Königin Heimat

Part 2

Chapter 23,880 wordsPublic domain

Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen Höllenspektakel verursachten.

Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.

»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas vor ihn hin.

»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken entgegen.

Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.

»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr an.

Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die Stube. Die Neugierde hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.

Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.

Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl, und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende Beschäftigung für ihre Hände.

Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen. Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu schreien an.

»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr einladend sein Schnapsglas hin.

»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie getrunken und sich mit der flachen Hand den Mund abgewischt hatte. Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie erklärend hinzu.

»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.

»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a so hoakel. Weißt wohl ...«

»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.

Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.

»Geht's di was an?« frug sie scharf.

Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm und achtete nicht weiter auf die Gäste.

»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.

»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen mit'm Franzl.«

»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.

»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.

»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«

»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.

»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.

Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«

Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu der Bäurin.

»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.

»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.

»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann. »Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«

»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon g'wöhnt von mir.«

Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie gesessen hatte.

»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.

»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.

»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg. Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«

Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh erschien.

»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe getreten, die sich nun verabschiedete.

Veit Galler schüttelte den Kopf.

»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt, da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.

»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der Florl interessiert.

»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«

»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.

»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no epper dermachen, ha?«

Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.

Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig vom Hause weg emporführte.

Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von vorhin.

»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt. Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.

»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«

Der Wastl sträubte sich ein wenig.

»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend und stieß den Florl, der ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.

Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.

»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«

Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.

Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu den beiden Burschen herabgestiegen war.

»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.

»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen lullte.

»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's an.«

»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.

»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.

Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie gleichgültig.

»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.

Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben wollten.

Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.

Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen Baches zog, gab das Echo zurück.

Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht zu rühren.

Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön. So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«

»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.

»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe hinauf.

Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.

»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.

Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein kurzer, flüchtiger Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.

»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause zu.

Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?« flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ... du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an, Dirndl! Daß d' es woaßt.«

Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.

Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.

»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.

»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.

Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.

Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.

Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen. Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg hinangestürmt waren.

Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge. Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.

Zweites Kapitel

Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.

Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.

Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen, lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.

Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war, aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.

Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in die Höhe.

Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die drei wildbrausenden Berggesellen ein, ihr Schicksal von nun ab seiner besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.

Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot, stehen.

Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in der Abenddämmerung auf.

Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf. Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.

Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis bedeckten Ferner ragten.

Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.

In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.

Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.

Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.

Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer den Kopf auf die Arme stützte.

In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben übermächtig in ihm auf.

Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von denen er erzählen gehört hatte.

Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.

Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten, fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.

Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast. Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien unten gewesen.

Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.

Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.

Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus dem dann Handschuhe erzeugt wurden.

Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam auch weit im Land herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer alten Base übernehmen konnte.

Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im Dörfl ein.

Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen Kinderstimmen wieder.

Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.

Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte, baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im Stall.

Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.

Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.

Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.

Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so oft er nur konnte.

Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.

So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.

Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.

Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden, und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die waren hell und schauten ernst und lachten selten.

Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.

Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf einem Berghof werden können.

Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst, und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz sei.

Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und ging auf Stöhren.

Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig, als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen einrichtete und seine Notburg heiratete.

In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.

Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum, das er übernommen hatte. Da gab es viel, was er daran auszubessern und zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.

Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine Kunst.

Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der Kramer Veit das tat.

Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.

Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken, die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten und schmückten das Heim des jungen Paares.

Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes Häusl fand wie das vom Kramer Veit.

Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht und Geschick eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.

Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker, und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.

Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen Kramladens.

Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur wenig anzufangen wußten.