Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 16
Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.
Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch von der Gelegenheit zu machen.
Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.
»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wißt Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten, um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?«
»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete. »Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.«
»=Caramba=,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedächtniß zum Teufel wäre, sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl, während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »_besser_ zu befinden scheint.«
»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit Euch abzugeben.«
»=En verdad, Señor?=« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«
»Ich verstehe _so_ viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!«
»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins Zimmer trat?«
»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«
»=Carajo!=« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht, und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht unnützer Weise bemühen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war, auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben, so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals abschneiden -- _das_ habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an, und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«
»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche außerordentlich höflich.
Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite, möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.
»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen --«
»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«
In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig. Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.
»=Bueno, Señor=,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last fallen. -- _Auf Wiedersehen!_« Und mit den Worten drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus gut zuschließen.
Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das Ganze angehört haben mußte.
»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen? Was hattest Du mit dem Mann?«
»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube stand. »Nichts -- gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen Gott -- --«
Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.
»Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie früher gesehen oder mit ihm gesprochen?«
»Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in Kalifornien in den Minen herumtreibt!«
»Und was verlangte er von Dir?«
»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er -- er wollte nur Geld geborgt haben.«
»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau.
»Bah -- Geschwätz -- laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim. »Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? -- Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge -- weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf und ab.
Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:
»Laß uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten; wärst Du mir nur gefolgt.«
»Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, können wir es jetzt nicht,« knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«
»So laß die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag, sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der Dampfer nach Panama -- übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche gewiß nicht.«
»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier verklagt?«
»Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise, ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist kein Sinn und Verstand darin.«
Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und schien noch nicht mit sich im Reinen.
»Und wenn Du _meinem_ Rath folgst,« sagte die Frau, die _ihre_ Sinne wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu erpressen.«
»Hm -- und dann?«
»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«
»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«
»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«
»Nein.«
»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.«
»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich müßte meine Peruaner nicht kennen.«
»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind. Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich nicht Recht?«
Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen.
»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen Abend mit Packen fertig werden?«
»Bis _heut_ Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in Lima?«
»Keinen Pfennig.«
»Desto besser -- das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.«
»Und wenn der -- Schuft jetzt zurück käme?«
»Wenn _ich_ mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm machen.«
Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza und dem Polizeigebäude zu.
Drittes Kapitel.
Die Flucht.
Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er biß die Zähne fest zusammen und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.
Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten eben warten bis die Abendkühle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und vorsichtig zu Werke gehen.
Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft, und die konnte er ebenso gut liegend anhören -- ja eigentlich noch viel besser.
»Und was wollt Ihr, =amigo=?«
»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der Mexikaner ruhig.
»So? Hm -- und wie heißt der Schurke?«
»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld hierher gekommen.«
»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«
»Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_,« sagte der Mexikaner ruhig, »ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren -- ich brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute, rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich mit seinem schweren Messer über den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen -- umsonst -- man hatte Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Räuber mußte Alles mit fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie ein Bettler.«
»Hm -- eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe ist, der Euch damals begleitete?«
»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mußte mein Geld sparen und bekam freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -- Ich brauchte in Lima nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe ihn heute gesehen.«
»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete, »und was sagte er?«
»Er leugnet Alles.«
»Nun natürlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«
»Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.«
»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? --«
»Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer könnte es sagen?«
»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die ersten Ausgaben zu decken.«
»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,« sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber wenn mir mein Recht zugesprochen wird --«
»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«
»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor sich hin und sah nach der Decke hinauf.
»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.
»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«
»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«
»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. _Wo_ aber das geschehen ist und durch _wen_, mögen Sie selber wohl sehr genau wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«
»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«
»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »_Sie_ behaupten, das Geld gehöre Ihnen, _er_ behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«
»Und wenn er sich weigert?«
Der Advokat zuckte mit den Achseln.
»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«
»Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe Unze für die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«
»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.
»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?«
Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der Thür wieder zu. »=Buenos dias, Señor=,« sagte er dabei. »Vielen Dank für den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. -- =Dios lo paga=,« und damit verschwand er aus der Thür.
»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »=Dios lo paga= -- wenn der liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. -- Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.
* * * * *
Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich, denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen, womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.
Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart, daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm mit den Augen folgen konnten.
Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun? Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit hätte er allerdings seiner _Rache_ genügt, aber für sich auch gar Nichts erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.
Und in Güte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun anbot, die _Hälfte_ des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -- Er wollte wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu -- dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine Ueberraschung.
Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte, als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich barsch sagte:
»=Compañero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«
»=Como no, compañero?=« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«
»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der Mexikaner, wie?«
»Ob ich _der_ Mexikaner bin, weiß ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich gewiß. Weshalb?«
»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen solltet.«
»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«