Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 2

Chapter 23,834 wordsPublic domain

Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz, an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören konnte.

»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! Hallo Hendricks, _Ihr_ seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«

»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten, und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück.

Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er _ihn_ an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht, und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:

»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig. Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.« Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte.

»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«

»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben, wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.«

Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu.

»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt entgegengehend und ihr die Hand reichend -- »Sie sehen wohl und munter aus, und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.«

»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch, Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«

»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.«

Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte, in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet.

Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck, warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen konnte, und die er unter solchen Umständen -- wie er sich auch schon erkundigt -- zu einem Spottpreis bekam.

Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in der =range= brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im Hause und las in der Bibel, war blutarm -- so wenigstens erzählte man sich am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht gut verbreitet sein.

Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen Sohn mit der =corncrib= zu helfen.

Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte, sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf eine halbe Stunde beschränken konnte.

Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen, die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.

Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe -- aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit nur halblauter und fast unterdrückter Stimme:

»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich -- meine Gedanken waren mit mir durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.«

»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen.

»Nein -- in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage --«

»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«

»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte, erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster Zeit eine Heimath zu gründen gedenke -- der Krieg kann kaum sechs Monat mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin -- wollen Sie mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich --«

»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht -- ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet -- konnte es nicht sein, aber ich -- muß Ihnen auch erklären, daß jedes weitere Wort unnöthig sein würde, denn -- ich bin schon Braut.«

»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. -- Vor kaum vierzehn Tagen war ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht -- nur die Möglichkeit will ich von Ihren Lippen --«

»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise, aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.«

Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz, sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge legte, sagte er ruhig:

»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden Verbindung allerdings nicht im Wege sein -- der Sohn eines Halb-Indianers --«

»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn gerichtete Auge des Mädchens an -- »Sie würden nicht den Muth haben, das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.«

»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt; »vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um sein Vaterland zu vertheidigen -- was ich ihm auch unter solchen Umständen nicht verdenken kann.«

Betsy's Blut kochte -- ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab, ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave hinüberführte.

»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.«

Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend, den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd:

»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt, denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy -- oh Betsy -- komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. -- Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können wir es schon machen.«

Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief:

»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz -- siehst ja käseweiß im Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«

»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«

»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. -- »Hat Dir der -- =gentleman= etwa was gesagt?«

»Welcher =gentleman=, Pa?«

»Nun, der Mister Hendricks.«

»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach einer kurzen Zögerung fort: »Ja -- er hat mir seine Hand angeboten.«

»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«

»Ich hab's aber so genommen Vater, doch -- laßt den -- Burschen. Sagt mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.«

Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy -- wenn sie nicht reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu sagen, nach dem Haus zurück.

Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:

»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren könnte.«

»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu pflücken.

Drittes Kapitel.

Der erste Schlag.

Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die _Ungewißheit_ quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.

Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.

Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.

Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten -- nur vor der Hand zum Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm abzuschließen.

Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.

Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen der Unionstruppen befand.

Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg -- freilich von etwas früherem Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber -- das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.

Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer sicher zu sein.

Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.

Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur aufhalten zu können.

In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.

»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen -- »ich bin mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«

Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«

»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«

»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger daheim aus -- ich will hinauf in den Norden ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn thun will -- das thut weh.«

»Und _könnt'_ ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«

»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«

»Ich kann nicht Vater. -- Sie gehen Alle.«

»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«