Part 7
Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt.
Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt. Da hat der Pedell wieder mit den Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort anschauen.
Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß einmal „Wer da?“ und er schießt gleich.
Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt, aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß, und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird.
Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es zuerst gehört hat.
Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die Füße.
Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar lachen müssen.
Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist gefragt worden, ob keiner nichts weiß.
Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat.
Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.
Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der Fritz wissen es.
Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München
Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt: „Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“
Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr hinausschieben darf.
Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit.
Aber die Tante sagte:
„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft versprochen.“
Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein Kind denkt.
Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.
Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.
Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.
Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch Zigarren kaufen.
Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.
Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: „Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen Vierer.“
Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:
„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“
Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom Omnibus.
Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche.
Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind.
Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.
Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines gekommen, wo schon Leute darin waren.
Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein großes, silbernes Pferd.
Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat gescheppert.
Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille, und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat.
Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.
Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.
Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die verrohte Jugend sieht.“
Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe.
Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen immer schlechter werden.
Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.
Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen auf den Kopf haut.
Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen Burschen ihr Sitzleder verhaut.
Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt:
„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“
Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.
Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.
Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“
Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid haben.“
Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt:
„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.“
Und der große Mann sagte:
„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“
Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“
Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: „Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen arretiert werden.“
Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück geschehen, und es war gar nichts.
Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es nicht tun, meine Herren.“
Das hat mich gefreut, und ich sagte:
„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht mehr hinaus.“
Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte nein, weil er keine so starken nicht raucht.
Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf hauen.“
Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann das Rauchen nicht vertragen.
Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut genommen.
Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen man die Anarchisten macht.“
Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.
Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich hineingebrochen habe.
Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden ist.
Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein Gewohnheitsraucher.
Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.
Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die Lüge.
Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.
Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.
Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: „Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das für ein Saustall?“
Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“
Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“
„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.
„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“
„Was bin ich?“ fragte der große Herr.
„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es nicht erlaubt.“
„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit Ruhe abmachen.“
Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann. Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst kriegt.
Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber, daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet eine Mark.
Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.
In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station gekommen.
Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.
Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so Kopfweh gehabt.
Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat, wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, wenn ich einen Kamillentee kriege.
Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und der Tisch war aufgedeckt.
Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“
Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.
Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch viel braver werden.
Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen, es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz sind.
Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“
Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird es schon halten und mir viele Freude machen.“ Da habe ich weinen müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.
Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.
Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München
Meine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und von meinem Talent redet.
Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.
„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.
„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt doch immer ganz von selber.“
„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.
„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt denken, daß sie die Schwester von Deinem verstorbenen Papa ist. Und überhaupt bist Du zu jung.“
„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“
Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe in die Welt und nehme eine Stellung.“
Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“
Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt: „Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute Verdruß.“
Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“
Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe, ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht vertragen.“
Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante hat gesagt: „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die Kinder werden schon fertig damit.“
Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war. Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er hat den Koffer genommen.
Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht, daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner Mutter.
„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und der Arzt findet nichts mehr.“
„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem nicht sagen.“
Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert: „Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“
„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte, finde ich schon etwas, daß sie geht.“
Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“
Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“
Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke ich Dir zwei Mark.“
„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.
Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.
Im Hauseingang hat die Tante gesagt:
„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“
Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.
„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“
Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.
Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder eine Torte geschenkt hätte.
Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.
Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du Lausbube!“
Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“
Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.
Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das Wohnzimmer gegangen.
Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln geschlagen hat.
Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen geht.
Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel gebraucht haben.
Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel gebraucht hat.
„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem jungen Baron Stunde gegeben.“
„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den Haaren fester gesteckt und hat gesagt:
„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit geredet.“
Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was mitkriegte.“
„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.
„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas dagewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor gekriegt.“
„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter gesagt.
„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“
Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen spanischen Nebel spritze.