Part 5
Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden. Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie den Anfang:
Kein Kränzigen darfst du nicht tragen Auf deinen goldenen Haar, Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa! Wie andere Jägersfraun.
„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“
Da Leberknödel und da Fastenknödel Hamm sie mit anand z’trag’n, Da hat da Leberknödel an Fastenknödel Uebern Tisch obi g’schlag’n.
Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea, Zoag mar an Weg an d’Mühl oi, Kost net irr gea, kost net fei gea, Wat no mitt’n an Boch oi.
„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller werden die Maßkrüge leer.
Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.
Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“
Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“
In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen.
Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben.
„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst ja Dei’s Nächsten Guat!“
„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix Guats.“
„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a Red...“
„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“
„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand bin i, und Punktum!“
„Oho!“
„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer, „vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“
Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf, daß sich der Lärm legt.
Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu lenken.
„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“
Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch Pfeifen und Zurufen finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische Schlacht.
Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider.
Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der Gendarmerie, durchzudringen und die Völker zu trennen. Aber wie sieht der Festplatz in der Abenddämmerung aus!
Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing.
Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
Johann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.
Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die Kleidung des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt wurde.
Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.
Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange.
Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger, nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten geführt hätte.
Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte, da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der Herr Gendarmeriestationskommandant von Zeidlfing ihm einen Besuch abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt, sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte.
Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage das Gesetz beleidigt hatte.
Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde.
Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er bedenklich den Kopf.
Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll schreiben mochte wegen dem Pfifferling.
Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er miterlebt, ja sogar verursacht hatte.
Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte, sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen.
In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte.
Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein.
„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“
„I woaß scho,“ sagte der Feichtl.
„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“
„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa a kloans Präsent.“
„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“
„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf, i les Dir des meinige für.“
Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und Genosse...“
„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“
„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört, Glas?“
„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“
„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“
„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben hat.“...
„Moanst? Nacha tua weiter!“
„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben.. Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“
„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“
„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft entfernten, daß diese Tathandlungen...“
„Wia hoaßt dös?“
„Tat...handlungen...“
„So? Tua weiter!“
„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem Zu--sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“
„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“
„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“
„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur wüßt, was i toa soll?“
„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma, g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“
„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“
„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi. Pfüat di daweil!“
Der Dienstag kam.
In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei Schäfer. Sie standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem Gespräche begriffen.
„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin ’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“
„Hast d’as draht?“ fragt Glas.
„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“
„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma eing’sperrt san.“
„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“
So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer, weil die Türen gesperrt blieben bis zum Beginn der Sitzung. Der Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen.
Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den „Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten.
Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse, einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller Schimmel erschießen helfen. Später in der langen Friedenzeit hatte er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so trefflich zustatten kamen. --
Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen. Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.
Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann, wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das Schloß probierten, um endlich kopfschüttelnd weiter zu gehen. Oder wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:
„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.
Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in sehr übler Laune fragte:
„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum. Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen aufschreiben und jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich bitten darf...“
Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel--stern Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“
Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma z’erscht dro. Geh zua!“
Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s +Oes+ d’ Schöffa?“
„Ja,“ sagte Feichtl.
„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne Viertelstund auf Enk...“
„Auf ins?“ fragte Feichtl.
„Natürli! Eigens auf Enk.“
„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu.
„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder.
„Wo nauf?“ fragte Glas.
„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel.
Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso verblüfft hinaufschaute.
Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten.
Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte:
„Sie sind heute zum ersten Male da?“
„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen Körperverletzung...“
„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“
„G’wiß net!“ sagte Feichtl.
Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre.
„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“
Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte, den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte.
Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes Namen ab, was noch geschehen werde.
„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel, rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“
„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel.
Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber niemand trat vor oder meldete sich.
„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in den Wirtshäusern herum.“
Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm offenbar etwas zu sagen hätten.
„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen Sie etwas von den Angeklagten?“
„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“ stotterte Feichtl.
„Was? Wie heißen Sie denn?“
„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“
„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“
„I war der Glas...“
„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“
„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt hamm...“
Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen.
Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte.
„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese einfältige Verwechslung nicht passiert.“
In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die Autorität bei den „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde.
Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den „Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. --
Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen sollten.
Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen brauchten. Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte.
Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere:
„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den Großkopfeten.“
Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.
Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten Unruhe gewesen.
Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen wären.
Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird die großen Besorgnisse leicht begreifen.
Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten Cervelatwurst anfing.
Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet, und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute, sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.
Und davon will ich jetzt erzählen.
Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung geführt haben.