Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 14

Chapter 143,805 wordsPublic domain

Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.

Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.

Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft mit einem: =Oh, jolly men ho!= kräftig an, und wenige Sekunden später war Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.

Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine Landung leicht und fast sicher auszuführen.

Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.

Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.

Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.

Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.

Sechstes Kapitel.

Der Gefangene.

Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah. Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des einst so gefürchteten Mannes.

Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich, als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch, wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal. Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er geschmeidiger.

Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von ihnen.

Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.

Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der Bucht hinaus fand. -- Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.

Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.

Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht, in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.

Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären -- jedenfalls aber weit von hier.

Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen -- würde er den Fremden doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an, wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für den König zu erhalten.

Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern erhalten -- außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.

Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr schmerzte.

Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an Land setzen.

Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie in friedlicher Absicht kämen.

Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die Weißen von ihnen wollten.

Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten -- sie sollten nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.

Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu seiner eigenen Rettung -- hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in der Uebersetzung etwa folgendermaßen:

»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht -- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen Frieden -- Llefugo hat gesprochen.«

Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte. Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder zu bekommen. -- Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen andern König und wollten keinen Krieg.

Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter hören -- Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust hätten -- sie wollten ihn aber nicht.

Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.

Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit raschen Schritten auf und ab. -- Daß die hier früher gefangen gehaltenen Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein, denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wäre ihnen eine nutzlose Last gewesen -- und über Bord werfen? -- Verdient hätte er es, denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband bedenklich mit dem Kopf schüttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf Leben und Tod zu.

»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird übel, wenn ich das Ungethüm sich da noch länger wälzen sehe.«

»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?«

»Wenn er will, meinetwegen.«

Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten fertig wird.«

Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne; dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.

Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen Unterthanen empfangen werden würde.

Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.

Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.

Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank und starrte nach dem Ufer hinüber.

Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen.

Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann -- dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.

Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte, daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich, bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen.

Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen Untergrund des Strands zurück.

Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den Fokus zu bekommen.

»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?«

»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.«

»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter! das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glück nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm gemacht?«

»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor. »Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.«

»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor -- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«

Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.

Der Mexikaner.

Peruanische Erzählung.

Erstes Kapitel.

Die verlassene Frau.

In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien, denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.