Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 8
Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel wohl kaum erreichen würden.
»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«
»Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?«
»Wenn ich die _Möglichkeit_ eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn _dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«
»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile -- »wir _könnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon gedacht habe.«
»Und in welcher Art?«
»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«
»Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an der Rache?«
»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn gemeinschaftlich wieder zu treffen.«
»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem Kopf schüttelnd -- »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«
»Bah, soviel für _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«
»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der möglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen dorthin aufbrächen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«
»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«
»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«
»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die _Person_, sonst wären wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört hatten.«
»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch. Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«
»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -- in der deutschen Colonie werden wir Geld brauchen und das --«
»Nicht einen Cent,« rief Jim -- »denk an Klingelhöffer -- würde der Geld für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt uns Nahrung und Quartier.«
Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (=to hobble a horse=, ein Pferd an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem nächsten Ziel entgegenführen mußte.
Neuntes Kapitel.
In der Colonie.
Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu -- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen -- solche ausgenommen, die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich in eine neue Wildniß ziehen.
So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie erreichten, horchten sie umher -- überall vergebens, denn der _gesuchte_ Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben, doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben zum Opfer gefallen.
Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend -- in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen konnte.
Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als Behaglichkeit verriethen?
_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.
Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.
So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten, wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den Boden roth.
Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu entgehen.
Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen. In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.
Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen, hinausschob auf bessere Zeiten.
Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die nöthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, für dieselben zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.
Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar für eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner, der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären. Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.
Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen, aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.
Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.
Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit einigem Mißtrauen betrachtet.
Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war, befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande, von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten.
Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.
Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte.
Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu wissen wünschten, erfahren könnten. -- Und woher sie selber kämen? -- Aus dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wüßten es noch nicht, -- sie wären Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen.
Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.
Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug, daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel -- eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er ziemlich viel Geld mit sich führte.
Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert, wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte Spur verfolgen können.
Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen, und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden.
Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber wahrlich nicht aufgehoben gewesen.
John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten, sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.
Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.
John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt, kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu, ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.
Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt, kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde finden könnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei.
Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen war eben Nichts an der Sache.
Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte.
Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären.
Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?
Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und Schwiegermutter zu trösten.
»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte -- »da kommt das arme Mädchen -- wie blaß und elend sie aussieht -- das ist freilich ein schwerer Tag für sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?«
»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner -- »wir mußten sie gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.
Das junge Mädchen kam näher -- sie sah bleich und angegriffen aus und schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder.
Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten -- angenommen wurde. Jetzt hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.
Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten, wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? -- War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat -- heimtückisch und feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen in der schönen sonnigen Welt.
Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen -- er wollte fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte.
»Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch -- welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?«
Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.
»Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in Little Rock?«
»Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.
»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«
»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?«
»Zurück nach Arkansas.«
»Jetzt gleich?«
»Wir wollen eben fort.«
»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -- »doch wahrhaftig nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mädchen und solch ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.«
»Das geht nicht, Peters.«
»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr wollt.«
John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber, indem er in den Sattel sprang, rief aus: