König Ottokars Glück und Ende Trauerspiel in fünf Aufzügen

Chapter 6

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Sieh hin, da sitzt der Stolze, Übermächt'ge, Dem sonst die Welt zu klein für seine Größe; Da sitzt er wie ein Bettler vor der Tür Und holt ein »helf euch Gott!« sich und Verachtung. Der Mann, der Kronen trug, als wären's Kränze, Und, wenn die eine welk ward, neue flocht Aus frischgeschnittnen Blumen fremder Gärten. Das Leben Tausender in seiner Hand, Es hinsetzt', wie zum fröhlich leichten Brettspiel, Auf das von Blut und Staub geteilte Feld Und ausrief: Schach! als wenn es Steine wären, Vom Künstler plump geformt aus totem Stoff, Und Roß und Reiter zubenannt zum Scherz. Der selbst mit der Natur im Streite lag, Und wenn er morgens ausritt auf die Jagd Und sah den Himmel überdeckt mit Wolken, So sprach er: Wart! rief nach dem Meister Maurer, Und hieß ihn, mit dem neuen Kirchenbau In Güldenkron nicht allzusehr zu eilen. Da sitzt er und starrt leblos auf den Grund, Den er zuvor gestampft mit stolzen Füßen!

Zawisch. Ei, gnäd'ge Frau, das Glück ist eben rund!

Kunigunde. Was andre bindet, das war ihm ein Spiel! Sein Weib Margrethe stieß er fort von sich:-- Weiß Gott, sie war für ihn, die Alternde, Die Königin des Jammers stand ihm wohl!-- Und fern aus Ungarn holt' er ein Gemahl. Was kümmert's ihn, ob sie vielleicht schon längst Nach einem andern hingewandt den Blick? Ob grade damals ein Geringerer, Und doch viel Größrer warb um ihre Hand?-- Ein unbezwungner Führer der Kumanen Wiegt einen dienstbarn Böhmenkönig auf!-- Was kümmert's ihn! er will ein Weib und Erben, Mag brechen, was da bricht; und damit gut! Ein kräftig freies Wesen kam ich her, Gar würdig wohl des Jünglings zum Gemahl, Und fand--ei nun, den König Ottokar! Nicht ganz so kläglich, als er jetzt dort brütet, Doch nicht viel besser, weiß der große Gott! Von Rat und Meinung hielt er mich entfernt, Wie eine Magd viel mehr als eine Fürstin. Er nur allein, er wollte Herrscher sein.

Zawisch. Ei, gnäd'ge Fürstin, herrschen ist gar süß; So süß fast als--gehorchen, und man teilt's nicht!

Kunigunde. Er hat geherrscht; fürwahr, er hat geherrscht! Wie eine Seifenblase ist's zerronnen!

Und reden konnt' er, groß und fürstlich reden! Was nicht gewesen noch und niemals wurde, In seinem Munde war's! Als der von Nürnberg Vom Kaiser ihm die erste Botschaft brachte, Wie er da sprach, wie er sich fürstlich nahm! Nicht eine Stadt, kein Haus, nicht eine Scholle Gab er dahin von Östreichs weitem Grund; Und wenn's die Ärzte hundertmal geschworen, Des Kaisers hohes Leben hinge dran, Kein Blättchen Safran, den sie dort gewinnen! Auf unsern Steppen ist ein Tier, heißt Maultier, Wenn das den Wolf von weiten kommen sieht, So röhrt es laut, schlägt aus nach allen Seiten, Die Erde wirft's in weiten Wirbeln auf; Doch naht der Wolf, da bleibt es zitternd stehn Und läßt sich ohne Widerstand erwürgen. So fast hat dieser König auch getan! Mit großen Worten zog er aus ins Feld, Die halbe Welt in seinem Heer versammelt. Von Polen, Valben, Tartarn, Deutschen, Böhmen Vermischten sich die Stimmen in dem Lager, Und Östreich war zu klein für ihre Zahl. Doch als des Streites ernste Stunde kam, Da fehlte Herz für so viel rüst'ge Arme; In seines Feindes Lager--Rosenberg!

Zawisch. Erlauchte Frau!

Kunigunde. Habt Ihr schon je gekniet? Vor Frauen nicht--vor Männern schon gekniet? Um Sold, um Lohn, aus Furcht, vor Euresgleichen?

Zawisch. Ich nicht.

Kunigunde. Und würdet's nie?

Zawisch. In meinem Leben!

Kunigunde. Er aber hat's getan! vor seinem Feinde, Vor jenem Mann gekniet, den er verachtet, Der einst ihm dienstlich war, und wenn er sprach: Komm her! so kam er, und sprach er: geh hin! So ging er und beeilte sich gar sehr!

Zawisch. Erlauchte Königin, es war nur Scherz! Scherz unter guten Freunden. Seht, der Kaiser, Er wollte seine Macht den Leuten zeigen, Da bat er unsern König, und der tat's.

Kunigunde. Ich aber will nicht heißen: Knechtes-Frau; Nicht eines schnöden Dienstmanns Bette teilen; Will nicht, wenn mich der Kaiser heischt nach Wien, Die Schleppe tragen seiner Gräfin Hausfrau; Will nicht vor Rudolf knien, wie er getan. (Der König springt auf.)

Kunigunde. O springt nur auf; ich fürcht Euch wahrlich nicht! Soll ich die einz'ge sein von Mann und Frau, Die noch vor Ottokar, dem König, zittert? Gebt mir Geleit, ich will nach Ungarn heim, Dort wahrt man eines Königs Ehre besser. Ihr, Rosenberg, den Arm! und nichts mehr weiter Von jener Schmach, die Ihr mit angesehn!

Zawisch (indem er sie abführt). Es war nur Scherz! Wir fanden's alle lustig, Nicht bloß der Kaiser; freilich der am meisten. Und gut sah es sich an, man muß gestehn! (Sie gehen ab.)

Ottokar. Zawisch!

Zawisch (zurückkommend). Was wollt Ihr, Herr?

Ottokar. Dein Schwert!

Zawisch (indem er es gibt). Hier ist es!

Ottokar (zum Stoß ausholend). Verräter!

Königin (ruft inner dem Schloßtore). Rosenberg!

Ottokar. Hier nimm dein Schwert und geh!

Zawisch. Ei, schönen Dank! hier ist nicht gut zu weilen. (Ab, der Königin nach.)

Ottokar (nachdem er eine Weile starr auf den Boden gesehen hat). Ist das mein Schatten?--Nun, zwei Könige! (Trompeten von innen.) Man kommt, man naht! Wohin verberg ich mich? (Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht sich zurück.)

(Ein kaiserlicher Herold kommt mit zwei Trompetern. Hinter ihm die befreiten östreichischen Geisel, worunter der alte Merenberg. Volk dringt nach. Der Kanzler im Wortwechsel mit dem Herold.)

Kanzler. Ich protestier im Namen meines Königs!

Herold (die Urkunde in der Hand). Artikel drei des fei'rlichen Vertrags Besagt: Die Geisel werden freigegeben, Und so, in Vollmacht kaiserlicher Hoheit, Sprech ich die Freiheit dieser Männer an Aus Östreich und aus Steier, Untertanen Des Kaisers und des Reichs zu dieser Frist. Zugleich begehr ich gänzliche Vollziehung Des Friedens, der bis jetzt nur halb erfüllt. Noch immer lieget böhmische Besatzung Im Lande hie und dort von Österreich; Auch Heinrich Kuenring, eurer Sache treu, Haust übel in dem Land jenseits der Donau, Still unterstützt vom nachbarlichen Mähren. Es soll nicht sein, befiehlt mein Herr und Kaiser! Es abzustellen komm ich her nach Prag.

