Part 10
Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.
Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl, wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im Palmenhause.
In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut zum Herzen und wieder zurück jagte.
Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.
„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt -- äh -- sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne des ersten seligen Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“
Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.
Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick wieder, ich muß noch einen Gang machen.“
Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.
Es war ihr so eigentümlich +weich+ geworden.
Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. -- -- --
Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München
Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“ verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es durcheinander.
Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und gewichtige Wort.
Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht, daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“
„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.
„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat Hand und Fuaß!“
„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a Königsschloß!“
„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein. „Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“
Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin. Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland, da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu insern Kini und sein Haus...“
In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut erstickter Stimme und eilte mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.
Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.
Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.
Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.
Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu singen:
Oba so zwoa, wia mir zwoa Dös gibt’s ja net glei. Duliä, dulio, duliä -- -- --
„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch die Zuschauer drängte.
„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen, so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl mitanand! ... Du Luada!...“
„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net, Voda!...“
„Wos? Herrgottsakrament!...“
„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a Paar starke Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom Freihof!“
Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.
Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten allein mit seiner Tochter.
„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’ hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets Weibsbild!“ -- -- --
Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht. Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und legte sich breit auf die duftenden Wiesen.
Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.
„Loni, bist a’s Du?“
„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“
„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O, mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri zum Buffalo Bill.“
„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“
„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“
„O, mei liaba Bua!...“
„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen, als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“
„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech, Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein, wia’s zua Lebzeiten...“
„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“
„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol g’setzt vom Himmi als mei Voda...“
„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an Gedanken hab fassen kinna. Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au, au! Herrgottsakrament!...“
„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“
„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“
„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“
Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing. Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.
Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.
Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!... dann nichts mehr!...
Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“
Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der Stirne sickerte das Blut -- --
Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann. Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.
„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim liab’n Himmivoda? Und hot er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“
„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und mi!...“
„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.
„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“
Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.
„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i Dir, dort, mei Loni!“
„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“
Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein fremder Herr gesellt hatten, in schweigender Rührung. Der Freihofbauer unterbrach die Stille.
„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“
„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer; der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i nix mehr.“
„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“
Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“ Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“
Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten lange und innig.
Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München
Es klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief: „Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da wo sie am Platze sind.
Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches verschämt zu Boden blickte.
Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen.
Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an.
Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen.
Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig.
Nein, an so etwas dachte er nicht.
Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu werden.
„Also, was wollen Sie?“
Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind also zu sich nehmen.
Gut, oder vielmehr nicht gut.
Was heißt zu sich nehmen?
Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte?
Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der ~adoptio~ oder Wahlkindschaft, und zwar vermittels der ~adoptio in specie minus plena~, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf bereits in der Geltungszeit des ~Codex Maximilianeus Bavaricus~ als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die miterschienene Franziska Furtner.
Ist es nicht so?
Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“?
Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen?
Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson.
Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist.
Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger -- Gott hab ihn selig -- immer zu sagen pflegte.
Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime Weisheit zu sehen.
Endlich war die ~adoptio minus plena~ fertig.
Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen:
„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“
Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin.
Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken.
Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet, und er geriet in einige Verlegenheit.
Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden.
Er ging einige Male auf und ab und überlegte.
Diese Sache war nicht einfach.
Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine ~donatio inter vivos~, und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein.
Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte.
Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg.
Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und diktierte.
„Nachtrag -- haben Sie?“
„Nachtrag.“
„Erstens:
Nach Abschluß des Protokolles übergab das Wahlkind auf Betreiben der Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen -- fünf Blumen.
Halten Sie, was sind das für Blumen?“
„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“
„So? So -- -- also schreiben Sie:
.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei Nelken bezeichnet wurden.
Zweitens:
Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war.
Drittens:
Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“
So, das war geschehen.
Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel gelangt.
Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung.
Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte.
Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen pflegte.
Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München
Der Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren.
Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache, welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. --
Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht gehegt, den Ehekontrakt einzugehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit schon in der ~lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus~ ausdrücklich mißbilligt erschien.
Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der Vertrag nicht perfekt.
Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom Leibe und widmete sich ganz den Studien.
Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.
Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au.
Und dies war folgendes.
Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche mit einer neuen zu vertauschen.
Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn, die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe.
„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe des Preises die Ware erwerben?“
„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner.
„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal, Herr... Herr... wie heißen Sie?“
„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera achti.“
„Also, Herr Klampferer...“
„Klampfner!“
„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“
„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“
„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als ~prodigus, furiosus~, als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“
„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi dablecken?“
„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“
„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“
„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht geschlossen.“
Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in dem andern war die neuangeschaffte.
Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen.
„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl dafür.“
„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“
„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“
„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“ wandte sich der Rat an seine Zugeherin, -- „finden Sie den Preis ortsüblich und wertentsprechend?“
„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist doch nicht viel zum kriegen damit.“
„Sie raten mir also zum Abschlusse?“
„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres herausschauen.“
„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ --
„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n Buab’n abhol’n.“
„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des Vertrages.“
„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“
„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die ~traditio~ würde überdies ~brevi manu~ erfolgen, allein ich ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“
„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“
„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“
Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben an, wobei er den Text laut vorlas.
„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“
„Tandler vo der Au...“
„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande:
Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte, von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte Bettwäsche... Bettwäsche. -- Nicht wahr?“
„J... ja!“ sagte Klampfner.
„Also fahren wir fort: