Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 3
»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«
»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh -- an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«
»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem Schmerz -- »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den anderen Reihen sehen möchte.«
Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach -- aber er sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und schwer in die Asche niedertropften.
»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh -- Dein Pferd und Deine Waffen hast Du -- was Du an Geld etwa brauchen solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«
»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«
»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.
»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen will.«
Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.
Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt und in Ordnung -- und jetzt kam der Abschied -- der furchtbare Abschied bei solcher Trennung.
Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne nur die Hand.
»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle, -- »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie mit stürzen helfen.«
»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich bei Dir --«
»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde -- »bei mir -- Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen -- so lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher --«
»Ich kehre zurück Vater -- bald -- Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze Dich.«
»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und sagte leise:
»Du mußt fort -- Deine Zeit ist um -- mach's kurz.«
Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er hinaus -- reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.
Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.
Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach dem Norden oder Süden.
Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.
Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde, um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.
Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.
Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.
Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein? -- Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der =range= gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.
Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet -- ebenfalls Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden -- eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am nächsten käme.
Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen zurückwiesen.
Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.
Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die regulairen Truppen des Nordens ließen diese -- wenn sie einmal einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.
[2]: Das Wort ist jedenfalls von =jay-bird= -- ein kleiner harmloser Waldvogel und =hawk= Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.
Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.
Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg anzutreten.
Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf Seite des Nordens.
Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot über den Arkansas. -- Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich ja doch erfüllen -- es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen Sohn anhetzte, -- welche Rücksicht konnte da der Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten -- wie sie fielen? -- Nur Gott wußte es.
Viertes Kapitel.
Jay-hawking.
Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen -- nur die Frauen und Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber, denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.
Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.
Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter die Schufte zu machen.
Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens, wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens, auf die Kriegführung des Südens haben würde.
Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte. Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?
Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.
Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine Büchse bekommen konnte -- und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, viel weniger reiten.
Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen besonders in die furchtbarste Aufregung.
Das waren die Vorläufer der Yankees -- so hieß es fast überall unter ihnen -- mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden, wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen marodirenden Schwärmen überschwemmte.
Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar Pferde gestohlen wurden -- nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann -- was in Gottes Namen gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.
So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück aus dem verbrannten Krieg wären -- nachher wollten sie mit derartigem Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.
[3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden, die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«
Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die _Gewißheit_ erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen« mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber fortsetzten.
Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die furchtbarsten Verluste aufzuweisen.
Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav -- Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war von nun an keine _Frage_ mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden, während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu nehmen.
Zu spät! -- Der furchtbare Schlag war gefallen -- gefallen auf viele viele Häupter -- der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.
Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.
Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen. Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht wissen.
Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen hätten.
Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler, vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin _allein_ unternommen und sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen, aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben, denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.