Kanzler. Man wird dem König es erst melden müssen.

Herold. Wozu? Ist nicht der Kaiser Lehensherr? Derlei ist im Vasalleneid bedungen.

Kanzler. Der Kaiser, seinerseits, hat auch noch nicht In allem dem Vertrag genug getan! In Mähren stehn noch kaiserliche Völker.

Herold. Sie werden abziehn, wenn ihr euch gefügt.

Kanzler. Warum soll Böhmen denn zuerst erfüllen?

Herold. Beglückt, wer hat, das ist ein alt Gesetz.

Kanzler. So nennt Ihr das Gesetz? Das ist Gewalt.

Herold. Nennt's, wie Ihr wollt, nur handelt, wie Ihr müßt.

Kanzler. Ich kann Euch nichts versagen, nichts gewähren. Der König, sagt man, ist in Prag, er selbst Kann nur ob Eurer Forderung entscheiden.

Herold. So führt mich denn zu ihm!

Kanzler. Auch das nicht jetzt! Er ist in Prag, doch Näh'res weiß man nicht.

Herold. Nun wohl, so stoßt denn ihr in die Trompeten, Daß sich der Hall verbreite durch die Stadt Und König Ottokarn verkündet werde, Daß Boten da von seinem Lehensherrn.

(Ottokar tritt aus dem Volke, er hat den Mantel weggeworfen.)

Ottokar. Hier ist der König! Was verlangt Ihr?

Herold. Herr, Man weigert mir die Freiheit dieser Männer!

Ottokar. Wer weigert?

Herold (auf den Kanzler zeigend). Hier!

Kanzler. Nur, Herr, bis du genehmigt.

Ottokar. Sie bürgten mir für ihres Landes Schuld; Der Schuldbrief ist erlassen, nehmt das Pfand! Zwar dort seh ich ein Angesicht, das fast Mich reuen machen könnte solch ein Wort. Verbirg dich, Merenberg! Du bist kein Geisel, Ein überwiesener Verräter bist du, Der erste, der voranging mit Verbrechen. Verbirg dich! denn im Innern kocht es auf Und lechzt zu kühlen sich in deinem Blut!

(Merenberg zieht sich hinter zwei andere Geisel zurück.)

Ottokar. Was sonst?

Herold. Die Räumung Östreichs wird begehrt.

Ottokar. Es ist geräumt!

Herold. Nicht ganz.

Ottokar. Es soll geschehn! Bedungen ward's im Frieden, und so sei's.

Herold (ausrufend). Wer sonst noch Fordrung hat an Böhmens Krone, Ein vorenthaltnes Recht, erwiesner Schade; Wer Lehn zu nehmen hat vom deutschen Reich, Ich lad ihn auf das Rathaus, wo der Pfalzgraf Zu Recht wird sitzen und die Lehn erteilen. Vivat Rudolphus, römisch-deutscher Kaiser!

(Herold ab, Das Volk tumultuarisch ihm nach. Nur der Kanzler bleibt.)

Ottokar. Sie folgen alle? Lassen mich allein? (Zum Kanzler.) Bist du mein ganzer Hof?--Ha, Ottokar! Verachtet von dem Letzten meiner Diener, Verhöhnt von meinem Weib, mit Recht verhöhnt, Wie Wild gehetzt, von Haus und Bett vertrieben! Ich kann's nicht tragen, kann nicht leben so! Hinausgestrichen aus der Fürsten Zahl, Ein Dienstmann dessen, der mir sonst ein Spott; Und ungestraft, mein lachend, ziehn die Frechen, Die mich verraten, fort aus meiner Haft. Horch!

(Man hört in der Entfernung den Herold seinen Ausruf wiederholen.)

Ottokar. Vivat Rudolphus? In der Hölle leb' er! Ruf mir den Herold!

Kanzler. Ach, mein gnäd'ger König!

