Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 13
In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden -- und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts -- schlechte Menschen giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weißen -- aber Zambiri ist ein großer und strenger König.«
»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«
»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht ungeduldig wird.«
Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend, und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.
Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen Fleischklumpen nicht über den Weg.
»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«
»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen Schaden thun.«
»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der Doktor.
»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«
»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht liegen bleiben.«
»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«
»Und wo habt Ihr die Sachen?«
»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«
»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.
»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«
Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser, ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.
Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen, während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.
Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber, der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.
Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen, und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht, und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute sprach.
Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen lagen.
Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine Beiwache bildeten.
Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien -- er grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin -- befahl er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.
»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.
»Unten im Boot.«
»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«
Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.
Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie die Thäter herausfinden? Das Beste war immer -- denn daß der Dicke jetzt nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe, um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.
Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin, während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach, in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des Mannes gut genug.
Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge. Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.
Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm heraus.
Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.
Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte, und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.
Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.
Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.
Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt, ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!
Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn die Waaren an Land kamen!
Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.
Fünftes Kapitel.
Der Löwe.
Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.
Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und Bein.
Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der Eingebornen hörte!
Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.
Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück -- Rache wollte er haben -- nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.
Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem Sprung stand der Löwe -- freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.
Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den nächsten Büschen und Häusern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht zufloh.
Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.
»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«
»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können -- schlagt ein Tau um und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben ist frei.«
»Aber der Schooner!« rief der Doktor.
»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes sind gesunken.«
Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo er liegen blieb.
Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen, aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.
Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit nichts mehr zu fürchten brauchten.
Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier, wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute, einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.
»Und wo waren die Weißen jetzt?«
Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.
Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen; sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen, dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.
Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite. Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt, denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.
Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.