Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen

Part 10

Chapter 103,707 wordsPublic domain

Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie in Fieberfrost.

Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen vollkommen gelingen mußte.

Wie in aller Welt hatte er John überlistet? -- war sein Pferd ebenfalls gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -- Langsam und vorsichtig, mit so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig -- er konnte nicht darauf zielen; -- er kroch etwas weiter nach rechts hinüber. Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben.

Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort -- kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle, an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks -- ebenso verdurstet wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins Büchse und sein Auge suchte das Korn -- aber es war nicht mehr möglich. Er selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch, und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten -- ihn seiner selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?

Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle. Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen können.

Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.

Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen -- wohl erst um neun Uhr -- heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er Nichts beginnen -- aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.

Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines Blattes entging seinem scharfen Ohr.

So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang -- dort drüben war Alles ruhig geworden -- endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete er sich zum Handeln.

Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings -- die Nacht war ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute, und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.

Schlief Hendricks? -- Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. -- Aber Alles blieb ruhig wie das Grab -- ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.

Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend? Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben ihm blitzte etwas -- es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte -- die Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.

Jim zögerte einen Augenblick -- aber auch nur einen -- jetzt war er neben dem Schlafenden -- geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -- _ein_ Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. -- Es wäre besser für ihn gewesen, er wäre todt geblieben.

Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, riß aus seiner Tasche ein Stück derbes Seil, wie es meist alle Jäger bei sich führen, und schnürte ihm damit die Hände auf den Rücken -- jetzt erst hatte er ihn sicher und nur der eine Wunsch drängte sich über seine Lippen: Oh, wäre John jetzt hier! -- Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn wer wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen versichert, als der bis dahin vollständig Bewußtlose seine Besinnung wieder gewann.

Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn -- und zu dem Felsblock sprang er, um von dort seinen Zügel herüber zu holen und als er jubelnd wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten Blicken an.

»Jenkins« -- war Alles was sich seiner Brust entrang -- »oh mein Gott!«

»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der junge Backwoodsman, ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Der, zu dem Du betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat -- aber Deine Zeit ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«

»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, »Ihr wollt mich doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.«

»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt -- aber Deine Zeit ist um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.«

»Jenkins,« stöhnte Hendricks -- »ich bin reich -- ich habe bei Blumenthal viel Geld vergraben -- es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin führt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«

»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen ermordet?« -- knirschte Jim -- »Deine Zeit ist um und Bitten oder Versprechungen helfen Dir nicht mehr.«

Noch während er sprach hatte er den starken Zügel von dem Gebiß gelöst und eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf -- einer der Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem Gefangenen hin und so, daß er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim hielt dabei vorsichtig den Revolver in der Hand -- doch das Seil hielt; er schob die Waffe wieder in den Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.

»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald -- o, laßt mich nur leben, bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden zu bekennen. Ich habe viel verbrochen. -- Ihr _müßt_ mich hören.«

»Ich _weiß_ genug von Dir mein Bursche,« sagte der junge Backwoodsman trocken, »um Dir zehnfachen Tod zu sichern -- komm! Du weißt, daß Du verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich nicht mehr retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mühe haben, Dich da hinauf zu ziehen.«

Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals -- und »Hülfe! Mörder! Mörder!« schrie mit gellender Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem er sich am Boden wand und krümmte -- »Hülfe! Hülfe!«

Jim lachte -- aber plötzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde beantwortet -- in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman konnte genau einen Ruf unterscheiden. -- Sollte der Bube wirklich noch Helfershelfer haben, -- aber nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr wenden können.

Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den Riemen fahren, legte die Hände trichterförmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. -- Das war John's Jagdruf. -- Wieder gab er das Zeichen -- näher und näher kam der Gerufene -- jetzt konnte er ihn schon durch die Büsche brechen hören.

»Ach John! bist Du das?«

»Wo steckst Du Jim -- wer schrie da?«

»Hierher -- ich _hab'_ ihn!«

Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoßen kann, schmetterte durch den Wald, und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze brach im nächsten Augenblick John durch die Büsche und jauchzte laut auf, als er den Gebundenen am Boden erkannte.

Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben. Hendricks war in erbarmungslose Hände gefallen und seine verbrecherische Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er wohl noch eine Weile gegen seine Richter an -- vergebens, und bald schien der Mond auf die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem wirklichen Tod ihres Opfers vollständig überzeugt hatten -- dann nahmen sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht nicht zu entziehen.

John untersuchte auch Hendricks Taschen -- er trug drei Uhren, um den Leib einen selbstgenähten Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Päckchen Geld, das noch nicht einmal geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer Dollar.

Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen dann nach Sonnenaufgang den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal zurückzusuchen -- möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen Gegenständen, Beweise seines mörderischen Wirkens hatten.

Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten, hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, daß er an allen kürzlich dort verübten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.

Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem alten Fischer gehört, und Catharina selber das Päckchen für ihn zurecht gemacht -- ebenso war eine der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen fand.

Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rückweg nach dem Fourche-la-Fave mit -- es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie nicht die früheren Besitzer auffanden, -- aber Jim litt es nicht lange in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County über den Arkansas hinüber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein anderes Pferd, und ritt zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich häuslich niederzulassen.

Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -- aber der Frieden des Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst so friedliche Hütten, die glückliche brave Menschen und Familien bargen, lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher der Wald war wild aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen überwucherten die früheren Spielplätze des jungen Volkes.

Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrückt; die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar Kühe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst glücklicher Frieden und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte -- der wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er zum Leben brauchte und verlangte, so wenig das auch sein mochte.

Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinüber, um Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, weil sich die Schwester so nach den beiden Brüdern sehne.

Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog, wenigstens auf Besuch, mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des Jay-hawkers geheirathet und -- konnte jetzt gerade die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht verlassen.

König Zambiri.

Afrikanische Skizze.

Erstes Kapitel.

Der Schooner.

An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich vom Aequator, kreuzte einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend, Küstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen.

Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, war denn auch, mit Zwiebeln, Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen, hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte für Chili eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt und von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitän Oacutt diese Ladung sehr vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür theils Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen für die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.

Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst einmal ein paar der kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten Wilden zu machen, es mußte wenigstens versucht werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein, Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle heißen, um einen Pappenstiel erstehen ließen.

Hier befand sich aber Kapitain Oacutt -- in dem, was die geographischen Verhältnisse dieser Länder betraf -- völlig aus seinem Fahrwasser, denn er hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen jenes Erdstrichs aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenüber befinde, davon wußte er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich auch nicht darum.

Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die etwas des Handels Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, und Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, fürchteten sich vor dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden.

Die Sarah Miles führte auch in der That eine für ein so kleines Fahrzeug sehr starke Besatzung, und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Außerdem war dem Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Küste vorzusehen, da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er hatte dort noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene Matrosen, junge, kräftige Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er überdies reichlich versehen, sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand, und sich deshalb bewußt, nichts versäumt zu haben, um einer möglichen Gefahr auch kräftig zu begegnen.

Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln bis jetzt als sehr nutzlos erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges Mal Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck gestellten Masten nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus dem Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich aus seinem Kurs.

Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch günstigen Brise glitten sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach hätten sie nämlich unter der Länge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in Land auf der afrikanischen Küste sitzen müssen -- Gott nur wußte, welche Zeit der hielt, -- und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die ganze Nacht mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten ungestört ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«

Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn deutlich ließ sich schon ein erhöhtes und waldiges Ufer erkennen, das verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber angehöre, war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine Spezialkarte von Afrika an Bord und verließ sich, im Auffinden von günstigen Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.

Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe gekommen, daß sie schon mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien jedenfalls bevölkert.

Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der Hand, um wo möglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, daß die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nördlichen Richtung liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie zuhielten, lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber wohl weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des Fahrzeugs dahin zu ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, um das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, -- hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.

Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, daß sie die Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten Glauben schenken, denn es giebt auch verrätherische Stämme, die dadurch Beute heranzulocken suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die gefährliche Küste anzulaufen.

Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht weiter als nöthig; d. h. er nahm sie nur für einen Beweis von Höflichkeit, und erwiederte dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich beschloß er aber, dem Land nicht näher als nöthig zu kommen, ehe er nicht die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht allein sein kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern konnte auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden sollte, rasche Hülfe bringen. Außerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser, also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief.