Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 1
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Kreuz und Quer.
Neue gesammelte Erzählungen von Friedrich Gerstäcker.
Erster Band.
Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1869.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Den Teufel an die Wand malen 1
2. Booby-island 176
3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer 225
4. Das Hospital auf der Mission Dolores 280
5. Eine Polizeistreife in Cincinnati 330
Den Teufel an die Wand malen.
Erstes Kapitel.
Das Wandgemälde.
In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstraße, stand der junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand eine groteske Figur in übermenschlicher Größe.
Es schien eine Art von Faun zu sein -- ein nicht unschöner Kopf, aber mit gierig lüsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken -- der nackt, nur mit einem breiten Gürtel von Weinlaub und -- sonderbarer Weise Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein paar große Epauletten auf den bloßen Schultern trug, aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe auseinander zu brechen.
Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur beschäftigt, als sich, ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen blauen Mantels über die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen braunen Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete.
»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst Du denn da? ich glaube gar »den Teufel an die Wand.« Was fällt Dir denn ein?«
»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte der Angeredete, der kaum den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine kleine Aenderung kann da nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hörner und zwischen den Kartenblättern und dem Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken Haarbüschel versehener Schweif heraus.
»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten -- gewissermaßen in Generals-Uniform bei großer Gala -- die Idee ist nicht schlecht. Aber, Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder für einen Ständesaal zu entwerfen?«
»Und kennst Du den Burschen nicht?«
»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz in der Hand? -- Das muß gut zu dem Schwefel schmecken?«
»Ich meine das Gesicht.«
»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,« sagte Frank, es jetzt aufmerksamer betrachtend. »Also es ist keine Phantasie?«
»Nein.«
»Portrait?«
»Vielleicht -- Du kennst das Original jedenfalls.«
»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich darauf -- der Major von Reuhenfels, wie?«
Ernst nickte stumm vor sich hin -- »Allerdings,« sagte er endlich, »der Herr Major von Reuhenfels, den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen abconterfeit habe.«
»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild immer vor Augen haben willst?«
»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen Zähnen, »so innig, daß ich -- aber zum Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht verderben und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze hier an die Wand zu zeichnen.«
»Aber Du hast karrikirt -- der Major ist wirklich was man einen schönen, stattlichen Mann nennt.«
»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, wie eine Kuh.«
»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,« lachte Frank.
»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun -- selbst der Schnurrbart kann den widerlichen Zug derselben nicht verbergen.«
»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth auf den armen Teufel hast. Hat er Dir denn je etwas zu Leide gethan?«
»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«
»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«
»Du setzest die Worte falsch -- mir gefällt sein Gesicht nicht bloß, er sollte einen Schleier darüber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.«
Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nächsten Sessel, sich selber in einen, der Staffelei schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht vollendeten Bild haftete:
»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in der Stimmung Dir als »älterer Freund« -- denn Dein Geburtstag fällt auf den 25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen. -- Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mußt es ja auch in den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand geworfen haben.«
Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. An der einen stand eine Mädchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinüber -- die Thiere waren wenigstens flüchtig angedeutet.
»Was soll denn das vorstellen?« -- fuhr er nach einer kleinen Weile fort -- »willst Du noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder los lassen wollte.«
Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den Ausdruck aller bösen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich die Hände in einem daneben stehenden Becken und sagte:
»Du sollst die Geschichte hören, Frank -- wenn auch nur in ihren flüchtigen Umrissen -- ich wollte es Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen Rath fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn wenn ich einmal unterbrochen werde, weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum zweiten Male zu beginnen.«
Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick über das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging:
»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, jene Gegend ist aus einem der dortigen Thäler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden Grund, als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und aufschauend, gar nicht so weit über mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden war.«
»Ich fand ein Mädchen -- erlaß mir die Beschreibung -- Du kennst sie auch wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater hier in M--«
»Und wie heißt sie?«
»Den Namen nachher. -- Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es dieser Erde gar nicht angehöre -- eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich --«
»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« sagte Frank trocken.
»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht,« erwiderte, verdrießlich über den prosaischen Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer Gesellschaft davon gelaufen, um hier über den grünen Wiesenhang hin ein Stück vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte sie noch den Baum, als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.«
»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«
»Ja -- ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, während sie sich fest und schüchtern an meinen Arm anklammerte, und führte sie den übrigen Theil der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas später eintraf.«
»Und wie heißt Deine Schöne?«
»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte mich getäuscht -- sie waren weiter gegangen -- ich folgte ihnen, umsonst; auf der Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor vierzehn Tagen etwa -- Du kannst Dir meine Freude denken, in M-- begegne.«
»Und hast Du schon um sie angehalten?«
»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe sie aus voller, reiner Seele, aber -- sie ist die Tochter des steinreichen Joulard und meine Liebe deshalb hoffnungslos.«
»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort an die Wand zu malen, und in welcher Beziehung steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas Derartiges muß ich doch vermuthen.«
»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig. »Vor drei Tagen war ich zum ersten Male in dem Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des Banquiers, denn er bewohnt in der That ein solches. Die Treppen sind mit schweren Teppichen belegt und mit Marmorstatuen verziert; die Vorsäle selbst haben getäfelte Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der Räume war ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der Major von Reuhenfels heraus, sein widerliches Gesicht strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener frug, wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte des gnädigen Fräuleins Clemence.«
»Aha -- deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd. »Nun und weiter? Du wolltest meinen Rath.«
»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber -- er wird kaum mehr nöthig sein, denn ich sehe nicht ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als eben einfach zu entsagen und jede Hoffnung auf ein dereinstiges Glück fallen zu lassen. -- Sie sind verlobt.«
»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt noch nicht immer verheirathet, und ich könnte Dir verschiedene Beispiele nennen, wo solche Verlobungen wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung bliebe -- aber Du bist doch wohl nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine einzige Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, daß er dem einfach adligen Major eine solche Gnade zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie ausgesucht.«
»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter ist?«
»Ich kenne ihn gar nicht -- kaum dem Namen nach und nur von Ansehen.«
»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten Tagen nach ihm erkundigt. Ein berüchtigter Spieler und Roué, der mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend machen wird.«
»Und was geht das Dich an?«
»Was das mich angeht? -- Mensch, Du kannst mich mit Deinen kalten Fragen zur Verzweiflung treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden verliebt in das Mädchen bin?«
»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du hast mich um meinen Rath gebeten und den will ich Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen willst, so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie von diesem Augenblick an nicht weiter, als daß Du Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest, und den Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel oder sonst was an die Wand malst. Darin bleibst Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es Dir verwehren oder wird dadurch geschädigt. Mische Dich aber um Gottes Willen nicht in fremde Familienangelegenheiten, in denen Dir nicht das entfernteste Recht zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen Gunsten erreichen könntest, wirst Du selber nicht glauben, um andere Menschen -- kümmere Dich aber nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.«
»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit jenem Menschen elend wird --«
»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe, so komm ihr wie damals zur Hülfe -- aber früher nicht.«
»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos zu Grunde gehen sehen?«
»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr Vater ist Banquier und Du wirst mir Recht geben, wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht, so ist es ihr eigener Schade und kein Mensch weiter hat sich darum zu quälen.«
»Und Clemence?«
Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend vor sich nieder, endlich sagte er:
»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend werden, wenn ich Dir irgend etwas gegen Dein »Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders. Was ich auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst Du denn auch meine Meinung über Deine Auserwählte hören, die allerdings nicht so günstig lautet, als Du Dir vielleicht wünschen könntest.«
»Kennst Du sie?«
»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich gestehe Dir zu, daß sie ein bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes Mädchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, aber --«
»Aber? --«
»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und herzlos bis zum Aeußersten.«
»Und woher willst Du das wissen?«
»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte, und ihre Equipage hielt vor der Thür -- ich ging hinter ihr die Treppe hinunter -- wurde ein armes junges Nähmädchen, die irgend eine Arbeit dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig und fiel gleich neben dem gnädigen Fräulein, ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der Robe mußte beschädigt haben, auf der Flur nieder. Hätte sie ein weiches Herz im Busen, so würde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon für sie geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon rollte.«
»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmächtigen, sehen können,« sagte Ernst, »es geht mir selber so -- ich muß mich dazu zwingen -- das ist kein Beweis gegen sie.«
