Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 15

Chapter 153,815 wordsPublic domain

Der Mann war -- so viel wußte man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein. Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um, wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben hätte.

Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in Kalifornien getroffen hätten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten, wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder Anhaltepunkt zu geben -- sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.

Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten; die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich. Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr mäßigen Preis hinüber zu schaffen.

Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei -- Frau Bockenheim mußte in ihrer Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen. Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. -- Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der That keinen Verdienst erwarten konnte.

Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.

In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.

Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt, um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:

»Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir --«

»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn nicht -- er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte, wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren Herzschlag stocken machte: »Bertha!«

»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der -- der meinen Namen --«

»Und kennst Du mich nicht mehr?«

»Ja -- wach' ich denn oder träum' ich -- Casper?«

»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.

»Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«

»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann, ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen --«

»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das war nicht Recht, Casper.«

»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen müssen.«

»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«

»Gewiß war ich --«

»Und hast Du Glück gehabt?«

Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so düster. -- Er hatte jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.

»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«

Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:

»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch nicht mehr gebrauchen können.«

»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich weiß nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.«

»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der Mann laut auf.

»Mit einem Sack voll Gold?«

»Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehört -- ich habe Glück, viel Glück in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle -- aber das Alles erzähle ich Dir später. -- Was will der Bursche da?«

Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.

»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«

»Ach ja -- =bueno= --« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel -- oder wir gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu thun, Schatz, wie?«

»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl --«

»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=« -- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie bestellte.

Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann, den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem etwas wunderlichen Paar nachschaueten.

Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen. Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.

In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren Aeußeren, pünktlich bedient.

Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner, der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja, er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr -- Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.

Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt, heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader, so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen. Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von dort wieder mit dem südlichen =vapor= so rasch als irgend möglich Peru zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.

Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.

»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht bei Dir?«

»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der Schulter tragen.«

»So viel ist es?«

»Nun natürlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«

Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den erstaunten Augen der Frau ausschüttete.

Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für möglich gehalten -- und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen -- nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die =lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wünschten.

Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah es freilich bös aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte, damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen, und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?

Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte, was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und beorderte es in ihr Hôtel.

Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.

Zweites Kapitel.

Der Mexikaner.

Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache. Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen, daß der Mann dort jedenfalls _Glück_ gehabt, denn er verausgabte gerade in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht für einen Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.

Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte. Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren Manieren eines »=caballero=«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete, und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig vergessen zu lassen, und die =haute volée= von Lima, welcher Nation sie auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte, aus.

Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich machen -- hier war es in der That nicht möglich.

Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben, hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit und machte sich dadurch nur lächerlich.

Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung setzen.

Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und kamen die Leute, Abkömmlinge _aller_ Nationen, und besonders strömten die =señoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.

Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima zeigen, »was sie _konnten_«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie waren.

Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch, und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte. Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier _nicht_ geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.

Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster, die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete, es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.

»Mich? -- Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«

»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«

»Mich selber? Wer ist es denn?«

»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch, aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«

»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?«

»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.«

»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird am besten mit den Leuten fertig.«

Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -- aber er kam nicht weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.

Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um seine Lippen und er sagte trocken:

»=Buenos dias, Don Gaspár= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.«