Ottokar. Ruf mir den Herold oder zittre, Knecht! (Kanzler ab.) War's besser nicht, zu fallen in der Schlacht, Der letzte meiner Krieger neben mir? Sie haben mich verraten, überrascht. Ein dunkler Nebel schwindet von der Stirn; Ich hab geträumt: wie kühle Morgenluft Kommt mir Erinnerung und läßt mich wachen.

Mit einem Heer zog ich an Donaustrand Und schlug ein Lager, so weit reicht die Denkkraft; Von da an Nacht! Was weiter dann geschehn, Wie sie mich lockten in des Kaisers Zelt, Wie dort--Ha, Tod und Teufel! Töten will ich Den letzten, der's mit angesehn! Mich selber, wenn ich nicht verlöschen kann Das Angedenken jener blutigen Schmach!

(Der Herold mit den Geiseln kommt zurück.)

Herold. Ihr ließt mich wieder rufen, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Fürs erste merket, daß in niemands Namen, Als in dem meinigen man Ausruf tut In meiner Pragerstadt!

Herold. Allein--

Ottokar. Genug! Dann laßt die Geisel sich in Reihe stellen, Man muß erst untersuchen, ob kein andrer, Der Haft Entsprungner sich mit ihnen rettet.

Herold. Dagegen bürgt des Reiches Würde zwar; Doch stellt euch in die Reihe, wenn's beliebt.

Ottokar (die Reihe hinauf gehend). Du magst nur gehn, und du!--Bist du so schmuck, Herr Ulrich Lichtenstein? Du freust dich wohl, Weil du nun ledig? Nu, ich gönn es dir. Du hast mich nicht geliebt; je, ich dich auch nicht! Das macht uns wett. Zieh immer hin! Doch da ist einer, den ich sprechen muß. Gott grüß dich, Merenberg, du Schurk' und du Verräter!

Kanzler. Wenn er nur schweigt, nur nimmer widerspricht!

Ottokar. Wie geht's denn deinem Sohn im Dienst des Kaisers? Ein wackrer Junge, der schlägt nicht von Art! Du hast ihn noch zur rechten Zeit gerettet, Da es mit Ottokar schon abwärts ging. Als ich das letztemal ihn sah, versprach ich Ihm Kunde bald von mir und auch von dir; Wie wär's, wenn ich ihm jetzt ein Briefchen schriebe: Der alte Schurk', dein Vater, lebt nicht mehr! (Zum Herold.) Das ist kein Geisel, ist ein Hochverräter Und kann mit jenen andern dort nicht gehn!

Herold. Gerade den befahl mein Herr, der Kaiser--

Ottokar. Gerade den befiehlt sein Herr, der König-- (Zu Merenberg.) Du warst der erste, du hast angefangen, Das Beispiel du gegeben von Verrat. Nach Frankfurt schriebst du Klagen und Beschwerden, Da wählten sie den Habsburg, meinen Feind!

Merenberg. Beschwerden nicht!

Ottokar. Nu, Lob doch auch nicht, Bruder! Als erst dein Sohn in meines Gegners Heer, Da folgten ihm von Österreich die andern Und haben an der Donau mich verraten, Mich preisgegeben, ihren rechten Herrn! Weißt du, wo deinen Sohn ich sah zuletzt? Es war bei Tulln, im kaiserlichen Lager, Wo König Ottokar--Tod und Verdammnis!-- Vor seinem Feind--in Knechtesart--im Staub-- Lösch aus, Erinnerung, in meinem Haupt, Senk, Wahnsinn, dich herab auf meine Stirn Und hüll in deine Wogen, was geschehn! Wo König Ottokar--warum nicht sagen, Was alle Welt gesehn?--vor seinem Feind gekniet! Und dieses Mannes Sohn, er stand dabei Und lachte!--Darum mußt du sterben, Mann! Die andern mögen gehn, der eine bleibt!

Merenberg. Gerechter Gott!