»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« meinte Frank, »aber in dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht überzeugen.«
»Und das wäre --«
»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen war, sich so gesetzt hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.«
Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches Mädchen gern selber sieht und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, -- und findest Du eine unter Allen, die davon frei wäre?«
»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, denn die Sache hat keinen Zweck. Dir wird Fräulein Clemence kaum gefährlich werden können, denn wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in allernächster Zeit von ihrer Verbindung hören. Solltest Du aber wahnsinnig genug sein, Einspruch thun zu wollen -- was ich Dir aber nicht zutraue, denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so bedenke wohl, daß Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche Beweise bringen würdest, außer vielleicht für die Schulden, und was schadet es dem reichen Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermögen hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her, um Dich abzuholen.«
»Ich danke Dir -- ich bin es jetzt nicht im Stande,« sagte Ernst, »nicht in der Stimmung -- es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum -- ich muß allein sein -- muß mich erst sammeln -- aber wenn Du zurückkehrst, sprich wieder bei mir vor.«
»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und ich bin überzeugt, Du wirst in die richtige Bahn hinein kommen. -- Ich frage dann wieder vor und hoffe Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu finden. Ueberdieß haben wir heute Künstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.«
Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast verzweifelten Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß Frank in manchen -- ja in vielen Stücken Recht hatte und da mit der kalten Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was wußte der Vernunftmensch aber auch von Liebe -- einer Liebe, die ihm selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz pflegen, nur um uns unglücklich zu wissen.
Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewußtsein gehabt unglücklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich in dem Augenblick -- wir verachten das Leben, das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat, begehen aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich für »ewig verloren« halten -- wie denn die Jugend mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch treibt. So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß doch noch gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und besiegt das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen drohte.
Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine schmachtende oder weiche Natur. Er rang dem Leben kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf kurze Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens bewältigen konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrücken, denn der Haß gegen das ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.
Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die Kohlenzeichnung genügte ihm nicht mehr, und er beschloß das Bild =al fresco= in Farben auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk -- es war eine grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten und glücklichen Nebenbuhler in solcher Weise seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später hatte er das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hölle, und noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an der Wand vollendet.
Zweites Kapitel.
Der Besuch.
Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt, heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte er Frank nicht Recht geben? -- War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen? denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? -- Als Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche Wiese hinüber geführt hätte -- und gab ihm das überhaupt ein Recht sich bei ihr einzuführen? -- Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen.
Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an -- sie war ihm so »unerreichbar wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.
Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben. Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte Vorhemdchen zu wenden.
Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter täuschend ähnlich wurde.
Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier -- sein eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm, auf der Schwelle stand. --
»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte der Fremde artig.
»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original seines Teufels so bald einstellen würde.
»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, -- »Major, und Sie sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.«
»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern zum Herzen zurückströmte.
»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es ist das Bild meiner Braut.«
Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam zusammenraffend, sagte er endlich:
»Ich denke wohl, Herr Major -- wie heißt die Dame?«
»Fräulein Joulard -- Sie werden sie wohl kaum kennen -- Sie ist ein reizender Vorwurf für ein Bild -- eine imposante, prachtvolle Gestalt -- ein wahres Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie damit beginnen? Meine Braut hat sich bereit erklärt, von morgen an dem Bild sitzen zu wollen, und zwar täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wären Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu vollenden?«
»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann später noch um einige Sitzungen bitten müssen.«
»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schön er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt -- alle Teufel,« unterbrach er sich aber plötzlich lachend, als sein im Atelier umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel -- »Sie haben sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt -- famos -- ganz ausgezeichnet -- Hahahahaha.«