Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 11

Chapter 113,746 wordsPublic domain

Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, wurden jetzt Freiwillige aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall der Noth vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig bereit, es jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Küste, und bis fast in fünf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen, als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. -- Das mußte jedenfalls abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte; auch lag in dem Besuch nichts Außerordentliches. Freuen sich doch diese wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme jedesmal, wenn sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung treten können, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth geben mußten, rechneten sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen konnten, und doch wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der Südsee gemacht, wo er für Tabak und Branntwein, für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft für abgebrochene Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare Perlen eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klüger als die dortigen, und ein Sortiment derartiger Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und bereit gelegt.

Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis, schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft, die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb, die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen konnten.

Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch, ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe, ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden und ihren Mann zu verlieren.

Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand, oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke -- ich nicht Feuer trinken -- bös -- sehr bös!«

»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch, mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?«

»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm kommen darfst.«

»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?«

»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stück von seinem Tabak abbiß.

Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu verhandeln gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse hätten. Er ging, bis auf den blauen Schurz, völlig unbekleidet, und trug auch nicht die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Früchte und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu gewähren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die benachbarten Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein würde, anzulaufen, um die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt zu finden.

Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, der eben so hier hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine Zöpfe geflochten und an den Spitzen mit einem weißen Baumwollfaden umwickelt hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner Augen nach allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Würde als Abgesandter bewußt und durfte sich nichts vergeben.

Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur jetzt noch, die verlangten Geschenke für den König, die er allerdings nicht für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch geschehen sein, und der Bote bekam deßhalb die Antwort, sie würden nicht versäumen, den König zu begrüßen und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande herzustellen. Der Schwarze nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden später blieb das Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.

Zweites Kapitel.

König Zambiri.

Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem Oberhaupt der Wilden als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er wußte aus Erfahrung, daß man einen derartigen Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher Handel war unmöglich.

Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte als Kapitän das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl auf See tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irländer, den er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt, und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Büschen verschwand, folgte ihm die Jölle.

Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges Pistol im Gürtel stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.

Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte es dann der Mühe und hielt man sich für sicher genug, so war es noch immer Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. Unter der Zeit segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen, und es ist für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, in solcher Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stämmen bewohnte Küste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch wieder einen ganz eigenthümlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr _mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trägt, wenn er sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal den blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, nicht mehr durch das Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen könne, kümmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu wagen.

So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren spähenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen und hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, aber je näher sie kamen, desto mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein öffnete sich plötzlich eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe von Häusern stand.

Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das frische, saftige Grün der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem Graubraun der wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte der blaue Rauch langsam in die Höhe. Aber das Auge der Seeleute verließ im Moment das ländliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer und halb noch vom Gesträuch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde -- einem Wrack.

Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind für den Seemann immer von Interesse, denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran, daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen kann. Hier aber drang sich ihnen unwillkürlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen könne. Ebensowenig konnte es ein Sturm, die außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die eine Landspitze viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa überfallen, geplündert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich warf der Steuermann den Blick zurück, die Möglichkeit eines Rückzugs zu überschauen.

Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann führte sie die steigende Fluth rasch in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch jetzt, daß sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelöst hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen? Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth genug, sich nicht durch eine, nur erst drohende Gefahr einschüchtern zu lassen, und beschloß zu thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten, in die Bucht hinein.

Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, ließ sich nicht leicht erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das stärkere Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann schien es eine Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mühe, den Namen heraus zu bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte Namensbret entweder herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich also auch nicht ganz rein bei der Sache.

»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, »dort liegt ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken würden vielleicht viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir nicht gleich mit dem Schooner vor Anker gegangen sind.«

»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, daß er eben erst ganz ähnliche Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die Fäuste schon lassen.«

»Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?«

»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als heißes Blei!« lautete die ziemlich mürrische Antwort. »Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch fürchtet, hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«

»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl schon davon gehört, weiß aber nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen einmal drin und müssen die Geschichte jetzt auch zu Ende führen.«

»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grüne Büsche entgegenschwenkten und damit zu winken schienen.

Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war augenscheinlich, daß sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch gewesen, und mit Recht vermuthend, daß dort der Punkt sei, wo man ihn erwarte, lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im nächsten Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekümmert um den Schwarm, der draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen.

Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht besonders über ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf den Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch ein oft phantastisch herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und Goldtand -- in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar für hübsch gelten, wären die Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen aber entschieden häßlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mürrischen, gedrückten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen große geflochtene Schilde, und auf den Schultern und Armen eine häßliche Art von Tättowirung, welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt. Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und standen nur in ungeordneten Gruppen umher, möglich um die Landung der Fremden zu überwachen.

Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch zu trennen. Aber er durfte das Boot auch nicht ohne Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das Gesindel indessen damit vorgenommen hätte. Drei Mann genügten indeß dazu vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem Könige machen, während der Jüngste von den Matrosen das braunlackirte Blechkästchen tragen konnte, in welches Kapitän Oacutt die Geschenke für Seine Majestät gethan.

Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen schien, hatte indeß ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke für den König?«

»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.

»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der Schwarze. »Unser König ist groß und mächtig; er wird über das Wenige hinwegsehen.«

»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte aber laut hinzu: »Und weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«

»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie kann ich's wissen -- ich habe ja nicht hineingesehen.«

»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen und das Mittagessen nicht versäumen,« nickte ihm der Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt ebenfalls damit einverstanden. Wer wußte in der That, was für kostbare Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weiße hatte recht. Erst mußte man es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen und Frauen zu, die aber scheu zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebäude vor sich, auf welches sie direkt zuhielten.

War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestät allerdings sehr bescheiden, konnte aber deßhalb natürlich doch von jeder orientalischen Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern schlichte Rindendächer die bedeutendsten Schätze, und wer es da verstand, machte leicht bessere Geschäfte, als in den größten Städten und Hafenplätzen. Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick über die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in geraden Straßen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß man nur hie und da einzelne Häuser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln durch erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange Zeit, sich umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer die Schwelle des niederen Gebäudes und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht für nöthig befunden.

Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.

Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell -- sonst aber auf der blanken Erde -- lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.

Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab -- alles Uebrige mußte aber Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von Menuet auf seinem Rückgrat.

Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das etwa der König?

Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen zu werden.

Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. -- Ob er sich vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu, wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.

Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder. Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen gesehen zu haben.

Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden, bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte.

Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt noch daran zu erkennen.

Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig, halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«. Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie waren ebenfalls neugierig geworden.