls abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien. Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners saß fest auf den Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fuß unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der Starbordseite Grund, während der Top des großen umgestürzten Mastes auf einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe auf diesem hin recht gut hätte erreichen können.

Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's -- eines der Segel schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den Regen zu schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf.

Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu bringen, sondern ließ sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig übersehen.

Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse vollständig zerschmettert, so daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, und es blieb ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing und sich noch glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand -- aber wie diese in offenes Wasser bringen? -- Nach See zu war es ganz unmöglich, denn keine Lücke selbst ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, die jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen zurückwich, um im nächsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darüber hinzustürzen. Nach dem Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen, hie und da von grünem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal erkennen, da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten wurde. -- Und sollten sie hier an Bord bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung hin keine Hülfe bringen können; sie mußten sich selber helfen.

Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie noch möglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der Koch und der Schiffsjunge -- der Stewards-Dienste versah -- wurden zu dem Zweck beordert, nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte. Glücklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fässer, die an Deck geschnürt gelegen hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen -- es genügte freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitän ein, was er an Blechbüchsen für den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen den _Hunger_ geschützt zu sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer weiter.

So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, obgleich sie im Binnenwasser keine unruhige See zu fürchten hatten. Gegen Mittag klärte sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und etwa vier Uhr Nachmittags, während die See noch da draußen unruhig wogte und bäumte, regte sich schon kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.

Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das ging verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg konnten die Leute das leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen. Weit schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von Korallenklippen hinüberzukommen, die mit ihren schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen festen Fußhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren, bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich hindurchzuzwingen.

Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder einen Korallengürtel, der aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten, und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun bei gänzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie für das feste Land hielten. Glücklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen Inseln und Sandbänken nur überstreut.

Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige Arbeit, das Boot und dessen Ladung hinüberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß mehr im Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nächste Morgen fand sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und die Möglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden aufgenommen zu werden.

Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, und die Karte der Straße ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber nicht um die Führung des Schiffes zu bekümmern brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island draußen vor den Klippen im freien Wasser lag, und daß sie damals dort beigelegt und ein Faß Wasser, ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes Schweinfleisch an Land geschickt hätten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wußte deßhalb auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen. Seiner Aussage nach sollte es nur ein großer Felsklumpen sein, um welchen eine Unmasse großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war Alles. Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er ihn nur sehen würde.

Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, die Schiffs_waffen_ mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder wenigstens in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu viel über ihre hinterlistige Schlauheit und Grausamkeit gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden Zusammenstoß mit ihnen ängstlich zu vermeiden.

Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität in diesem Meere galt, dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn der Bursche -- nach Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich übertreiben und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden -- wußte nicht genug von den Scheußlichkeiten zu berichten, mit welchen sie Schiffbrüchige, die in ihre Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben schließlich auffraßen, war noch das Wenigste.

Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitän nahm hier erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von der eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach Süden hinunter halten mußten. Sie sahen auch selber, daß dies kein Kanal für größere Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in denen sie die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, daß man glauben mußte, man könne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter die Oberfläche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen Boot kaum hindurchwinden konnten.

Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstämmen zu fürchten hatten -- aber kein Regen fiel und ihr spärlicher Wasservorrath ging zu Ende.

Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten sie weiter und setzten auch das mitgenommene Segel, aber die Brise war sehr schwach und trieb sie, allerdings mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts. Wieder kamen sie aber hier, irregeführt durch die verschiedenen Inseln und Sandbänke, in einen falschen Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden die größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens Wasser zu finden hofften, denn das vom Regen aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig ausgetrunken.

Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem einen Felsen ein paar kleine Süßwasserquellen, wie sie aber den Platz erreichten, war hohe Fluth, und weiter in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den schmalen Thälern in einen Hinterhalt zu fallen fürchteten.

Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren der kleinen Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, welche die Möven in den heißen Sand legen, um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen -- sonst nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit dunkelbrauner Abzeichnung, sahen sie genug und schossen auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend welchen Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, nicht in Schroth, und die alten Musketen schossen nicht so sicher, daß sie einen so kleinen Gegenstand wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen hätten herausholen können.

Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten und sich nicht einmal getrauten das Boot zu verlassen, blieben sie aber wieder nur auf den Rest ihrer mitgenommenen Vorräthe angewiesen, und ihre einzige Hoffnung lag jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen und von den dort befindlichen Provisionen so lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße kommendes Schiff anrufen und mit diesem Batavia oder Singapore erreichen konnten.

Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er die genaue Beschreibung und sogar Zeichnung der Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier Uhr Morgens setzten sie auch mit einer günstigen Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem Durst fast zur Verzweiflung getrieben, sichteten sie gerade im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island sein mußte.

Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er behauptete, Booby-island sei ein ganz spitzer kleiner Felskegel, und das hier lag breit und flach auf dem Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen, denn seiner Karte und Berechnung nach stimmte es und er hielt gerade darauf zu.

Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut gehalten, nur der Zimmermann, der aber auch auf dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte und klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das Seewasser, um seine Lippen zu kühlen. Damit machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes haben mochte, der salzige Geschmack hintennach reizte und trocknete nur um so viel mehr, und er wimmerte leise vor sich hin.