Herold. Bedenket, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Bedenket lieber Ihr, vorlauter Herr! Daß, wenn Ihr nicht in diesem Augenblick-- Doch zieht in Frieden und laßt mich gewähren; Noch bin ich Herr in diesem meinem Land.

Merenberg. Die Steiermark gehorcht nunmehr dem Reich!

Ottokar (zum Herold). Er war mein Untertan, als er an mir gefrevelt, Als meinen Untertan bestraf ich ihn! Werft ihn in tiefsten Turm, und wer mir meldet: Der Merenberg ist tot, der sei willkommen!

Herold. Der Kaiser aber--

Ottokar. Herr, sagt Eurem Kaiser: Er soll in Deutschland herrschen nach Gelust! Was ich versprach, ich hab es ihm gehalten, Obgleich verraten, überlistet, hintergangen, Ich hab's gehalten, weil ich es versprach.-- Doch sagt ihm: hier im Busen poch' ein Mahner, Der immer zuruft: Nimm, was man dir stahl! Des Königs Ehre rett'! Die Ehre eines Königs Steht nicht um tausend Menschenleben feil. Man hat dich an der Donau überlistet, Versuch, ob in Gewalt er auch obsiegt! Das sagt ihm, Herr! und weiter sagt ihm noch: Der Friede ist erfüllt, er hat das Land, Die Geisel send ich ihm, er ist befriedigt; Doch mög' er hüten sich, in Böhmen mir Ein Wort zu reden, das mir nicht gefällt, Sich einzumengen hier in mein Geschäft, Sonst wollt' ich ihm--allein sagt ihm doch lieber: Er mög' es tun, er möge Trutz mir bieten, Mit einem Heer mir fallen in das Land, Daß ich den Haß, den heißen Grimm mag kühlen Im Blut, das seinem Herzen fließt zunächst. Lügt mir zulieb, ich hätt' auf ihn geschmäht, Genannt ihn einen eingedrungnen Herrscher, Der mir gestohlen, was mein eigen war; Gelacht des Herolds, den er mir gesandt, Den Mann, den er beschützt, zum Tod verdammt--

Herold. Das könnt Ihr nicht!

Ottokar. Ich kann es, denn es ist.

Herold. Kraft dieses Briefs--

Ottokar. Verdammt sei dieser Brief! Willst du mit Briefen mich und Worten meistern? Noch hab ich Schwerter, noch ist mir ein Heer, Das unbesiegt, du siegtest nur mit Ränken, Und reißen will ich diese Ränke, wie ich Den Brief zerreiße, den du dir erschlichst. (Er hat dem Herold den Brief entrissen.) Sieh her! (Im Begriff, die Urkunde zu zerreißen, hält er plötzlich inne.)

Kanzler. O Gott, was sinnt er? Teurer, gnäd'ger Herr!

Ottokar. Ruft mir mein Weib, die Königin! (Diener ab.) Vor aller Welt ward Ottokar beschimpft, Vor aller Welt muß er auch rein sich waschen! Sie hat den gift'gen Stachel mir gesenkt In meine Brust; sie mag zugegen sein, Wenn ich ihn ausziehe oder im Bemühn Ihn drücke in das Innerste des Lebens!

(Die Königin kommt.)

Kunigunde. Was ist?

Ottokar. Ihr habt mich, kurz erst, hart gescholten, Daß ich, um Blut zu schonen, nachgegeben Und eingeräumt dem Kaiser Gut und Land.

Kunigunde. Ich schelt' Euch noch!

Ottokar. Seht hier in meiner Hand Den Brief, der an den Kaiser mich gebunden. Zerreiß ich ihn, ist auch das Band zerrissen, Das jetzt mich hält; frei bin ich wie zuvor. Zerreiß ich ihn?

Kunigunde. Kein Mut'ger zweifelt da!

