Part 3
Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.
Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ? Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins Freie schweifte.
Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?
Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.
Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter dessen Zweigen er glücklich gewesen war.
Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und darauf stand mit silbernen Buchstaben:
Lebensweisheit in Versen.
Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt war.
Lenz und Herbst
Die Blumen weinten in der Maiennacht Um des geschiednen Tages süße Wonne. Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht! Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.
Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut, Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken, Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut, Sind welk die Blumen alle hingesunken.
„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.
Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:
„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde, und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben. Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem zahlreichen Besuche entgegen.
Jakob Weindl, Theaterdirektor.
Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen, unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe, dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet, durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater unbefriedigt verlassen.
Die Redaktion.“
Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner, von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch übernommen hatte.
Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte, vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat irgend etwas anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.
Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.
Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preissuche eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen. Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch ätzender Lauge übergoß.
Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen, weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste des Apothekerprovisors Elfinger.
Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale, und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden fallen.
Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen. Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors, Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein, und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur Saaltüre.
„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.
„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er der Närrin solide Absichten vor, -- noch besser.“
Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten? Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.
Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.
„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands -- ich verwerfe Dich -- ein deutscher Jüngling!“
Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände, daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.
„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.
„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse Instinkte.“
„Aber als klassisches Stück?“
„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch. Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt, als der Hofmarschall auftrat?“
Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges für seine Kritik zu verwenden.
Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen, als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.
Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte, wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!
Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein finsteres Schicksal über die braven Leute kam.
Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne, wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen war, und alle anderen schwiegen erschüttert.
Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein höchst frivoles Lachen anzuheben.
Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein, der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer, welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten, mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der schuftige Sekretär diktierte.
Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.
Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der immer mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“
Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme, daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!
Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute geschenkt hatte.
Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte zu Herrn Elfinger hinüber.
Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.
Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal. Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.
Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.
Der Vorhang fiel.
Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes und ging als der Letzte hinaus.
Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.
Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer Babette folgte und in eine Nebengasse bog.
Er schlich ihnen nach.
Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.
„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke Ausfälligkeiten darin.“
„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“
„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den Herzog spielen läßt.“
„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“
„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“
„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht geben.“
„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“
Trollmann sperrte seine Haustüre auf.
„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“
„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“
Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der Einleitung zu verwerten waren.
Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die Befürchtungen Trollmanns bestätigte.
Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter Küssen das Unerlaubte versprochen hat.
Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen, wenn er es fertig bringe.
Da tönte ein Halt.
Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und legte seine Finger um den Adamsapfel.
Wie sie zittert, die Memme!
Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?
Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in Unordnung.
„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.
Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.
Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München
Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön der Reihe nach.
Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“
„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er, „dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer, daß er einspannt.“
Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und dem Hofbauern zum Dorf hinauf, daß die Stein geflogen und alle Hunde rebellisch geworden sind.
„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes Mitleid.
Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.
Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.
„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer. „Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins Höft, daß mir das gleich segn.“
„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös kimmt net vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt. Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“
„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel. Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin; deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“
So geschah es.
Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.
Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub, und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.
Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.
Sie war sehr schön, und -- wie am darauffolgenden Samstag das Distriktsblatt meldete: „von blendendem Glanze, geschmackvoller Symbolik und kunstreichster Ausführung“.
In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.
Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.
Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit Strahlen angebracht.
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine Generalversammlung abgehalten.
In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.
Sämtliche Stimmen -- auch seine eigene -- erhielt der Hofbauer Nazi, welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das Fest verzögert hätte.
Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe kaufen sollte, begegnete er den größten Schwierigkeiten, da alle Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer existiere leider noch nicht.
Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.
Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.
Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem Nutzen, wie wir später sehen werden.
Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.
Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier sparen. Ich will nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden sollte.
Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet, darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der Streitfrage beteiligten.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer, wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.
„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach ma die Sach kurz und gengan zu an +jeden+. An Vorabend halt ma bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein Sach.“
Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich verhältnismäßig leicht.
Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.
Und sie wurde gut benützt.
Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.
Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß warum.
Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches Getu.
Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt und die Andacht gestört ist.
Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken, und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.
Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor der Kirchweih, dann langt es schon.
Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war wie -- der Bader.
Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.
Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten Wege ausgesucht.
Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut an die Wand hinredete.