Krawall: Lustige Geschichten

Part 9

Chapter 93,993 wordsPublic domain

Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen. Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt, und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.

Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze. Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut. Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist, der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.

Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe Handschuhe.

Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist hinein, und ich bin auch hinein.

Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut, aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen naß geworden sind.

Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht jetzt aufs Land.

Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr Provisor ist.

Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.

Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.

Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.

Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?

Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.

Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant, daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.

Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist, denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein sehr gebildetes Mädchen ist.

Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist, und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden öfter auf den Keller geht.

Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft, daß ich bald einen Bärenzucker hole.

Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat und sie so weit heraushängen läßt.

Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.

Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.

Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt, er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.

Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug, und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint, es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß, weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt, sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.

Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt. Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt, sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte, und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“

Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.

Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das Indianerkind ist eben eine Perle.“

„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch beleidigt?“

„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“

„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.

Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee, den er daheim kriegt?

Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.

Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen, aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr, aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.

Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein Korsett nicht an.

Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne. Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich gar nicht erklären kann.

Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun gestanden, daß man es erklärt.

Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt, „der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt, aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat, und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt. Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“

„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“

„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.

Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt, und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.

„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles sagen, aber man schweigt lieber.“

Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.

Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.

Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt. Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn er bloß die Rosa sieht.

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch, die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche wohnen.

Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die Toilette.

Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.

Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken. Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.

Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach einer ritterlichen Verbeugung die Hand.

„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“

Hier mußte Graf Sacken Atem holen...

In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es hervor mit ungestümem Jauchzen.

„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.

Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange. -- --

Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.

Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.

Von dorther sollten die Husaren kommen.

Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten, daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen, wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.

Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte mit den Füßchen.

Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!

Was das nur ist, so ein Husar?

Und wie sie aussehen werden?

Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt, der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer Schnurrbart.

Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!

Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt den Steinen.

In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen, hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen, Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen Schenkel.

Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend. Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in den Herzen der beiden.

Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen kamen leise, leise die Worte:

„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“

An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.

Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.

Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt lag.

Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein, wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.

Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?

Wer weiß es?!...

Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar frischer, roter Lippen dachten. -- -- --

Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen Bratenschüsseln herbei.

Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:

„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.

Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät Hussarren geziemt.

Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“

Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.

Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben.

Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki zurückgezogen.

Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.

Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie gesucht hatte.

Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.

Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm, aber das Unerhörte geschah.

Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten Vorgesetzten nicht.