Ottokar. Doch hört! Aufs neue rast der Teufel Krieg; Aufs neue dampft das Land in Rauch und Blut. Und eines Morgens, leicht kann es geschehn, Bringt man Euch auf der Bahre den Gemahl.

Kunigunde. An Eurem Sarge will ich lieber stehn, Als mit Euch liegen, zugedeckt von Schande!

Ottokar. So stark? Ein Tröpflein Milde täte wohl!

Kunigunde. Solang Ihr Euch nicht von der Schmach gereinigt, Betretet nicht als Gatte mein Gemach. (Zum Abgehen gewendet.)

Ottokar. Bleibt noch! Seht her! der Brief, er ist zerrissen! (Er zerreißt den Brief.) Die Ehre ganz, und auf der Zukunft Tor! Was draus erfolgt, wir wollen's beide tragen! Gott gönn Euch was von dem, was hier erwacht, (Auf seine Brust zeigend.) Und gebe mir die Kraft, die Ihr bewiesen!

Kunigunde. Nun erst willkomm ich Euch!

Ottokar. So nicht! so nicht! Ich sehe Blut an deinen weißen Fingern, Zukünft'ges Blut! Ich sag: berühr mich nicht. Gott hat das Weib aus weichem Ton gemacht Und: Milde zugenannt; was bist denn du? Wird mein Gedächtnis wach erst und erzählt, Wie du den König, da er kam, empfingst, Den Gatten, da er rückgekehrt nach Haus-- Geh fort! Ich fühle, daß sich mir die Sehkraft schwächt, Das ist ein Zeichen, daß es Zeit zu gehn. Geh fort! Fort, sag ich! Fort! (Die Königin geht ab.) Es ist vorüber!

Ottokar (zum Kanzler, den er angefaßt hatte). Schein ich dir hart? Sie war mir auch nicht gütig! Das geht so her und hin; Gott zieht die Rechnung! Euch, Herold, halt ich nun nicht länger mehr! Sagt Eurem Herrn, was Ihr mit angesehn! (Gegen Merenberg.) Mit dem in Turm! Was schützte vor Verrat, Als die Bestrafung früherer Verräter? Wer bauen will, der reutet seinen Grund, Drum fort, du böses Schlingkraut, gift'ge Ranke!

Merenberg. Zu rascher König, mich schilt nicht Verräter! Die sind's, die deinem Throne stehn zunächst, Die Rosenberg, die--

Ottokar. Kannst du auch verleumden?

Merenberg. Ach, der mich hält und mich zum Kerker führt, Er ist des Kerkers würdiger als ich!

Ottokar. Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten! Jetzt bin ich deines Frevels erst gewiß! In Turm den Lästerer!

Merenberg (der abgeführt wird). Zu spät wirst du bereun!

Ottokar. In Turm!

Milota. Und schweigt er nicht, stopft ihm den Mund!

(Merenberg wird abgeführt; Herold folgt.)

Ottokar (unter die Seinen tretend). Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten; Was auch der Lästrer spricht, ich bin gewiß! Nun im Begriff, zu gehn in einen Krieg Für unsers Landes Ruhm und seine Macht, Vertrau ich euch, wie ich mir selbst vertraue. Wer mißgesinnt ist, wer mein Tun nicht billigt, Der schließe frei sich aus von unserm Zug, Kein Nachteil soll ihn treffen oder Vorwurf. Wer aber gern mir folgt und denkt wie ich, Den drück ich an mein Herz und nenn ihn Bruder! Den Eid, den ich am Krönungstage schwur, Bei meines Vaters Sarg, ich wiederhol ihn: Treu bis zum Tod! Tut ihr dasselbe! Die Welt ist voll von Bösen und von Argen; Erneut den Schwur auf eures Königs Schwert.

(Er hat von einem der Umstehenden das Schwert genommen, die Vordersten knieen nieder.)

