Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 12

Chapter 123,747 wordsPublic domain

Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte, nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete, dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein, denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines Blickes zu würdigen -- verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber herfielen.

Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene Taschentücher -- ein paar Schnüre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im Futteral -- eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen; nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.

Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter war -- unglücklicherweise für sie -- nicht in der Laune, irgend eine Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm aber keine Notiz von ihr -- er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen könnt.«

»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben, und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.«

Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten -- Sklaven genug, um sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren -- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem entsprechend ausfallen.

Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen Augenblick -- er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm zu folgen.

Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten, irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.

Drittes Kapitel.

Die Schatzkammer.

Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«

»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.

»Welches? Das da drüben -- das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer Küste liegt.«

»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel lang drüben -- weiß es nicht.«

Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen _konnte_, denn die Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen, um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.

Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und keine offene Thüre zeigte.

Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.

Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren, denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde, daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon zu kaufen.«

»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«

»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der Schwarze. »Seht nur hindurch.«

Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher, und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an die Palissaden und sah hindurch.

»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr -- da drin läge Fracht für uns.«

»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die er da drinnen aufgeschichtet sah. »=Bless my soul=, die scheinen ja sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo habt Ihr all' das Elfenbein her?«

»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«

Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen, Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«

»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen zurückkehren sehen.«

»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«

»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen, Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«

»Und verkauft er die Zähne?«

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn, sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe selber.«

»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin, bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein, und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.

»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,« flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«

Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein, gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt, zum Boot hinunter.

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns -- gefangen -- vom Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend etwas in seiner Sprache.

Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete, schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.

»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick, ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür -- aber keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der König darf ihn trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines Oberhauptes Wohnung zurück.

Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört, aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen, und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu bedienen.«

»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,« sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab' ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«

»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager aufgeschichtet.«

»Aber was nun?«

»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«

Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.

Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.

Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.

Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.

Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.

Viertes Kapitel.

Der zweite Besuch.

Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch wurde auch dem Befehl: »=a shore!=« Folge geleistet; mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.

Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es Schlimmeres?

Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl, das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete, und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.