Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 6
»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer -- »was wollt Ihr damit?«
»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,« und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen.
Sechstes Kapitel.
Der Hinterhalt.
Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wäldern aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden. Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr, daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung, denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen.
So lange es Tag war, durften sich aber die Männer -- denn die von Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr wachsende Bande bedroht blieben -- nicht über den Strom einschiffen, da man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte, drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte, sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.
Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten, und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den Aufgang des Mondes abzuwarten.
Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit, um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu werden, überschießen konnten.
Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.
Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens, wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann seinen Nachbar abzulösen.
Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden, kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie schwerlich geschädigt haben.
Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb gefüllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon eine Nachtwache halten.
Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mußte eine Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher Kaffee dazu ausschenkte.
In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten befand, nieder.
Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen, wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß -- und schlief fort bis zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.
Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz -- das Gefühl der Gefahr, in der er sich noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.
Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. -- »Wenn sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt, daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte:
»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?«
Bill war todtenblaß geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen, damit er ihnen Rede und Antwort stände.
»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?«
»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten sollte -- aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein Anderer antwortete für ihn.
»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der, und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener Seite laufen hatte.
»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.
»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt ebenfalls erkannte.
Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden, und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.«
»So?« lachte Hendricks -- »also in Perryville ist Deine Schwester?«
»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt, geht sie nach Little Rock.«
»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche -- »nun vielleicht können _wir_ ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«
»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend.
»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?«
»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville gegangen.«
»So? und was will er da, mein Herz?«
»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und ausplündern können.«
»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?«
»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu bleiben.«
»Hm -- fürchten, wovor, wenn _wir_ da sind,« lachte Hendricks -- »Aber Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben. Ist das wahr?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.
»Wie lange bist Du bei ihm?«
»Etwa acht Tage.«
»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?«
»Ja -- das wohl,« flüsterte Bill.
»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.«
Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters anzusehen.
»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.«
Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Oder oben unter dem Dach?«
Bill schüttelte wieder.
»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die sind in so etwas schlau.«
»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.«
»In der That? -- aber Du weißt ihn, wie?«
Bill schwieg und sah vor sich nieder.
»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh, denn das Verhör dauerte ihm zu lang.
»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des Knaben Rücken zuwinkte -- »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht wahr _Du_ weißt, wo er das Geld vergraben hat?«
Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht weiter.
»So?« sagte Hendricks -- »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der Platz?«
»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es mir streng verboten.«
»Ja, keinen _fremden_ Leuten,« lachte Hendricks, »aber _uns_ schon, wir wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von hier, oder im Garten drüben?«
»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.
»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein Bursch und sei vernünftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da draußen an den nächsten Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom Rücken herunter hängt -- hast Du mich verstanden?«
Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte:
»Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng verboten.«
»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!«
Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre. Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß dieser endlich wie in Todesangst ausrief:
»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«.
»Aha,« lachte der Jayhawker -- »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es? weit von hier? im Garten vielleicht?«
»Nein -- ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.
»Wo hinaus?«
»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.«
»Kannst Du ihn auffinden?«
»Ich -- weiß es nicht -- ich glaube ja.«
»Wie lange haben wir zu gehen?«
»Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.«
»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über die Bande zu haben schien -- »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.«
»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.«
»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals gerade -- aber nun vorwärts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.«
Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen, aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete Furcht.
Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor, aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.
Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze brummte.
»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?«
»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe.
»Gleich da vor uns die Oeffnung?«
»Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so böse werden.«
»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt denn das Geld so dicht am Pfad?«
»Nur ein klein Stückchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darüber gezogen, damit es Niemand finden kann.«
»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart -- »Boyles ist von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch, da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«
»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz abgeschlagen hat.«
Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten. Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem Blick die angrenzenden Büsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und die Schaar den Platz verlassen? -- was dann?
Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu diesem:
»Du, Sip -- steig einmal da drüben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück -- und nun vorwärts, Ihr Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«
Siebentes Kapitel.
Der Hinterhalt.
Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet finden.
Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.