Kniet nicht! Steht auf! Ich kann nicht knieen sehn!-- Und schwört auch nicht!--Denn man kann knien und schwören Und doch das Wort nicht halten, das man gab. Ich will euch so vertrauen, ohne Schwur!--

Und nun ans Werk! Du gehst zu Herzog Heinrich Nach Breslau! ihn und Prinik, den von Glogau, Du ladest sie zur Heerfahrt hier nach Prag. Du gehst nach Deutschland, und aus Meißen, Sachsen, Von Magdeburg, dem Markgraf mit dem Pfeil, Sprichst du den Beistand an, den sie mir gönnen. (Zum Kanzler.) Ihr schreibt mir an die andern Herrn und Fürsten! Wir wollen eine Schar zusammenlegen, Daß sich der Kaiser drob verwundern soll! Ich bin noch Ottokar, man soll schon sehn! Ihr alle leiht mir euren kräft'gen Arm! Was ihr verlort an Gütern und an Schlössern, Was ich euch abnahm und zur Krone schlug, Ich geb es wieder, geb euch mehr dazu. Den Rosenbergen sei ihr Frauenberg, Auch Aussig, Falkenstein. Dir, Neuhaus, Lar; Nehmt Laun, Ihr Zierotin; Dub, Kruschina! Nehmt Eure Güter wieder und seid fröhlich! Wir wollen eins sein, redlich halten aus. Dir, Milota, vertrau ich Mähren an, Du bist ein wackrer Krieger, du bewahrst mir's.

(Zawisch von Rosenberg kommt.)

Ottokar. Sieh da, Herr Rosenberg! Ei, Gott zum Gruß! Ich denk, Ihr folgt uns doch wohl auch ins Feld? Ihr seid der Ersten einer meines Reichs, Auf den ich vor gar vielen andern zähle.

Zawisch. Was meine Brüder tun, das tu ich auch! Der allgemeinen Not werd ich mich nicht entziehn. (Er geht.)

Ottokar (der ihm nachgesehen hat, mit Gebärde) Der hat's hier hinterm Ohr, dem trau ich nicht! Du, Milota, du bist mein Mann! Ich glaube wohl, daß du auch hassen kannst, Betrügen nicht! Dir will ich mich vertraun! Herr Kanzler, seid Ihr fertig?

Kanzler (der sich zum Schreiben gesetzt hat). Ja, mein König!

Ottokar. Wir haben viel durch Raschheit eingebüßt, Wir müssen uns durch Vorsicht wieder helfen. Nicht wahr, so ist's dir recht, mein alter Kauz?

Kanzler. O König, scheltet mich, wie sonst, mit Raschheit, Mir tät' es wohler, als die Milde jetzt.

Ottokar. Schreib an den Hauptmann du der Stadt von Znaim, Er soll mit tausend Mann--doch nein, zu viel! Die Feste bleibt indessen mir entblößt. Nein, mit fünfhundert Mann soll er die Grenze Allein fünfhundert sind zu wenig. (Auf Milota.) Nicht wahr? Schreib lieber, daß von Iglau--Wieder nichts! Mein Kopf ist wüst; zwei Nächte nicht geruht, Gegessen auch nicht.--Leih mir deine Bank, Ich will versuchen hier zu ruhn.

Kanzler. Mein König, Gefällt's Euch nicht, ins Schloß--?

Ottokar. Nein, nein, nein, nein! Doch holt mir meine Frau; sie ging im Zorn. Sie soll zu mir sich setzen, soll mir sprechen, Bis sich der Schlaf auf meine Wimpern senkt. Mein Freund, tu mir die Lieb' und geh nach ihr!

(Diener ab.)

Ottokar. Wie wohl es tut, die Glieder auszustrecken, Ist einer müd! Seht mal nach Merenberg; Der alte Mann mag hart im Kerker ruhn! Ist er ein Schurk' auch, soll man ihn nicht quälen Und soll ihm geben ritterliche Haft.

(Füllenstein ab.) (Diener kommt.)

