Part 8
Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist, und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.
Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.
Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele Geld gebraucht hat!“
Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser Amtsrichter?“
Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor Steinberger.
Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den Ohren.
Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie. Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.
Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.
Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.
Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.
Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.
Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht, wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich tun, was man sich vornimmt.
Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß es von seinen Flügeln getropft hat.
Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“
Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“
Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“
Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.
Das bin ich.
Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.
Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“
Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.
„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.
„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.
Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar weit spritzen damit.
Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und meine Mutter ist auch mitgegangen.
Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine Augen auf mich gerollt.
Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen ist so klug!“
Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum studiert hat!“
„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt es, daß sie so werden.“
Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube, daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch, und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein bißchen naß.
Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal nicht gewesen.
Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.
Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt, und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben. Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“
Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch furchtbar angeschaut.
Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver losgeht.
Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt, weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so schnell die Suppe gerührt hat.
Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht verderben lassen.
Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier in den Tod treibt.
„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“
Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.
Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.
Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich gesehen.
Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa ist, und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.
Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.
Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war, hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher Mensch?“
„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie gesagt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.
Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.
„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit dem linken Auge.“
„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn kennt, weil er so tüchtig ist.“
Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht, daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.
Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist furchtbar schwer.
Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.
Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.
Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.
„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.
„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen Koffer getragen.“
Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die Tante, daß sie höflich ist.
Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch nicht viel mehr wie ein Expeditor.
Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.
Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt: „Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“
Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.
Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich Ihnen schon erzählt habe.“
Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.
Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird, gefallt es ihr gewiß.
Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.
Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil sie kränklich ist.
Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die ganze Arbeit im Haus.“
Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.
Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt, sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war, und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob er den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß er die Beamten kennt.
Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht hinaus.
Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat; da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.
Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will nachschauen, ob der Herd noch raucht.
Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt, er ist immer so aufmerksam.
Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.
Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.
Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht helfen kann.
Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.
Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension keinen Bohnenkaffee kaufen.
Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.
Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat, und er hat gesagt, ja.
Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil die Studenten doch so gern Bier trinken.
Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat, weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.
Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.
„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch viele Studenten, die kein Bier nicht trinken, und der Herr Amtsrichter hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“
„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt. „Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal recht lustig.“
Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß, und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“
Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.
Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: „Sei recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“
Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir! Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“
Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort, wie sonst.
Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich wundern, wo das herkommt.
Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin geschwind hinaus.
In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft sprengen muß.
Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.
Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat gepfaucht wie eine Katze.
Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand kommt, es ist aber ganz still gewesen.
Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat hinuntergeschaut, warum es raucht.
Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.
Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht gemerkt, daß ich fort war.
Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern, wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern sie sich nicht mehr um die Schwestern.
Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.
Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man es seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“
„Pfff--uum!“
Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang ist voll Rauch gewesen.
Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.
Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.
„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.
„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.
Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.
„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist ihr schwach geworden, daß sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.
Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“
Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:
„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches Ding!“
„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.
„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt, es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.
„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist es nicht so arg.“
„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du bist der ruchlose Mörder!“
„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“
Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch gar nicht, was geschehen ist.
„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter auf die Knie bittet!“
„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat meine Mutter gesagt.
Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach verbrannte Federn.
Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander gestanden. Der Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut. Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.
„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund werden.“
„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich gehe heute noch fort!“
Und sie ist aber auch fortgegangen.
Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München
Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte, und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.
Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne nicht sieht.
Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.
Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof machen.
Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber gelacht, weil meine Mutter seufzte.
Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen und Tiger schießen.
Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.
Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven fressen, die daneben herlaufen.
Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.
Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer, daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.
Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.