Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 17
»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber _er_ nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«
»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte -- es wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«
»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten anbringen -- und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich möchte hier nicht länger bei Euch in der Sonne stehen bleiben.«
»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«
»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig, ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?«
»Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mißzuverstehen; also =adios= und einen vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. --
Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter nach Panama abging.
Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen in See auf der blauen Tiefe schwammen.
»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe, wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort aufzusuchen. Daß der Schuft auch --,« er murmelte das Uebrige nur leise durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.
Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der Kajüte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.
Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der blasse Neid, der sie bewegte.
Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.
Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen. Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit denen nicht.
Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.
Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.
Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.
In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen konnten.
Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe dann wohl die Hände lassen mußten.
So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.
Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?
Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot -- ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu begegnen.
Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.
Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch lieber selber besorgt hätte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu fürchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.
Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.
Viertes Kapitel.
Auf dem Chagresfluß.
Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg werfen.
Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.
Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen dort nicht vor.
Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.
Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette lagen.
Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod, zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs zurück, und hatte am nächsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen beigetrieben und gesattelt.
In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.
Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten, sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.
Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.
Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die =San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.
Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.
Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut, das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts getrieben, bald den ganzen Zug an.
Wie heiß aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im Schatten fahren.
Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.
Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung hinabzutreiben.
Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.
Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.
Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.
Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da _keine_ geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.
Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung des Stromes.
Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte derselbe den weichen Schlamm.
Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.