Kreuz und Quer, Dritter Band Neue gesammelte Erzählungen
Part 1
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Kreuz und Quer.
Neue gesammelte Erzählungen von Friedrich Gerstäcker.
Dritter Band.
Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1869.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Jay-hawkers 1
2. König Zambiri 198
3. Der Mexikaner 284
4. Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati 358
Jay-hawkers.
Erstes Kapitel.
In Perryville.
Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862, seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen Tummelplatz verwandelt zu haben.
Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar zwei Revolver.
Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.
Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird, hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.
Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.
Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees herumzuschlagen.
Außerdem standen fast alle _alten_ Leute in dem ganzen District, im _Herzen_ auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.
Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden _gegen_ eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. _Sie_ wollten keine Hand in solchen Dingen haben.
Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus welchem Grunde?
Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen -- natürlich eine Sclavin -- anschaffen konnten, denn Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der Union, und was man =a help= nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf -- konnte natürlich nicht genügen, da diese jungen »=ladies=« wie die rohen Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich -- unter solchen Umständen -- nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.
Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang -- in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.
Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder röthete.
Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere =groceries= oder Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen.
Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien, wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges Roß einzügelte.
»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich den vollen Becher entgegenhielt -- »=how do you swop horses= (wie wollt Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory angebunden steht?«
»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches -- »wir brauchen jetzt alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.«
»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag -- »so sehr schnell können sie doch nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.«
»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten trug und -- wie er Anderen erzählte -- nicht blos ein paar der blutigsten Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt, und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch -- und wenn wir jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest versprochen, daß wir dort plündern sollen.«
»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte, uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, gegen den stehen wir zusammen -- was kümmern uns die Kaufläden in New-York?«
»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells, der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte -- »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht -- verdient daß man ihm die Uniform vom Leib risse.«
»Dazu gehört ein _Mann_!« rief Hendricks, zornig auffahrend.
»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er Hendricks gegenüber sprang -- »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr' Deine Nase --«
»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks abwehrend --
»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und sagte abwehrend:
»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« --
»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben schien, den Kampf aufzunehmen.
»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks, »ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.«
»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.«
»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando, keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.«
»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit 30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie wollen.«
»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet haben.«
»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.«
»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu Ihrem eigenen Besten gehandelt.«
»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen, wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« -- setzte er langsamer hinzu -- »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.«
»Aber Mister -- entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,« rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.«
»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«
»Lügen, Mister?«
»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie jetzt auch noch mit hineinziehen.«
»Aber das verlangt ja Niemand.«
»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.« »Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. -- »Wir alten Colonisten hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden sind und können es denen ruhig überlassen.«
»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«
»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt Hendricks -- »was sagt Ihr Boys -- wär' das nicht gerade das Rechte für uns hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt hält.«
»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen »Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.«
»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer, hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.«
»Lump Du -- verbrannter!« fuhr der junge Wells empor -- aber Klingelhöffer sprang jetzt selber dazwischen und rief:
»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken. Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr; zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr, Jenkins?«
»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.«
»Ich auch -- ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und in _dieser_ Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein. Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und -- war auch gerade der richtige Mann dazu.
»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, »die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum deshalb tadeln. Lassen wir das also. -- Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen Reden Durst bekommen.«
»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging -- »ich denke Boys, wir sind hier fertig und um eine »=Spree=«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst. _Ich_ gehe heim.«
[1]: =Spree= (=sprie= gespr.) ein lustiges Trinkgelag -- ein vergnügter Abend.
»Ich auch -- wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären, folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald wieder so still und öde als vorher.
Zweites Kapitel.
Der Korb.
Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht gekannt hatte.
Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja -- noch dazu mit _einem_ der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein freundliches Wort beruhigt werden konnte.
Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte, aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe -- etwas nicht sehr gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.
»=Hallo the house!=« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit Beschäftigten hatte herankommen sehen.