Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 7
Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -- aber es blieb Alles still. Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch aus.
Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.
Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen. Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen, und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein, sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben, denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.
Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -- um Gottes Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.
Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt, und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach, gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn, aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter der Schaar? -- Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft -- aber durch was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.
Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. -- Jetzt aber schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten, lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.
Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zählte, wenn er in dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat -- aber der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen -- ein günstigerer Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.
Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen aus seiner gebückten Stellung empor.
Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen. -- Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- hätten sie alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die Büchsenläufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig.
Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung. Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit _einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel in die Brust.
Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse -- wenigstens unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fünf brachen wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.
Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank bemerkte, und nach ihm der Neger -- für ihn selber aber zu spät. Wie der kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er gestolpert wäre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.
Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell, der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen.
Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und Beide treffen möge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr aussetzten.
Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände fallen.
Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher, denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Räuber damals mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre -- aber die Kugeltasche fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um.
Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände gemacht wurden.
John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen. Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den Einen vor allen Andern.
Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen, vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen ihnen, durch den Wald.
Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete, dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche war breit und es gehörten kräftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.
Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten. Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte.
Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens. Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden Schwimmer brachten.
Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde.
Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute, die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.
Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu:
»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!«
»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich.
»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über den Haufen schoß.«
»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf ihn gesprungen.«
»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.«
»Und wo traft Ihr ihn?«
»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«
»Und weiß Klingelhöffer darum?«
»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine Büchse von der Wand und eilte hinüber.«
»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«
»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.«
»Gut denn -- hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch ein Seil?«
»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder vier Stricke.«
»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan, wenn uns Hendricks entkommt.«
Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden -- umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.
Achtes Capitel.
Die Suche.
In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.
Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf -- umsonst. Die Männer auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr von dem Flüchtigen fanden.
Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt hätten.
Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.
John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte zwischen den zusammengebissenen Zähnen:
»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«
»Aber Du hast es versprochen.«
»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim. Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«
»Und die Unseren daheim?«
»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen -- er hat's fest versprochen. Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte -- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen -- weiter verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«
»Und wann brechen wir auf?«
»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«
»Keinen Dollar im Vermögen.«
»Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen -- Texas ist noch im Aufstand.«
»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht hat.«
»Gut -- ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe, denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?«
»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem Knaben die meinige dafür gegeben.«
»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.
* * * * *
John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.
Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden Gesetze zu entziehen.
John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel auf Texas -- Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt -- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf, konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen geben durfte.
Aber Texas ist ein großes -- ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden, und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.
Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.
So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten, diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes eintauchten.
Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wußte gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.
Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und konnten ihn auch von Keinem erfragen.
Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten, daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht der Rebellen hielt.
Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?