Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 9
»Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen mit.«
Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle, vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab, rascher noch fast, als er hergekommen.
John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief dann:
»Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?«
»Manchmal -- ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch stier die Straße hinabgewandt -- »wer war das?«
»Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch -- so ein alter Reiter -- Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«
»Wer war der Reiter, Peters?«
»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,« setzte er leiser hinzu.
»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«
»Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?«
»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast heiserer Stimme.
»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier erzählt. Kennst Du ihn?«
John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.
»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.
»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.«
»_Hendricks!_« zischte ihm Jenkins in's Ohr -- »bei meinem Leben und meiner Seligkeit -- er selber --«
»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner Büchse greifend.
»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins -- »er kam mir auch fast jünger vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals setz ich zum Pfande.«
»Hendricks?« fragte Peters -- »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des Ermordeten.«
»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach, dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«
»Aber ich begreife Dich nicht.«
»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen hier die kostbarste Zeit, fort!«
Zehntes Kapitel.
Die Verfolgung.
Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen.
»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt.
»_Ich_ glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »_Ist_ er es aber, dann kann er uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«
»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie erschreckt sein Pferd einzügelnd -- »wäre es denn da nicht möglich, daß er selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen in der Gegend getrieben?«
»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John -- »wir dürfen keinen Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, läßt er sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straßen vor uns und der Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht geflohen sein.«
»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu schlug er die Richtung ein.«
»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes Haus besetzen sollen.«
»Er wird es hineingeführt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.«
»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.
Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen, der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf der kleinen Mühle gemahlen.
»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- »er ist fort! Laß uns den Weg hier verfolgen -- dort führen Pferdespuren hinaus.«
»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend, »denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen.«
»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters --«
»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«
»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung? Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt -- jede Verantwortung auf mich!« -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser. Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.
Dort war er _nicht_; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen.
Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine Ahnung haben, daß er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt würde.
Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.
»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten sein,« rief John.
»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem einzelnen Baum davor.«
»Aber auch hier steht kein Pferd.«
Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den Sätteln.
»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen Blick rasch nach allen Seiten umherflog.
»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im Sattel saß -- »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann er uns da draußen nicht mehr entgehen.«
Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.
In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten. Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- während sein Blick durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber hin.
»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit gegen die Thür springend -- »kennst Du das, John? -- Fort!«
John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm in gestrecktem Carrière die Straße entlang. -- Jim war fast ebenso rasch draußen bei seinem Thier.
»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters -- »ich hole meine Büchse und begleite Euch.«
Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten Gefährten wieder einzuholen.
Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief, südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere Berggruppen einschlossen.
Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? -- Er mußte es sein -- ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand, erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. -- Wären sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das Garn -- nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen, wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.
Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je wieder aufzugeben.
Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel? -- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe, waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach ihnen um.
John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den Boden flog.
John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch, als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs benutzte den nach besten Kräften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter; deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.
John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte, daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.
So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.
Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere von sich streckte.
Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun, den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.
Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? wer hätte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein Entschluß gefaßt.
Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.
Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein, denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.
Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte auch nicht einen Moment in seinem Schritt.
Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten, denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet -- er konnte den Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.
Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts, sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? -- nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte, sah er hier dem Boden eingedrückt -- und herüber und hinüber gingen sie, als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte -- oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben -- weshalb hatte er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige _konnte_ ja gar nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.
Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen hatte.
Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann noch einmal einen andern Cours nahm.
Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fährte angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.
Was nun thun? -- Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber, bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurück und an dem Bergstrom die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden weiten Vorsprung und dann -- konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.
Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen. Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.
So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt, ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen Baumstamm die Seite rieb.
Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen gesehen -- möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort erwarten.
Elftes Kapitel.
Die Ueberraschung.
Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in seiner Kugeltasche bei sich.
Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte sich über den Wald.
Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein, da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen Feind. Es war Hendricks.