Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 19

Chapter 192,307 wordsPublic domain

Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten, vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes vielleicht zu berechnen.

Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen, an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.

Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als ob er dem Preisboxer die Hand küßte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu gefährden.

Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.

Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.

Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten, jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn zuerst zu Boden schlagen würde.

McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.

Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen.

McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert, Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.

Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen oder =rounds= dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau 30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach 30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt -- und wie rasch vergehen 30 Sekunden!

Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber, aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, daß er sich wieder rasch zu Boden warf.

Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als vorher -- wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber. Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht verloren und nur noch eine Hoffnung -- nämlich die, durch ein paar kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt selber leicht zu seinem Stuhl zurück.

Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden liegt.

Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren. Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts -- es ließ sich das in der Schnelligkeit nicht so genau bestimmen -- schmetterte Jones mit solcher Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank.

Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig -- fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den Sieger zu begrüßen -- oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner zugerichtet habe.

Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen -- man sprach sogar von _sehr_ bedeutenden, die gewettet worden -- verloren hatten. So soll ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung.

Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand.

Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern, hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders glänzender gewesen zu sein, -- wer auf Jones gewettet und verloren hatte, fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen Arbeiter.

So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam und um zwölf Uhr -- ja noch einige Minuten früher -- schon die Zeitungen ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden zugänglich zu machen.

Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche Menschenschinderei gewettet hat.

Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie gegebenenfalls "«," geändert in ",«".

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Camin" -- "Kamin", "Canoe" -- "Kanoe", "erwiderte" -- "erwiederte", "Fourche-la-Fave" -- "Fourche la Fave" -- "Fourche-la-fave", "Jayhawker" -- "Jay-hawker", "Palissaden" -- "Pallisaden", "Partei" -- "Parthei", "Petite Jeanne" -- "Petite-Jeanne", "Señora" -- "Sennora", "Señor" -- "Sennor", "wonach" -- "wornach",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 6: "Missisippi" geändert in "Mississippi" (vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)

Seite 13: "," eingefügt (rief der Major, »Sie reden gerade)

Seite 22: "." eingefügt (seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)

Seite 26: "enfernteste" geändert in "entfernteste" (auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)

Seite 34: "Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave" (Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)

Seite 40: "zn" geändert in "zu" (von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)

Seite 40: "," eingefügt (rief der alte Mann,)

Seite 47: "bisjetzt" geändert in "bis jetzt" (die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)

Seite 50: "Bushwacker" geändert in "Bushwhacker" (bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)

Seite 57: "peischte" geändert in "peitschte" (Während man sie dann peitschte)

Seite 60: "," eingefügt (gegen Little Rock marschirt, um sich dort)

Seite 113: "." geändert in "?" (oder wer ist sonst noch bei Dir?)

Seite 122: "könnne" geändert in "können" (und dort nach Belieben wirthschaften können)

Seite 126: "erkärten" geändert in "erklärten" (von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)

Seite 132: "Boyle's" geändert in "Boyles'" (kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)

Seite 133: "," eingefügt (»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)

Seite 133: "," hinter "man" entfernt (Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)

Seite 138: "." geändert in "?" (Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)

Seite 168: "ententgangen" geändert in "entgangen" (ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)

Seite 186: "," eingefügt (Er sah, wie sein Opfer noch einmal)

Seite 192: "." eingefügt (und hielt mit seiner Arbeit inne.)

Seite 196: "," eingefügt (die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)

Seite 223: "." eingefügt (und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)

Seite 265: "einen" geändert in "einem" (dann zog die Mannschaft mit einem)

Seite 273: "," eingefügt (und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)

Seite 280: "Sie" geändert in "sie" (lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)

Seite 305: "," hinter "gerathen" entfernt (Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)

Seite 314: "." eingefügt (Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)

Seite 329: "mi" geändert in "mit" (und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)

Seite 344: "Biättern" geändert in "Blättern" (mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)

Seite 353: "," eingefügt (»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)]