Ottokar. Nun, kommt die Königin?

Diener. Sie kommt nicht, Herr!

Ottokar. So laßt sie gehn! Komm du her, alter Kanzler, Und leih zum Ausruhn heut mir deinen Schoß. Hab ich geruht--dann sollt ihr sehn-- Ob ich der alte Ottokar noch bin. (Er schläft.)

(Füllenstein kommt zurück.)

Kanzler. Der König schläft!

Füllenstein. Nu, Merenberg bald auch! Als er nicht schwieg und alle Welt verklagte, Stieß ihn ein Szupan hart den Turm hinab; Er wird's nicht überleben, glaubt man fast!

Ottokar (sich emporrichtend). He, Merenberg, bist du's?

Kanzler. Er ist nicht hier!

Ottokar. Mir war, als stünd' er da!--Nu, schlafen! schlafen! (Er sinkt wieder zurück und schläft.)

(Der Kanzler legt, Schweigen gebietend, den Finger auf den Mund.)

(Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug

Kirchhof von Götzendorf. Drei Vierteile des Mittelgrundes durch das hereinragende Haus des Küsters geschlossen, mit einem Glockenturm daran. Vorposten des böhmischen Heers. Ein Wachfeuer, Krieger herumgelagert. Ottokar sitzt hinter demselben auf einer Erhöhung, das Kinn auf beide Hände und diese auf den Knopf seines Schwertes gestützt. Rechts im Vorgrunde Milota und Füllenstein am Boden liegend. Vor Tagesanbruch. Dunkel.

Ein Bote tritt rechts im Vorgrunde auf.

Bote. Ist hier der König?

Milota. Ja, was gibt's?

Bote (halblaut). Kumanen Und Ungarn von des Kaisers Heere streifen Die March hinauf im Rücken unsrer Stellung; Bei Drösing hat man ihrer schon gesehn. Soll ich's dem König melden?

Milota. Laßt nur sein! Der König ist schon übellaunig sonst; Auch stehn die Russen dort und meine Leute, Die werden sie den Rückweg suchen lehren.

Bote. Nun, wenn Ihr meint--

Milota. Geht nur, gleich komm ich selbst. (Bote ab.)

Füllenstein (halblaut). Das ew'ge Zaudern, ewige Bedenken! Und immer rückwärts! Ei, verdamm es Gott! Der König hat sein Wesen ausgezogen. Schon früher ging nicht alles, wie es sollte, Die Flucht der Königin gab ihm den Rest. Und wär's nicht, daß mich freut das Kriegeshandwerk, Ich wäre längst gewichen von dem Heer. Erst stürmt er vierzehn Tage Drosendorf Und läßt dem Kaiser Zeit, die Macht zu sammeln; Und als man endlich denkt: jetzt schlägt er los, Als wir gerüstet stehn und fertig vor Marchegg, Da heißt's: zurück! und Weiden, Weikendorf Und Anger, Stillfried, alle Stellungen Am Hasenberg, am Weidenbach und an der Sulz Läßt er dem Feind, beinah ohn' einen Schwertschlag.

Milota. Bald muß es sich entscheiden; sei getrost!

Füllenstein. Er nennt das Vorsicht; Zagheit nenn ich's eher! Sonst war das anders, ei, da galt noch Fechten. Jetzt sind wir Memmen!

Milota. Schweig! Der König regt sich!

Füllenstein. Zeit wär' es!

Ottokar (am Feuer). Gestern war ein schlimmer Tag! Der Feind gewinnet Boden. Doch was tut's? Ich habe Drosendorf; der Rücken ist gesichert.

Füllenstein (laut). Beinah der Rücken sichrer als die Brust!

Ottokar. Dir tu ich nicht zu Danke, Füllenstein!

Füllenstein. Nein, Herr, ich kann's nicht leugnen. Sonst war's anders.

Ottokar. Du hättest bei Marchegg schon losgeschlagen?