Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 18
In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.
Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.
Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit.
Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?
Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom hinaus und vom Lande ab.
»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«
Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.
»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die Strömung schießen ließ -- »vortrefflich!«
»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.
»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den Früchten ist ja noch auf dem Lande!«
»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«
»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.
»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen, der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen zusammenbrach.
Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus, die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf, und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.
Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.
Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten -- aber er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck nicht hätte finden können.
Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht seiner ansichtig würde.
Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:
»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo keine zu bekommen ist.«
»Aber mein Mann -- mein Mann!« stöhnte die Arme.
»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten -- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«
»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus mir?«
»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich _heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach Colon gebracht haben -- die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«
»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.
»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur _einen_ Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«
Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.
Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit ihnen zusammenzutreffen.
Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich gewandt.
Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.
»=Caramba, Señor=, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr machen.«
Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das _Gewicht_ der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.
Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.
Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei augenblicklich auf den Füßen -- aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.
Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!
Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.
Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati.
Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte, daß er die =science of the art= auf das Gründlichste verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei dichtgedrängtem Hause stattfand.
Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring =à= 7 Dollars), die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag (=Hamilton county=) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von jedem Theilnehmer gekannt waren.
Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die Augen aufhalten konnten.
Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.
Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs nachließen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg begann.
Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen, was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten sie -- Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie endlich nach.
Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.
Dicht -- so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer, und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen freien Platz um den Ring zu bekommen.
Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago, glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das »Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (=the fight=) unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil nehmen.
Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glücklicherweise ohne ernstlichen Unfall.
Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb beim Alten.
Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung. »Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones, eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne Handschuhe zu tragen.
Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »=ring=« und nahm, da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten, allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend, kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. -- Es war ein rührendes Bild.
Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde lächelnd begrüßte.
Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden Sieger des heutigen Tages bleiben würde -- Jones oder McCoole.
Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.