»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann zu ihm, indem er ihn auf die Schulter klopfte, »da vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott wohl aushalten. Schämt Euch doch vor dem Jungen, denn der hat noch nicht einmal geklagt.«

»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,« sagte der Angeredete mürrisch, »der kommt erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die Zunge im Hals springen und bersten müßte -- und wer weiß denn, ob auch nur ein Tropfen Wasser auf dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht er aus.«

»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der Kapitän. »=The Yorkshire lady=«, die vierzehn Tage vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und von Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck mitgenommen, um es dort zu lassen. Finden wir aber nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu bleiben, nun so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen, und laufen damit zu einer der Inseln im indischen Archipel hinauf. So weit ist die Fahrt ja nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu fürchten.«

»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt, und von jetzt ab wurde kein Wort weiter gesprochen, während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen.

Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel setzen, die Strömung half ebenfalls nach und das Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die bis jetzt nur wie ein kurzer Streifen auf dem Horizont gelegen und dadurch weit entfernter schien als sie wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form eines Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich schon den Fuß derselben, gegen den die Strömung wusch, erkennen konnte.

Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte nach einiger Zeit wieder ein, und vier von den Leuten hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen, die Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im kleinen Boot, und nur der Kapitän saß, das Gesicht dem Lande zugedreht, am Tiller und betrachtete sich das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er sich etwas empor und schützte die Augen mit der flachen Hand gegen die schon im Westen stehende Sonne, die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf dem Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, nahm er das neben ihm liegende Telescop auf und hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen Blick hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt ausrief:

»=Damnation!= Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!«

»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen -- »oh du grundgütiger Himmel -- dann sind wir verloren.«

»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem wilden Fluch durch die Lippen, »hat sich was von verloren -- Wie viele sind's, Kapitän?«

»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben drauf tanzt auch etwa ein Dutzend herum -- aber ich sehe keine Canoe's.«

»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem Wasser. Also haben die schwarzen Bestien den Platz endlich richtig gefunden!«

»Und was nun?« sagte der Kapitän.

»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.«

»Gegen den Schwarm?«

»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß ich einen Ueberblick kriege -- immer zu, Jungen, laßt die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch nicht liegen bleiben.«

»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und Haar!« klagte der Koch, der sich bestürzt emporgerichtet hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land hinüberstarrte.

»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich, während er durch das Glas sah -- »erst müssen sie uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, denn wie die Ameisen klettern sie da an den lichten Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und wie werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!«

»Wie viele sind's, Steuermann?«

»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte dieser, »aber da links heraus kommen noch mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die Höhle -- da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben -- es ist ein ganzer Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.«

»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im Boot?« frug der Kapitän, nachdem er selber das Glas genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel aber indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen nackten Gestalten schon mit bloßen Augen erkennen konnten.

»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann, »aber an dem einen ist der Hahn abgebrochen -- und dann Ihre Doppelflinte.«

»Und Pistolen?«

»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.«

»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,« sagte der Kapitän kopfschüttelnd, »daß wir die gebrauchen könnten, sonst spicken sie _uns_ mit ihren verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich umzugehen wissen.«

»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte der Steuermann trocken, »und mit den alten, von Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann unverrichteter Sache abziehen muß, sind wir.«

»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen wir jedenfalls über ihre Köpfe feuern, denn ich möchte die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich es irgend umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird genügend sein, denn wenn sie nur den Knall eines Gewehres _hören_, laufen sie schon was sie laufen können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten Devil-Devil.«

»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder Steuermann, »ich habe nur so eine Ahnung, daß ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt kämen und einen der kleinen Böller hätten lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes, denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß klingt als ob er von allen Seiten auf einmal käme.«

Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn das Boot näherte sich rasch dem Lande, und die gerettete Mannschaft nahm zu viel Interesse an dem, was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den Augenschein von der Zahl der Feinde zu überzeugen. Selbst die Rudernden drehten die Köpfe über die Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den Schwarm erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der Insel herumsprang, während eine Anzahl von ihnen grüne Zweige von den Büschen brach und damit hinüberwinkte. Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich durch sein Glas erkennen konnte, trugen ihre Lanzen in den Händen, und legten sie erst zwischen den Steinen nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie vom Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne.

»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun uns ja nichts, die schwingen grüne Büsche; das ist immer ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's gut meinen -- Einen Tropfen Wasser geben sie uns gewiß.«

»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch -- »mit denselben Zweigen braten sie Dich nachher.«

Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den Zweigen auch nicht. Durch sein gutes Glas sah er deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die wieder zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine Vertiefung -- wahrscheinlich den Rand der Höhle -- stellten, aber dicht dabei stehen blieben und dann aus Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte seinen Cours nicht, sondern hielt vielmehr noch etwas nach rechts hinüber, um die nördliche Spitze der Insel anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden hinter der Insel, um vorn nicht damit gesehen zu werden.

Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die Eingeborenen dieser Küsten Alles daran setzen, um in den Besitz eines guten europäischen Bootes zu kommen, wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen anderer Kapitäne. Geld hat für sie nicht den geringsten Werth. Kleidungsstücke beachten sie nicht, und selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus den harten und schweren Hölzern bestehen, welche ihnen die Wildniß in Masse liefert, aber ein sicheres Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit konnten sie das Meer in jeder Jahreszeit befahren, und daß sie _kein_ Mittel scheuen würden, um sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich denken.